Das Ende der Gruppe 47

Ein Abschiedstreffen in Saulgau (1977)

Von Marcel Reich-RanickiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marcel Reich-Ranicki

Was war das? Noch eine literarische Tagung? Oder ein ungewöhnliches Jubiläums-Treffen? Oder gar eine sonderbare Trauerfeier? Es läßt sich schwer definieren, was da am vergangenen Wochenende stattgefunden hat. Auf jeden Fall war es ein literarhistorisches Ereignis – und die wir dabei waren, wir werden es nicht vergessen.

Bewundert viel und viel gescholten, heftig bekämpft und häufig nachgeahmt, war sie, die man jetzt mit einem heitern und mit einem nassen Auge zu Grabe getragen hat, schon zu ihren Lebzeiten eine Legende. Sie war und ist Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen in vielen Ländern, sie war und ist Thema von Seminaren und Vorlesungen, Symposien und Prüfungen. Ich spreche von der originellsten und berühmtesten literarischen Gruppierung, die Deutschlands Literatur in diesem Jahrhundert hatte – von der Gruppe 47.

Sie war nie ein Verband oder ein Verein, ein Klub oder eine Gesellschaft. Sie hatte nie eine Satzung oder ein Programm, eine Mitgliedsliste oder einen Vorstand. Sie hatte immer nur Hans Werner Richter. Er war ihr Organisator und Gesprächsleiter von Anfang an, er war einer von denen, die sie im September 1947 ins Leben gerufen haben. Und er war der Einzige, der sie zwanzig Jahre lang am Leben gehalten hat.

Diese Gruppe, meinte Richter gelegentlich, sei nicht mehr und nicht weniger als ein Freundeskreis. Aber dieses Wort trifft den Sachverhalt nur ungenau. Denn die Zusammensetzung war nie konstant, der Freundeskreis veränderte sich von Jahr zu Jahr. Genau betrachtet, war die Gruppe 47 keine Organisation, sondern eher ein Zentrum, ein Sammelplatz, eine drei Tage im Jahr existierende literarische Probebühne.

Die Tagungen der Gruppe 47 vereinten die besten Schriftsteller und die intelligentesten Kritiker. Richter, von dem alle Einladungen abhingen, regierte übrigens gar nicht so selbstherrlich, wie oft angenommen wird. Er verließ sich nie auf seinen literarischen Geschmack, wohl aber auf das Urteil einiger Berater. Und er wählte sich diese Berater klug und sorgfältig aus.

Mit welcher Sicherheit Literatur auf den Tagungen der Gruppe bewertet wurde, beweist schon die Liste der Preisträger in den fünfziger Jahren. Die damals preisgekrönt wurden, waren, wenn nicht gänzlich Anfänger, so jedenfalls in der Öffentlichkeit kaum bekannte Autoren: Sie hießen Günter Eich und Heinrich Böll, Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger, Günter Grass und Martin Walser.

Als „Dichter“ beschimpft

Als erste Tagung der Gruppe 47 – aber es war gewiß keine richtige Tagung, und noch gab es die Bezeichnung Gruppe 47 nicht – gilt ein Treffen Mitte September 1947 in Bannwaldsee bei Füssen im Allgäu. Zwanzig Jahre später, im Oktober 1967, traf man sich in einem zwischen Nürnberg und Bayreuth idyllisch gelegenen Gasthaus, in der Pulvermühle. Dort kam es zu der inzwischen oft beschriebenen Konfrontation zwischen den Schriftstellern, die, allen zeitgeschichtlichen Ereignissen zum Trotz, wie eh und je literarische Texte lasen und analysierten, und eigens angereisten Studenten, die die Versammelten als „Dichter“ beschimpften und zu Tat und Kampf aufforderten.

Für die nächste Tagung (denn noch war Richter entschlossen, auf keinen Fall zu kapitulieren) lag eine Einladung des tschechoslowakischen Schriftstellerverbands vor: Oktober 1968 war vorgesehen, das Schloß Dobris bei Prag sollte der Schauplatz sein. Dazu ist es nicht mehr gekommen; was manchen von vornherein falsch schien, wurde durch den sowjetischen Einmarsch in die Tschechoslowakei verhindert.

Jetzt also, dreißig Jahre nach der ersten, zehn Jahre nach der letzten Tagung, hatte Richter, von dem seit einiger Zeit nur wenig zu hören war, überraschend die Losung ausgegeben: Wir treffen uns noch einmal. Ein Wiederbelebungsversuch? Nein, hieß es, keineswegs, lediglich ein unwiderruflicher Abschluß, ein nachgeholter Abgesang, ein längst fälliger Abschied.

Heiter bis sentimental

Als Tagungsort hatte Richter die etwas abseits zwischen Donautal und Bodensee gelegene oberschwäbische Kleinstadt Saulgau gewählt. Warum gerade Saulgau? Vielleicht deshalb, weil dort, in dem alten Hotel Kleber Post, einer ehemaligen königlich-württembergischen Posthalterei, eine der besten Tagungen der Gruppe 47 stattgefunden hat. Das war im Herbst 1963. Johannes Bobrowski und Hans Magnus Enzensberger, Hildesheimer, Fried und Heißenbüttel, Konrad Bayer und Hubert Fichte lasen ihre neuen Arbeiten, Peter Weiss verblüffte mit seinem von der Gruppe sofort als außergewöhnlich erkannten Theaterstück über die Verfolgung und Ermordung des Jean Paul Marat. Zu jenen, die über die gebotenen Texte diskutierten, gehörte damals auch Ernst Bloch.

