Wie Anaïs Nin Dr. Otto Rank das Tanzen lehrte und Lou Andreas-Salomé Freud vervollkommnete

Schriftstellerinnen zwischen Seelentauchern und Tiefenpsychologen

Von Christine KanzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christine Kanz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Ich liebte ihn mehr als mein Leben" - dieser Satz, der später auch so vom "weiblichen Ich" in Ingeborg Bachmanns Roman "Malina" formuliert wird, ist womöglich der zentrale im "Tagebuch 1921 - 1923" der jungen Anaïs Nin. Zumindest charakterisiert er ihre Notizen über weite Strecken sehr treffend. Selbstsüchtig und egoistisch - so nimmt sie es wahr - reist die erste große Liebe zunächst einmal drei Monate um die Welt. Und das gleich im ersten Jahr ihrer leidenschaftlichen Beziehung. Nur langsam erkennt die Zurückgelassene, daß er sie, sicherlich ungewollt, damit genau auf das zurückwirft, was ihr anderes Ich ausmacht: ein Überfließen an Kreativität, ein für ihr Alter - sie ist beim Abfassen dieser Tagebücher erst zwischen 18 und 20 Jahre alt - erstaunlich selbständiges Denken und ein hohes Maß an Selbstreflexivität. Dieses Ich vermittelt sie ihm nach und nach in ihren Briefen, und er vermag es nicht nur anzuerkennen, sondern beginnt diese Seite an ihr immer mehr zu achten und zu schätzen. Er fängt an, sie wirklich zu lieben. Nun kann sie ihn - Hugh Guiler, den Bankangestellten mit künstlerischen Ambitionen - heiraten. Vor allem dieser psychische und geistige Entwicklungsprozeß, aber auch die sehr direkte, offene und lebendige Art des Erzählens bieten die Momente, die die Lektüre dieses frühen Tagebuchbandes "Ich lasse meinen Träumen Flügel wachsen" spannend machen.

Nin beginnt bereits mit elf Jahren Tagebuch zu schreiben. Das Tagebuch ist ihre "einzige Freundin und Vertraute". Es bietet Schutz und ist Ersatz vor allem für den geliebten Vater, der sie früh verlassen hatte. Er ist Komponist und Musiker, stammt aus Spanien. Ihre Mutter ist Französin und siedelt nach der Trennung - allein mit ihren drei Kindern - von Paris nach New York über; dort versucht sie, ihre Familie mit Näharbeiten durchzubringen. Ab 1921 schreibt die nunmehr 18jährige Nin nicht mehr auf Französisch, sondern auf Englisch. Ihr wachsendes Interesse für Philosophie und Literatur wird an zahlreichen Bemerkungen deutlich. Von der gerade erblühenden, überall diskutierten Wissenschaft Psychoanalyse allerdings scheint sie in dieser Zeit noch nicht viel mitzubekommen. Gleichwohl kennt sie Lou Andreas-Salomé, zumindest deren Texte, und sie bewundert sie um ihrer Tagebücher willen.

Die Schriftstellerin und Essayistin Lou Andreas-Salomé, die nach ihrem 50. Lebensjahr auch anerkannte Psychoanalytikerin mit eigener Praxis war, unterhielt mit Freud ab 1912 eine lebenslang währende, intensive Arbeitsbeziehung und Freundschaft und lieferte ihm (und später auch Lacan) wertvolle Anregungen, insbesondere zur Theorie weiblicher Sexualität und zum Narzißmus oder auch zum Kunstschaffen. Der Briefwechsel zwischen ihnen sowie Andreas-Salomés Tagebücher sind beredtes Zeugnis dafür. Zumindest vermittelt über diese Tagebücher dürfte Nin bereits in jungen Jahren mit einigen zentralen Gedanken der Psychoanalyse konfrontiert worden sein, auch wenn in ihren Notizen der Jahre 1921-1923 davon noch nicht explizit die Rede ist. Allerdings werden ihr lebhaftes Interesse für psychische Begebenheiten, ihre große Begabung zur Selbstbeobachtung und Selbstreflexion, ihre empathischen Fähigkeiten, was die Gefühle anderer und deren Beschreibung anbelangt, bereits hier ganz offensichtlich.

