Die Inflationierung und Verkitschung des Holocaust

Norman Finkelstein, Peter Novick und die konjunkturellen Debatten über den Massenmord an den europäischen Juden in Deutschland

Von Axel SchmittRSS-Newsfeed neuer Artikel von Axel Schmitt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ohne Frage: Der Umgang mit der Erinnerung an den Holocaust ist heikel. Einerseits haben die Dimensionen der technisch organisierten und durchgeführten Menschheitskatastrophe jegliche Maßstäbe für die nachträgliche Auseinandersetzung mit ihr zunächst vollkommen durcheinander gebracht, was dazu geführt hat, dass das singuläre Geschichtsdatum als solches schon früh fetischisiert und der Umgang mit ihm tabuisiert wurde. Andererseits führte auch die kollektiv zu verrichtende Erinnerung in Deutschland, Israel und den USA schon früh zu einer instrumentalisierenden Ideologisierung derselben. Das sind keine neuen Erkenntnisse, dennoch erregen sie - als medienwirksame Häppchen verabreicht - immer wieder neu die Aufmerksamkeit des Publikums: Am 7. Februar ist bei Piper in deutscher Übersetzung ein Buch erschienen, das seit seiner Erstveröffentlichung Ende Juli 2000 in London und New York den amerikanischen, aber auch den deutschen Diskurs über den Holocaust nicht unwesentlich beeinflusst hat. Der New Yorker Politikwissenschaftler Norman G. Finkelstein greift in seiner etwas mehr als 150 Seiten umfassenden Streitschrift "The Holocaust Industry. Reflections on the Exploitation of Jewish Suffering" (dt. "Die Holocaust-Industrie. Wie das Leiden der Juden ausgebeutet wird") die jüdischen Organisationen in den USA, die den nationalen wie internationalen Holocaust-Diskurs lenken und als geistige Sachwalter der überlebenden Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen auftreten, frontal an, indem er ihnen vorwirft, eine "Holocaust-Industrie" entwickelt zu haben, die sich ausschließlich der systematischen Ausbeutung jüdischen Leidens in der Zeit des Nationalsozialismus verschrieben habe und zu Unrecht eine historische Einzigartigkeit der jüdischen Katastrophe postuliere.

Finkelsteins zentrale Thesen laufen insgesamt nicht, wie ihm bisweilen unterstellt wird, auf eine Leugnung des Genozids an den europäischen Juden hinaus; er ist vielmehr der Meinung, dass das wahre Geschehen durch die Machenschaften einer "Holocaust-Ideologie" verdeckt und geradezu unkenntlich gemacht werde. Nicht zuletzt deshalb steht der Begriff "Massenvernichtung der Juden durch die Nazis" für den eigentlichen historischen Vorgang, "DER HOLOCAUST" (im Original: "The Holocaust") dagegen für dessen von Ideologie geprägte Darstellung. Zentrale Ideologeme sind für ihn die These von der Einzigartigkeit und Unvergleichlichkeit des jüdischen Leidens und die These, dass der nationalsozialistische Völkermord die extreme Konsequenz eines irrationalen, ewigen Antisemitismus in der Geschichte gewesen sei, der die Vorstellung nähre, die Juden seien ständig von einem Holocaust bedroht und könnten deshalb besondere Verteidigungsrechte für sich in Anspruch nehmen. Finkelstein, der auch zwei Monographien ("Image and Reality of the Israel-Palestine Conflict", 1995; "The Rise and Fall of Palestine", 1996), mehrere Artikel über Israel und den Nahen Osten und (gemeinsam mit Ruth Bettina Birn) ein kritisches Statement zu Daniel Jonah Goldhagens Buch "Hitler's Willing Executioners" (1996), "A Nation on Trial. The Goldhagen Thesis and Historical Truth" (1998), geschrieben hat, ist davon überzeugt, dass die Geschichte des Holocaust seit dem Sechstagekrieg 1967 in erster Linie ein Instrument der jüdischen Organisationen in den USA zur Stärkung der Position Israels und ihrer eigenen Position sei. Finkelstein benutzt den äußerst missverständlichen Terminus "jüdische Eliten" und meint damit das American Jewish Committee, den Jewish World Congress, die Anti-Defamation League, die Jewish Claims Conference, die World Jewish Restitution Organization und das Simon Wiesenthal Center.

