Hommage an die Sprache und ihre Möglichkeiten

Das „Power-Duo der Übersetzerkunst“ wird für die Neuübersetzung von Queneaus „Stilübungen“ mit dem Straelener Übersetzerpreis ausgezeichnet

Von Céline LetaweRSS-Newsfeed neuer Artikel von Céline Letawe

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

 „Ein geradezu diabolisch hintersinniges Buch“ – so wird die Neuübersetzung von Raymond Queneaus Stilübungen vom Suhrkamp Verlag beworben. Das weltberühmte Original ist schon siebzig Jahre alt und wurde trotz der offensichtlichen Schwierigkeiten in mehr als dreißig Sprachen übertragen. Aber wie Umberto Eco, der das Buch ins Italienische übersetzt hat, im Vorwort der englischen Ausgabe schreibt: „it is not so much a question of translating as one of recreating in another language with a different social and historical and intertextual context“ – und tatsächlich veränderte sich dieser Kontext im Laufe der Jahrzehnte immer wieder merklich.

Die erste deutsche Übersetzung von Raymond Queneaus Exercices de style erscheint 1961, mit dem hinzugefügten Untertitel Autobus S und einem Beiblatt von Hans Magnus Enzensberger, der den Autor des höchst amüsanten Buchs „in die Nähe der radikalsten Frage heutiger Philosophie“ rückt. „Die Erfahrung, und wäre es die schäbigste, hat sich als ein äußerst fragwürdiges Geschäft erwiesen“, schreibt Enzensberger, „kann man von ihr reden? Gewiß kann man von ihr reden, sogar auf hundertfältige Weise –, aber welche davon ist die richtige? Gibt es eine richtige? […] Vor unserm eigenen Spaß könnte uns angst und bange werden.“

Der Text, der eine banale Erfahrung in 99 stilistischen Varianten erzählt, wird 1990 revidiert in die Buchreihe Bibliothek Suhrkamp aufgenommen („die Bibliothek der Klassiker der Moderne“, Bd. 148) und 2007 mit einem Nachwort von dem Schriftsteller Ludwig Harig, einem der zwei Übersetzer, neu verlegt (Bd. 1419). Zusammen mit Eugen Helmé, der die meisten Werke Queneaus ins Deutsche übersetzt hat, habe Harig nach eigener Aussage die Texte „gänzlich neu erfinden“ müssen; er leistete so einen wichtigen Beitrag zur Einführung avantgardistischer französischer Literatur in Deutschland. Eine Pionierarbeit, die sich von der Übersetzungspraxis der fünfziger Jahre explizit lösen wollte, die dabei aber „manchmal auch riskant nah an den französischen Sprachstrukturen“ bleibt und künstlicher wirkt als das Original.

2016, mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Publikation der ersten deutschen Ausgabe, erscheinen die Stilübungen neu übersetzt von den Star-Übersetzern Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel, wieder in der Reihe Bibliothek Suhrkamp (Bd. 1495). Ebenso wie der gesellschaftliche, historische und intertextuelle Kontext haben sich auch die Literatur und die Praxis der Literaturübersetzung gewandelt. Die neuen Übersetzer beschreiben ihre Strategie wie folgt:

Wir nehmen die Haltung des Originals ein, um die Geschichte zu erzählen, und suchen das für diesen Ton geeignete Deutsch. Literaturübersetzen heißt Schreiben wie der Autor, aber in einer anderen Sprache und mit deren Mitteln. Wenn das gelingt, erzielen wir bei unseren Leserinnen und Lesern die gleiche Wirkung, den gleichen ästhetischen Genuss. (Dankesrede zum Straelener Übersetzerpreis 2017)

Heibert und Schmidt-Henkel wollen also den Intentionen des Autors treu bleiben, seinen charakteristischen Ton nachbilden, aber mit den Mitteln der deutschen Sprache. Dazu müssen zum Beispiel auch bestimmte Elemente aktualisiert werden – man denke an das Beispiel des Modeschöpfers Karl Lagerfeld, der an die Stelle eines berühmten Schneiders aus den 1940er Jahren tritt. Auch der flüssigen Sprechbarkeit der Texte messen die neuen Übersetzer besondere Bedeutung bei. Mit ihnen wird das Lesen zu einem performativen Akt, wie auch ihre Literaturperformances im öffentlichen Raum, beispielsweise in Straßenbahnen zeigen. Dazu die Dramatikerin Rebekka Kricheldorf, die die beiden als „das Power-Duo der Übersetzungskunst“, ja als „das dream team der Übersetzerszene“ betrachtet: „Dass Hinrich und Frank inzwischen sehr erfolgreich mit den Stilübungen als sprachakrobatische Performance durch die Lande reisen und mit ihrem Showtalent, das auch nicht gerade jeder Übersetzer mitbringt, das Publikum für Sprache begeistern, macht sie zu wahren Botschaftern der Literatur-Lust.“ Die Pressestimmen scheinen Kricheldorfs Eindruck zu bestätigen: die neuen Stilübungen werden als „ein Feuerwerk virtuoser Sprachübungen“ (Harald Loch, neues deutschland), als „ein Fest der Sprache“ (Bayerischer Rundfunk) gepriesen.