Die Schwachstellen, die schon die Aufmachung des ersten Tagebuch-Bandes ("1921-1923") charakterisieren: das etwas dünne und wenig ambitionierte Vorwort, das lediglich die Familien- und Liebesbeziehungen Nins, nicht ihre Intellektualität ins Zentrum stellt, das Fehlen eines Registers oder gar eines instruktiven Sachkommentars, dies alles tritt am zweiten frühen Tagebuchband "1923 - 1927" des Nymphenburger Verlags noch störender zutage. Für Studien- oder gar wissenschaftliche Zwecke sind beide Bände weitgehend ungeeignet (so sind auch die gestrichenen Passagen - laut Vorwort lediglich "Wiederholungen und Routineeintragungen" oder "zweifelhafte Passagen" - nicht als Auslassungen kenntlich gemacht). Und auch eine Leserschaft mit der Neugier auf den extremen Lebenslauf der in den Verlagsprospekten als verrucht-nymphomanischen femme fatale gehandelten Nin ("Anaïs Nin wie sie keiner kennt. Ihr selbstbewußtes Bekenntnis zum Frausein") dürften von dem zweiten Band enttäuscht sein.

Die zunächst tiefe und glückliche Eintracht unter den jungen Eheleuten bricht schon bald auf - zumal nach dem Umzug ins anfangs verhaßte Paris. Es häufen sich die Berichte über Streitigkeiten, schlechte Laune, Schreibkrisen. Die Depressionen nehmen zu. "Wir steuern den Kurs unserer Ehe nur mit tiefer Liebe" - dieser Titel des zweiten Bandes der "frühen Tagebücher" ist vor diesem Hintergrund treffend gewählt. Das ermüdende Ehekarussell steht dabei so sehr im Vordergrund, daß das literarische Leben, die Philosophie der Zeit oder gar die neuen Ideen der Psychoanalyse trotz gelegentlicher Erwähnung alles andere als plastisch hervortreten.

Ganz anders dann das 1997 im Scherz Verlag erschienene Tagebuch der späteren Jahre. Zu Recht verkünden Einband, Titel und Verlagsankündigung hier vor allem eines: Erotik. "Feuer. Die unzensierten Pariser Tagebücher" ist der feuerrote Band eindeutig zweideutig betitelt. Mit Prüderie und Scheinmoral ist es seit den dreißiger Jahren tatsächlich vorbei. Nin hat Feuer gefangen. Das freie und freizügige Pariser Boheme-Leben ist zu ihrem eigenen geworden. Neben ihrer Ehe mit Hugh Guiler unterhält sie zahllose sexuelle Beziehungen, so eine leidenschaftliche Affäre mit dem Schriftsteller Henry Miller und später zusätzlich mit dem Psychoanalytiker Otto Rank. Wirklich heikel wird dies allerhöchstens dann, wenn sie z.B. einen Brief, der für ihren Ehemann bestimmt ist "aus Versehen an Henry [...] und einen für Henry an Hugh", den Ehemann, schickt oder an einem Abend sowohl den kranken Otto als auch den sich nach ihr verzehrenden Henry trösten muß und obendrein noch der gutgläubige Gatte aus Paris bei ihr in New York anruft. Denn bis nach Amerika ist sie dem Psychoanalytiker Rank gefolgt, was wiederum den (so die Darstellung Nins) nach ihr süchtigen Miller veranlaßt, ihr einen Monat später in die Metropole nachzufolgen.

Nin, die mit fünfzehn die Schulausbildung abgeschlossen und sich dann autodidaktisch fortgebildet hatte, wird später selbst Psychoanalytikerin. Anders als heute war eine Lehranalyse dafür nicht in jedem Fall nötig oder sie wurde quasi nebenbei, bei einem Spaziergang etwa, 'absolviert'. Sigmund Freud selbst sprach sich explizit für die Laienanalyse aus. Nin hatte immerhin selbst eine Analyse gemacht, zunächst bei René Allendry, später bei Rank, zu dem sie über Henry Miller vermittelt worden war. Beide lasen 1932 Ranks auf deutsch geschriebenes, bis heute jedoch nur in der amerikanischen Fassung erschienenes Hauptwerk "Kunst und Künstler" und diskutierten heftig darüber. Miller war derart angetan davon, daß er Rank im Januar 1933 um einen Besuchstermin bat. Bereits nach dem ersten Besuch bei Rank hatte Miller das Gefühl, dieser sei bis zu seinem Kern vorgedrungen. Er will nun selber Psychoanalytiker werden. Nin erlaubt es ihm: "Henry will ebenfalls Psychoanalyse betreiben. Ich werde ihn lassen!"

