Literarischer Vampirismus

Ein vergessener Roman von Georg von der Gabelentz präsentiert seine Schreckensfigur (und sich selbst) als Wiedergänger E.T.A. Hoffmanns

Von Manuel BauerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manuel Bauer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die klassische Moderne, die Zeit von etwa 1890 bis 1930, ist im deutschsprachigen Raum eine Blütezeit der literarischen Phantastik. Insbesondere in den Jahren der Weimarer Republik hatten phantastische Sujets und Erzählweisen in Literatur und Film Konjunktur. Bisweilen wurde in diesem Umstand (besonders prominent in Siegfried Kracauers klassischer Studie Von Caligari zu Hitler) bereits ein Phänomen des Irrationalismus gesehen, der schließlich die Machtübernahme der Nationalsozialisten begünstigte. Einer der vergessenen Autoren, die sich mit allerlei Übersinnlichem befassten, ist Georg von der Gabelentz (1868–1940). Sein letzter Roman, Das Rätsel Choriander von 1929, liegt nun in einer Neuedition der noch jungen, aber längst verdienstreichen „Edition Wehrhahn“ vor.

„Ein neuer spannender Roman im Geiste E.T.A. Hoffmanns“ versprach der zeitgenössische Untertitel, und in der Tat sind die Anleihen bei einem der Urväter phantastischer Literatur unübersehbar. Der „Gespenster-Hoffmann“ ist ein allgegenwärtiger literarischer Einfluss, vor allem aber ist er in diesem Roman – der damit auf das Schönste seine eigene Poetik reflektiert – als Wiedergänger präsent. Der Held des Romans, der junge Gelehrte Doktor Wendlow, ist akademisch an übersinnlichen Phänomenen aller Art interessiert. Weil sich von kontemplativem Forschen aber schwerlich spektakulär erzählen lässt, erlebt er fernab seiner Studierstube die absonderlichsten Abenteuer mit Okkultismus, Somnambulismus, Traumerscheinungen, Vampirismus, Doppel- und Wiedergängern. Als Wissenschaftler und Geisterseher verkörpert Wendlow genau den Doppelcharakter, den literarische Phantastik seit jeher kultiviert: ein Changieren zwischen Ratio und Schwärmerei, zwischen analytischem Blick und ahndungsvoller Schau. Als ein befreundetes Paar um seine Hilfe bittet, wird er zu einer Art spiritistischem Detektiv und kommt einem geheimnisvollen Zusammenhang rund um den rätselhaften Professor Virinius auf die Spur, der sich als Autor Choriander nennt. Das ist im Detail alles genretypischer Quark, aber hübsch zu lesen. Dieser mirakulöse Professor baut nicht nur „Brücken in die Nacht“ und „sucht so was wie Wege zu dem, was ohne Raum ist“, er ist auch selbst eine Figur, die geradewegs einem Nachtstück entsprungen sein könnte; wie es scheint, ist Virinius/Choriander ein Revenant E.T.A. Hoffmanns. Durch „psychischen Vampirismus“ entzieht Choriander seinen Opfern Lebensenergie (auf ähnliche Weise lebt der Roman gleichsam durch literarischen Vampirismus von Hoffmann’schen Motiven und den Legenden, die sich um diesen Autor rankten). Die Handlung kulminiert schließlich in einem übersinnlichen Zweikampf zwischen Wendlow und Choriander.

