Auskünfte über Franz Fühmann

Eine Biographie in Bildern, Briefen und Dokumenten sowie der Briefwechsel mit Margarete Hannsmann

Von Stefan Wieczorek

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Diskurse, die sich in der Namenlosigkeit des Gemurmels entrollen würden, imaginierte vor nunmehr über dreißig Jahren Michel Foucault. Die Entwicklung des literarischen Feldes verlief jedoch konträr, mittlerweile kann man auch von einer Rückkehr des Autorbegriffs in der Literaturwissenschaft sprechen. Deutlich ist dabei aber, dass es sich um einen anderen Autor als ehedem handelt. Was vielfach bleibt, ist die Kluft zwischen dem Autorbegriff der Literaturtheorie und dem Umgang mit dem Autor in der literaturhistorischen Praxis, insbesondere der Biographieschreibung, deren narratives Muster häufig an psychologischen Fragestellungen orientiert ist oder bei denen die Autorbiographie undifferenziert zur Interpretationsdeterminante wird.

Bei den Autoren, die bisher vor allem unter dem Signum DDR-Literatur verhandelt wurden, kommt hinzu, dass die eingeübten Meta-Erzählungen kaum noch tragen. Ohne die Tendenz der Heroisierung kommen nur wenige Biographien aus, im ungünstigsten Fall wird der schöpferische Prozess auf eine positiv oder negativ besetzte Konnotation kulturpolitischer Maßnahmen reduziert. Barbara Heinzes Fühmann-Buch hebt sich durch die Zurückhaltung der Autorin von der Fragwürdigkeit vieler Vertextungen ab. Sie vertraut auf die Aussagekraft der Dokumente und auf die Kompetenz der Leser, durch ihre Zeitgenossenschaft im weitesten Sinne, sich diesen Dokumenten verstehend zu nähern. Sigrid Damm schreibt in ihrem Geleitwort, Barbara Heinze zeige Fühmanns Leben und Werk als Paradigma einer Epoche. Einwenden möchte ich, dass dieses Buch so überzeugt, weil die Autorin gerade dies nicht versucht, nicht auf Paradigmen, sondern auf genaueste Beobachtung vertraut, durch ihre Auswahl Verbindungsmöglichkeiten eröffnet, aber keine favorisiert. Der erste Teil der Biographie ist chronologisch gegliedert. Dabei wird offensichtlich, wie sehr Fühmann die eigene Biographie immer wieder zum Untersuchungsgegenstand macht.

Zugleich leistet das Buch von Barbara Heinze, die Spuren außerliterarischer Diskursfäden im Werk Fühmanns kenntlich zu machen, indem die Gliederung den chronologischen Aufbau verlässt und das Material nach Themenfeldern geordnet präsentiert. Jeweils ein Kapitel ist Fühmanns Engagement in der Friedensbewegung, seinem Dialog mit Behinderten in der Psychiatrischen Anstalt Fürstenwalde, den Kinderbüchern, der Trakl-Rezeption und - für das Spätwerk essentiell - dem Bemühen und Scheitern des Bergwerk-Projekts gewidmet. Jedes dieser Kapitel formt ein kleines Universum, mehr eine Arbeitsgrundlage als schon eine erstarrte Perspektive; in diesem Sinne ist der Band vielleicht keiner, um Fühmann erstmals kennen zu lernen, sondern einer, um ihn neu kennen zu lernen.

Neben Interviews, Briefen und Aktendokumenten werden literarische Texte von Fühmann platziert, so etwa "Das Judenauto" oder "Vor Feuerschlünden. Erfahrung mit Georg Trakls Gedicht", wenn die Kindheit von Fühmann ausgeleuchtet werden soll. Zulässig ist es, diese Texte in Beziehung zu bringen, weil Fühmann selbst auf die autobiographischen Hintergründe aufmerksam macht. Zudem belegen andere ebenfalls abgedruckte Texte, dass man unter der autobiographischen Motivation keineswegs ein autobiographisches Protokoll verstehen darf; die Spannung zwischen Erleben und Schreiben bleibt virulent. Ein Nebeneffekt ist auch, dass so ein Lesebuch Fühmanns entsteht.

Beinahe vorhersehbar entspannt sich bei der Publikation eines solch ambitionierten Buch-Projekts die Diskussion um Dokumente, die aus dem jeweiligen Blickwinkel auf jeden Fall hätten aufgenommen werden müssen. Aber keine der Anmerkungen hebelt die Konzeption des Buches aus, sie sind eher als Ergänzung zu lesen. Eine Lösung wird wohl nur eine Gesamtausgabe bringen können. In der Zwischenzeit bieten Monographien Einblicke in Fühmanns umfangreiches Schreibwerk. Ebenfalls bei Hinstorff ist nun Fühmanns Briefwechsel mit Margarete Hannsmann erschienen.

