de potestate papae

Eine Mannheimer Ausstellung und vier Bände Tagungsberichte widmen sich dem Papsttum von der Antike bis zur Renaissance und darüber hinaus

Von Heribert HovenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Heribert Hoven

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Dunstkreis des großen Luther-Jahres 2017 entschloss sich ein Team der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim zu einer Papst-Ausstellung, und zwar gänzlich ohne gegenreformatorische Ambitionen, was wohl auch die zahlreichen Mitarbeiter aus dem protestantischen Lager beweisen. Dieses inzwischen realisierte Projekt wurde durch vier Tagungen in Mannheim und Rom begleitet, die sich jeweils den Themen „Die Päpste. Amt und Herrschaft in Antike, Mittelalter und Renaissance“, „Die Päpste der Renaissance“, „Die Päpste und Rom zwischen Spätantike und Mittelalter“ sowie „Die Päpste und ihr Amt zwischen Einheit und Vielheit der Kirche“ widmeten. In den nun vorliegenden, gleichnamigen Bänden sind die wissenschaftlichen Beiträge dieser internationalen Tagungen versammelt.[1] Leider fehlen nähere Angaben zu den Autorinnen und Autoren.

Alle Beiträge sind getragen vom Respekt vor einer Institution, die als einzige in Mitteleuropa seit der Antike existiert und bis heute global anerkannt sowie politisch und kulturell relevant ist. Dabei ist die einzigartige Dauerhaftigkeit keineswegs schon im Bibelwort „Du bist Petrus der Fels, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen“ (Mt 16,18) angelegt, auf das die Päpste gemeinhin ihr Amt zurückführen. Immerhin ist hier nur von Petrus die Rede, und auch über das Wesen der Kirche wird nichts gesagt. Das so genannte Felsenwort und etwa den Wechsel von Petros und petra unterzieht Peter Walter in Band 4 der Tagungsbeiträge einer eingehenden Interpretation (Peter Walter: Theologische Grundlagen des Papsttums). Auch der Geltungsbereich der „Schlüsselgewalt“ ist durchaus umstritten. Schließlich war der römische Bischof Jahrhunderte lang nur einer von fünf Patriarchen, welche in der Apostelnachfolge die Führung der Christenheit kollegial regelten. Erst seit dem 4. Jahrhundert beanspruchen die römischen Bischöfe als Wächter der Apostelgräber, die indes nie nachgewiesen werden konnten, eine Vorrangstellung als Papst, die sie durch die Übernahme von imperialen Ideen und Symbolen des untergehenden römischen Westreiches untermauerten und dann im Frühmittelalter durch die Etablierung und Ausübung von geistlicher und weltlicher Macht zu festigen versuchten. Dass der Stuhl Petri keineswegs gesichert war, zeigen die vielen papstgeschichtlichen Wendungen vom hochmittelalterlichen Investiturstreit, im Übrigen ein Begriff, der aus der Mediävistik längst verschwunden ist, über das Große (griechische) Schisma, das Exil in Avignon, das Große Abendländische Schisma, das Jahrhundert der Konzilien bis hin zur Reformation, welche zwar zur Aufspaltung der westlichen Christenheit in Konfessionen, aber letztlich auch zur Ausdehnung der katholischen Kirche weltweit führte.

Die Beiträge fragen nach dem Wesen des päpstlichen Amtes, wie es sich theologisch und ekklesiologisch definiert und im Wechselspiel zwischen Einheit und Vielheit der Christenheit verortet. Sie stellen charakteristische Formen der päpstlichen Machtaneignung und Machtentfaltung dar, und zwar unter Berücksichtigung historischer, kirchenhistorischer, aber auch kunst-, musik- und architekturgeschichtlicher Kontexte. Neben dem großflächigen Epochenüberblick („Die Päpste und die Herrscher dieser Welt im Spätmittelalter“) stehen Einzelaspekte („Building prestige. Processions, visual codes, and episcopal power in fifth-century Rome“, „Papst Theodor und die Künste“). So entsteht ein spannendes und spannungsreiches Netz von synchronen und diachronen oder auch makro- und mikrohistorischen Betrachtungsweisen. Der letzte Band weitet den Blick erneut und beleuchtet die Rolle des Papstes innerhalb der Ökumene und vor den Herausforderungen der Moderne auf dem Weg ins 3. Jahrtausend. Beinahe alle Beiträge gehen auf den neuesten Stand der Forschung ein und verweisen in diesem Zusammenhang auch auf Desiderate. Alle enthalten einen umfangreichen bibliographischen Apparat, der Veröffentlichungen bis 2016 erfasst.

