Brinkmann regained

Rolf Dieter Brinkmanns "Briefe an Hartmut"

Von Ulf Geyersbach

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Vermutlich kann ich gar nicht schreiben", so Rolf Dieter Brinkmann über Brinkmann, Deutschlands Vorzeigebeatnik und Autor des ersten deutschen Pop-Gedichts, "To Lofty with Love", entstanden 1966, inspiriert von Frank O'Haras "Lunch Poems". Seit dem frühen Unfalltod 1975 in London wird Brinkmann wahlweise zum Pop-Mythos oder zum lyrischen Genie oder beidem nachgerüstet. Das verdankt sich dem Mangel an Pop-Ikonen bzw. lyrischen Genies hierzulande wie der Pose des Dichter-Prosaisten: Sensualist, Radikalprovocateur, Beatpoet, Romantiker, Pop-Artist, Hypochonder und Revolutionär in persona - ein wahrhaft vielschrötiger Schreckensmann vor dem Herrn. Jetzt ist dem Mythos Brinkmann, zumeist aus Berichten der Zeitgenossen gespeist, in Briefen und Gedichten nachzuspüren. Damit jedoch wird man dem Phänomen kaum gerecht.

Von Januar bis Mai 1974 hatte Rolf Dieter Brinkmann als Gastlektor an der University of Texas at Austin unterrichtet. Dort schloß er mit dem Jahre zuvor von München nach Austin emigrierten Hartmut Schnell Freundschaft, die nach Brinkmanns Rückkehr nach Köln brieflich fortgeführt wurde. Der erste dieser Briefe wurde 1995 bereits im "Rowohlt Literaturmagazin" veröffentlicht. Jetzt liegt der knapp ein Jahr umfassende Briefwechsel mit einer Neuauflage des 1970-1974 entstandenen Gedichtbands "Westwärts 1&2" vor - einer der wenigen Lyrik-Strongseller der letzten Jahrzehnte.

"Pump, [...] das Telefon abgekniffen, der schreckliche kölner Winter in einer engen vergammelten Wohnung, wo's zieht, die Fensterrahmen faulen, die Küche zu groß und zu hoch, 'klassizistisch', ohne zu beheizen, also immer den Gasherd anzünden, [...] die endlosen lichtlosen engen, niedrigen Tage, ein dumpfes fahles Gemisch, der Stadtverkehr [...] - zersplitterter Sex [...] - - - ich fühle mich total unterlegen und untergebeugt". Jener, der 'schonungslose Beobachter der Leere und des Todes' im "Todesterritorium Deutschland", hatte in den Nachlaßbänden "Rom, Blicke" (1979) und "Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand: Träume - Aufstände /Gewalt /Morde. Reise-Zeit-Magazin. Die Story ist schnell erzählt (Tagebuch)" (1987) seinen Auftritt. In den "Briefen an Hartmut" und dem zeitgleich entstandenen Aufsatz "Ein unkontrolliertes Nachwort zu meinen Gedichten" führt Brinkmann die Technik der Überzeichnung des 'alltäglichen Horrors' ins Extrem. Das Ergebnis solcher Verzerrungen, womöglich einem Gefühl drückender persönlicher Enge - "Bin ich zu empfindlich?" - entsprungen, ist der Trümmerbarock und Katastrophenbrokat eines Dichters, der um die Einfachheit seines Ausdrucks bemüht war. Diese Überzeichnungen, desolate materielle Lage vulgo verbittert-enttäuschte Randexistenz inklusive, werden flux-generalisierend auf den Zustand deutscher Nachkriegsbefindlichkeiten übertragen. "Warum nicht zugeben, daß ein Sprachbezirk, ein Land, das jahrelang ausgeräubert worden und runtergekommen ist, nur noch aus Gespensterstraßen und Gespenstermenschen besteht? Gespenstervororte, Gespensterentzückungen, Gespensterbanken und Gespensterbüros, Gespensterfamilien und Gespensterschulen, ist der Krieg tatsächlich vorbei?" Das ist keiner der geringsten Widersprüche Brinkmanns, der verallgemeinert, wo er das Konkrete ausstellen wollte, anklagt, wo er das Rohe und Banale unverstellt vorzustellen glaubte.

Austin, Texas, hatte Brinkmann, so seine Texte, einen Moment der Befreiung von Obsessionen gewährt, allen voran jene Protest-Manie, die ihn immer wieder einholte. Brinkmann liefert in den "Briefen an Hartmut" den Beipackzettel einer ästhetisch-biographischen Rebellion: Schreiben gegen Deutungen und Bedeutungen, gegen fixiertes Sprachmaterial, gegen Formtradition, gegen den Literaturbetrieb, gegen die literarische Produktion seiner Zeit. Und was diesem Widerstand entsprang, das verbindet Leben und Texte in der Tat solcherart, daß Gattunsgrenzen zwischen Brief, improvisierten Gedicht und Schnappschuß verschwimmen. "Kunst schreitet nicht fort, sie erweitert sich." Brinkmann verabscheute den Zug der deutschen Literatur ins tiefgründig Bedeutsame. Er schleuste das Banale, das Unbehauene und Rohe, die Intensität des individuellen Eindrucks in die Lyrik, wenn auch, rückblickend, nur für eine Zwischenzeit. Im Verzicht auf bedeutend-metaphorisches Schreiben zog Brinkmann Distanz im Tausch gegen Intensität ein. Doch die Formulierung des unmittelbar-subjektiven Erlebnisses gelang auch ihm, wissend, nicht. Zu sehr stand und steht die Pose, die Staffage des Schreibenden ihm im Weg. Rolf Dieter an Hartmut: "das hier ist ja alles zu eitel!"

