1968

Aus gegebenem Anlass: Hinweise auf Bücher und Anmerkungen zur Wirkungsgeschichte der Protestbewegung in Politik, Philosophie, Wissenschaft und Literatur

Von Thomas AnzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Anz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise


In der Tat: Am Anfang war die Gewalt. Doch nicht die der weltweit rebellierenden Studenten. Die Rebellion richtete sich gegen die staatlich sanktionierte Kriegsgewalt in Vietnam, gegen die Gewalt der sowjetischen Panzer in Prag, gegen die vergangenen Gewalttaten in einem Deutschland, in dem die ehemaligen Täter höchste Staatsämter besetzten. In diesem Land eskalierte die Gewalt, als der Germanistikstudent Benno Ohnesorg im Anschluss an eine Demonstration gegen den Schah von Persien von einem Polizisten erschossen wurde. Auf dem Höhepunkt der Revolte überlebte Rudi Dutschke das Attentat eines von der Springer-Presse fanatisierten Mannes nur schwer verletzt. Er starb an den Spätfolgen.

Die zweifellos vorhandene Gewaltbereitschaft in radikalen Teilen der antiautoritären Protestbewegung sei damit nicht beschönigt. Doch sie zum charakteristischen Merkmal der Revolte zu erklären oder diese gar mit dem späteren Terrorismus der RAF zu identifizieren ist eine gezielte Diffamierung. Wie intensiv man sich damals in Theorie und Praxis mit den aus den USA übernommenen Methoden des "zivilen Ungehorsams" auseinander setzte, kann man im jüngsten Buch von Wolfgang Kraushaar über "1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur" nachlesen (Hamburger Edition, 2000). Neben der vorsichtigen Legitimation neuer "Techniken der begrenzten Regelverletzung", wie sie seinerzeit Jürgen Habermas zur Diskussion stellte, ist hier ein unter den Protestierenden populärer Kinderreim zitiert: "Keine Keilerei/ Mit der Polizei/ Kommt die Polizei vorbei/ Gehen wir an ihr vorbei./ An der nächsten Ecke dann/ Fängt das Spiel von vorne an."

Inzwischen allerdings tönte in den Debatten über 1968 eine Stimme, die solche Hinweise auf die gewaltfreien Teile der Protestbewegung als nachträglichen Verrat an ihrer revolutionären Aura beklagt. Karl Heinz Bohrer, der 'gefährliche Denker' aus der kriegsgestählten Männlichkeitsschule Ernst Jüngers, hat für die heutige wie die damalige Tabuisierung revolutionärer Gewalt nur Verachtung übrig. Sie sei das Produkt eines effeminierten Pazifismus, einer Mentalität von "Bankangestellten". Habermas habe in seinem "altfränkischen Unverständnis" für surreale Phantasmen die "auratische Substanz von 1968" schon damals verfehlt, Fischer mit seiner heutigen Entschuldigung bei dem vor 25 Jahren maltretierten Ordnungshüter die mythischen Qualitäten der eigenen Vergangenheit säuerlich banalisiert.

Es ist kaum zu glauben, was heute an exponierten Stellen der Feuilletons, in diesem Fall in der "Zeit", gedruckt wird. Die von Bohrer so emphatisch beschworene Allianz von "Gewalt und Phantasie", die zu den Qualitäten von 1968 gehört habe, mag man als kompensatorische Wunschphantasie eines zivilisierten Schreibtischarbeiters getrost ad akta legen. Angemerkt sei jedoch zumindest, dass Gewalt meist eher da beginnt, wo die Phantasie aufhört. In den Formen des zivilen Ungehorsams zeigte sich die Protestbewegung damals jedenfalls ungleich phantasievoller und intelligenter als in ihren körperlichen Demonstrationen der Männlichkeit.

Karrieren

Der britische Publizist Perry Anderson nannte ihn den ersten "chemisch reinen" Vertreter der 68er Generation, der den Sprung in die Garde der europäischen Spitzenpolitiker geschafft hat. Wolfgang Kraushaar, der unermüdliche Chronist und Interpret jenes Jahres, das er im Titel seiner gesammelten Aufsätze aus den späten neunziger Jahren treffend "Mythos, Chiffre und Zäsur" nennt, beginnt das biographische Kurzporträt desselben Mannes so: "Als jugendlicher Tramp und Pflastermaler, der sich als abgebrochener Gymnasiast und Photolehrling von der Radikalität der Studenten angezogen fühlte, stieß er im Frühjahr zu einer Wohngemeinschaft führender SDS-Mitglieder. Nachdem der Autodidakt sich in Seminaren und Diskussionszirkeln mit den wichtigsten neomarxistischen Theorien vertraut gemacht hatte, galt er eine Zeitlang als der Vorzeige-Subproletarier der Frankfurter Studentenbewegung."

Der Weg Joschka Fischers zum Außenminister und Vize-Kanzler der Bundesrepublik ist inzwischen selbst zum Bestandteil des Mythos von 1968 geworden. Dass die wiederentdeckten Bilder aus dem Jahr 1973 in nahezu allen Medien einen erneuten Streit um die Bedeutung von 1968 in Gang setzten, ist da kaum verwunderlich.

