Goldenes Herz und eiserne Schnauze

Der widersprüchliche Kurt Tucholsky

Von Sonja Sakolowski

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Über Tucholsky scheinen beim Lesepublikum zwei völlig gegensätzliche Meinungen vorzuherrschen: Die Literaturwissenschaftler behandeln ihn häufig mit einer Art gönnerhaftem Wohlwollen und sehen in ihm hauptsächlich den Autor fröhlich-witziger Liebesgeschichtchen à la "Rheinsberg" und "Schloß Gripsholm". Und da "leicht verständlich" in Deutschland immer schon gerne mit "gehaltlos" verwechselt worden ist, eignen sich Tucholskys Büchlein für den ernstzunehmenden Intellektuellen bestenfalls als Urlaubslektüre auf der Strandliege. Von den Wohlmeinenderen wird Tucholsky gern zur linken Ikone, zum Kämpfer gegen den Nationalsozialismus stilisiert. Tucholsky hat aber tatsächlich vermocht, diese Gegensätze zu vereinen. Er wußte selbst, daß andere damit Schwierigkeiten haben würden: "Wer glaubt in Deutschland einem politischen Schriftsteller Humor? dem Satiriker Ernst? dem Verspielten Kenntnis des Strafgesetzbuches, dem Städteschilderer lustige Verse? Humor diskreditiert."

Daß Tucholskys Charakter aber noch viel mehr Widersprüche hatte, zeigt uns eindrucksvoll Michael Hepp. Sein Buch ist weder ein Denkmal für den intellektuellen Klassenkämpfer Tucho, noch eine Abrechnung mit dem "Totengräber der Weimarer Republik" (Golo Mann). Er hat es zurückhaltend eine "biographische Annäherung" genannt - und tatsächlich nähert er sich dem Mann mit den fünf Pseudonymen weit mehr, als manche Autoren "definitiver" Biographien.

Daß sich hier jemand viel Mühe gegeben hat, merkt man nicht nur an den unzähligen Fußnoten und an dem Hinweis auf die "Detektivarbeit" im Vorfeld der Arbeit: "Schnell merkte ich, daß mehr als eine Annäherung an eine Biographie nicht zu erreichen sei. Alles andere scheint mir auch heute noch vermessen." Da produziert sich kein eitler Alleswisser und -kommentierer, wie es so oft bei Biographien der Fall ist: man erfährt da ja häufig mehr über die Befindlichkeiten und Ansichten des Biographen, als über die Person, die eigentlich interessiert. Die Begeisterung für sein Thema merkt man Hepp (der bis vor kurzem Vorsitzender der Kurt-Tucholsky-Gesellschaft war) auf jeder Seite an. Sein Enthusiasmus bestärkt ihn, tiefer im Leben des Schriftstellers zu graben, auch an den dunklen Stellen, die bisher von der Forschung vernachlässigt worden sind, weil sie womöglich dem gängigen und bequemen Tucholsky-Bild (siehe oben) geschadet hätten. Und wenn Hepp fündig wird und neue Aspekte entdeckt, dann passiert das angenehm unaufgeregt..

Der Autor untersucht nochmals Tucholskys Rolle im Ersten Weltkrieg und entdeckt dort den erbitterten Gegner des Militarismus als Etappenoffizier an der Ostfront. Wir begegnen in diesem Buch dem rechtschaffenen Journalisten der linken "Weltbühne" plötzlich als Chefredakteur einer Zeitschrift, die bei der volksverhetzenden Oberschlesienpropaganda 1920 eine unrühmliche Rolle gespielt hat. Wir sehen Tucholskys durchaus als opportunistisch zu bezeichnende Anpassung, wenn er häufig am selben Tag Artikel in kommunistischen Kampfblättern und gleichzeitig in liberal-gemäßigten Tageszeitungen veröffentlicht. Uns wird der Dichter gezeigt, der in maßgeschneidertem Anzug für die geknechtete Arbeiterklasse schreibt. Wenn Hepp dann schließlich noch ganz lapidar feststellt: "Besonders die "klassenkämpferischen" Passagen in seinen Gedichten nehmen sich oft wie Fremdkörper aus und sind auch stilistisch nicht immer gelungen, sind die Widersprüche, die er da aufdeckt, eines mit Sicherheit nicht: unhaltbare Verleumdungen. Alles wird überzeugend belegt und in Fußnoten kommentiert (die einem durchaus die Lesefreude trüben können, man muß immer so viel blättern): Quer- und Literaturverweise, Zitate und selbst abweichende Forschungsmeinungen werden dokumentiert. Sogar daß Tucholsky einmal einen Bandwurm hatte, den er Bruno taufte, wird glasklar belegt. Niemals aber brüstet sich der Autor damit, ein endgültiges Ergebnis erzielt, oder die Beweggründe für Tucholskys widersprüchliches Verhalten völlig durchschaut zu haben.

Letztlich macht die Erkenntnis, daß Tucholsky eben nicht der makellose Vorzeigeintellektuelle, sondern ein Mann voller Widersprüche war, ihn nicht unsympatisch. Er wird durch Hepps Nachforschungen glaubwürdiger und - ein Wort, das er gar nicht mochte - menschlicher.

Titelbild

Michael Hepp: Kurt Tucholsky. Biographische Annäherungen.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1999.
576 Seiten, 10,20 EUR.
ISBN-10: 3499226294

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