In einem Beitrag für die "Süddeutsche Zeitung" (18.8.2000) hat der Freiburger Historiker Ulrich Herbert darauf verwiesen, dass von einer Instrumentalisierung des Holocaust für die amerikanische Nahostpolitik in den siebziger Jahren wohl kaum gesprochen werden könne, zumal es noch Mitte der 80er Jahre äußerst mühsam gewesen sei, "die Auseinandersetzung mit dem Genozid wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken". Insgesamt, so Herbert weiter, überzeuge die von Finkelstein hergestellte Verbindung nicht sehr, weil er "die Entwicklung der Debatte über den Judenmord in einen viel zu engen, geradezu verschwörerischen Zusammenhang mit der amerikanischen Nahostpolitik und dem Einfluss der amerikanischen Juden auf diese Politik stelle.

Die zweite These Finkelsteins, in den USA habe sich eine Holocaust-Ideologie herausgebildet, die den Massenmord liturgisiert und damit aus dem historischen Kontext herausgelöst habe, ist beileibe nicht neu, sondern bereits von so unterschiedlichen Autoren wie Raul Hilberg und Peter Novick formuliert worden. Neu ist allenfalls die Polemik und Radikalität, mit der die in der Forschung verhandelten Ansätze gebündelt, und die moralische Emphase, mit der die Ideologen der "Holocaust-Industrie" angeklagt werden. Gerade aber die Sakralisierung des Holocaust ist einer der wichtigsten Punkte in Peter Novicks wegweisendem, in Deutschland aber viel zu wenig beachtetem Buch "The Holocaust in American Life" (New York 1999). Die deutsche Übersetzung ist unter dem Titel "Nach dem Holocaust. Der Umgang mit dem Massenmord" jetzt erschienen. Dieses Buch gab den ersten Anstoß zu Finkelsteins Essay. Die Sakralisierung des Holocaust beginnt - Novick zufolge - mit der Herausbildung der fetischisierten Einzigartigkeit des Holocaust, die Ismar Schorsch, Kanzler des Jewish Theological Seminary in New York, wiederholt als "geschmacklose säkularisierte Version der Auserwähltheit" bezeichnet hat. Von der Idee der Einzigartigkeit und ihrer deutschen akademischen Version als "Zivilisationsbruch" (Dan Diner) ist es für Novick und Finkelstein nur ein kurzer Weg zur Liturgisierung der Erinnerung. Vor allem Elie Wiesel habe die Sakralisierung des Holocaust propagiert, die der Idee des Leidens eine Sonderstellung verleiht. Laut Wiesel sind diese Opfer im Besitz eines Geheimnisses, das zu kennen die Lebenden weder wert noch fähig seien: "Der Holocaust ist das letzte Ereignis, das letzte Geheimnis, das nie verstanden oder weitergegeben werden kann." Was also in der Geschichte des jüdischen Volkes ein existenzbedrohendes Ereignis war, wird zum wertvollen, geheiligten Erbe. Finkelsteins Kritik an Wiesel, dem unterstellt wird, die "Einzigartigkeit des Holocaust" zu verbreiten und mit seinen Reden ("für ein Standard-Honorar von 25000 Dollar plus Limousine mit Chauffeur") die Holocaust-Erinnerungsindustrie zu orchestrieren, ist sprachlich gewiss überzogen, läuft aber der Sache nach nicht ganz an der Realität vorbei.