Aus der großen Zahl der Beiträge seien einige schlaglichtartig charakterisiert: Norbert Zimmermann, zweiter Direktor der Abteilung Rom des Deutschen Archäologischen Instituts, untersucht in Band 3 die Intentionen bildlicher Kunst in Sakralräumen zwischen Damasus und Sixtus III. in Rom. Fast unmittelbar nachdem die Mailänder Vereinbarung von 313 den christlichen Kult erlaubte und der römische Bischof Silvester in knapp zehn Jahren zum zentralen Priester des neuen kaiserlichen Schutzgottes emporstieg, verbanden sich etwa im Bildprogramm der Katakomben und wenig später in den ersten christlichen Basiliken die theologischen Themen mit einem imperialen Reflex. Im Gefolge dieser Tradition unterstreicht die Märtyrerstadt Rom zugleich ihre Sonderstellung. Zimmermann hebt hervor, dass die Übernahme der römischen Bilderwelt im Gegensatz zum alttestamentarischen Bilderverbot stand, gibt aber zu bedenken, dass ein orientalischer Erlösungskult nur durch die anschauliche Vermittlung der Heilserwartung überhaupt in der griechisch-römischen Welt Fuß fassen konnte. Er folgert: „Auf dem Weg zum Papsttum eignet sich die Kirche in umfassendem Maße die römische Tradition zu ihren eigenen Zwecken an.“ So okkupiert nicht zufällig Leo der Große den seit der Kaiserzeit den römischen Kaisern zukommenden Titel des Pontifex Maximus. Und weiter: „In der Auseinandersetzung mit den paganen Göttern schlägt das Christentum jene sozusagen mit den eigenen Waffen, nicht im Verzicht auf die traditionellen Ausdrucksformen, sondern in deren Aneignung und Übertrumpfung im christlichen Kultbau.“ Sichtbar wird somit ein Prozess, der die Entwicklung des Papsttums entscheidend prägen wird.

Drei Beiträge in Band 2 beschäftigen sich mit „Rom als Renaissancestadt“. Arnold Esch untersucht die Beziehung der Stadt zum päpstlichen Hof anhand der römischen Zollregister und beantwortet die Frage, wie viel wohl Rom ohne die Päpste gewogen hätte. Er umreißt die Sonderstellung der Stadt, die neben der wirtschaftlichen eben auch eine geistliche Dimension aufweist: „Das päpstliche Rom produziert nicht Tuche und Metallwaren, sondern Gewinne anderer, immaterieller Art: Privilegien, Pfründeneinnahmen, Ernennungsgebühren, Ablässe, Pilgerspesen.“ Anna Esposito beleuchtet die Bestrebungen der Päpste nach Unterdrückung und Ausschaltung der städtischen Autonomie, die zugleich auch zum Ausbau der päpstlichen Institutionen führten. Der ständige Zustrom der Fremden machte dann aus Rom die „kosmopolitischste Stadt der Welt“, so Montaigne. Anna Modigliani beschreibt, wie sich die so genannten Renaissancepäpste gegen die „empfindlichen Römer und ihre republikanischen Sehnsüchte“ schon allein dadurch durchsetzten, dass sie ihre urbanen Baumaßnahmen, welche die über Jahrhunderte gewachsenen Siedlungsstrukturen zerstörten, zunächst als „Verschönerung der Straßen“ kaschierten, „die endlich gepflastert wurden.“