Über Fischers Lebensgeschichte war man allerdings vorher schon recht gut informiert. Kraushaar hatte bereits 1988 in einem Zeitschriftenaufsatz über sie geschrieben. Die zitierte Passage aus dem neuerlichen Porträt setzt er so fort: "Er schloß sich einer Betriebskampfgruppe an, die unter der euphemistischen Selbstbezeichnung 'Revolutionärer Kampf' in den Rüsselsheimer Opel-Werken vergeblich die Fließbandarbeiter zu agitieren versuchte, und fand, nachdem er dort gefeuert worden war, Anschluß an eine In-group, die über mehrere Jahre hinweg die Fäden der Hausbesetzerbewegung zog. Als diese Mitte der siebziger Jahre verebbte, schlug sich der bekennende Sponti als Taxifahrer und Antiquar durch. Erst nach verschiedenen Anläufen fand er 1982 einen Ausweg aus der politischen Orientierungskrise. Aus dem dezidierten Antiparlamentarier, der für Parteien zunächst nur zynische Verachtung übrig hatte, wurde ein nicht weniger dezidierter Befürworter des Parlamentarismus."

Wie stark nach der Wahl von 1998 die Regierungsbänke sowie die Abgeordnetensitze von Landes- und Bundesparlamenten von "68ern" besetzt sind, registriert einleitend das nach der einschlägigen Monographie von Rolf Wiggershaus (1986) zweite Standardwerk zur Geschichte der Frankfurter Schule: "Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik" (Campus Verlag, 1999). Etwa die Hälfte gehört zu der Altersgruppe, aus der sich die meisten Aktivisten der damaligen Protestbewegung rekrutierten. Der Blick auf einzelne Lebensläufe muss schon schockierend für die gewesen sein, die nach der deutschen Einheit glaubten und öffentlich frohlockten, mit dem Zusammenbruch der DDR sei nun endlich auch das Ende der westdeutschen Linken gekommen.

An der Spitze derer, die als Wirkungsprodukte der Frankfurter Schule aufgezählt werden, steht natürlich Joschka Fischer: Er "ist in jungen Jahren erstmals 1967 im Beirat einer Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Schülergruppen öffentlich hervorgetreten. In den siebziger Jahren besetzte er als Führer einer in Straßenkämpfen mit der Polizei wohlorganisierten Truppe zum Abbruch bestimmte ehemalige Frankfurter Bürgerhäuser." Die lange Aufzählung der Regierungsmitglieder geht so weiter: "Der eine Studentengeneration jüngere Umweltminister unterwarf sich hingegen in Göttingen als Studentenfunktionär der Disziplin einer kommunistischen Splittergruppe. Der Innenminister hat sich als Verteidiger von Studenten und RAF-Terroristen einen Namen gemacht, die Justizministerin 1967 in Berlin den Republikanischen Club mitgegründet. Der zweite Finanzminister im Kabinett Schröder hat im Marburg der späten 60er Jahre studiert und bezeichnet sich selbst als Abendroth-Schüler. Wie die Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit hat auch der Bundeskanzler seine politische Karriere auf dem linken Flügel der Jungsozialisten begonnen." Es folgt der Hinweis auf Fotos aus dem Jahre 1968, die die Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer "in den ersten Reihen einer der zahlreichen Demonstrationen gegen die Notstandsgesetze" zeigen.

Kraushaar schreibt die Karriere Fischers seinem politischen Talent zu, wertet sie jedoch auch als "Indiz für die soziale Durchlässigkeit des politischen Systems". Zugleich macht er auf die ganz unterschiedlichen Entwicklungen jener Persönlichkeiten aufmerksam, die um 1968 zu Figuren des öffentlichen Lebens wurden. So heterogen wie die Erscheinungsformen der damaligen Protestbewegung selbst waren die Lebensgeschichten, die aus ihr hervorgingen. Neben die "linkssozialistischen Bewegungsbewahrer" sind "die völkisch-nationalen Wiedererwecker" getreten. Der ehemalige APO-Anwalt und RAF-Mitbegründer Horst Mahler tritt seit einiger Zeit mit neurechten Bekenntnissen hervor, ruft zu einer "nationalen Sammlungsbewegung" auf und begreift sich, wie Kraushaar konstatiert, "offenbar als Kopf einer APO von rechts." Der an der FU Berlin lehrende Bernd Rabehl, ehemals eine Galionsfigur der Berliner APO, warnte im Dezember 1998 in einem Vortrag vor Mitgliedern einer Münchner Burschenschaft vor der Überfremdung des deutschen Volkes und attackierte den US-Imperialismus in Politik und Kultur. Ein Artikel, den er im Dezember 1998 unter dem Titel "Ein Volk ohne Kultur kann zu allem verleitet werden" in dem rechtsintellektuellen Blatt "Junge Freiheit" veröffentlichte, liest sich wie ein früher Beitrag zur "Leitkultur" in Deutschland. Kraushaar entziffert in diesem Zusammenhang auch bislang übersehene Subtexte in Martin Walsers umstrittener Rede in der Paulskirche.

Die nicht abgeschlossenen Lebensläufe derer, die das Jahr 1968 mit prägten und die von ihm geprägt wurden, verändern das Bild von der Protestbewegung und ihrer Wirkungsgeschichte ständig. Es verändert sich jedoch auch durch historische Ereignisse, von denen aus die Vergangenheit neu zu interpretieren versucht wird.

1968 und 1989: Generationenwechsel?

