Liebend zum Lesenden werden oder lesend zum Liebenden werden

Baumgart hat auf seiner Reise durch die Weltliteratur vierundsiebzig männliche und drei weibliche "Liebesspuren" gefunden

Von Christine KanzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christine Kanz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es war wie eine Erscheinung.
Sie saß mitten auf der Bank allein,
wenigstens vermochte er in dem Glanz,
der seine Augen traf, keine andere Person zu erkennen. In dem Augenblick, da er vorüberging, hob sie den Kopf, unwillkürlich senkte er den seinen, und erst aus einer Entfernung von einigen Schritten blickte er wieder zu ihr hin.

(Aus: G. Flaubert, Madame Arnoux)

Den "Glücksschock", den die Liebe auf den ersten Blick auslösen kann, führt uns Flauberts achtzehnjähriger Frédéric Moreau vor - und später dann die 27 Jahre lange "Zu- und Hinrichtung" dieser Liebe. Sie beruht nicht zuletzt auf der Verkennung, die dem "ersten Anblick" von Anfang an innewohnen kann. Denn der junge Schwärmer sieht in seinem "Begeisterungsblick" lediglich eine "Bildfrau", eine "Madonna". In Wahrheit aber ist die Angebetete "stickende Hausfrau", "besorgte Mutter" und "demütige Gattin". So sieht das Reinhard Baumgart, der Flauberts "meisterhaftes Damenportrait" innerhalb seiner Sammlung weltliterarischer "Liebesspuren" ziemlich an den Anfang, unter die Rubrik "Erster Anblick", gestellt hat.

Neben Flauberts vielbeschäftigter Madame Arnoux, die für solch pubertäre Schwärmereien eigentlich gar keine Zeit mehr hat, sind es noch Goethes Lotte, Nabokovs Lolita, Charlotte aus den "Wahlverwandtschaften" und Thomas Manns Madame Chauchat, die Baumgart dazu verführt haben, über "wunderbare Augenblicke in der Weltliteraturgeschichte des ersten Anblicks" zu sinnieren.

Besonders wem ein derartiger "Glücksschock" selbst in der Realität noch nicht zugestoßen ist, empfiehlt Baumgart die Lektüre seines Büchleins. Denn wenigstens beim Lesen soll dem Nichtliebenden die Liebe zuteil werden. Obgleich "jeder Leser, wenn er liest, [...] nur ein Leser seiner selbst" ist, wie Baumgart mit Proust glaubt, kann er doch bei Baumgart "auch alles Ungelebte, Ungewagte, die Gegenwelt unserer Wünsche und Möglichkeiten [...] entdecken oder wiederentdecken."

Für seine Leserinnen, zumindest wenn sie nicht mit einem "Minderheitenrecht", also nicht mit "nicht 'normalen' Abweichungen" aufwarten können, wie Baumgart Lesben und Schwule in seiner "Vorrede" höflich umschreibt, trifft es in fast jedem Fall zu, dass sie bei der Lektüre "die Gegenwelt", etwas bisher "Ungewagtes" denken. Sie brauchen sich nur in den "Begeisterungsblick" des Pädophilen Humbert Humbert angesichts der kleinen Lolita zu versenken, vielleicht auch lieber in Castorps Begeisterungsstürme angesichts des wilden Türenschlagens der exzentrischen Madame Chauchat oder gar in Werthers stilles Entzücken beim Anblick der lieben Lotte.

Männliche Leser mit "Minderheitenrecht" dagegen brauchen nicht um so viele Ecken denken. Sofern sie wirklich identifikatorisch lesen wollen, was Baumgart glaubt, dann sind sie gut aufgehoben bei Tadzio, dem schönen polnischen Jungen, der den anderen großen Pädophilen der Weltliteratur, Gustav Aschenbach, in "Begeisterungsblicke" ausbrechen lässt.

Von länger andauerndem Glück weiß die Literatur wenig zu erzählen. "Spannungen, Konflikte, Katastrophen sind literarisch schlichtweg produktiver, sind interessanter und bewegender, für den Autor wie für den Leser." Die durch alle Höhen und Tiefen, über Glück, Schmerz, Leid, Skandale führende Liebesspurensuche, bei der wir Beckett, Brecht, Döblin, Fontane, immer wieder Goethe, Grass, Hildesheimer, überraschenderweise Hanns Johst, Kafka, Keller, Kierkegaard, Kleist, Logau, immer wieder Thomas Mann, Miller natürlich, auch Mozart, Musil, Sartre, Schnitzler, Tolstoj, Tschechow, Turgenjew, zweimal sogar Ingeborg Bachmann oder einmal Jane Austen treffen, diese Reise also endet dort, wo sie angefangen hat: beim ersten Anblick.

