Literaturwissenschaft und Literaturkritik: Zum 80. Geburtstag Peter von Matts eine Neuausgabe seiner Gespräche mit Marcel Reich-Ranicki

Vor 25 Jahren erschien im Ammann Verlag Der doppelte Boden: ein langes, spannendes, höchst anregendes, lehrreiches und zugleich gewitztes „Gespräch“ über Literatur und Literaturkritik. Eigentlich waren es mehrere Gespräche in dichter Folge. Der an der Universität Zürich lehrende Literaturwissenschaftler Peter von Matt hatte sie 1986 mit dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki geführt, der die Literaturredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung leitete. Eine Fortsetzung der Gespräche folgte kurz nach dem Ende der deutschen Teilung in einer historisch und persönlich veränderten Situation.

Das zuerst 1992 und jetzt in einer Neuausgabe veröffentlichte Buch, das mit vier späteren Essays des Literaturwissenschaftlers über den Kritiker erweitert wurde, hat mit zahlreichen Problemstellungen, die Autoren, Kritiker, Verleger, Wissenschaftler und andere Leser gleichermaßen bewegen, nichts von seiner damaligen Aktualität verloren. Das Gespräch bleibt auch deshalb singulär, weil es zwischen einem Literaturkritiker und einem Literaturwissenschaftler geführt wurde. Neben der spannungsvollen Beziehung zwischen Literaturkritikern und Schriftstellern sowie der zwischen Literaturkritik und Buchhandel, die hier ein wiederkehrendes Thema sind, ist auch das Verhältnis zwischen Literaturwissenschaft und journalistischer Kritik schon immer problematisch gewesen. Der Literaturwissenschaft gilt die Literaturkritik gemeinhin als zu oberflächlich, flüchtig, subjektivistisch, kurz: als unwissenschaftlich; der Literaturkritik ist die Literaturwissenschaft zu akademisch, sprachlich zu abstrakt oder hermetisch, zu welt- und gegenwartsfern, zu sehr mit sich selbst beschäftigt, zu öffentlichkeitsfern und zu langsam. Die Beziehung zwischen beiden ist von vielen gegenseitigen Ressentiments, Rivalitäten und von Ignoranz geprägt – bis hin zur jüngsten Wiederbelebung alter Stereotype der Germanisten-Schelte, wie sie im Februar 2017 ein Redakteur des Spiegel zu initiieren versuchte. Dass ein Literaturwissenschaftler sich derart intensiv und herausfordernd mit einem in der Gegenwart agierenden Literaturkritiker auseinandersetzt, wie Peter von Matt es getan hat, ist heute immer noch selten. Und dass ein Literaturkritiker sich darauf einlässt, ebenfalls. Da hat sich seit der Entstehung der Literaturkritik vor mehr als drei Jahrhunderten nicht viel geändert.

„Gespräche“ haben in der Geschichte der Literaturkritik eine lange Tradition. Als eine der ersten und maßgeblichen Zeitschriften, die Literaturkritik im heutigen Sinne veröffentlichten, gelten die von dem Frühaufklärer Christian Thomasius zwischen 1688 und 1690 publizierten Monats-Gespräche. Hier wurden Neuerscheinungen im wörtlichen Sinn „besprochen“, und zwar nicht in der lateinischen Sprache der Gelehrten, sondern in allgemeinverständlichem Deutsch. Und besprochen wurden sie in Form von fiktiven Dialogen zwischen zwei und fünf Personen. Diese Form erfundener Gespräche wurde im 18. Jahrhundert zwar bald aufgegeben, aber den Charakter von Dialogen hat Literaturkritik behalten, wenn ihre Einschätzungen nicht als quasi richterliche und autoritative Urteile einer einzelnen Person, sondern als Anregungen und Beiträge zu einer offenen Diskussion verstanden werden wollten.