Nach 1989 blickte man anders auf das Jahr 1968 zurück als davor. Die epochalen Ereignisse von 1989/1990 forderten zu Vergleichen mit denen von 1968 heraus. Die DDR-Gesellschaft hatte damals an der internationalen Jugendrevolte keinen Anteil. Hat sie im Herbst 1989 mit den erfolgreichen Massendemonstrationen das Versäumte gründlich nachgeholt? Als "nachholende Revolution" charakterisierte Jürgen Habermas den Sturz der SED-Macht: Das Votum der Wähler vom 18. März 1990 habe dem Wunsch entsprochen, nachzuholen, "was den westlichen Teil Deutschlands vom östlichen vier Jahrzehnte getrennt hat - die politisch glücklichere und ökonomisch erfolgreichere Entwicklung." Die revolutionsähnlichen Ereignisse des Jahres 1989, bei denen große Teile der Oppositionellen in der DDR sich noch - wie 1968 in Prag - vom Ziel eines Demokratischen Sozialismus leiten ließen, haben dem Osten Deutschlands demnach am Ende den Anschluss an die westlichen Modernisierungsprozesse gebracht.

Ähnlich unterschieden sich die Auswirkungen der Studentenbewegung von ihren ursprünglichen Impulsen. Die Revolte von 1968, so lautet eine heute beliebte und bedenkenswerte These, hat, ohne es zu wollen, zur Modernisierung und Verwestlichung der Bundesrepublik nicht unwesentlich beigetragen: zum Abbau obrigkeitsstaatlicher Relikte und zur Stärkung demokratischen Bewusstseins, zur Pluralisierung der politischen Parteiungen und der Lebensstile, zu mehr sozialer Mobilität und Liberalität sowie auch technokratischer Effizienz.

Die revolutionsartigen Ereignisse in der DDR des Jahres 1989 haben in dieser Sicht dort also das bewirkt, was die Studentenrevolte nach 1968 im Westen Deutschlands erreicht hat. Diese These enthält freilich eine problematische Implikation. Sie setzt nämlich die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in der Bundesrepublik vor 1968 mit denen in der DDR vor 1989 gleich. Das wäre gewiss eine Verharmlosung des totalitären Sozialismus, zumindest auf Analogien zwischen den totalitären Strukturen des Sozialismus und den restaurativen, obrigkeitsstaatlichen in der Bundesrepublik der fünfziger und sechziger Jahre zu verweisen ist jedoch legitim. Die Stimmen der literarischen Intelligenz, die nach dem gewaltsamen Ende des Prager Frühlings "das Machtdenken in Ost und West" (so damals Peter Bichsel) verglichen, lassen sich jedenfalls rechtfertigen. "Zunächst haben auf beiden Seiten die Reaktionäre gesiegt", konstatierte Heinrich Böll. Und Günter Grass, der damals der westdeutschen Studentenbewegung mit sozialdemokratischer Distanz begegnete, sagte: "Die Aktionen der Polizei in Berlin und Paris und die Aktionen der Okkupationsmächte in der Tschechoslowakei bebildern, wie harmonisch sich ost-westliches Polizeistaat-Denken in negativer Koexistenz gefunden hat."

Zu Vergleichen mit 1968 halten jedoch auch die ganz anders gearteten Veränderungen an, die sich seit 1989/1990 im politischen, sozialen und intellektuellen Klima der Bundesrepublik deutlich abzeichneten.

Der nicht nur in Deutschland seit 1989/90 eskalierende Rechtsradikalismus, der allerdings in diesem Land in besonderem Maße von der Vergangenheit belastet ist, der sich in Schändungen jüdischer Gräber sowie Brand- und Mordanschlägen gegen Ausländer am hässlichsten und brutalsten artikuliert und der optisch am markantesten in einem Teil der jugendlichen Skinhead-Szene auftritt, wurde in den letzten Jahren wiederholt für die Diskreditierung der 68er Generation instrumentalisiert. Die dabei vor allem in der konservativen, aber auch in der liberalen Publizistik zirkulierenden Argumente hatte Bodo Morshäuser in Berichten und Reflexionen über die rechtsradikale Skinhead-Szene, die 1992 unter dem Titel "Hauptsache Deutsch" erschienen, aufgegriffen.

Der 1953 geborene Schriftsteller schreibt hier über sich selbst: "Ich bin mit fünfzehn nicht 'rechts' geworden, weil ich 1968 fünfzehn gewesen bin." Der Satz enthält die Implikation: 'Wäre ich 1989 fünfzehn gewesen, wäre ich rechts geworden.' Hinter diesen Aussagen steht die schlichte Sozialpsychologie eines Generationenkonflikts, die besagt: Jede Generation wählt sich die politische Einstellung und Mentalität, mit der sie sich gegenüber der Elterngeneration als eigenständig profilieren kann. "Gegen meine Eltern und ihresgleichen konnte ich mich auflehnen, wenn ich mich für 'links' ausgab. Wichtiger, als 'links' zu sein, war, die Gegenseite zu den Eltern gefunden zu haben." Auf die Scham der 68er Generation, zu den Deutschen zu gehören, reagierte in dieser Perspektive nach 1989 eine neue Generation mit bekennendem Stolz, deutsch zu sein. Die Rhetorik des Antifaschismus zog die Provokationen durch nationalsozialistische Embleme an.