Sie selbst las daraufhin "alles von Rank" und vereinbarte einen ersten Termin am 8. November 1933 mit dem "Kronprinzen Freuds" - und wurde bald dessen Geliebte. Das ist ein Weg, den sie mit nicht wenigen anderen Patientinnen der auf Übertragung und Gegenübertragung setzenden Psychoanalyse teilte: Sowohl in die Geschichte der Psychoanalyse als auch in die der Literatur eingegangen ist etwa die Beziehung von C.G. Jung und Sabina Spielrein, eine jener Schriftstellerinnen, die ebenfalls später Analytikerin wurden.

Lisa Appignanesi und John Forrester betonen in ihrer informativen Studie "Die Frauen Sigmund Freuds" (die es als Taschenbuch nur noch im Verlag 2001 gibt), daß es auffallend viele Frauen waren, die sich um Freud und seine Theorien regelrecht geschart haben, wobei sich oft produktive Arbeitsbeziehungen ergeben haben. Zu Freuds intellektuellen Freundinnen zählten, neben Andreas-Salomé, seine Schwägerin Minna Bernays, Emma Eckstein, Loe Kann, Joan Rivière und Marie Bonaparte. Seine als Emmy von N., Dora, Katharina, Elisabeth von R. berühmt gewordenen Patientinnen leisteten während der "Pionierzeit" einen großen Beitrag zur theoretischen Grundlegung der Psychoanalyse. Nicht nur bei Lou Andreas-Salomé fand ein Positionswechsel von der Schülerin zur Analytikerin statt, auch Emma Eckstein, Sabina Spielrein, Helene Deutsch, Joan Rivière, Jeanne Lampl de Groot, Ruth Mack Brunswick, Marie Bonaparte, Eva Rosenfeld, Anna Freud wechselten von der Analyse-Couch auf den Analytikerinnenstuhl. Daß die Psychoanalyse noch heute ein von Frauen bevorzugtes Berufsfeld ist, erklären Appignanesi und Forrester mit deren Sozialisierung und dem Gegenstand der Psychoanalyse schlechthin: der Sexualität und der Familie, wobei letztere aus psychoanalytischer Sicht Ausgangspunkt für die meisten psychischen Probleme darstellt. Der Konfliktpfuhl Familie wird von Freud ähnlich kritisch gesehen wie von dem genialen Anarchisten, Kulturtheoretiker, Mutterrechtler und Psychoanalytiker Otto Gross, der sie als Hort jener pathogenen Strukturen begriff, in denen der Konflikt zwischen Eigenem und Fremden am schlimmsten zum Tragen kommt. Wie sein Lehrer Freud vermittelte auch Gross zahlreichen Schriftstellerinnen diejenigen psychoanalytischen Ideen, aus denen er sein radikales Sexual- und Kulturkonzept entwickelte, unter ihnen etwa die Schweizer Jüdin Regina Ullmann oder die Schwabinger Boheme-Schriftstellerin Franziska zu Reventlow. Erwähnt werden beide in der bei Suhrkamp leider vergriffenen, grundlegenden Otto-Gross-Biographie von Emanuel Hurwitz und in Martin Greens Buch über die Richthofen-Schwestern Else und Frieda.