Bei dem Theorem einer Sakralisierung des Holocaust sollte nicht übersehen werden, dass es sich in nicht unwesentlichen Teilen um eine 'Verchristlichung' der Inhalte handelt, insofern christliche Theologumena in die jüdische Gedenkkultur eingeschrieben werden. Als sich der Antisemitismus in den Vereinigten Staaten abschwächte, darauf fokussieren Novick und Finkelstein ihre Ansätze, glaubten sich die amerikanischen Juden auch in der Gefahr, ihren ethnischen Zusammenhalt zu verlieren. Deshalb sollte die permanente Angst vor dem Antisemitismus der jüngeren Generation weitergegeben werden. Man heiligte die krasse Erinnerung an Auschwitz, um darzustellen, dass Juden anders sind. Hier rekurrieren Finkelstein und Novick jenseits aller Polemik allerdings auf ein Problem, dessen Bedeutung nicht nur in den USA zu wachsen scheint. Die Symbolisierung des Judenmords als ein quasi-religiöses, unverstehbares Ereignis, die latente Verkitschung der Ereignisse, aber auch die Reduktion des Holocaust auf konjunkturelle Dauerdebatten in den amerikanischen wie deutschen Feuilletons können nicht mehr ernsthaft bestritten werden. Dass gerade Finkelstein jedoch den polemischen Begriff der "Holocaust-Industrie" nirgendwo präzise definiert, schwächt seine Argumente immer dort, wo sie für den Leser nicht nachprüfbar sind.

Diese Schwäche bestimmt den gesamten dritten Teil des Buches, der aus einer massiven Anschuldigung besteht, deren Verifizierung respektive Falsifizierung sich, wie Ulrich Herbert richtig vermutet, wohl nur auf juristischem Wege klären lässt: Die "Holocaust-Industrie", voran die Jewish Claims Conference (JCC), hätte sich eines "doppelten Abkassierens" schuldig gemacht. Seine für die deutsche Ausgabe noch zugespitzten Vorwürfe lauten, dass diese Organisationen die Schweiz und die Bundesrepublik Deutschland mit falschen Beschuldigungen und weit überhöhten Zahlen überlebender jüdischer Opfer des Holocaust moralisch erpresst hätten. Darüber hinaus hätten jüdische Organisationen die aus Deutschland erhaltenen Gelder nicht individuellen jüdischen Holocaust-Überlebenden zugute kommen lassen, sondern damit karitative Einrichtungen finanziert sowie den Aufbau jüdischer Gemeinden in der arabischen Welt und die jüdischen Emigranten aus Osteuropa in Israel unterstützt. Finkelstein fördert damit nolens volens das weit verbreitete Unbehagen an dem gegenwärtigen Stil der Entschädigungspolitik, die primär durch eine merkwürdige Mischung aus Moralisierung und Kommerzialisierung geprägt ist. In diesem Zusammenhang sei bemerkt, dass deutsche Historiker, allen voran Ulrich Herbert, Reinhard Rürup und Julius H. Schoeps, Finkelsteins Vorwürfe als unsachlich und wissenschaftlich unzutreffend zurückgewiesen haben. Nach Ansicht Herberts stehen insbesondere seine Behauptungen über eine missbräuchliche Verwendung von Entschädigungsgeldern durch die JCC "auf wackeligem Boden". Zudem überzeuge "seine Kritik an der Verhandlungstaktik der jüdischen Organisationen bei der Auseinandersetzung um die Zwangsarbeiter-Entschädigung" nicht; insgesamt sei er mit diesem Thema "nicht ausreichend vertraut."