Eine spezielle Variante dieser Generationenarithmetik ist der Versuch, das durch die 68er Generation geprägte Erziehungsmilieu für den Rechtsradikalismus verantwortlich zu machen. Die schon 1974 in alt- und neukonservativen Reaktionen auf die Studentenrevolte artikulierten Wünsche nach einem neuen "Mut zur Erziehung" fanden ihre späte Resonanz in Abrechnungen mit über zwanzig Jahren "linker Pädagogik", wie sie u.a. der von Morshäuser ausführlich zitierte Pädagoge und Schriftsteller Jochen Köhler nach 1989 an die Öffentlichkeit trug. Der Diskutierzwang der 68er Pädagogen, so Morshäuser, habe bei den Jugendlichen die Abneigung gegen das Diskutieren gefördert. "Der junge Mensch, der nach Autoritäten sucht, findet in der antiautoritären Idee keine. Jene Pädagogik, die Sozialisation anstelle von Erziehung setzen will, ist kein Angebot." Die Fragwürdigkeit der Versuche, die 68er Generation für den Rechtsextremismus nach 1989 verantwortlich zu machen, zeigt sich selten so deutlich wie hier. Die Rechtsextremisten aus der ehemaligen DDR sind von Pädagogen erzogen worden, die vom liberalen oder libertären Erziehungsstil der westdeutschen 68er Bewegung weit entfernt waren. Und die rechtsextremistische Skinhead-Szene rekrutiert sich in den neuen und in den alten Bundesländern aus einer sozialen Schicht, in der die Eltern alles andere als eine antiautoritäre Erziehung praktizierten.

Da wäre es schon stichhaltiger, nach den Kindern der Protagonisten von 1968 zu fragen, etwa nach der Journalistin Bettina Röhl, der Tochter der Terroristin Ulrike Meinhof und von Klaus Rainer Röhl. Sie war es, die die Bilder Fischers wiedergefunden und der Presse angeboten hatte. Was sie in ihrer publizistischen Abrechnung mit Fischer oder Daniel Cohn-Bendit bewegt, kann man auf ihrer Homepage nachlesen. Mit Rechtsradikalismus hat dieser Fall einer Obsession nichts zu tun.

Die Versuche, den Rechtsextremismus gegen die Linke zu instrumentalisieren, wurden Bestandteil eines rechtsintellektuellen Diskurses, der seit 1989/90 ein verstärktes publizistisches Gewicht bekommen hat. 1968 und 1989/90 sind für Vergleiche nicht nur zwischen Links- und Rechtsextremismus, sondern auch zwischen Links- und Rechtsintellektualismus geeignete historische Markierungspunkte. Die Ideen von 1968, so legen es heute alt- und neukonservative Intellektuelle nahe, sind durch die Jahre 1989 und 1990 endgültig widerlegt worden. Eine von ihnen, die Historikerin und Publizistin Brigitte Seebacher-Brandt, verkündete am 12. Dezember 1990 in der FAZ ganz unverblümt "die Abwahl einer Generation", der 68er Generation. "Ihr Erbe wird nicht weiter tragen. Es ist versunken und der Blick nun frei - auf jene Generation, die 1989 und 1990 geprägt worden ist." 1968 wie 1990 stand die Bundesrepublik im Zeichen zum Teil euphorischer Aufbruchs- und Abbruchsbewegungen, allerdings unter umgekehrten Vorzeichen: 1968 der Aufbruch einer Neuen Linken, die gegen die autoritären Strukturen und restaurativen Tendenzen der Nachkriegszeit aufbegehrte; 1990 der Aufbruch einer intellektuellen Rechten, die sich mit einigem Erfolg anschickte, der Linken ihre etablierte Meinungsführerschaft streitig zu machen.

Die Neue Rechte versuchte in ihren seit 1990 gehäuften Angriffen auf die Linksintellektuellen sogar deren machtkritische Positionen zu besetzen. Das angebliche Versagen der Intellektuellen angesichts totalitärer Herrschaft im staatsbürokratischen Sozialismus artikulierte sie in schon klassischen Begriffen, Argumenten und rhetorischen Strategien linksintellektueller Kritik. Seit 1990 hat sie mit Erfolg für die Verbreitung einer Legende gesorgt: dass mit dem Zusammenbruch der sozialistischen Staatsapparate im Osten auch die Fundamente einer westlichen Linken zusammengestürzt seien, die in Deutschland bis zuletzt Hoffnungen auf die DDR gesetzt habe. Solche Einschätzungen haben das gleiche Niveau, auf dem man den rebellierenden Studenten und engagierten Schriftstellern 1968 empfahl: "Geht doch in die DDR!" Rudi Dutschke kam aus der DDR; sie übte auf die Protestbewegung nicht die geringste Anziehungskraft aus. Spätestens seit dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag gab es im Westen Deutschlands kaum einen linken Schriftsteller, der sich über die Realität des Sozialismus in Osteuropa Illusionen machte.

