Die wehmütige Suche nach dem Traum vom Sozialismus

Inge Vietts Reise nach Kuba

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ferienparadies, totalitäre Diktatur oder letzte Hoffnungsstätte für den Traum vom menschlichen Sozialismus. Irgendwo zwischen diesen Extremen liegen die Meinungen über Kuba. In den westlichen Medien überwiegend negativ dargestellt, gelenkt von einem starrsinnigen und machtgierigen Menschen, versuchen nur wenige, das Bild Kubas hierzulande zu ändern.

Inge Viett versucht es. Sie beschreibt, fernab von allerlei im Gefolge des Buena Vista Social Club-Erfolges modischen Kuba-Klischees das Land und reist von Havanna nach Pinar del Rio, Santiago de Cuba, Trinidad de Cuba und Santa Clara. Kurze Ausflüge führen sie auch nach Panama und nach Montevideo, wo sie mit Rosa zusammentrifft, einer ehemaligen Kämpferin der uruguayischen Guerilla.

Die Autorin, ehemaliges Mitglied der "Bewegung 2. Juni" und der "Rote Armee Fraktion", keine Unbekannte, sie lebte in der DDR und war nach der Wende bis 1997 inhaftiert. Dieser persönliche Hintergrund aber macht ihre Reise zusätzlich interessant. Was denkt eine ehemalige Terroristin über das sozialistische Kuba? Was sucht sie dort?

Sie sucht den Traum vom Sozialismus mit menschlichem Gesicht, den Geist und den Mythos der Revolution, sie will "herausfinden, ob die Leute noch an ihre Revolution glauben, ob die kubanische Führung noch ernsthaft nach einer revolutionären Lösung aus dieser Zwangslage zwischen Sozialismus und Kapitalismus sucht".

Und tatsächlich findet sie ihn auch, den von Ernesto Guevara erhofften neuen Menschen: solidarisch, gebildet und dem Wohle der Gemeinschaft dienend. Sie findet allerdings auch die Schattenseiten: Mangelwirtschaft, das Warten auf Versorgungsgüter, Lebensmittelkarten, leere Geschäfte, Prostitution und Umweltzerstörung. Einiges bekommt sie auch selbst zu spüren, wie etwa den desolaten Zustand des öffentlichen Verkehrs oder die langsame und träge Bürokratie, wenn sie eine Verlängerung ihres Visums benötigt.

Auch Politisches findet sich in ihrem Bericht. Sie erläutert die Vorbildfunktion, die Kuba im Bereich der Medizin und der Bildung für die lateinamerikanischen Länder inne hat, die denen aber eher lästig ist, da dieses Beispiel nicht von ihren Unzulänglichkeiten ablenkt, sondern diese eher betont.

Auch Inge Viett hält ein Scheitern der kubanischen Revolution für möglich: "Selbst wenn die kubanische Revolution vollständig gestoppt wird und besiegt werden sollte, wird Kuba der mutigste und würdigste Vertreter sein". Sie trifft sich auf Kuba mit compañeras aus der Schweiz und aus Uruguay, setzt sich mit der aktuellen politischen Situation im Lande auseinander. Auch scheut sie sich nicht, ihre eigene revolutionäre Vergangenheit Revue passieren zu lassen und die Abkehr vom gewalttätigen revolutionären Kampf zu bekräftigen. Deutlich erkennbar bleibt aber auch ihre revolutionäre Gesinnung, ihre unverhohlene Sympathie für die kubanische Revolution. "Wer mit Kuba nicht solidarisch sein kann, dem unterstelle ich, keine Liebe, keine Leidenschaft, keinen Willen zum Widerstand gegen die imperialistische Weltordnung zu haben [...]. Es ist eine Angelegenheit des Herzens. Der Herzen, die das Projekt aus der Sierra Maestra nicht aufgeben können: den freien solidarischen Menschen möglich werden zu lassen", so fasst Inge Viett ihre Haltung zu Kuba zusammen.

Immer wieder kommt sie auf die Menschen zurück, die sie in Kuba trifft, sie setzt sich mit ihnen auseinander, versucht sie und ihre Lage zu verstehen, arbeitet in einem Solidaritätsprojekt in der Landwirtschaft. So schafft sie es, Zugang zu den Kubanern und ihrer Gesellschaft zu bekommen, lernt sie als offene, warmherzige und freundliche, trotz der wirtschaftlichen Not hilfsbereite Menschen kennen, die stolz sind auf die Errungenschaften ihrer Revolution, stolz darauf, dass sie es mit eigener Kraft geschafft haben, die Situation zu ihren Gunsten zu wenden, die jetzt auch nicht aufgeben, sondern versuchen, das Bestmögliche aus dem Vorhandenen herauszuholen.

Ein schönes Buch ist Inge Viett gelungen, in manchen Teilen gewiss etwas unkritisch, was die politischen Umstände angeht, wie sie auch selbst zugibt. Doch es ist eine grandiose und von Herzen kommende Liebeserklärung an das kubanische Volk. Sie bewundert die Lebensfreude und den Durchhaltewillen, seine Geduld, die widrigsten Umstände und eine ungewisse Zukunft zu ertragen. Es gibt etwas zu entdecken in Kuba, nicht nur touristische Vergnügungen, sondern die Besonderheit seiner Menschen.

Titelbild

Inge Viett: Cuba libre bittersüß. Reisebericht.
Edition Nautilus, Hamburg 1999.
128 Seiten, 10,10 EUR.
ISBN-10: 3894013400

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