Im Pariser Großstadtmilieu und Intellektuellenflair vermochte Nin den Diskussionen um die Psychoanalyse ebensowenig zu entgehen wie ihre Schriftstellerkolleginnen in den Bohemeszenen anderer Weltstädte, in Wien, Prag, Berlin oder München. 'Die Psychoanalyse lag in der Luft' - so das inzwischen geflügelte Wort von Thomas Mann über die ersten Jahrzehnte dieses Jahrhunderts. Ebensosehr wie ihre männlichen Schriftstellerkollegen wurden die Autorinnen mit den Diskussionen um die Psychoanalyse konfrontiert. Denn auch sie besuchten jene Cafés in München, Wien, Berlin, in denen ein Otto Gross, ein Leonhard Frank, ein Franz Werfel ihre Ansichten über die Psychoanalyse verbreiteten. Trotzdem wird in der Forschung kaum die Frage nach der Verarbeitung psychoanalytischen Wissens in literarischen Texten von Autorinnen jener Zeit gestellt. Zu den Ausnahmen gehören die Untersuchungen Appignanesis und Forresters sowie Inge Stephans. Sie machen deutlich, daß nicht wenige Schriftstellerinnen dieser Jahre, allen voran Lou Andreas-Salomé, hellsichtige Kulturtheoretikerinnen mit scharfem Intellekt und umfassender Bildung waren, die sich mit den Kulturströmungen ihrer Zeit auseinandersetzten und nicht selten einen eigenen Beitrag zur Psychoanalyse leisteten.

Auf ihre persönliche Weise tat dies auch Anaïs Nin. Denn ihre stürmische Beziehung mit Rank brachte ihn zu einigen neuen Erkenntnissen, die er, nach eigener Aussage, sogleich in seine Studien einflocht. Mit Freuds 'Lieblingssohn', seinem im Gegensatz zu anderen so folgsamen und gelehrigen Schüler Dr. Otto Rank, der uns heute durch kaum mehr als seine Ausführungen zum Geburtstrauma bekannt ist, verband Nin - zumindest am Anfang und ihrem Tagebuch zufolge - eine Liebe, die von Ironie, Humor und Spiel geprägt war. "Leben: Feuer. Solange ich brenne, entfache ich andere. Niemals Tod. Feuer und Leben. Le jeu." Ihr Analytiker wird ihr eine Zeitlang zum liebsten Spielzeug: "Ich habe den einen gefunden, mit dem ich spielen kann, wirklich spielen, die Frau spielen, alles in meinem Kopf oder Körper nach ureigenem Rhythmus." Der kleine, dicke, bebrillte und brillante Intellektuelle wandelt sich in ihrer Gegenwart zum Lebensgenießer. Sie bringt dem steifen, ernsten Doktor das Lachen und das Tanzen bei: "Ich kam nie auf die Idee, daß er nicht tanzen kann. Stellte mir nie vor, daß Dr. Rank ein so ernsthaftes Leben geführt haben könnte, daß er nie tanzte. Aber er ist nicht Dr. Rank. Er ist ein kleiner Mann, dessen Blut irrsinnig in Wallung geraten kann. 'Tanz mit mir.' Ich lasse ihn seine Angst und Unbeholfenheit vergessen. Ich tanze einfach. Anfangs ist er steif, er stolpert, ist völlig verwirrt und verloren. Aber am Schluß jenes ersten Tanzes begann er zu tanzen. Zauberhaft. Und wie es ihn freute. 'Eine neue Welt - oh, my darling, du hast mich in eine völlig neue Welt versetzt.'" Seine einstige Analysandin beginnt nun ihn zu analysieren: "Am nächsten Tag fragte ich ihn nach seiner Kindheit. Ganz plötzlich kamen endlose Geschichten zum Vorschein. Am Schluß weinte er. 'Noch nie hat mich jemand danach gefragt. Ich muß immer nur anderen zuhören...'".

Nin und Rank entdecken, daß sie wie "Zwillinge" sind, machen Rollenspiele, lesen sich gegenseitig vor, mit Vorliebe Texte von Mark Twain. Vor allem von "Huckleberry Finn" ist der Psychoanalytiker fasziniert. Er identifiziert sich mit Huckly Finn, nicht mit Tom, und unterschreibt in der folgenden Zeit seine Briefe mit "Huck". Sie verbringen orgiastische Nächte - so das Tagebuch " Feuer" von Anaïs Nin.

Hier beschreibt sie auch, wie gut sie ankommt als soeben niedergelassene Psychoanalytikerin. Am 3. Januar 1936 notiert sie: "Ich liebe die Psychoanalyse. Sie ist das, was die Menschen von mir wollen. Was ich schreibe, scheinen sie nicht zu wollen." Statt auf ihre Buchprojekte zentrieren sich ihre Opusphantasien daher zunehmend auf die Analyse: "Ich bekomme Briefe aus New York. Ungefähr zehn Patienten erwarten mich. Wenn ich Jazz höre, überläuft mich ein Schauer, als ob meine Tätigkeit als Analytikerin ein romantisches Abenteuer würde. Ich träume von den Wundern, die ich vollbringen werde."