Zwar nannte Enzensberger, der heute in seinen gewandelten politischen Ansichten keineswegs glaubwürdiger geworden ist und Befragungen über 1968 in den vergangenen Wochen als ärgerliche Zumutung zurückwies, damals die "politische Substanz" der Prager Reformsozialisten "dürftig" und warf ihnen vor: "Die DDR gilt als Außenfeind. [...] Die kubanischen und chinesischen Vorstellungen werden ignoriert oder pauschal abgelehnt." Doch stießen solche Äußerungen bei deutschen Autoren auf vehemente Kritik. Die Mehrzahl von ihnen stand der Einschätzung Heinrich Bölls näher, der im September 1968 schrieb: "Die jungen Menschen, die in Chicago gegen den Krieg in Vietnam protestiert haben und zusammengeschlagen worden sind, haben gleichzeitig für die Tschechoslowakei demonstriert." Die Ereignisse in Prag hätten gezeigt, "dass hier der von Moskau zentral gelenkte Sozialismus seinen moralischen Bankrott erklärte". Nicht zuletzt solche Äußerungen zeigen: Die literarische Intelligenz hat heute keinen Grund, das Erbe von 1968 zu verabschieden.

Das dichotomische Denken in Rechts-Links-Gegensätzen sei längst hinfällig geworden, hört man heute oft gerade diejenigen sagen, die sich gleichzeitig nicht scheuen, in penetranter Wiederholung der "Linken" den Prozess zu machen. Es ist das Verdienst von Botho Strauß, die Gegensätze offen benannt zu haben. Im Februar 1993 erläuterte er den "Spiegel"-Lesern, in welchem Sinne es heute angebracht sei, "rechts zu sein", und zwar "von ganzem Wesen". Botho Strauß ist heute nur ein Beispiel für den Positionswechsel, den viele, die um 1968 intellektuell mit Adorno, Bloch oder Benjamin groß geworden sind, inzwischen vollzogen haben.

1968, die Philosophie und die Wissenschaft

Gegenüber dem Begriff "Studentenbewegung" oder "Jugendrevolte" bevorzugt Kraushaar die Bezeichnung "Antiautoritäre Bewegung", weil sie deren soziokulturelle Grundorientierung am besten zum Ausdruck bringe. Er verweist auch auf die Distanz zu jenen traditionellen kommunistischen Kräften, die sich zur DDR und dem Erbe der Oktoberrevolution bekannten. Und er ist dazu geeignet, die Nähe dieser Bewegung zu den Theorien vom "autoritären Staat" und der "autoritären Persönlichkeit" zu kennzeichnen, die zum Profil der Kritischen Theorie Adornos, Horkheimers oder Marcuses gehören. Die Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule ist mit der Geschichte der Protestbewegung eng verknüpft. In der Kritischen Theorie fanden große Teile der 68er Generation ihre geistige Heimat, und erst durch die Studentenbewegung entfaltete die Kritische Theorie ihre große öffentliche Wirksamkeit.

Das bestätigt, wenn auch mit Vorbehalten und deutlichen Zeichen der Distanz, das 1999 vorgelegte Ergebnis des Tübinger Forschungsprojekts "Frankfurter Schule". Friedrich H. Tenbruck, 1952 bis 1953 persönlicher Assistent von Max Horkheimer am Institut für Sozialforschung, hatte es initiiert. Die Sozialwissenschaftler und Philosophen Clemens Albrecht, Günter C. Behrmann, Michael Bock und Harald Homann haben es über den Tod Tenbrucks hinaus weitergeführt. Sehr viel genauer, als man es bisher wusste, werden in dieser "Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule" die Spannungen und Differenzen sichtbar, die es zwischen Frankfurter Schule und Studentenbewegung gegeben hat. Liest man in diesem Buch, welche Rolle Horkheimer in den 50er und 60er Jahren in der akademischen und intellektuellen Szenerie der Bundesrepublik gespielt hat, wundert man sich, dass diese Spannungen nicht weit größer waren. Der so innovative wie problematische Versuch des Buches, nicht das Jahr 1968 zum Ausgangs- oder gar zentralen Bezugsdatum einer Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule zu machen, sondern die Gründung der Bundesrepublik im Jahre 1949, scheint zumindest im Blick auf Horkheimer gerechtfertigt. Zeitlich fällt die Gründung der westdeutschen Republik mit seiner und Adornos Entscheidung zusammen, aus dem Exil nach Deutschland zurückzukehren. Horkheimer kam allerdings Anfang der fünfziger Jahre nicht als Theoretiker, sondern eher als Wissenschaftsorganisator und akademischer Lehrer nach Frankfurt zurück. Die Mission, die er hatte, fügte sich ganz in das Klima des kalten Krieges zwischen Ost und West ein. Dem Marxismus hatte er schon während des Exils den Rücken gekehrt. In Deutschland trieb ihn die geradezu panische Angst vor der Sowjetunion um. "Wenn die Russen, die jetzt in der Welt die Rolle der Nazis übernommen haben, in Europa einfallen, werden sie freilich alles zunichte machen, was wir errichten; und wir können dann nur hoffen, noch einmal vor den totalitären Henkern zu entkommen, wie es uns unterm Dritten Reich gelang." Hatte Horkheimer früher den Faschismus als Produkt des Kapitalismus beschrieben, so schien ihm jetzt der kapitalistische Westen ein Bollwerk gegen den östlichen Totalitarismus zu sein. Als Rektor der Frankfurter Universität ließ sich Horkheimer gerne mit den Gründervätern der Bundesrepublik, vor allem mit Theodor Heuss und Konrad Adenauer, sehen. Er kann jedoch, und das ist die zentrale These des Buches, "selbst zu diesen Gründervätern gezählt werden". Denn "kein anderer der wenigen deutsch-jüdischen Intellektuellen, die sich zu einer Rückkehr entschließen konnten, hat der Bundesrepublik so sichtbar wie Horkheimer zu attestieren vermocht, daß ihre staatlichen Institutionen und Politiker [...] für einen Neubeginn standen."