Finkelsteins und Novicks Thesen sind in erster Linie an ein amerikanisches Publikum adressiert und im Wesentlichen Ausdruck eines Selbstverständnisses der amerikanischen Juden in ihrem Verhältnis zur amerikanischen Gesellschaft. Während Novick der deutschen Ausgabe seines Buches ein Vorwort vorangestellt hat, das zur Vorsicht beim Übertragen seiner Thesen in den deutschen Holocaust-Diskurs mahnt, hat Finkelstein der deutschen Übersetzung seines Essays ein Nachwort beigefügt, dass eher einer Verschärfung seiner Thesen und Vorwürfe dient. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass Finkelsteins Buch auch in Deutschland Gegenstand einer heftigen Debatte geworden ist. Nicht selten ist dabei jedoch die Ebene des polemischen Schlagabtauschs verlassen worden. Das zeigte sich besonders deutlich im Zusammenhang mit dem zunächst vom Südwestrundfunk aus dem Programm genommenen, am 10.2. dann aber doch in überarbeiteter Form gesendeten Film "Die Holocaust-Industrie. Ein Buch, ein Skandal" von Tina Mendelsohn (vgl. etwa Michael Jeismanns Kritik in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 12.2.2001).

Nahezu völlig ausgeblendet (mit Ausnahme des genannten Artikels von Ulrich Herbert) wurde bislang die nach meinem Ermessen äußerst diskutable Kritik Finkelsteins an der 'historischen Dekontextualisierung des Holocaust' und der Tendenz zur Liturgisierung und Verkitschung der Erinnerung. Besonders die offenkundige Zionisierung und Amerikanisierung des Holocaust (nicht nur, aber auch auf ästhetischem Gebiet) ist bis auf wenige Ausnahmen noch immer nicht Gegenstand einer breiten Debatte in Deutschland geworden. Aleida Assmann und Ute Frevert ("Geschichtsvergessenheit -Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945", Stuttgart 1999) haben vor kurzem kritisch auf die in Deutschland herrschende 'Erinnerungsinflation' hingewiesen, die dazu führe, dass in Ausstellungen, TV-Dokumentationen, Spielfilmen und in erhitzten Feuilleton-Debatten die Vergangenheit und der angemessene Umgang mit ihr verhandelt werde. Der erste, von Aleida Assmann verfasste Teil kreist um Wahrnehmungsprobleme, Wertsysteme und Erinnerungspraktiken im Nachkriegsdeutschland. Insgesamt stellt sich die Erinnerungsgeschichte als ein "Geflecht unterschiedlicher und gegenstrebiger Rhythmen und Richtungen" dar. Anhand der Walser-Bubis-Debatte wird die Unterscheidung von Schamkultur und Schuldkultur diskutiert. Gewissermaßen im Rückwärtsgang wendet sich Assmann dem Jahr 1945 zu, indem sie Texte der unmittelbaren Nachkriegszeit (vor allem Zeitschriften) als "wichtige Quelle für die kollektive Erfahrungsverarbeitung, die Abwehr und Persistenz von Erinnerungen und die Konstruktion einer neuen deutschen Identität" liest. Der zweite, von Ute Frevert verfasste Teil verschreibt sich dem umgekehrten Weg. Die Autorin untersucht die Entfaltung zweier deutscher Staaten zwischen 1948 und 1998, die auf je verschiedene und "doch merkwürdig miteinander verflochtene Weise" mit dem Holocaust umgehen. Hier wird neben der Sprache und den Texten vor allem der Vielfalt der Erinnerungsmedien (von Architektur, Museum über Film und Wissenschaft bis hin zu nationalen Symbolen und Riten) ein großer Raum eingeräumt.