Ihre Begeisterung steckt auch den gelegentlich in New York auftauchenden Ehemann an: "Hugh liest Rank. [...] liest ihn mir laut und mit Bewunderung, Begeisterung vor. [...] Er nimmt an meiner Rolle als Analytikerin Anteil, und er spielt sie". Nin, 'die sich auslebt als Frau', entdeckt ihre "männliche Seele": "Ich denke, sowohl Henry als auch Hugh sind Frauen, die ich geistig befruchtet habe".

Daß Nin von ihrer "männlichen Seele" schreibt, scheint typisch für viele nach ihren eigenen Prinzipien und Wünschen lebenden Frauen, insbesondere Schriftstellerinnen dieser Zeit. Andreas-Salomé etwa konnte, so konstatiert die feministische Psychotherapeutin Irmgard Hülsemann in ihrer Biographie treffend, deshalb bereits auf Frauenrechtlerinnen ihrer Zeit antifeministisch wirkende Ansichten (wie die, daß eine kinderlose Frau keine richtige Frau sei) von sich geben, weil sie (eine kinderlose Frau) sich tatsächlich nicht mit Frauen, sondern eher mit Männern identifizierte. Explizit schrieb sie auch, Psychoanalyse zu betreiben sei eine weibliche Tätigkeit, Schreiben dagegen eine männliche. Und sie wechselte in der zweiten Hälfte ihres Lebens, in der sie ähnlich wie Nin aus dem Schutz ihrer Ehe heraus zahlreiche sexuelle Beziehungen einging, bewußt zu der aus ihrer Sicht weiblichen Arbeit über.

Was nach Lektüre aller drei Nin-Tagebücher im Dunkeln bleibt (die Biographie des Scherzverlags enthält zumindest einige Fußnoten mit Sachkommentaren sowie Kurzbiographien der erwähnten Personen und auch ein Register) oder auch einfach nur falsch ist - gerade was Rank angeht -, das alles erhält ein Korrektiv durch die 1997 endlich erschienene Übersetzung von E. James Liebermanns fundierter, spannend geschriebener Rank-Biographie, die auch ein Kapitel über Anaïs Nin beinhaltet. Die Biographie führt einen ganz anderen Otto Rank vor als Nins Notizen. Bei der Schriftstellerin ist Rank vor allem ein unattraktiver, im Grunde lebensuntauglicher Intellektueller, der Nin verfallen ist und der an der Trennung nach drei Monaten fast zerbricht. Bei Liebermann dagegen entsteht das Bild eines großen, bis heute zu Unrecht verkannten Denkers, der die Theorien der Psychoanalyse vor allem um die Gedanken zur Kunst und zu der schöpferischen Produktivität des Künstlers bereicherte und auf das Geburtstrauma sowie die zentrale Funktion der Mutter bei der Neurosenbildung aufmerksam gemacht hat. Was die Nin-Tagebücher nicht leisten, weil sachkundige Kommentare fehlen - hier kann man es nachlesen: Liebermann beurteilt die Ausführungen Nins kritisch. Doch vermag er sie, etwa wegen ihrer klaren Einsichten in Ranks Psychoanalyse-Technik, durchaus auch anzuerkennen. Explizit soll der Analytiker bei Rank auch etwas von einem kreativen Künstler haben, wie Nin treffend bemerkt. Ebenso hellsichtig beschreibt sie, daß der jüdische Autodidakt, der seinen väterlichen Namen Rosenfeld zugunsten von Rank - wohl nach dem Vorbild des Arztes aus Ibsens "Ein Puppenheim" - aufgab, während seiner Analysen gerne improvisierte. Tatsächlich, so Liebermann, wollte Rank bewußt die von der Rationalität und der Disziplin geprägte Analysetechnik des Wissenschaftlers Freud um die Technik der Improvisation ergänzen, was nicht nur den Analysanden, sondern auch den Analytiker zwangsläufig mit eigenen Ängsten konfrontieren mußte. Während Freud explizit "Tiefenpsychologie" betrieb, wollte Rank lieber ein "Seelentaucher" sein.