Einen Neubeginn machte Horkheimer selbst insofern, als das wieder errichtete Institut weder an die marxistisch fundierte Forschung des alten Instituts noch an seine früheren Versuche einer Erneuerung der Marx'schen Gesellschaftstheorie anknüpfen sollte. Wie man seine Position in den fünfziger Jahren einschätzen konnte, illustriert eine in dem Beitrag von Clemes Albrecht zitierte Anfrage aus dem Büro für heimatvertriebene Ausländer, ob er, Horkheimer, in der Lage sei, "begabte junge Leute namhaft zu machen, die besonders für Arbeiten zur ideellen Bekämpfung des Kommunismus geeignet seien." Horkheimer antwortete, da könne man unter den an seinem Institut ausgebildeten Diplom-Soziologen sicher fündig werden.

Bis Mitte der 60er Jahre kontrollierte Horkheimer, wie die Beiträge von Günter C. Behrmann in diesem Band fundiert zeigen, den Umgang mit seinen früheren Schriften und verhinderte deren Veröffentlichung. Nicht zuletzt den Raubdrucken im Universitätsmilieu der späten sechziger Jahre verdankte sich deren Wiederentdeckung und damit der bis heute bestehende Eindruck, dass erst die 68er Bewegung der Kritischen Theorie zum Durchbruch verhalf.

Die Argumente, die das Buch anführt, um diesem Eindruck entgegenzuarbeiten, bleiben insgesamt relativ schwach. Und vieles von dem, was da an bislang unbekannten Quellen zu Tage gefördert und zitiert wird, widerstreitet dem den meisten Beiträgen mehr oder weniger ausdrücklich eingeschriebenen Versuch, die Person Horkheimers zu rechtfertigen, wo es nur irgendwie geht. Mit der Parteinahme für ihn folgt das Buch der nach 1989 beliebten Tendenz, die restaurative Adenauer-Ära gegenüber der sie attackierenden Aufbruchsbewegung von 1968 in Schutz zu nehmen. Der Titelthese von der intellektuellen Gründung der Bundesrepublik durch die von Horkheimer dirigierte Frankfurter Schule in den fünfziger Jahren steht die These von der intellektuellen Nachgründung der Bundesrepublik aus dem Geist der Kritischen Theorie in den späten sechziger Jahren mindestens ebenso gleichberechtigt gegenüber.

Der "Bedeutung von '1968' für den Wissenschaftsprozeß" ging eine Projektgruppe "Geschichte und Theorie der Literaturwissenschaft" am Zentrum für Literaturforschung in Berlin nach. Im Sommer 1998 veranstaltete sie ein hochrangig besetztes Kolloquium zum Thema "New York - Paris - Berlin - Prag 1968". Die dort vorgelegten literatur- und medienwissenschaftlichen Forschungsergebnisse liegen jetzt, ergänzt durch einige zusätzliche Beiträge, in einem Band vor, der die seit etlichen Jahren intensivierte Aufarbeitung der Geschichte der Literaturwissenschaft wie auch die historische Auseinandersetzung mit dem Jahr 1968 erheblich bereichert. Das Jahr 1968 ist, so zeigt auch dieser Band, inzwischen Gegenstand nicht nur von alle fünf oder zehn Jahre wiederkehrenden "Dienstjubiläen" oder bei passender Gelegenheit aufflackernden Zeitungskontroversen, sondern fundierter historischer Forschung geworden.

Den fulminanten Auftakt macht, und das ist durchaus bemerkenswert, das jüngste Mitglied in dieser Forschergruppe, die Berliner Sozialwissenschaftlerin Beate Fietze, die 1968 zehn Jahre alt war. Im Zusammenhang mit der jüngeren Globalisierungsdiskussion geht sie (wie übrigens auch Kraushaar) jenen Aspekten der 68er Bewegung nach, die zu den erstaunlichsten und nach wie vor rätselhaftesten gehören: "Diese Kulturrevolte wirkte wie eine Kettenreaktion, bei der eine Explosion der anderen folgte. Die regierenden Establishments wurden erschüttert und herausgefordert durch eine Protestbewegung, die von Paris bis Prag, von Washington bis Chicago, von Tokio bis Rom und West-Berlin, von Madrid bis Mexiko City ihre Spuren hinterließ." Einen Schlüssel zur Erklärung der Transnationalität der Bewegung sucht Fietze in der Verbindung zwischen einer globalisierten Politik und der Globalisierung von Generationszusammenhängen in der Sphäre von Universitäten, die in modernen Gesellschaften zu kulturellen Legitimationsorten gegenüber den Kultur- und Verantwortungsträgern der Zukunft geworden sind.

Jürgen Link zählt zu den Errungenschaften der 68er Bewegung die Ausbreitung einer "transnationalen Mentalität". Und er sieht sie verbunden mit anderen Phänomenen der Grenzüberschreitung, sei es die von Klassen oder wissenschaftlichen Disziplinen. Wissensbereiche wie die soziale Semiotik, die Analyse der Massenmedien, die Soziolinguistik, die Kritische Theorie, die Diskurstheorie, die osteuropäischen Strukturalismen und Karnevalismustheorien, die Lacan´sche Psychoanalyse oder die antipsychiatrischen Initiativen wurden im Gefolge der 68er Bewegung zu transnationalen Zonen und als solche institutionell integriert.