Über die neuen Übersetzungen hinaus versammelt das Buch zudem eine Menge bislang unveröffentlichtes Material; genau darin besteht der editionspragmatische Ansatz dieser Neuerscheinung. Zwölf „weitere“ und zwölf „erstmals veröffentliche Stilübungen“ Queneaus kommen dazu, zusammen mit einer Liste von 122 weiteren Möglichkeiten, die schon seit 1963 in einigen französischen Ausgaben veröffentlicht wird. Und das ist nicht alles: Aus diesem Ensemble an Möglichkeiten spielen die Übersetzer sogar einige Titel durch. Ein Beispiel dieser „möglichen möglichen Stilübungen“ sei hier vollständig wiedergegeben:

A-L-Literationen

Als der Autobus allmählich ankommt, ackert sich die atemberaubende Ansammlung von Abfahrtsaspiranten an Bord. Belustigend der Beau mit bortenbeflochtenem Bibi, der sich bei einem bislang nicht bescholtenen Bürger über Belästigung bitter beklagt. Chaos, nicht christlich, aber auch nicht chronisch. Der Dandy drängelt sich durch, denn derweil droht diesem ein doller Einzelplatz zu entgehen.

Erste Einschätzung: erledigter Fall. Fast. Das Freundchen flattert flugs mit einem feinen ferneren Freundchen auf dem Großplatz vor der Gare des trotz Garaus Gehenkönners hin und her. Herrje, halb hört man hin, halb herrscht hier Hektik. In idiosynkratrischer Ideologie interpretiert der Idiot ihm eine Idee. Ja! Dein Joppen jetzt ist jämmerlich, da klafft eine Kluft, wo kein Knopf mehr knallt. Katastrophe! Ach du liebes Lottchen.

Die Übersetzer gehen so weit, dass sie eine Übung selber hinzufügen: „Überdeutsch“. Es ist der Versuch, „eine Sprache durch sich selbst zu verfremden“, inspiriert von Umberto Eco, der in seiner italienischen Übersetzung Italianismen durch Gallizismen ersetzte. Dagegen wird hier das Deutsche „deutscher als deutsch“ gemacht, indem bestimmte Eigenschaften der deutschen Sprache (auf der Ebene der Orthographie, der Wortbildung und der Lexik) gewissermaßen übererfüllt werden, „im Geiste Queneaus“.

Der Band enthält darüber hinaus fast zwanzig Seiten Anmerkungen, die mit Varianten und Verweisen auf die Manuskripte des Autors zum ersten Mal für den deutschen Leser sowohl die Arbeit von Queneau als auch die der Übersetzer verständlich machen.

Auch die Haltung des Werks ist für das neue Übersetzerteam zentral. Es handelt sich nämlich nicht nur um einen höchst amüsanten, sondern auch um einen subversiven Text, von dem einige Teile bereits 1942 unter der Nazi-Besatzung entstanden sind. Die Übersetzer nehmen das zweckfreie Erzählen als „Akt der Befreiung“ ernst und stellen in ihrem Nachwort etwas Paradoxes fest:

das Befolgen der Regeln bekommt […] etwas Lustvolles und zugleich Entgrenzendes. Mit seiner Art, Regeln zu applizieren, dreht Queneau regelhaftem Verhalten eine Nase. Einerseits, indem er mit jeder neuen Stilübung zeigt, dass das, was eben noch unverrückbar zu gelten schien, durch etwas Anderes ersetzbar ist. […] Andererseits führt er in zahlreichen seiner Stilübungen die jeweilige Regel gegen Ende des Textes durch fröhliche Übererfüllung ad absurdum. Und schließlich gibt es viele Stellen, an denen er sich der selbst gesetzten stilistischen Pflicht entzieht.

Für ihre Neuübersetzung haben Heibert und Schmidt-Henkel zurecht den renommierten Straelener Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW bekommen, der mit 25000 EUR zu den höchstdotierten Literaturpreisen im deutschsprachigen Raum gehört und seit 2001 vergeben wird, „in der Überzeugung, dass nur gelungene Übersetzungen literarischer Texte die Begegnung mit Weltliteratur, die Einfühlung in das Fremde und einen – immer wichtiger werdenden – internationalen Kulturtransfer ermöglichen“ (Kunststiftung NRW). Der Preis wurde ihnen am 13. Juni 2017 im Europäischen Übersetzer-Kollegium im niederrheinischen Straelen überreicht, zweiundzwanzig Jahre nachdem sie an genau diesem Ort und auch damals bei der Übersetzung eines französischen Werks künstlerisch und privat ein Paar wurden. In der Begründung der Jury, zu der vier Übersetzer (Ulrich Blumenbach, Jürgen Dormagen, Kristof Magnusson und Rosemarie Tietze) und ein Journalist (Jan Wiele) gehörten, heißt es: „Die Übersetzer […] spielen so präzise wie übermütig mit den Formen des Sprechens und Erzählens und feiern damit den großen Reichtum unserer Sprache. Mit ihrer Begeisterung regen sie die Leser dazu an, die Welt immer wieder neu in Sprache zu gestalten.“

Für eingefleischte Fans erscheint im März 2018 eine Sonderausgabe in der Edition Suhrkamp Letterpress, von dem Typographen Erik Spiekermann „neu gestaltet, gesetzt und von digital belichteten Platten im Buchdruckverfahren auf einem Original Heidelberger Zylinder gedruckt“. Zusammen mit Raymond Queneaus Stilübungen erscheinen in dieser von deutschen Designern gestalteten Edition sechs weitere Meisterwerke des zwanzigsten Jahrhunderts, alle im Suhrkamp Verlag publiziert: Walter Benjamins Berliner Kindheit, Thomas Bernhards Watten, Bertolt Brechts Leben des Galilei, Max Frischs Montauk, Sylvia Plaths Gedichtband Der Koloss und Ludwig Wittgensteins Tractacus logico-philosophicus. Die Numerierte Auflage ist limitiert auf je 1000 Exemplare.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Raymond Queneau: Stilübungen.
Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016.
224 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783518224953

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