Nin kritisierte aber auch einige seiner theoretischen Grundsätze. So wurde eine Frau, die von einer Neurose geheilt wurde, nach Ranks Überzeugung zur Frau, "während ein neurotischer Mann mit der Heilung zum Künstler wurde." Die Schriftstellerin war da anderer Meinung: "Er glaubte, daß alle Frauen, die sich einer Analyse unterzogen hatten und ihre Neurose los waren, ins Leben zurückgingen und nicht schöpferisch sein würden. Natürlich hatte er unrecht." Liebermann, der dies zitiert, empfindet ihre Wiedergabe hier als Vereinfachung und nimmt Rank in Schutz: "er hatte sogar gesagt: 'Der Mann, der in Wirklichkeit wie eine Frau handelt - der eine Frau ist, die ihren Instinkten folgt - , er allein ist menschlich.'" Ähnlich wie Freud Andreas-Salomé für ihre Psychoanalyse-Fähigkeiten und -Tätigkeiten lobte, so lobte und schätzte Rank Nin. So schrieb er zwei unveröffentlichte Vorworte, eines für ihr erstes Tagebuch und ein zweites für ihr "Haus des Inzests", bei dem er dafür gesorgt hatte, daß sie es zu Ende schrieb. Zu Nins Berichten über ihre Patienten meinte er wohlgefällig: "Du hast Talent."

Zu dem Maß an Überschwenglichkeit, wie sie Freud Andreas-Salomé gegenüber aufbrachte, reichte es bei ihm allerdings nicht. Andreas-Salomé hat Freud nicht nur oft ergänzt, "vervollkommnet", wie er selbst betont, sondern er gibt auch zu, von ihr gelegentlich Gedankengänge übernommen zu haben. Als sie ihm im Juli 1917 von ihrer Auseinandersetzung mit dem "Dritten Teil" seiner "Allgemeinen Neurosenlehre" berichtet, antwortet er ihr: "Es ist unverkennbar, wie Sie mir jedesmal voraneilen und mich ergänzen, wie Sie sich seherisch bemühen, meine Bruchstücke zum Bau zu ergänzen." Seine Briefe an Andreas-Salomé zeugen nicht nur von seiner Bewunderung ihrer Person und ihrer psychoanalytischen Arbeit, sondern er stellt hier auch ihre Überlegenheit ihm gegenüber fest, was ihre Gedankenführung und ihre sprachlichen Fertigkeiten anbelangt. Vor allem lobt er ihre Begabung, komplexe theoretische Gedankengebäude in verständliche, einfache Worte zu fassen. Seine allergrößte Anerkennung als Psychoanalyse-Theoretikerin aber gewinnt sie schließlich mit ihrem offenen Brief "Mein Dank an Freud" zu seinem 75. Geburtstag, über den er dann schreibt: "Es ist gewiß nicht oft vorgekommen, daß ich eine psa. Arbeit bewundert habe, anstatt sie zu kritisieren. Das muß ich diesmal tun. Es ist das Schönste, was ich von Ihnen gelesen habe, ein unfreiwilliger Beweis Ihrer Überlegenheit über uns alle". Im Gegensatz zu Nin hatte Andreas-Salomé ja auch einiges zur Theoriebildung innerhalb der Psychoanalyse beigetragen. Manches darüber kann man in der um Ausgewogenheit bemühten Biographie Irmgard Hülsemanns nachlesen. Daß ihre differenzierte Darstellung jedoch gelegentliche Untiefen aufweist, entdeckt man gerade auf dem Feld des Feminismus, dem sie sich doch explizit verschrieben hat. Etwas stereotyp wird Freud bei ihr einmal mehr zum Misogyn und Andreas-Salomé zur Feministin. Dabei konnte selbst ein Freud, dem Frauen ansonsten ein "dark continent" und ein "Rätsel" geblieben sind, durchaus anti-essentialistisch argumentieren. So betont er in seiner Vorlesung über "Die Weiblichkeit" ausdrücklich, eine rein auf die Anatomie gegründete Betrachtungsweise der Geschlechter sei ein "Überdeckungsfehler", sei "unzweckmäßig" und bringe "keine neue Erkenntnis." Zwar bemüht sich Hülsemann um eine komplexere Argumentation, wenn sie Andreas-Salomé an einer Stelle eine biologistische Betrachtungsweise der Geschlechter vorwirft. Sie scheint aber nicht zu bemerken, wie verhaftet sie selbst feministisch-essentialistischen Geschlechterkonzeptionen der siebziger Jahre bleibt, wenn sie schreibt, daß Andreas-Salomés "Schriften immer noch faszinieren, weil sie Grundeinsichten über das Wesen von Frauen und Männern und zum Thema Liebe" benenne. Dies seien zum Beispiel "der systematische und strukturelle Denkvorgang bei Frauen" oder deren "Verbundenheitswünsche und der direktere Zugang zum Lebendigen überhaupt." Schade, daß die feministische Psychotherapeutin hier nicht die soziokulturelle Konstruiertheit all dieser angeblich geschlechtsspezifischen Wesenszüge reflektiert, die doch erlernte und übernommene Stereotype, mithin verschieb- und veränderbare Kategorien sind. So differenziert und genau sie großenteils schreibt, so flach erweisen sich solche Passagen, zumal dann nicht selten die oft gelesenen Statements aus den bereits vorhandenen Biographien zu Andreas-Salomé einfach nur übernommen werden.