In seinem hartnäckig propagierten Bemühen um Verständlichkeit und um eine Literatur, die einer breiteren Öffentlichkeit nicht unzugänglich bleibt, sowie um einen Stil der Auseinandersetzung mit Literatur, der die Kluft zwischen kulturellen Eliten und einem breiten Publikum zu schließen versucht, stand Reich-Ranicki, wie das Gespräch mit Peter von Matt deutlich erkennen lässt, in dieser Tradition. „Daß er kein Freund der Germanisten ist, hat sich herumgesprochen“, schreibt Peter von Matt in einem seiner Essays über ihn. Als Beleg dafür hätte er zwei Sätze aus Reich-Ranickis Autobiographie Mein Leben zitieren können, in denen dieser sich an die Jahre seiner Redaktionsleitung in der Frankfurter Allgemeinen erinnert: „Ihre Arbeiten, voll von Fremdwörtern und Fachausdrücken, deren Notwendigkeit in der Regel nicht einleuchtete, waren für die meisten Leser unverständlich. Überdies hatten ihre Manuskripte bisweilen einen penetranten, einen abstoßenden Geruch, den Kreidegeruch der Seminarräume.“ Reich-Ranicki hat trotzdem eine Vielzahl von Hochschulgermanisten, auf deren Kompetenzen er nicht verzichten wollte, dazu animiert, sich auch zu Kritikern mit journalistischen Fähigkeiten zu entwickeln. Die Autobiographie blickt mit einigem Stolz auf das Ergebnis zurück: „Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Überwindung der traditionellen, der unseligen Kluft zwischen der deutschen Universitätsgermanistik und der Literaturkritik, vornehmlich der Kritik in der Presse, zum Wichtigsten gehört, was mir in den fünfzehn Jahren in der Frankfurter Allgemeinen gelungen ist.“

Gelungen ist dies ebenfalls dem Hochschulgermanisten Peter von Matt. Er war seinerseits auch als Literaturkritiker erfolgreich – nicht zuletzt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. 1982 erschien seine erste Gedichtinterpretation in der Frankfurter Anthologie, es folgten viele andere. Ab 1998 verlieh die Zeitung an Interpreten, deren Beiträge für die Frankfurter Anthologie besonders hoch geschätzt wurden und die sich auch sonst um die Vermittlung von Lyrik verdient gemacht hatten, einen Preis. Peter von Matt war der erste, der ihn erhielt. Zu den auf diese Weise Ausgezeichneten gehörten in den folgenden Jahren etliche Literaturwissenschaftler.

Im selben Jahr, in dem Der doppelte Boden erschien, führte Reich-Ranicki ein Gespräch mit der Schriftstellerin Eva Demski, in dem er erklärte: „Das Fernsehen ist ein Medium für Diskussionen und der bisherige Erfolg des Literarischen Quartetts hat bestätigt, dass man Literatur den potentiellen Lesern besser so näher bringen kann als mit einer gedruckten Kritik. Denn selbst, wenn man sich bemüht, verständlich zu schreiben, ist man nicht so verständlich wie im Gespräch, in dem eine Formulierung sofort ergänzt, gedeutet und widerlegt werden kann.“ In Peter von Matt hatte er einen idealen Gesprächspartner gefunden. Beiden ist es in ihrem Buch geglückt, die Vorzüge des mündlichen Gesprächs mit denen des gedruckten Worts zu verbinden.

Thomas Anz

Anmerkungen der Redaktion: Der Beitrag übernimmt Passagen aus dem Vorwort „Literaturwissenschaft und Literaturkritik im Gespräch“ des Herausgebers zu

Peter von Matt / Marcel Reich-Ranicki: Der doppelte Boden.
Ein Gespräch über Literatur und Kritik. Herausgegeben von Thomas Anz.
Verlag LiteraturWissenschaft.de, Marburg an der Lahn 2017,
244 Seiten, 16,00 EUR
ISBN 978-3-936134-57-5.

Der Anfang des Gesprächs ist in literaturkritik.de 5/2017 nachzulesen. Ein Beitrag Peter von Matts über Schillers „Wilhelm Tell“ wurde in literaturkritik.de 1/2005 veröffentlicht.