Wohl zum Trost, dass alles Leid irgendwann vorübergeht und dass alles weitergeht bzw. von vorne anfängt, lassen uns am Ende wiederum Thomas Mann und Goethe, außerdem Tolstoj und Musil, am Glückstaumel junger Männer beim "ersten Anblick" teilnehmen. Angesichts des ersten Blicks auf "liebliche, holdselige, zarte" Mädchen- und Frauengesichter kann zumindest jeder liebeskranke Leser - vielleicht auch manche Leserin, sofern sie sich mit "Meister" Wilhelm, "Weltmann" Wronskij oder dem "kleinen Herrn Friedemann" identifizieren mag - wieder Hoffnung schöpfen.

Sicherlich sollte man aus Baumgarts Blütenlese erotischer Stellen nicht schließen, dass es Liebe auf den ersten Blick in Texten von Frauen nicht gibt. Er ist eben nicht fündig geworden. Vielleicht gehören Franziska zu Reventlow, Lou Andreas-Salomé oder Anaïs Nin für ihn auch nicht zur "Weltliteratur" oder sind ihre "Liebesspuren" aus seiner Sicht eben nicht markant genug.

Immerhin scheint die Kategorie "Weltliteratur" zumindest (außer auf Austen) auf eine Autorin zuzutreffen. Auf jene Schriftstellerin nämlich, von der er einmal behauptet hat, er habe ihre Texte als Lektor des Piper-Verlags erst zu Texten gemacht. Ingeborg Bachmann hat Baumgart zweimal aufgenommen in die Reihe der 77 Texte über "Glück, Schmerz, Skandal." Freilich ist die "gefallene Lyrikerin" (M. Reich-Ranicki) nicht zuständig für das "Glück" in der Liebe, auch reicht es bei ihr nicht zum "Skandal". Vor allem nicht, was ihren Prosazyklus angeht, der doch schon im Titel nichts als Leid und Schmerz verkündet. So fragt sich Reinhard Baumgart auch zunächst, ob der zum "Todesarten"-Projekt gehörende Roman "Malina" überhaupt zu Recht Aufnahme in sein Buch gefunden habe. Denn eigentlich sei er doch gar kein richtiger "Liebesroman", zumindest nicht im "herzensschlichten Sinn des Wortes". Vielmehr ginge es hier um die "Unkosten des Schreibens". Dazu gehöre, dass "das erzählende Ich" drei Männern ausgesetzt" sei. "Das sind zwei zuviel", findet Baumgart. Statt dass nun zwei der drei Männer verschwänden, wie es "der schlichte Alltagsverstand" uns "sagt", sei es bei Bachmann ganz anders: "Zuviel ist, wie sich am Ende ergibt, die Frau, die nun "in die Wand" geht, "um dort zu verstummen". Aber auch, so Baumgart, um dort "weiter zu lauschen".

Obgleich es doch inzwischen zahllose "Rätselraterinnen" auf der Welt gibt, die über Bachmann "eine ganze Bibliothek gelehrte Sekundärliteratur zusammengeschrieben" haben, mag Baumgart nicht einsehen, dass es keine Frau ist, sondern ein als "weibliches Ich" bezeichneter Personen-Anteil, der hier in die Wand geht. Seinem "ruhigen, nüchternen" Alter Ego Malina hat es zuvor bewusst alle seine Geschichten überlassen. So wollte Bachmann ihren Text selbst gerne gelesen haben - und viele der Baumgart so lästigen Interpretinnen, die statt permanent Rätsel zu raten, auch manchmal Bachmann-Interviews lesen, haben diesen Wunsch ernst genommen.

Dass Baumgart aus "Malina" ausgerechnet den Moment zitiert, wo das "weibliche Ich" in die Wand eintritt und sich damit symbolisch vernichtet und dass er als weiteren Bachmann-Text das Klagelied der von ihrem verheirateten Liebhaber mit dem Allerweltsnamen "Hans" verlassenen Undine in seinen "Liebesspuren"-Katalog aufgenommen hat, zeigt etwas von der Verkennung dieser Autorin noch lange nach deren Tod innerhalb weiter Teile der Literaturkritik. Baumgart hat die Vernichtung des Weiblichen unter die Rubrik: "Wer verliert, gewinnt" und das Trauerlied der Undine in die Schublade "Kein Ende!" gepackt. Sie sind ja auch zu nervig, diese leidenden Opferfrauen.

Vieles ließe sich noch anmerken zu Baumgarts gleichermaßen er-, auf- und anregender Sammlung poetischer Liebesanbahnungen. Die Frage danach, wie Autoren und Autorinnen über alle Jahrhunderte hinweg das "Davor" einer erotischen Annäherung zustande kommen lassen oder sie unterbinden, war (nicht nur für Reich-Ranicki) schon immer aktuell und spannend. Und sie bleibt es, weil Baumgart so viele Fragen nicht beantwortet oder gar nicht gestellt hat.

Titelbild

Reinhard Baumgart: Liebesspuren. Eine Lesereise durch die Weltliteratur.
Carl Hanser Verlag, München 2000.
204 Seiten, 15,30 EUR.
ISBN-10: 3446199209

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