Was die Forschung zur Psychoanalyserezeption in der literarischen Moderne insgesamt anbelangt, so fällt trotz der verdienstvollen Beiträge von Johannes Cremerius, Bernd Urban, Michael Worbs, Horst Thomé oder Sabine Kyora nicht nur das Fehlen einer zusammenhängenden und umfassenden Darstellung oder Dokumentation auf. Auch daß in solchen Forschungsbeiträgen selten der Name zeitgenössischer Schriftstellerinnen auftaucht, ist frappierend. Die weiblichen Autoren jener Zeit gehören eher zu den Vergessenen. Wer liest heute noch Texte von Lou Andreas-Salomé, Margarete Susman, Regina Ullmann, Mechtilde Lichnowsyky, Franziska zu Reventlow, Ricarda Huch oder Annette Kolb? Zum literarischen Kanon an Schulen oder Universitäten gehören ihre Werke jedenfalls nicht. Insofern können Tagebücher und Biographien immer auch Anreiz sein, sich einmal näher auch mit literarischen Texten der (auf der inneren Gedankenbühne der Lesenden durch sie gerade so lebendig gewordenen) Schriftstellerinnen zu befassen. In diesem Fall also mit den Werken Anaïs Nins und Lou Andreas-Salomés.

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Martin Green: Else und Frieda. Die Richthofen-Schwestern. Aus dem Amerikanischen von Edwin Ortmann.
Piper Verlag, München 1996.
407 Seiten, 11,70 EUR.
ISBN-10: 3492223230

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Anaïs Nin: Ich lasse meinen Träumen Flügel wachsen. Die Frühen Tagebücher 1921-1923. Aus dem Englischen von Barbara Scriba-Sethe. Mit einem Vorwort von Gunther Stuhlmann.
Nymphenburger Verlagsanstalt, München 1996.
348 Seiten, 22,50 EUR.
ISBN-10: 3485007579

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E. James Liebermann: Otto Rank. Leben und Werk. Aus dem Amerikanischen von Anni Pott.
Psychosozial-Verlag, Giessen 1997.
620 Seiten, 45,00 EUR.
ISBN-10: 3932133137

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Irmgard Hülsemann: Lou. Das Leben der Lou Andreas-Salomé.
Claassen Verlag, München 1998.
543 Seiten, 29,70 EUR.
ISBN-10: 3546001524

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Anaïs Nin: Wir steuern den Kurs unserer Ehe nur mit tiefer Liebe. Die frühen Tagebücher 1923-1927. Aus dem Englischen von Barbara Scriba-Sethe. Mit einem Vorwort von Joaquin Nin-Culmell.
Nymphenburger Verlagsanstalt, München 1998.
396 Seiten, 22,50 EUR.
ISBN-10: 348500796X

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Anaïs Nin: Feuer. Die unzensierten Pariser Tagebücher. Aus dem Englischen von Monika Curths.
Scherz Verlag, München 1999.
479 Seiten, 12,70 EUR.
ISBN-10: 3502195064

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