Annäherungen an Theodor Storm mit Tiefgang

Über einen Sammelband von Karl Ernst Laage zu Storms 200. Geburtstag

Von Martin LowskyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Martin Lowsky

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Karl Ernst Laage, geboren 1920 (!), ist wohl der produktivste Forscher in Sachen Theodor Storm. Sein beeindruckendes Schaffen steht auch in der Nachfolge des Essays Theodor Storm von Thomas Mann. Kurz ein Rückblick: Im beginnenden 20. Jahrhundert wurde Storm als gutbürgerliche Kost, ja als Heimatkunst angesehen, nicht weit entfernt von dem Heidepoeten Hermann Löns. Dem widersprach Thomas Mann, sein Essay von 1930 stellte das Unbürgerliche, das Exzentrische, das „Norm- und Glückswidrige“ bei Storm heraus. Storms Werk habe nichts Dumpfes, sondern „absolute Weltwürde“. In den 1930er- und 1940er-Jahren fand Manns Essay kein Gehör – natürlich nicht –, erst ab 1960, unter starker Mitwirkung Karl Ernst Laages, wurde der weltoffene, der realistische, der demokratische (und adelsfeindliche) Storm herausgearbeitet. Laages äußerlich schmale Biografie Theodor Storm – Leben und Werk (1979 erschienen im Verlag Husum, inzwischen in 9. Auflage) mit ihrem Kapitel „Storm heute“ ist noch immer als Einführung sehr zu empfehlen.

Laage ist als Interpret Storms und als Erforscher seiner Lebensgeschichte hervorgetreten, ferner als Herausgeber (unter anderem wirkte er an der vierbändigen Storm-Edition des Klassiker-Verlages mit) und als Entdecker von Storm’schen Manuskripten. Auf ihn geht die Gründung des Museums „Storm-Haus“ in Husum (ehemalige Wohnung Storms) zurück, und er hat die Verbindungen der Theodor-Storm-Gesellschaft mit aller Welt, vor allem mit Japan, gefestigt.

Der jetzt erschienene Band Zum 200. Geburtstag Theodor Storms. Aufsätze, Untersuchungen, Dokumente enthält 25 kleine, jeweils um die sechs Seiten lange Aufsätze, die von verschiedenen Seiten Theodor Storm beleuchten. Das Buch besticht durch sein gut gestaltetes Layout und durch die vorzügliche Wiedergabe der Abbildungen. Es stören allerdings eine Reihe von Verschreibungen (etwa: die Zeitschrift „Fontane Blätter“ wird zu „Fontanes Blätter“, Storms Dativ „dem Lande zu“ wird zitiert als „dem Land zu“) und sachliche Irrtümer: 1838 hieß die Berliner Universität noch nicht „Humboldt-Universität“, und die tagelange Anreise Storms nach Heiligenstadt begann am 17. August 1856 (nicht am 18.; ein alter übernommener Fehler).

Die Aufsätze des Bandes sind teils bekannt – in manchen Fällen hat der Autor sie für diesen Band gekürzt –, teils neu. Sie sind, wie übrigens alles von Karl Ernst Laage, in klarer, leicht verständlicher Sprache geschrieben. Berichtet wird etwa über Storms erste Rechtsanwaltspraxis, über die Anregungen, die er in seiner Heiligenstädter Zeit erhalten hat, über Theodor Fontanes Besuch 1864 in Husum. Was das Werk betrifft, geht es um die Doppelstruktur der Novelle Viola tricolor, um die für beide Seiten fruchtbaren Begegnungen mit dem Turgenjew-Übersetzer August von Viedert, um eine trostlose und vorausdeutungsreiche Szene des Wartens in der Novelle Carsten Curator. Ferner werden Dokumente abgebildet: ein amtlicher Eintrag im Taufregister von Husum, ein Brief Storms von 1868 und anderes.

So kurz die einzelnen Beiträge auch sind, so stellen ihre Themen doch bedeutsame Bestandteile der Storm-Rezeption dar. Einige Beiträge sind wahre Eisbergspitzen, unter denen sich ganze Forschungsfelder verbergen. Der Aufsatz Warum Storm den ursprünglichen Schluss der „Schimmelreiter“-Novelle umgearbeitet hat, in dem es um das Teufelsmotiv geht, entstammt der riesigen Schimmelreiter-Forschung, betrieben vor allem in den letzten Jahren von Laage und anderen: Sie hat den langwierigen Schaffensprozess analysiert und die Neigung Storms zum Okkulten ergründet. Der Beitrag zu Ein Bekenntnis, einer Novelle über Uterus-Krebs und Euthanasie, erfasst den späten Storm, den die Medizin und die Naturwissenschaften immer wieder fasziniert und zu tragischen Verwicklungen inspiriert haben. Die Notiz – so kann man diesen Beitrag nennen – über den Soziologen Ferdinand Tönnies und seine Äußerungen über Storm (er sei einer, der den „sozialen Fragen gern seine Aufmerksamkeit zuwandte“) skizziert den ‚demokratischen Storm‘ und den, um einen Buchtitel Laages zu nennen, kritischen Storm. Besonders bemerkenswert ist der Aufsatz über das frühe Gedicht Sommernacht. Laage zeigt detailliert, dass es eine Hommage an Johann Wolfgang von Goethes West-östlichen Divan sowie an Eduard Mörike ist und benennt dabei die romantischen Züge, das Suchen nach dem Unendlichen. Letztlich aber, so Laage weiter, ist es durch den Disput der Liebenden und ihre banalen Liebeserklärungen ein realistisches Gedicht. So legt dieser Beitrag im konkreten Fall eine grundsätzliche und viel belegte Einsicht der Forschung dar: Der Lyriker Storm ist ein Dichter der Romantik, der sie zugleich überwindet und sozusagen modernisiert.

Dieses Sammelwerk Karl Ernst Laages ist also nicht die Bilanz seiner Storm-Forschungen. Es ist eine Art Kaleidoskop, das den Leser ausschnitthaft an die Storm-Forschung heranführt, ihm ganz unterschiedliche Proben aus dieser weitgespannten Beschäftigung mit dem Autor bietet, ihn dabei niveauvoll belehrt und auf das Gesamt-Phänomen Storm neugierig macht. All dies geschieht in angenehm lesbarer, ja eleganter Weise.

Titelbild

Karl Ernst Laage: Zum 200. Geburtstag Theodor Storms. Aufsätze, Untersuchungen, Dokumente.
Herausgegeben im Auftrag der Theodor-Storm-Gesellschaft von Christian Demandt und Philipp Theisohn.
Boyens Buchverlag, Heide 2017.
149 Seiten, 16,95 EUR.
ISBN-13: 9783804214606

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