Bleib, Schwesterlein, bleib!

Peter Härtling plündert Serienstoff

Von Heinz Ludwig Arnold

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Peter Härtling ist ein Schriftsteller, der soziale Konflikte und historische Konstellationen in seinen Romanen schon immer gern um starke Figuren herum inszenierte. Weshalb ihm auch das Leben von Künstlern häufig Anlaß zu biographischen Romanen war. Härtling erzählt diese fiktionalen und zugleich faktenkundigen Bücher inzwischen freilich mit faltenloser Routine, eingängig und unterhaltsam. Er ist so im Laufe der Zeit zu einem häufig gelesenen Volks-Schriftsteller mit aufklärerischen Impulsen geworden.

Sein neues Buch, der Roman "Große, kleine Schwester", fokussiert geschichtliche Entwicklung und soziale Problematik in den Lebensläufen zweier fast gleichaltriger Schwestern: Lea und Ruth, geboren 1906 und 1907. Die deutschen Mädchen sind aufgewachsen im mährischen Brünn. Das war damals noch habsburgisch, wurde nach dem Ersten Weltkrieg tschechisch, von 1939 bis Kriegsende von Nazi-Deutschland okkupiert, und von 1948 bis 1990 kommunistisch.

Allein die geschichtliche Folie, vor deren Hintergrund Härtling seinen Lebens-Roman entwickelt, liefert schon einen komplexen Stoff voller sozialer, ethnischer und ideologischer Konflikte bis in die Gegenwart. Viel, vielleicht zu viel Material für das Erzähl-Panorama, das Härtling auf nur 340 großzügig bedruckten Seiten versucht.

Zumal Härtling die neunzehn Kapitel seines Romans zweispurig angelegt hat. Achtzehn Kapitel erzählen im jeweils ersten Teil die Verfalls-Geschichte der beiden alten Frauen, die seit Ende der vierziger Jahre zusammenleben, in den Achtzigern bis in die neunziger Jahre; und im jeweils zweiten Kapitel-Teil den historischen Verlauf und darin die Geschichte der Schwestern von ihrer Kindheit am Vorabend des Ersten Weltkriegs bis zum Tode ihrer Mutter im Jahre 1953.

Das letzte Kapitel erzählt vom Ende der beiden, von Ruths schnellem Tod und von Leas langsamem Sterben im Pflegeheim. Es soll den Höhepunkt der Symbiose darstellen, zu der das immer unerträglichere Zusammenleben der Schwestern geführt hat: Lea kann ihr Leben ohne die Schwester nicht mehr denken, ihr Tod dringt nicht mehr in ihr Bewußtsein.

Härtling hat eine ertragreiche, fast analytische Romanstruktur gefunden. Für die Entwicklung des aktuellen Bewußtseins-Zustands der beiden Schwestern könnte damit gleichsam erzählend Ursachenerforschung betrieben, mit dem Bericht der Vergangenheit Gegenwart erklärt werden. Doch Härtling nutzt die opulenten Erzählmöglichkeiten leider nicht, für die er sich einen so komfortablen Erzählrahmen geschaffen hat. Seine Parallel-Geschichten verschränken sich nicht und treffen sich kaum. Natürlich gibt es hin und wieder Bezüge, Erinnerungen. Aber sie sind nicht transformiert in ein reflektiertes Bewußtsein, sondern bestehen in der bloßen Wiederholung des einst Geschehenen oder im bloßen Lamento über verpaßte Gelegenheiten. Wäre die Absicht des Autors, damit die Unbeweglichkeit und Unentwickelbarkeit in den Köpfen der beiden Frauen zu demonstrieren, so wäre dies freilich zu wenig für einen Roman. Einmal, zu Leas 80. Geburtstag, versucht sich Ruth mit einer kleinen Rede: "Seit vierzig Jahren leben wir zusammen. Zuerst die Jahre mit der Mutter und seither allein. Zusammen allein. Das sind zwei Wörter, die sich eigentlich beißen. Wir haben all die Zeit sie ausgehalten. Manchmal mit großer Mühe. Immer wieder wollte eine von uns davonlaufen. Aber wohin?"