Einen breiten Raum nehmen auch die Aufsätze ein, die sich mit den Themen Papstkritik und Kirchenreform befassen. Immer geht es bei diesem Komplex um die zentrale Frage der Heilsrelevanz des Papstes, auf die sich der Papstprimat gründet; aber ebenso um die Verfasstheit der Kirche und um das Selbstverständnis der Christenheit. Johannes Helmrath skizziert die spannungsreiche Beziehung zwischen petrinisch-imperialem Papsttum und dem Konzilsgedanken und sieht in der produktiven Auseinandersetzung, darin Albert Hauck folgend, die Anfänge des kooperativen europäischen Verfassungsgedankens der Frühen Neuzeit. Weitere theologische oder christologische Streitpunkte des Mittelalters führten zwar zur Kirchenspaltung, etwa das die griechische Ostkirche so sehr bewegende filioque-Problem oder die Ansichten über Fegefeuer und Azymen, wirken heute aber eher wie Haarspaltereien. Sie werfen gerade deshalb auch ein bezeichnendes Licht auf die religiösen Konfliktserien der Gegenwart.

Band 3 ist einzelnen Päpsten und ihrem Wirken in und für Rom gewidmet. Manuela Gianandrea verfolgt die „historischen Stratifikationen“ rund um Papst Silvester (314-335) in der Selbstdarstellung des Papsttums vom 6. bis zum 12. Jahrhundert und kommt zu dem Schluss, dass das legendenhafte Bild einerseits den realen Konstantin verdrängte und andererseits den historischen Silvester vollständig überholte. Ziel des Unternehmens sei es gewesen, eine solide Grundlage für den weltlichen Herrschaftsanspruch der Päpste zu liefern. So wurde Silvester auch in seinen diversen künstlerischen Darstellungen zum perfekten „Abbild des Widerstands gegen jegliche Einmischung durch weltliche Herrscher und des päpstlichen Vorrangs über alle kirchlichen Strukturen.“ Letzteres wurde im Hohen Mittelalter natürlich nicht nur vom deutschen Kaiser, sondern auch von Byzanz abgelehnt, wie Gianandrea formuliert: „Zu den Elementen, an denen Byzanz am meisten auszusetzen hatte, gehörten: die enge Verbindung zwischen Christus und dem Papst, die exclusive Beziehung zwischen dem heiligen Petrus und Rom, die Überzeugung, dass die römische Kirche mater omnium ecclesiarum sei, und vor allem der Grundsatz der monarchia Petri im Gegensatz zur monarchia Imperii.“ Erst das Vordringen des Islams machte Byzanz dann kompromissbereiter. Die auf dem Konzil von Florenz 1439 unter dem Druck der Ereignisse schließlich erzielte Union war jedoch nicht von langer Dauer. Die Aufsätze von Alessandro Taddei, Giulia Bordi und Dieter Blume jeweils zu den Kirchen S. Stefano Rotondo, S. Maria Antigua und Santi Quattro Coronati und dem päpstlichen Einfluss auf deren Bildprogramm machen Band 3 der Reihe, wenn er nicht so gewichtig wäre, zu einem Vademecum für Rombesucher.

Band 4 greift, wie gesagt, noch einmal Grundsätzliches auf. Peter Walter sieht Anspruch und Aufgabe der Päpste, die Einheit der katholischen Kirche zu wahren, aus historischer Sicht als gescheitert an: „Daran, dass die Kirche Jesu Christi im 11. Jahrhundert endgültig in eine West- und Ostkirche zerbrach, dass die Westkirche im 16. Jahrhundert erneut in mehrere Kirchen zerfiel, dass als Folge des 1. Vaticanums die altkatholische Kirche entstand, kann man sehen, dass es dem Papsttum nicht gelungen ist, die Einheit der Kirche zu wahren.“ Christoph Strohm stellt sogar fest: „Die historisch-kritische Bibelforschung hat im Wesentlichen Luthers Kritik an der mangelnden biblischen Begründung des Papstamtes bestätigt. Auch die Argumente, dass die frühen Kirchenväter kein Papstamt kennen und erst mit Leo dem Großen Mitte des 5. Jahrhundert ein biblisch begründetes Papstamt im späteren Sinne zu fassen ist, sind heute weithin anerkannt.“