Gerade auch in den unendlichen Diskussionen über das in Berlin zu errichtende "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" ist - wie die Verfasserinnen zu Recht hervorheben - die Befürchtung geäußert worden, dass man zu viel und nicht zu wenig erinnere. Fraglos gibt es in Deutschland heute erfreulicherweise eine reiche, sich noch immer weiter ausdifferenzierende Erinnerungs- und Gedenklandschaft, die das Wissen über die nationalsozialistischen Verbrechen und ihre Opfer wach zu halten versucht. Dennoch ist nicht zu verhehlen, dass Gedenken auch in Deutschland einen bisweilen äußerst fragwürdigen kulturindustriellen Zuschnitt erfahren hat. Das lässt sich schön an den von Aleida Assmann herausgearbeiteten drei Phasen der deutschen Erinnerungsgeschichte zeigen. Die erste Phase, die die Verfasserin mit dem bei Norbert Frei entlehnten Begriff der "Vergangenheitspolitik" umschreibt, reicht von 1945 bis 1957 und steht im Zeichen des "kommunikativen Beschweigens" und der massiven Abwehr von Erinnerung. Politisch geht es dabei um die Entschädigung der Opfer im Rahmen der so genannten 'Wiedergutmachung' und um die Politik der Amnes(t)ie, deren Ziel eine Wiedereingliederung der ehemaligen Parteigänger des Nationalsozialismus in die deutsche Nachkriegsgesellschaft war. Die zweite, von 1958 bis 1984 reichende Phase ist nach Assmann von der "Kritik der Vergangenheitsbewältigung" bestimmt. Der Eichmann-Prozess in Jerusalem, die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt am Main und natürlich die 68er-Bewegung prägten diesen Zeitabschnitt. Die dritte Phase, die die Autorin ab 1985 datiert, stehe im Zeichen der 'Erinnerung'. Detailliert weist Assmann nach, dass in diesem Zeitabschnitt die Bedeutung der offiziellen Kommemoration und die Schaffung von Symbolen deutlich zunahm, wobei sich zwei unterschiedliche Richtungen nachweisen lassen: "eine Erinnerungspolitik, die im Zeichen von 'Vergangenheitsbewältigung' steht und mit dem Namen Helmut Kohls verbunden ist, und eine Erinnerungspolitik, die im Zeichen von 'Vergangenheitsbewahrung' steht und mit dem Namen Richard von Weizsäcker verbunden ist." Zu ergänzen wäre der Umstand, dass mit der Regierungsübernahme durch SPD und Bündnis 90/Die Grünen im Herbst 1998 eine Zeitenwende auch im traditionellen Diskurs der kritischen Intelligenz, d.h. im 'linken' und 'linksliberalen' politischen Milieu, zu konstatieren ist, die sich um die symbolische Gründung der 'Berliner Republik' formiert hat.

Präzisieren wir kurz: Das Problem des Holocaust-Bewusstseins in den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts war und ist nicht das Vergessen, sondern vielmehr die Allgegenwärtigkeit, das Übermaß an Holocaust-Symbolik in unserer Kultur, das von einem - von Saul Friedländer in seiner hervorragenden, 1992 erschienenen Aufsatzsammlung "Probing the Limits of Representation. Nazism and the 'Final Solution'" so überzeugend angeprangerten - Faszinosum 'Faschismus' in Film und Literatur bis hin zur Übertreibung einer oft eilfertigen Holocaust-Viktimologie im Rahmen einer ganzen Palette politischer und ästhetischer Diskurse (etwa im Fall Wilkomirski und der unrühmlichen Rolle des Suhrkamp-Verlags dabei) reicht. Seit Mitte der 80er Jahre ist der bevorzugte Anlass zu solcher Erinnerung fast ausschließlich der Skandal (im Sinne der Erregung öffentlichen Ärgernisses und öffentlicher Aufmerksamkeit) gewesen: angefangen vom Historiker-Streit (1986), über die Goldhagen-Debatte (1996), die Ausstellung über Verbrechen der Wehrmacht (1997), die Walser-Bubis-Debatte (1998/99) bis hin zur Auseinandersetzung mit Finkelsteins Buch. Diese eruptive und unkontrollierbare Erinnerungsspur öffentlicher Erregungen läuft bisweilen neben, meistens jedoch konträr zu einer kontinuierlich sich entfaltenden Geschichtsforschung und der organisierten Erinnerungsarbeit an Gedenkstätten und öffentlichen Institutionen. Nicht die gesellschaftliche Erinnerungsschwäche hat den nationalsozialistischen Völkermord in einen Nebel der Vergangenheit gehüllt, sondern der "kulturindustrielle Artefakt, den man 'Holocaust' nennt" (Detlef Claussen). Das Zauberwort "Holocaust" - so ließe sich pointierter sagen - hat Auschwitz, Bergen-Belsen u.a. verdrängt; es besitzt inzwischen eine sinngebende Funktion, weil es einen emotionalen Fluchtpunkt vor der intellektuellen Erinnerung erfahrener Sinnlosigkeit bietet.