Und der zweite Teil dieser Rede, die, nun extemporiert, nach den Ursachen dieses "Zusammen allein" fragt, kommentiert die Ursachen des gemeinsamen traurigen Lebens so: "Wir haben zuviel gehabt und deshalb zuviel verloren. Genaugenommen blieb uns nichts. Nicht einmal der ältere Bruder, der uns hätte helfen können. Keine Kinder, keine Enkel. Niemand wird, wenn wir nicht mehr sind, um uns trauern. Und davor, daß eine von uns um die andere trauern muß, haben wir beide entsetzliche Angst. Also halten wir uns gemeinsam am Leben. Gemeinsam, sag ich. Und wenn wir manchmal auch Streit haben, daß die Fetzen fliegen - heute bitte nicht! -, möchte ich Dir, Schwester, gestehen, daß ich dich brauche und deshalb vielleicht sogar, natürlich nur zeitweilig, liebe."

Im Grunde geht alles, was Härtling erzählt, in seiner erzählerischen Kraft über diese Lamentation nicht hinaus. In den Gegenwartsteilen wird der Schrecken des Zusammenlebens etwas heftiger ausgemalt, allerdings mit deutlichen Wiederholungen absonderlichen Verhaltens; und in den historischen Kapitel-Teilen werden anekdotische Kindheits-Geschichtchen ausgebreitet und wird Real-Geschichte oft im Eilverfahren abgehandelt, um nur ja keine historische Station auszulassen. Ergriffen wird man von solchem Erzählen nicht, da gibt es nichts Aufregendes oder gar Widerständiges. Fast en passant werden Nazi-Zeit und Vertreibung gestreift ("und bereits nach wenigen Tagen ging das Gerücht, daß viele die Entbehrungen nicht ausgehalten hätten, am Straßenrand umgekommen wären").

Da wirken auch die Figuren nicht plastisch und lebensvoll, sondern mit ihrer Bedeutung bloß beschriftet, und stolpern wie ungeschickt bewegte Marionetten durch die Kapitel. Zu glatt wirkt auch, wie Lea "atemlos zusammenfaßte", "was sie erfuhr und erlebte", als die jüdischen Freunde der Familie sich auf den "Transport nach Theresienstadt" durch die Deutschen vorbereiten. Da gibt es nichts, was falsch oder schief geraten wäre; aber das Erzählen in diesen historischen Teilen ist insgesamt mißlungen - nicht als, durchaus akzeptabler, Bericht, aber eben als Erzählen: als Literatur.

Dieses neue Buch von Peter Härtling ist so harmlos, daß ich manchmal den Eindruck hatte, als läse ich den Entwurf zu einer Vorabend-Fernseh-Serie: jedes Kapitel eine Fortsetzung. Und selbst die harsche Inszenierung des Umgangs beider Schwestern miteinander wirkt bald ermüdend, nicht nur weil man die Schwestern im schnellen Wechsel zwischen Bösartigkeit und Larmoyanz zuweilen nicht auseinanderhalten kann (was Absicht sein mag), sondern vor allem weil die Darstellung ihres Verhalten wie aus Versatzstücken zusammengesetzt scheint und sich in der ständigen Wiederholung schnell abnutzt.

Einst hat Peter Härtling in seinen Romanen Erzählräume entworfen und mit Erinnerungen gefüllt, deren Erfindung die menschliche Existenz berührte: "Niembsch", "Janek" und "Das Familienfest". Auch sie fragten nach Menschen und ihren Geschichten in der Geschichte, bohrten nach der wirklichen Wirklichkeit hinter den Erscheinungen, bezeugten existentiellen Zwang, der sich in den Formen jenes Erzählens manifestierte. Härtlings Roman "Große, kleine Schwester" hat von alledem nichts. Jene Romane waren literarische Erfolge. Dieser wird sich verkaufen.

Titelbild

Peter Härtling: Große, kleine Schwester. Roman.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1998.
346 Seiten, 20,30 EUR.
ISBN-10: 3462027387

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