Professor Choriander ist ein nicht allzu ferner Verwandter von Doktor Mabuse und Doktor Caligari, zwei der dämonischen Erzschurken des Weimarer Kinos. In den schwärmerischen Spuk mischen sich, wie freilich schon in Hoffmanns diversen Magnetismus-Erzählungen, Aspekte der Machtkritik, aber auch brisante politische Tagesaktualität wie „die Frage des österreichischen Anschluss an das übrige Deutschland“ werden zumindest beiläufig erwähnt. Die fiktionale Faszination für das Irrationale muss nicht blind sein für unheimliche Entwicklungen, die sich unter dem Banner eines nüchtern geplanten völkischen Irrationalismus ganz real vollziehen. Wenn in einem Roman von 1929 eine schurkische Machtfigur wiederholt als „Menschenopferer“ bezeichnet wird, dessen Anhänger die Meinung vertreten, „um seines Zieles willen darf er wohl Opfer fordern“, dann kann sich der nachgeborene Leser eines ganz und gar nicht wohligen Grusels schwerlich erwehren. Der Erzähler kann sich einer Faszination für diese Figur und ihr Weltbild nicht entziehen, exponiert derlei Ansichten aber schließlich doch mit kritischem Impetus.

Ein Sprachkunstwerk allerersten Ranges ist dieser Roman sicher nicht. Das Kolportagehafte ist mit Händen zu greifen – nicht ohne selbstironische Brechung, wenn die Sensationslüsternheit des innerfiktionalen Publikums ebenso ausgestellt wird wie der Wille, diese Bedürfnisse zu befriedigen: „Eine Dame? Ein Abenteuer? Unheimlich gar? Oh, das müssen Sie erzählen!“ Die aneinandergereihten Episoden werden bisweilen nur recht flüchtig miteinander verbunden, ein sprichwörtlicher „roter Faden“ ist über die thematische Verwandtschaft mannigfaltiger übersinnlicher Phänomene hinaus nicht immer ersichtlich. Nicht alle Rätsel werden aufgelöst oder wieder aufgegriffen, was je nach Standpunkt als ästhetischer Mangel oder als Erfüllung des Merkmals der Unsicherheit gelten kann, das für die literarische Phantastik konstitutiv ist. Bei all dieser programmatischen Unsicherheit: Manches Motiv läuft einfach unmotiviert ins Leere. Gelegentlich wandelt der Roman sehr eng an der Grenze zum Kitsch, sei es in einzelnen Formulierungen oder größeren Strukturmerkmalen, wenn ein als Retter agierender jugendlicher Held die schöne junge Frau „gewinnt“. Hier schleicht sich beim günstigen Leser zuweilen der Verdacht ein, dass die Rezeptionsgeschichte manchmal doch nicht ganz Unrecht hat. Dennoch: Für Freunde literarischer Phantastik des frühen 20. Jahrhunderts wird hier ein famoser Firlefanz feilgeboten.

Einen kleinen Wehrmutstropfen stellen einige Tippfehler dar – sowohl im Romantext als auch im von Niels Penke besorgten, klugen und informativen Nachwort. Hier wäre größere editorische Sorgfalt wünschenswert. Das schmälert aber das Verdienst dieser wunderbaren Reihe nur geringfügig. Einmal mehr ist die „Edition Wehrhahn“ dafür zu loben, abseits der Ränder des Kanons nach versunkenen Preziosen oder Kuriositäten zu suchen. Wer literarhistorisch interessiert ist, ein „Begehren nach dem Wunderbaren“ verspürt und von „dem Grauen, das unser Herz erschüttert“, nicht genug bekommen kann, wird diesem Roman einiges abgewinnen können. Für ein Publikum, das Gefallen an den Erzähltexten von Gustav Meyrink, Hanns Heinz Evers oder Leo Perutz findet, ist Das Rätsel Choriander ein neu zu entdeckendes Schätzlein (auch wenn von der Gabelentz sicher nicht über die artistischen erzählerischen Möglichkeiten etwa eines Perutz verfügt, von denen Hoffmanns ganz zu schweigen). Als bemerkenswertes historisches Dokument der Rezeption unseres allergrößten Großphantasten ist es ohnehin reizvoll.

Titelbild

Georg von der Gabelentz: Das Rätsel Choriander.
Mit einem Nachwort herausgegeben von Niels Penke.
Wehrhahn Verlag, Hannover 2016.
166 Seiten, 14,80 EUR.
ISBN-13: 9783865255334

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