Allerdings sind alle Merkmale, die sich zwischen Spätantike und spätem Mittelalter mit dem römischen Petrus-Amt verbinden, als da waren: Suprematie vor allen weltlichen Herrschern, Jurisdiktionsprimat, Territorialfürstentum, Kriegsherrentum, Bauwut, Ämterkauf oder Nepotismus, sämtlich aus dem Papstbild der Gegenwart verschwunden. Geblieben ist allein eine moralische Autorität, vor allem in der Suche nach Wahrheit, was in Zeiten von fake news nicht gerade wenig ist.

Der großformatige Katalog zur Mannheimer Ausstellung „Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt“ widmet sich überwiegend der römischen Kirchengeschichte, angefangen von Petrus und Paulus bis zu Clemens VII. (1523-1534) aus dem Hause Medici, mit dem, nach Ferdinand Gregorovius „die große Zeit des weltgebietenden Papsttums für immer abgelaufen war.“ Nach kurzen, aber informativen Einführungskapiteln werden die einzelnen Ausstellungsstücke, teilweise in Originalgröße, abgebildet und dann erläutert. Hervorstechend sind dabei Zeugnisse des textilen Apparats, die berühmte Borgia-Weltkarte, eine Lutherbibel aus dem Jahr 1551. Außerdem werden bedeutsame Urkunden (dictatus papae, Wormser Konkordat), wertvolle Handschriften (Perikopenbuch Heinrichs II.) und zahlreiche Münzen und Medaillen präsentiert. Die Leihgeber, allen voran die Uffizien, Florenz, die Vatikanischen Museen, Rom, die British Library London sowie das Kunsthistorische Museum Wien verdeutlichen darüber hinaus die europäische Dimension des Unternehmens, das dadurch auch einen Beitrag leistet zur Identität Europas. Für die Ausstellungsbesucher besonders reizvoll waren sicherlich die Rekonstruktion der Petrusmemorie aus dem Inneren der konstantinischen Peterskirche sowie die filmischen Rekonstruktionen der Stadt Rom zu verschiedenen Epochen.

[1] Der erste Band der Tagungsberichte („Die Päpste – Amt und Herrschaft in Antike, Mittelalter und Renaissance“) wurde bereits in literaturkritik.de Nr.11/2016 besprochen.

Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg

Titelbild

Bernd Schneidmüller / Stefan Weinfurter / Michael Matheus / Alfried Wieczorek (Hg.): Die Päpste. Amt und Herrschaft in Antike, Mittelalter und Renaissance.
Verlag Schnell und Steiner, Regensburg 2016.
448 Seiten, 39,95 EUR.
ISBN-13: 9783795430870

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Michael Matheus / Bernd Schneidmüller / Stefan Weinfurter / Alfried Wieczorek (Hg.): Die Päpste der Renaissance. Politik, Kunst und Musik.
Band 2.
Verlag Schnell und Steiner, Regensburg 2017.
423 Seiten, 29,95 EUR.
ISBN-13: 9783795430887

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Volker Leppin / Christoph Strohm / Hubert Wolf / Alfried Wieczorek / Stefan Weinfurter (Hg.): Die Päpste und ihr Amt zwischen Einheit und Vielfalt der Kirche. Theologische Fragen in historischer Perspektive.
Band 4.
Verlag Schnell und Steiner, Regensburg 2017.
302 Seiten, 29,95 EUR.
ISBN-13: 9783795430900

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Norbert Zimmermann / Tanja Michalsky / Alfried Wieczorek / Stefan Weinfurter (Hg.): Die Päpste und Rom zwischen Spätantike und Mittelalter. Formen päpstlicher Machtentfaltung.
Band 3.
Verlag Schnell und Steiner, Regensburg 2017.
320 Seiten, 29,95 EUR.
ISBN-13: 9783795430894

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