Dass das Jahr 1968 auch ein Phänomen der globalisierten Medien war, ist inzwischen unbestritten. Die Protestbewegung war eine Medienrevolte im mehrfachen Sinn: eine Revolte gegen die Medien, mit den Medien und vor den Medien. Den mediengeschichtlichen Ort der Bewegung versucht in dem Band die Mitherausgeberin Inge Münz-Koenen zu bestimmen. Die "erste globale Generation" sei vermutlich die letzte der "Gutenberg-Galaxis" gewesen. Kurz vor der Verbreitung des PC wären die Theoretiker der Studentenbewegung gleichsam "die letzten Schriftgelehrten" gewesen. "Ob kritische Theorie, Marxismus, Anarchismus oder Psychoanalyse - Lesestoffe und das gedruckte Wort prägten die Modalitäten der Erfahrungsverarbeitung, die Denkweisen und Verhaltensstrategien." Dem steht entgegen, was Wolfgang Kraushaar als charakteristisches Kennzeichen der Bewegung hervorhebt: "Die Körperlichkeit geriet mit einem Schlag ins Zentrum des Geschehens. Der Körper selber, zuvor nur als eine Art Hülle der Person wahrgenommen, wurde zum Medium der Politisierung." Die Kleidung, der Gesichtsausdruck, die Haare, die Körperhaltung, die Dynamisierung der zum Ritual tendierenden Bewegungsform bei Demonstrationen, das alles kam den visuellen Medien entgegen, die noch heute in Form von Bildbänden und Dokumentarfilmen für die Rekonstruktion der Ereignisse um ´68 eine hervorragende Rolle spielen. Dass es Fotos von körperlichen Aktionen waren, die jetzt die Debatte über 1968 neu in Gang setzten, ist symptomatisch.

Der hohe Stellenwert der Schriftkultur in der Studentenbewegung, die Bedeutung von öffentlichen Inszenierungen des Körpers und das Gewicht audiovisueller Medien bei der Ausbildung neuartiger Wahrnehmungs- und Ausdrucksformen lassen sich bei den Versuchen, das Profil der Bewegung zu charakterisieren, freilich nicht gegeneinander ausspielen. Gerade ihr Zusammenspiel ist für sie kennzeichnend. Ebenso wenig ist die damalige Entwicklung der Sozial- und Geisteswissenschaften mit Hinweisen auf die Rezeption des Marxismus, der etliche Beiträge in dem Band nachgehen, ausreichend bestimmt. Der Band belegt insgesamt, dass das Jahr 1968 durch eine Pluralisierung und Ausdifferenzierung von Theorien, Methoden und Fragestellungen auch in wissenschaftsgeschichtlicher Hinsicht einen Modernisierungsschub in Gang setzte, der die Entwicklung in den folgenden Jahrzehnten prägte.

1968 und die Literatur

Was die zahlreichen Rückblicke auf die Studentenbewegung wenig beachtet haben, ist die Literatur. Denn der Fall scheint klar zu sein. Das Jahr 1968 ist in die Literaturgeschichten unter dem Stichwort 'Tod der Literatur durch Politisierung' eingegangen. Die Aktionen der Studentenbewegung hatten eine durch die Massenmedien potenzierte Wirksamkeit, vor der die politischen Einflussmöglichkeiten von Literatur hoffnungslos verblassten. Unter dieser Erfahrung entstanden Sätze, wie sie im berühmt-berüchtigten "Kursbuch 15" Karl Markus Michel formulierte: "daß die als Hort aller Unzufriedenheit, als Born der Zersetzung verschrieene Gruppe 47 nicht einmal ein Papiertiger ist, sondern ein Schoßhund." Und hier erklärte Hans Magnus Enzensberger die Literatur zwar nicht (wie er später betonte) für tot, sprach ihr aber (der Unterschied ist nicht so groß) "eine wesentliche gesellschaftliche Funktion" ab.

Fixiert auf solche Aussagen, hielten viele die Studentenbewegung hinfort für den zeitweiligen Ruin der deutschsprachigen Literatur, von dem sie sich nur langsam erholt habe. Solche Vorstellungen passen sich gut ein in die beschriebenen Versuche von Rechtsintellektuellen, mit der 68er Generation endgültig abzurechnen. Doch sogar im "Kursbuch 15" zeigte sich die Literatur durchaus lebendig. Enzensberger selbst trat hier als Übersetzer spanischer Dichtung hervor, und neben fünfzehn Seiten Prosa von Beckett stehen zahlreiche Gedichte, darunter vier von Ingeborg Bachmann. 1968 feierte mit Erika Runges "Bottroper Protokollen" oder Peter Weiss' "Viet Nam Diskurs" keineswegs nur die Dokumentarliteratur ihre Triumphe. In diesem Jahr auch gelang Siegfried Lenz mit seinem Erfolgsroman "Die Deutschstunde" der literarische Durchbruch, Hubert Fichte mit dem Roman "Die Palette", Rolf Dieter Brinkmann mit "Keiner weiß mehr" und Horst Bienek mit "Die Zelle". Handkes "Kaspar" wurde in Frankfurt uraufgeführt, Frischs "Biographie" in Zürich. Günter Eich veröffentlichte die anarchischen Prosaminiaturen "Maulwürfe", Canetti seine Reiseaufzeichnungen "Die Stimmen von Marrakesch" und in der "Neuen Rundschau" vorab den großen Essay über Kafkas "anderen Prozess".