Im September 1977 sind viele, die einst an den Tagungen teilgenommen haben, an dem Abschiedstreffen nicht interessiert. Sie hätten, hört man, andere Verpflichtungen, was insofern wahrscheinlich ist, als die Tagung kurzfristig anberaumt wurde. Doch mag noch ein anderer Faktor hier eine Rolle gespielt haben: Auch Schriftsteller, denen das Sentimentale nicht fremd ist, fürchten die Sentimentalität im Alltag. Ein Veteranentreffen – das schickt sich doch nicht. Seit Wochen wurde gescherzt, die Blaskapelle der Freiwilligen Feuerwehr von Saulgau werde wohl den Marsch „Alte Kameraden“ spielen.

Aber sie kamen doch: Günter Grass und Uwe Johnson, Ilse Aichinger, Wolfgang Hildesheimer und Jürgen Becker, Helmut Heißenbüttel, Wolfdietrich Schnurre und Milo Dor, Ingrid Bachér, Horst Bienek und Carl Amery, Walter Jens, Hans Mayer und Peter Wapnewski, Reinhard Baumgart, Joachim Kaiser und Fritz J. Raddatz. Auch die Verleger waren, obwohl es diesmal doch keine Literaturbörse gegeben hat, herbeigeeilt: Siegfried Unseld, Ledig-Rowohlt und Klaus Piper und noch einige andere.

Um das Sentimentale zu verdrängen, gab man sich möglichst heiter. Überdies hörte jeder von jedem, er habe sich in den letzten zehn Jahren überhaupt nicht verändert. Wie üblich unterhielt man sich wortreich über die Mißerfolge der Kollegen. Der eigenen Erfolge wurde zwar, wie in diesen Kreisen üblich, nicht gedacht, wohl aber der vielen leidigen Verpflichtungen: Man müsse bedauerlicherweise rasch wieder abreisen, denn man werde erwartet – zu einem Vortrag, einer Lesung, einer Konferenz, einem Fernsehauftritt, einem Symposion. Es sind viel beschäftigte Damen und Herren, die sich jetzt in Saulgau freundlich zunickten.

Trotzdem hörten sie sich geduldig an, was die Kollegen zu bieten hatten. Denn nach der Verlesung des Gratulationsbriefs des Bundespräsidenten und nach der knappen und betont unpathetischen Totenehrung wurden, wie immer auf diesen Tagungen, literarische Texte gelesen und sofort kritisiert.

Den Anfang machte Jürgen Becker. Das sollte einen tieferen Sinn haben, da Becker, der einige Gedichte las, der letzte Preisträger der Gruppe 47 ist. Es folgte Helmut Heißenbüttel mit heiteren Kürzestgeschichten und einigen Gelegenheitsgedichten. Anders als auf früheren Tagungen durften diesmal auch gedruckte Texte gelesen werden. So hörte man von Ilse Aichinger neben einigen unveröffentlichten Gedichten ein Kapitel aus ihrem Buch „Schlechte Wörter“.

Zum letzten Mal konnte man es erleben, wie die berüchtigte und gefürchtete, die nicht zu Unrecht so oft als virtuos gerühmte Sofortkritik der Gruppe 47 funktionierte. Die Beurteilung der Verse von Jürgen Becker geriet zur glanzvollen Darbietung des Scharfsinns und der Geistesgegenwart der Kritik. Freilich hatte man den Eindruck: Sie analysierte nicht nur das Vorgelesene, sie feierte auch sich selbst. Bei den nächsten Lesungen waren die professionellen Schiedsrichter schon weniger eifrig. Ohnehin hatte man sich geeinigt, man werde diesmal nicht hart zuschlagen und eher um Harmonie bemüht sein. Die Kritiker zeigten ihre, wie sich erwies, keineswegs verrosteten Waffen, doch machten sie von ihnen nur lässig und vorsichtig Gebrauch.

In den Texten von Ilse Aichinger, Becker und Heißenbüttel entdeckte man übrigens gemeinsame Nenner: Schwermut, Resignation, Pessimismus, Ratlosigkeit. Auf die eigene Ohnmacht wurde oft angespielt, von der großen Vergeblichkeit war mehrfach die Rede. Es wäre abwegig, anzunehmen, dies alles sei für die zeitgenössische deutsche Literatur charakteristisch. Und doch kam hier Symptomatisches zum Vorschein, aber es gilt vermutlich nur für eine bestimmte Generation, für manche jener Autoren, die jetzt zwischen fünfundvierzig und sechzig Jahre alt sind.

Um nicht ganz mit der Tradition der Gruppe zu brechen, ließ man wenigstens einen Schriftsteller zu Worte kommen, der noch nie auf einer Tagung der Gruppe gelesen hatte: Es war Michael Krüger, der Gedankenlyrik vortrug. Doch weder das Gedankliche noch das Lyrische konnte recht überzeugen.