Durch die Ersetzung des Namens Auschwitz (als Synonym für den Massenmord) durch den massenmedial vermittelten Code "Holocaust" wird eine zerbrochene Erfahrungswelt zu einer sinnstiftenden Einheit verklebt; psychisch kaum zu ertragendes Vergangenes ist in eine handhabbare Wirklichkeit transformiert worden. Der hier verwendete und Adorno entlehnte Begriff der Kulturindustrie meint freilich mehr als nur die extreme Kommerzialisierung der Opfer-Erinnerung und ihrer ästhetischen Darstellbarkeit. Es geht auch um die Art und Weise, wie und aus welchem Anlass über sie in der Öffentlichkeit gesprochen wird. In jeder der konjunkturellen Debatten über die Vergangenheit in Deutschland geriet das anfangs zumindest diskutable Thema früher oder später auf die Ebene zunehmender Entfernung vom historischen Ereignis. Dabei entfaltete sich sehr bald eine (im Sinne Roland Barthes') selbstreferentielle Lust (allerdings nicht mehr am Text, sondern) am Debattieren, wobei das Signifikat historiographischer Begierde (der Massenmord an den europäischen Juden) hinter einer unendlichen Kette primärer wie sekundärer Signifikanten-Ketten verschwand. Instrumentalisierung des Holocaust - darauf hat Moshe Zuckermann ("Gedenken und Kulturindustrie", Berlin 1999) nachhaltig aufmerksam gemacht - muss nicht gleich "die Umsetzung seiner Erinnerung in diesen oder jenen materiellen oder politischen Tauschwert" bedeuten; "er kann durchaus - und dies formt sich allmählich in der Tat zur gängigen Routine aus - die Benutzung des monströsen historischen Ereignisses als Sprungbrett für die Anzettelung, Inszenierung und Durchführung von Debatten, Diskussionen und Diskursen, die mit der Erinnerungsarbeit als solcher gemeinhin schon herzlich wenig zu tun haben, meinen. Nicht nur der Trivialisierung der monströsen Menschheitskatastrophe wird damit Vorschub geleistet, sondern auch der Verballhornung der sich behutsam herauskristallisierenden (Erinnerungs-)Kultur des Umgangs mit ihr." Worum es Zuckermann geht, lässt sich an der Aufnahme einer zunehmenden Amerikanisierung des Holocaust auch innerhalb deutscher Feuilletondebatten beobachten: Es geht um die zunehmende Entfremdung vom historischen Datum durch die Zerredung des erinnernden Umgangs mit ihr: "Nicht um die 'Dauerrepräsentation unserer Schande' geht es dabei - die muß um der Zukunft willen präsentiert werden -, sondern um die zerredende Entsorgung der Repräsentation." Folge ist, dass der Artefakt "Holocaust" an die Stelle des Schweigens die Illusion allseitiger Kommunizierbarkeit setzt und zudem eine Resakralisierung und Renationalisierung der Kultur auf den Weg bringt.