Gewiss: das alles ist schon vorher entstanden. Doch 1968 hat sich kaum ein Autor davon abhalten lassen weiterzuschreiben. Als Enzensberger 1971 eine Sammlung seiner "Gedichte 1955 - 1970" veröffentlichte, war klar, dass auch er 1968 auf das Schreiben von Lyrik nicht ganz verzichtet hatte. Günter Grass publizierte schon 1969 seinen Roman "örtlich betäubt", der zwar nicht in Deutschland, doch immerhin in den USA außerordentliche Resonanz fand. Heinrich Böll schrieb nach 1968 seinen wohl bedeutendsten Roman, "Gruppenbild mit Dame", und erhielt 1972, ein Jahr nach seinem Erscheinen, den Nobelpreis. Ingeborg Bachmann arbeitete 1968 an ihrem "Todesarten"-Zyklus, und Uwe Johnson begann mit der Niederschrift der "Jahrestage".

1968 war also ein vielschichtiges und durchaus ertragreiches Jahr der deutschsprachigen Literaturgeschichte und darüber hinaus, blickt man auf die damaligen literaturtheoretischen Debatten zurück, ungemein folgenreich. Vor allem auch der Begriff "Postmoderne", der in Deutschland erst in den 80er Jahren Karriere machte, wurde hier erstmals diskutiert. "The Case for Post-Modernism" lautete der Titel eines Vortrags, den der amerikanische Literaturkritiker Leslie Fiedler 1968 in Freiburg hielt. Bevor er im amerikanischen Playboy erschien, publizierte ihn in Deutschland die Zeitung "Christ und Welt" und eröffnete damit eine sich über Monate erstreckende Diskussion.

Fiedlers Aufwertung der populären Kultur gegenüber den hermetischen, in hohem Maße interpretationsbedürftigen Kunstanstrengungen der literarischen Moderne und sein Appell, "die Kluft zwischen Bildungselite und der Kultur der Massen zu schließen", hinterließ 1969 unübersehbare Spuren in Rolf Dieter Brinkmanns "Acid"-Anthologie der "neuen amerikanischen Szene". Noch die jüngere deutsche "Pop-Literatur" steht zum Teil in dieser Tradition.

1968 war in Deutschland also auch für die Geschichte der deutschsprachigen Literatur ein folgenschweres Jahr. Noch nach der Protestbewegung blieb sie von deren machtkritischen Impulsen geprägt. Die Kapitalismus- und Imperialismuskritik verschob sich dabei allerdings zu einer fortschrittsskeptischen Zivilisations- und Vernunftkritik. Das marxistische Interesse am "Antagonismus von Kapital und Arbeit" wurde ersetzt durch das an hierarchischen Gegensätzen anderer Art: Vernunft und Wahnsinn, Systemrationalität und Lebenswelt, Zivilisation und Wildnis, Technik und Natur, Kopf und Körper, Mann und Frau. Die exzessiven Kontroversen zwischen Apologeten der Moderne und Programmatikern der Postmoderne verdeckten in den achtziger Jahren oft die Übereinstimmungen in jenem Misstrauen gegenüber Macht und Herrschaft, das um 1968 gewachsen war und noch heute in der Literatur fortdauert.

Eines der großen literarischen Unternehmungen damals, Ingeborg Bachmanns "Todesarten"-Projekt, dessen Bedeutung erst lange nach dem Tod der Autorin angemessen erkannt wurde, reflektierte die Situation gut zwanzig Jahre nach Kriegsende im Entwurf zu einer Vorrede des Romans "Der Fall Franza" mit den Worten: "Die Massaker sind zwar vorbei, die Mörder noch unter uns, oft beschworen und manchmal festgestellt, nicht alle, aber einige, in Prozessen abgeurteilt. Die Existenz dieser Mörder ist uns allen bewußt gemacht worden, nicht durch mehr oder weniger verschämte Berichterstattung, sondern eben auch durch Literatur." Diese Literatur setzte Bachmann, und nicht nur sie, programmatisch durch eine andere fort. Sie sollte versuchen, "mit etwas bekannt zu machen, etwas aufzusuchen, was nicht aus der Welt verschwunden ist", mit Verbrechen, die "so sublim" sind, "daß wir sie kaum wahrnehmen und begreifen können". Zum neuen Schauplatz der Literatur wird nun das "Denken, das zum Verbrechen führt", sowie jenes, "das zum Sterben führt."

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Clemens Albrecht / Günter C. Behrmann / Michael Bock / Harald Homann / Friedrich H. Tenbruck: Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule.
Campus Verlag, Frankfurt a. M. 1999.
650 Seiten, 50,10 EUR.
ISBN-10: 3593362147

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Wolfgang Kraushaar: 1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur.
Hamburger Edition, Hamburg 2000.
370 Seiten, 24,50 EUR.
ISBN-10: 393090859X

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Rainer Rosenberg / Inge Münz-Koenen / Petra Boden (Hg.): Der Geist der Unruhe. 1968 im Vergleich. Wissenschaft - Literatur - Medien.
Akademie Verlag, Berlin 2000.
351 Seiten, 50,10 EUR.
ISBN-10: 3050034807

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