Von Wolfgang Hildesheimer hörte man ein Kapitel aus seinem soeben erschienenen Mozart-Buch. Es wurde, da es sich hier um ein wissenschaftliches Werk handelt (Hildesheimer sagte bescheiden, es sei ein „Sachbuch“), nicht kritisiert. Vielmehr zog man es vor, dem Autor einige Fragen zu stellen.

Der nächste Tag war, da Richter offensichtlich Schwierigkeiten hatte, das Programm auf attraktive Weise zu füllen, vor allem Günter Grass gewidmet. Nachdem er eine Prosapassage und drei Gedichte aus dem „Butt“ zum Besten gegeben hatte, ließ Richter zum ersten und letzten Mal in der Geschichte der Gruppe 47 drei Kritiker nacheinander und in alphabetischer Reihenfolge auf dem Vortragsessel Platz nehmen. Joachim Kaiser, Fritz J. Raddatz und Marcel Reich-Ranicki lasen ihre bereits publizierten Kritiken des Romans „Der Butt“ vor.

Die erste und letzte Lesung

In der anschließenden Diskussion, die aus Zeitmangel nur kurz war, fiel vor allem die Äußerung von Grass auf. Er hielt es, wie nicht anders zu erwarten war, für richtig und nötig, sich zu wehren. Die deutsche Literatur habe sich, sagte er, seit den fünfziger Jahren außerordentlich entwickelt und sei zur Zeit überaus interessant, sie werde in der ganzen Welt bewundert. Hingegen arbeite die deutsche Literaturkritik immer noch mit den Instrumenten aus den fünfziger Jahren.

Nach diesen Verlautbarungen, die nicht erörtert wurden, erzielte Grass einen Lacherfolg: Er bedauere, gestand er, daß das neue Ehescheidungsrecht nicht auf das Verhältnis Autor-Kritiker angewandt werde. Dem ist zu entnehmen, daß Grass sich von manchen seiner Kritiker gern trennen und sich andere wählen möchte. Er träumt offenbar von einer harmonischen Beziehung. Sein Wunsch und Traum wurden nicht diskutiert.

Zum Abschluß der Tagung hatte sich Richter etwas in der Tat Effektvolles ausgedacht. Wolfdietrich Schnurre las ebenjene Geschichte „Das Begräbnis“ vor, mit der im September 1947 die erste Tagung der Gruppe 47 eröffnet wurde. Das war ein stilvoller und glücklicher Einfall. Denn diese Geschichte, ein für die Literatur kurz nach 1945 überaus charakteristisches Prosastück, ist immer noch gut.

Dann ist eine Abschiedsrede von Hans Werner Richter fällig. Er will sprechen, aber er sagt nur drei Worte: „Ich bedanke mich“, er hat Tränen in den Augen, mehr reden kann er nicht, er wendet sich ab, alle schweigen betreten. Unter Schriftstellern, zu deren Metier es gehört, Rührung hervorzurufen, ist es nicht üblich, Rührung zu zeigen. Niemand steht auf, Richter sagt, etwas schroff, man solle doch rausgehen: „Es ist zu Ende.“

Einige bemühen sich um den immer nur zum Fenster gewandten Richter und bieten ihm, was Schriftsteller in jeder Situation zu bieten haben: Worte. Eine Frau ist vernünftiger und praktischer als die verlegenen Herrn. Sie holt rasch ein Glas Sekt. Richter hat immer noch Tränen in den Augen. Nicht nur er. Die sonst so hartgesottenen Damen und Herren sind gerührt und ergriffen.

Die Tagung ist beendet. Wir gehen spazieren. Der Versuch, sich über Mozart oder Grass zu unterhalten, ergibt nichts. Das Gespräch ist schwerfällig, auch eloquente Rhetoriker und beredte Kritiker sind plötzlich sehr einsilbig.

Durch Saulgau fahren jetzt Dutzende amerikanischer Panzerwagen, denn in dieser Gegend findet gerade ein großes Manöver statt. Der Lärm ist höllisch, aber er kommt nicht ungelegen. Wir brauchen nicht weiterzureden. Jeder ist mit seinen Gedanken allein. Sie kreisen, scheint es, um ein einziges Thema: Hans Werner Richter.

Zwanzig Jahre lang hat er gewiß nicht alle, doch sehr viele deutsche Schriftsteller den Gegensätzen zum Trotz zu vereinen vermocht. Das hat es in der Geschichte dieser Literatur noch nie gegeben. Wir alle haben ihm zu danken. Das Abschiedstreffen war auch und vor allem eine Demonstration dieser Dankbarkeit.

Anmerkung der Redaktion: Der Bericht ist zuerst erschienen in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. September 1977, S. 25, und jetzt erneut im Rahmen der erstmals gesammelt und kommentiert veröffentlichten Schriften Marcel Reich-Ranickis über die Gruppe 47, hg. von Thomas Anz. Wir danken Andrew Ranicki für die freundliche Genehmigung dafür.