Im Großen und Ganzen ist es uns zunehmend zu Bewusstsein gekommen, inwieweit das gesellschaftlich kollektive Gedächtnis das Konstrukt einer Vielfalt komplexer Diskurse und Medien ist. Die Geschichtsschreibung, die Archive, Zeugenberichte und Dokumentaraufnahmen haben die Fakten zusammengestellt, die nachfolgenden Generationen zur Überlieferung weitergegeben werden müssen. Gleichwohl kommen wir nicht daran vorbei festzustellen, dass der Holocaust durch die überaus unterschiedlichen Ausprägungen seines Gedenkens tatsächlich einen bruchstückhaften Charakter angenommen hat. Die obsessive Konzentration auf das Unfassbare und Nichtdarstellbare hier, die zunehmende Ideologisierung und Instrumentalisierung der Erinnerung dort, führen den Holocaust in einen (politischen, historischen, ästhetischen) Widerstreit zwischen ursprünglichem Signifikat auf der einen sowie heterogenen und nachträglichen Signifikanten auf der anderen Seite. Dabei ist stets zu bedenken, dass man den Holocaust als Realität, als konkrete Objektivation eines ideologisch geplanten, industriell organisierten Mechanismus zur systematischen Ausrottung eines ganzen Volkes, den Holocaust als Alltagsroutine gar nicht erinnern kann. Den Holocaust kann man allenfalls - insbesondere in seiner historischen Einmaligkeit und Unvergleichlichkeit - als "ein dichotomes Paradigma menschlicher Existenz, als eine die Symbolisierung der permanenten Bedrohung dieser Existenz widerspiegelnde Matrix und als eine sittliche Entscheidung" (Zuckermann) erinnern. Nicht nur in den politischen Kulturen Israels und der USA, sondern auch und gerade in Deutschland ist eine durch permanente feuilletonistische Verdinglichung und Verkitschung (vgl. hierzu Saul Friedländers prägnanten Essay "Kitsch und Tod") bewirkte Entfremdung vom eigentlichen Holocaust festzustellen. Es mag natürlich dahingestellt sein, inwieweit sich der Holocaust überhaupt erinnern lässt. Abgesehen davon, dass das ehemals als undarstellbar Vorgeführte so gut wie vollkommen enttabuisiert worden ist, scheint es, als sei mittlerweile das Debattieren und die (vor allem hollywoodgerechte) Darstellung selbst zur Ware, zum strategisch geplanten Vermarktungsobjekt geworden. Der von Detlef Claussen ("Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus", 1987) namhaft gemachte "Artefakt Holocaust" rekurriert dabei auf den bekannten Ausspruch des langjährigen israelischen Außenministers Abba Eban, "There's no business like Shoah Business", der die Verschmelzung von historischer Vergangenheit und ihrer kulturindustriellen Aufarbeitung bereits antizipierte. Letztlich darf man vielleicht noch kritischer sein: Sichtbar wird in den letzten Jahren vermehrt der 'garstige Graben' zwischen dem historischen Datum und seiner adäquaten Darstellung sowie die diesem Zustand inhärente Aporie zwischen objektiver Notwendigkeit der Darstellung (etwa in der Geschichtsschreibung) und ihrer entfremdend-entstellenden Funktion in der deutschen Öffentlichkeit. Bereits Claussen hat auf dieses Paradoxon aufmerksam gemacht: "Das Dilemma scheint unlösbar. Ohne kulturindustrielle Vermittlung können die Überlebenden und Nachgeborenen sich nicht an Auschwitz erinnern; aber die nachtotalitäre Gesellschaft bringt eine Form des Erinnerns hervor, die das, was wirklich in Auschwitz geschah, hinter dem kulturellen Artefakt 'Holocaust' verschwinden läßt."