"Jedenfalls ist Dein Brief eine vollendete lit. Leistung [...] und sollte die Menschheit überdauern, was zwar nicht zu erwarten, aber doch ganz nett wäre, dann entdeckt sie einmal staunend im F. F.-Archiv der Akademie der Künste der DDR den Ritt durch den Sinai und druckt ihn auf Bütten" - schreibt Franz Fühmann zu Pfingsten 1982 in Erwiderung auf einen Reisebericht aus dem Sinai an Margarete Hannsmann. Die Publikationsgeschichte verlief allerdings, einmal abgesehen davon, dass nicht das Archiv der Akademie der Künste der DDR, sondern die Briefe von Margarete Hannsmann, die mittlerweile im Deutschen Literaturarchiv Marbach lagern, zur Editionsgrundlage wurden, anders, als Fühmann prophezeite: Von Fühmanns Tochter, Barbara Richter-Fühmann, erhielt Margarete Hannsmann, Schriftstellerin und Lebensgefährtin von HAP Grieshaber, die Erlaubnis, die Briefe Fühmanns zu publizieren. Jedoch unter einer Bedingung: Die Briefe sollten in die Erinnerungen Margarete Hannsmanns eingebettet werden. So entstand unter dem Titel "Protokolle aus der Dämmerung 1977 - 1984" keine klassische Briefedition, sondern vielmehr die Dokumentation einer Erinnerungsarbeit, die eigentlich gerade das nicht mehr sein wollte, die sich dagegen sträubt, Gesagtes zu wiederholen, ja überhaupt ins Erzählen zu geraten. Die Aufzeichnungen von Margarete Hannsmann sind daher auch nicht oder kaum als Kommentar beziehungsweise Kontextualisierung des Briefwechsels zu verstehen. Die Vorgehensweise der Herausgeberin führt mitunter zu der Schieflage, dass man in den Fußnoten zwar erfahren kann, wer Günter Grass oder Christa Wolf sind, über die konkrete Situation, in der der Briefwechsel einsetzt, und deren Akteure aber nur mutmaßen kann.

Im Untertitel des Bandes ist von Begegnungen und Briefwechseln zwischen Margarete Hannsmann, Franz Fühmann und HAP Grieshaber die Rede. Letzterer ist gerade im Text von Margarete Hannsmann immer präsent, letztendlich führen auch ihre Reflexionen beständig zu ihrer emotionsreichen Beziehung zu HAP Grieshaber. In dieser Hinsicht sind die "Protokolle aus der Dämmerung" schonungslos, da sie auch Konfessionen nicht ausweichen. Vom Gestus her trifft eine Kritik zu, die Fühmann bereits vor zwanzig Jahren gegen die Prosa-Arbeiten von Margarete Hannsmann richtete: "Deine Stärke ist, daß Du das offenbar unmittelbar runterschreibst und nicht korrigierst und unkontrolliert läßt, so kommen sehr unmittelbare und sehr starke Sachen hinein, sehr direkte Gefühle [...] Deine Schwäche ist, daß Du das offenbar unmittelbar runterschreibst und nichts korrigierst und alles unkontrolliert läßt, dadurch kommen schreckliche Schwächen hinein, Wiederholungen, Leerlauf, auch Peinlichkeiten und Formelhaftes".

Dokumente von Grieshaber selbst finden sich kaum, auch nicht, was die Begegnungen mit Fühmann angeht. Aufschlüsse hinsichtlich Fühmanns schriftstellerischer Auseinandersetzung mit Grieshabers Werk beschränken sich auf wenige Absätze.

Die Anreden der Briefe lauten "Mein liebs Schwesterherzle", "Margarete, Schwester" oder "Lieber Bruder". Fühmanns Briefe sind dabei meist Reaktionen auf die ausführlicheren Notsignale und Lebenszeichen von Margarete Hannsmann; zugleich lektoriert er Texte von ihr, versucht sie zum regelmäßigen Schreiben zu bewegen.

Zwei Hoffnungen verbindet der literaturhistorisch interessierte Leser, also der zweifelsohne prädisponierte Leser, mit der Lektüre von Memoiren und Briefeditionen. Beide Hoffnungen scheinen auf den ersten Blick sogar widersprüchlich: Zum einen ist er auf der Suche nach Datenmaterial, das an seine bisherige Vertextung anschließt und sie ergänzt, zum anderen hofft er auf Zeugnisse, die in sein bisheriges Modell gerade nicht integrierbar sind, die ihm helfen, eine angemessenere Optik zu finden. Dies gilt insbesondere für den Umgang mit der Literatur, die in der DDR entstanden ist. Wenn man nach Franz Fühmann fragt, ist der Briefwechsel mit Margarete Hannsmann in beiden Aspekten überraschend teilnahmslos, weil Fühmann über die Jahre vor allem Anteil am Schicksal der Freundin nimmt. Erst spät, nach dem Tode HAP Grieshabers werden auch Projekte Fühmanns mehr als vermeldet, da Margarete Hannsmann nun auch organisatorisch an der Realisierung von Fühmanns Projekt mit Behinderten zu Grieshabers Engel der Geschichte beteiligt ist. Selten lässt er etwas von der eigenen Situation der letzten Lebensjahre durchblicken, wenn doch, ist die Tristesse gebrochen durch Ironie: "[W]enn ich diese Scheißarbeit bis dahin überlebe (mir gehts zurzeit ziemlich dreckig, bin irgendwie hinüber: Grube graben, alten Mann reinschmeißen, zuschippen). Also bis dann. Der Teufel soll die dichtenden Weiber holen, die nicht-dichtenden auch. Danke für die Karten von der Droste. Die soll der Teufel nicht holen. Danke für die Teesiebe."

Titelbild

Barbara Heinze: Franz Fühmann : Eine Biographie in Bildern, Dokumenten und Briefen. Mit einem Geleitwort von Sigrid Damm.
Hinstorff Verlag, Rostock 1998.
400 Seiten, 34,80 EUR.
ISBN-10: 3356007165

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Margarete Hannsmann (Hg.): Protokolle aus der Dämmerung. 1977-1984. Begegnungen und Briefwechsel zwischen Franz Fühmann, Margarete Hannsmann und HAP Grieshaber. Mit Anmerkungen von Brigitte Selbig.
Hinstorff Verlag, Rostock 2000.
407 Seiten, 25,50 EUR.
ISBN-10: 3356008633

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