Langer Abschied von Mündendorf

Martin Becker ergründet, warum er niemals ins seine Heimatstadt zurückkehren wird

Von Julia LindRSS-Newsfeed neuer Artikel von Julia Lind

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Martin Becker hat mit Marschmusik einen nah am eigenen Leben orientierten Familienroman geschrieben. Heimlicher Protagonist ist das Reihenhaus einer Arbeiterfamilie: Mit harter Arbeit bezahlt, beweist es den Aufstieg aus den engen Nachkriegsverhältnissen in die Wohlstandsgesellschaft der aufstrebenden Bunderepublik. Die Glanzzeiten dieses Hauses sind in der Jetztzeit des Romans (2016) allerdings längst vorbei: „Der Vorgarten verwildert, die Fassade grünspanig und rissig“. Aus der Perspektive des jüngsten Sohnes, der leicht als Alter Ego des Autors zu erkennen ist, wird dem Leser der traurige Zustand des Hauses geschildert, in dem nach dem Tod des Vaters seine pflegebedürftige Mutter allein lebt. Der Besuch seiner Heimatstadt und die Konfrontation mit dem nun einsamen Leben seiner Mutter ist der Ausgangspunkt der Erzählung. Der Leser erhält Einblick in die diffuse, widersprüchliche Gefühlslage des Sohnes, die zwischen Empathie und Fremdheitsgefühlen gegenüber der zurückgelassenen Familie und dem Heimatort schwankt. Diese Rückkehr in die Heimat verursacht dem Ich-Erzähler körperliche Schmerzen, er zählt die noch verbleibende Zeit des Besuches und hofft, dass er danach nicht wieder so erschöpft sein wird.

Mein Mantra: Diesmal wird es nicht so schlimm. Diesmal nicht. Jahrelang war jede Rückkehr eine Qual, jahrelang habe ich Nächte vor der Reise schlecht geschlafen, jahrelang wollte ich in letzter Sekunde alles abblasen. Diesmal werde ich mich nicht fürchten, wenn die Reihenhäuser in Sicht kommen.

Nach und nach erfährt der Leser, woher der Widerwillen gegen diesen Ort stammt, was die Panik auslöst. Zwangsläufig lässt der Ort den Ich-Erzähler an seine Kindheit denken, wie er sich damals in den Zimmern bewegte, welche Szenen sich vor seinen Augen abspielten. Mehrere Zeitebenen wechseln sich in schneller Folge ab, von der Gegenwart des Besuches hin zu Erinnerungen aus Kindheit und Jugend, die ebenfalls im Präsens erzählt sind. Ergänzend zu der Ich-Perspektive treten Geschichten über die Eltern aus der klassisch auktorialen Erzählperspektive. Mit diesen Geschichten und Erinnerungen antwortet der Ich-Erzähler auf Fragen, die ihm an seinem Heimatort begegnen. Er versucht einzuordnen, was ihm fremd, merkwürdig und nicht selbstverständlich erscheint. Er benennt Sätze, Gefühle, die ihn schon sein Leben lang begleiten und versucht diese einzuordnen. Dabei stellt er sich unbequemen Wahrheiten, geht besonders den Brüchen und Grenzverläufen nach und zeigt, welche Hürden die Eltern nehmen mussten, um sich dieses Haus in Mündendorf zu leisten, wie sie beide aus dem Ruhrgebiet herzogen und nie so richtig in dieser Reihenhaus-Gesellschaft ankamen.

Zum ersten Mal fällt mir ein, dass wir auch das waren damals: kauzig. Wir machen uns das Leben im Grunde genommen selbst schwer mit all dem Misstrauen, mit all dem Unwohlsein. Wir sind nicht reich. Wir sind nicht richtig arm. Wir sind nicht richtig isoliert. Wir sind nicht richtig gesellig. Wir gehören irgendwie dazu. Wir gehören nirgendwo dazu.

Es sind Fragen der Zugehörigkeit, die den Ich-Erzähler umtreiben. Was hat seine Familie geprägt? Aus welchem Milieu stammt sie und warum gehörte sie nie richtig dazu? Hinter dieser Befragung stehen zunächst einmal Vermutungen: In dieser Familie von Kettenrauchern, in der der Vater (Jupp) meist schweigt und die herrische Mutter (Barbara) den Ton angibt, bleibt vieles unausgesprochen. Sperrig ist der Zugang zu diesen Eltern und ihrer Geschichte. In der direkten Sprache des proletarischen Milieus fingiert der Autor Szenen aus dem Leben seiner Eltern. Dabei wird offenbar, wie sich das Abrackern und Durchkämpfen auswirkte und die Mutter schlagfertig die Familie verteidigte, der Vater sich stumm und stoisch der Arbeit zuwandte. Szenen aus der Vergangenheit tauchen auf, die von der harten Arbeit und den engen Lebensverhältnissen, aber auch vom Ethos und Selbstverständnis der Bergarbeiterwelt berichten.