Anders gesagt: Die Form der Inkommensurabilität mit sich selbst, ohne die vom Holocaust als einem seiner einfachen Identifizierbarkeit widerstehenden Ereignis gar nicht gesprochen werden könnte, muss als ein Riss in der Identität der Form der Zeit bestimmt werden, ein Riss, der sich seiner psychologischen und historiographischen Identifizierbarkeit entzieht. Damit wäre - gegen Adorno - ein Schreiben gefordert, das sich gerade nicht einer Situation 'nach Auschwitz' zugehörig versteht, zumal es kein historisches oder erfahrungsgemäßes 'nach' zu einem absoluten Trauma gibt. Nachdem das historische und kulturelle Kontinuum zerrissen ist, wäre jeder Versuch, es wiederherzustellen, und sei es im Rahmen einer staatlichen oder gruppenbestimmten Identitätsbildung, ein vergeblicher Akt der Leugnung. Der Holocaust und seine Vorgeschichte kann nicht in irgendeine teleologisch ausgerichtete Geschichte der Aufklärung, des Wissens oder der Bedeutung eingehen. Er bringt alle Daten durcheinander und zerstört eo ipso alle Weisen, ihn zu verstehen. Auch die jeweilige Namengebung gehört streng genommen dazu: Ob "Shoah", "Holocaust" oder "Auschwitz", alle Begriffe für das stets unvollständige Begreifen des nationalsozialistischen Völkermordes, markieren als Schibboleth die Grenzen des Verstehens und verdecken sie zugleich. Doch das Bemühen, diesen Chorismos von Datum und Erinnern, Signifikat und Signifikant(en) in der Zeit zu situieren, bleibt prekär, solange der mit diesem Bruch gemeinte Zwiespalt der Zeit auf ein reales Ereignis der jüngeren Geschichte zurückgeführt werden soll. Doch indem man so dem singulären Datum selbst wiederum ein beinahe überzeitliches Präsent-Sein verleiht, befördert man eher die Struktur einer Metaphysik der Präsenz.

Würde man den Holocaust im Rahmen einer nicht vollständigen Lesbarkeit interpretieren, die eine stets unabschließbare Kommentierung und Deutung gebietet, mithin stärker auf die jüdische Tradition einer Gedächtniskunst zurückgreift, wäre es vielleicht möglich, die Spannung zwischen gleichzeitiger Singularität und Dissemination des Holocaust auszuhalten. Diese Herangehensweise könnte uns in Zukunft vor der immer unerträglicher werdenden historischen Dekontextualisierung des Holocaust bei gleichzeitiger Amerikanisierung und damit Verkitschung des Erinnerns bewahren. Begreift man Finkelsteins Buch unter der Prämisse, zu untersuchen, ob nicht mittlerweile die Loslösung der Beschäftigung mit dem Holocaust vom geschichtlichen Kontext beständig voranschreitet, wäre es als Anstoß zu einer neuerlichen Debatte sicherlich gerechtfertigt. In jedem Fall sollte man sich eingedenk der immer mehr um sich greifenden Geschichtsversessenheit in der politischen Kultur Deutschlands dieser Frage nicht verweigern. Gleichzeitig allerdings ist stets zu bedenken, dass die Form, in der Millionen von Menschen in und außerhalb der Konzentrationslager gequält und ermordet wurden, so einzigartig und sinnlos ist, dass sich jegliches politische Argument und jegliche Instrumentalisierung des Holocaust verbieten sollte. Erinnerung als ideologisierter Gebrauch von Vergangenheit stößt beim Holocaust an eine nicht transzendierbare Grenze.


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Moshe Zuckermann: Gedenken und Kulturindustrie. Ein Essay zur neuen deutschen Normalität.
Philo Verlagsgesellschaft, Berlin/Bodenheim bei Mainz 1999.
127 Seiten, 4,10 EUR.
ISBN-10: 3825701352

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Aleida Assmann / Ute Frevert: Geschichtsvergessenheit-Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945.
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1999.
318 Seiten, 21,50 EUR.
ISBN-10: 3421052883

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Saul Friedländer: Kitsch und Tod. Der Widerschein des Nazismus.
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 1999.
144 Seiten, 8,60 EUR.
ISBN-10: 3596113660

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Normann G. Finkelstein: Die Holocaust-Industrie. Wie das Leiden der Juden ausgebeutet wird.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von H. Reuter.
Piper Verlag, München 2001.
234 Seiten, 19,40 EUR.
ISBN-10: 349204316X

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Peter Novick: Nach dem Holocaust. Der Umgang mit dem Massenmord.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von I. Arnsperger und B. Rehbein.
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 2001.
431 Seiten, 22,50 EUR.
ISBN-13: 9783423308779

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