Sein hektisches, assoziatives, impulsives, zufallsgeleitetes Schreiben vermehrte das subjektive lyrische Element, wo es doch die Dinge und Oberflächen selbst zur Sprache kommen zu lassen dachte. Dennoch: Es bleibt der Zugewinn an Weite, an Ausdrucksraum. Brinkmann zog dem Tiefengrund die Oberfläche vor, der Befangenheit im Formalen die formlose Breite, in die er seine Gedichte zuletzt führte: thematisch, indem er Alltagspartikel in seine Zeilen hineinkehrte; wahrnehmend, wo er Momenten des 'Gegenwartsbewußtseins' nachspürte (oft unter Einfluß von Drogen, die ein Gefühl der 'Breite' vermittelten); methodisch, indem er Techniken spontanen Schreibes ausfeilte; typographisch, wo er den Satzspiegel seiner Prosabände breit und absatzlos sehen wollte und seine späten Gedichte den Seitenraum willkürlich weit aufreißen ('optische Gedichte'); orthographisch, indem er endlosen Sätzen die Punktpause verweigerte.

Brinkmann, ruhelos in der Produktion von Texten, unstetig Vorbilder und Weggefährten auf Zeit suchend, all das läßt sich exemplarisch den Briefen entnehmen. Zunächst Gottfried Benn, Ezra Pound und Arthur Rimbaud, dann Peter Rühmkorf ('Dem roten Rühmkorf' widmete er den ersten, wegen eines Druckfehlers zurückgezogenen Gedichtband "Ihr nennt es Sprache" [1962]) und Alain Robbe-Grillet; schließlich die Amerikaner: William S. Burroughs, die Lyriker William Carlos Williams und Robert Creeley und, allen voran, Frank O'Hara, in dessen Schatten seinerzeit - von Jürgen Theobaldy zu Niklas Born - eine ganze Generation dichtete. Diesen Selbstvorlagen fügt sich ein aufschlußreicher Teil von Eigeninterpretationen und Übersetzungskommentaren an, da der Freund Hartmut an einer Abschlußarbeit zu Brinkmanns Gedichten arbeitete. Besonders im letzten Drittel des Briefbandes kann, wer mag, den Gedichtband parallel lesen und Aufschlußreiches zu Entstehung und Hintergrund der Gedichte abschmecken.

Austin, Texas, staffierte Brinkmann zum Paradies irdischer Breite, zum Land der Stille und Unmittelbarkeit: "und das Autofenster hochgekurbelt, / wo das Land zu beiden Seiten / weit ist, Texas, eingezäunt". Brinkmann gebar sich als Rebell und rächender Westernheld in der Weite der Prärie. Auch dies war von nur kurzer Dauer. Der Westerner, so Georg Seeßlen, ist zum Weiterziehen verdammt. Auch Brinkmanns Western-Idylle zersplittert: "Die Texaner [...] blieben auf dem Trottoir stehen, wenn an der Ampel gegenüber die rote Schrift 'Don't Walk' aufleuchtet!" Soweit der Westerner sich der Heimat entfernt, er kann seine Herkunft nicht abstreifen. Brinkmann mußte, bei allem Flucht- und Provokationseifer, dem verhaßten Deutschland sprachlich fatal verhaftet bleiben. Das zeigen seine ungelenken englischen Briefe an Hartmuts Gefährtin Sheila.

Einziger Ausweg dieses Westerner-Dilemmas ist der Versuch, das aktuell entstellte, doch als urprünglich schön erkannte Herkunftsland in der eigenen Würde symbolisch wiederhergestellt zu sehen. Brinkmann wollte Würde in Stille und Erinnerungen widerhergestellt wissen, in verschwiegen-idyllischen Standphotos. Erstaunlich an den "Briefen an Hartmut" ist jener rückblickend-melancholische, kindlich-sanfte, empfindsame Brinkmann, den Rezensenten schon 1975 als weichen Kern aus der harten Schale des Gedichtbands "Westwärts 1&2" herausgeschält hatten. Die Briefe artikulieren unentwegt Sehnsucht nach Licht und Stille: "Du siehst, wie wenig ich zu erzählen habe. - Das Gehirn ist überlastet mit dieser Drecksrealität. - Stille ist etwas ganz seltenes geworden" Im ruhigen, ungetrübten Mittagslicht des Westens fügt sich eine Realität konkret zusammen, die den Ansprüchen des Dichters nahekommt. "Imagination ist/immer gegen Realität, mit der Realität." Für und Wider, Brinkmann provoziert und polarisiert, weiterhin. Love him or leave him, anyway -: Brinkmann regained.

Titelbild

Rolf Dieter Brinkmann: Briefe an Hartmut 1974-1975. Mit einer fiktiven Antwort von Hartmut Schnell.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1999.
284 Seiten, 23,00 EUR.
ISBN-10: 3498006088

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Titelbild

Rolf Dieter Brinkmann: Westwärts 1 & 2.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1999.
183 Seiten, 9,70 EUR.
ISBN-10: 3499224518

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