Jupp wollte nie was anderes. Alle Männer bei ihnen waren doch Bergleute geworden. Und seinem Vater, das wird Jupp niemals vergessen, das wird er noch seinen Kindern erzählen, die er irgendwann haben wird, seinem Vater hat die Schufterei unter Tage das Leben gerettet. Der war so ein verkappter Kommunist, der mit Hitler nichts anfangen konnte und nichts anfangen wollte.

In diesen Szenen liefert der Autor ein Porträt des Ruhrpotts und des Bergarbeitermilieus der Nachkriegszeit mit seinen Kohlenhauern und Zechenarbeitern. Es ist ein plötzlich auftauchender Freund des Vaters, Hartmann „der Sauhund“, der den Ich-Erzähler weiter in die Welt des Bergbaus einführt, indem er einen Schachtbesuch organisiert. Durch diesen Gang unter Tage erfährt der Protagonist eine unheimliche Verbindung zum verstorbenen Vater, wobei sich ein erlösendes und entlastendes Gefühl einstellt: „Wer mal unten war, gehört dazu, sagt er, Glück auf Michael, mach’s gut.“ Durch die dreiteilige Gliederung in Unter Tage, Im Schacht und Über Tage ist die Bergbaumetaphorik stark betont und suggeriert eine Art dramatische Entwicklung mit Anfang, Wendepunkt und Katharsis. Diese rituelle Dimension wird dadurch bestärkt, dass der Protagonist die Vergangenheitsbewältigung auch körperlich durchleidet. Ständig benennt er seine physische und psychische Verfasstheit, zählt die Stunden seines Besuches und feiert sogar mit einer Zigarette das Bergfest. Etwas konstruiert wirkt das erlösende Bergbau-Ethos: Der eigene Weg in den Schacht bringt ein Zugehörigkeitsgefühl und Verständnis für den Vater hervor. Gleichzeitig herrscht aber auch die Einsicht, dass diese Welt bald verloren ist. Dieses Verschwinden ist eng mit dem Verlust der Familie gekoppelt. Der Verfall des Reihenhauses ist nicht nur Sinnbild der Familie, sondern auch eines verschwindenden Milieus.

An dieser Stelle reiht sich Beckers Marschmusik in die Tradition autobiografischer Romane ein, die ihren Familien beziehungsweise deren verschwundener Heimat auf der Spur sind. In diesen Geschichten begeben sich die Hauptfiguren auf eine Reise an jene Orte, an denen sie die Identität ihrer Vorfahren vermuten. Durch die Begehung des Erinnerungsortes treten in Assoziationsschüben und Imaginationen Konturen des Vergangenen hervor. Beckers Roman ist dabei wenig sentimental, sondern konkret und packend im Ton. Es gelingt ihm, die Eigentümlichkeit seiner Familie einzufangen und den Leser in das Bergarbeitermilieu mitzunehmen. Die schnell nacheinander wechselnden Erzählstränge und Zeitperspektiven sorgen für Dynamik und kontrastieren die zeitweilige Nachdenklichkeit und Melancholie des mit seiner Familie hadernden Protagonisten. In einem kurzen, abgehackten Sprachduktus lernt der Leser das proletarische Milieu kennen, die Eltern werden sichtbar, man erfährt von den beengten Verhältnissen aus denen sie stammen, wie sie sich kennenlernten und schließlich aus dem Bergarbeitermilieu ausbrachen, als sie in die Kleinstadt Mündendorf zogen. Der Ruhrpott und seine proletarische Lebensart wird hier ähnlich behandelt wie in den Spurensuchen nach der osteuropäischen Herkunft, etwa in Sabrina Janeschs Katzenberge – auch hier geht es um Erinnerungsarbeit, die Arbeit am Familienbild und Fragen nach den eigenen Wurzeln.

Titelbild

Martin Becker: Marschmusik. Roman.
Luchterhand Literaturverlag, München 2017.
288 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783630875101

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