Wie das Gesetz stürzen?

Krimiautor Friedrich Glauser kämpft mit Komik und Ironie gegen die Gesetze der Psychologie

Von Martin StingelinRSS-Newsfeed neuer Artikel von Martin Stingelin

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Wir brauchen und sollten uns nicht schämen, Kriminalliteratur zu produzieren", schrieb Friedrich Glauser (1896 - 1938) am 25. März 1937 aus La Bernerie, Frankreich, als Erwiderung auf Stefan Brockhoffs "Zehn Gebote für den Kriminalroman" in einem offenen Brief. Diesen findet man im vierten Band der Gesamtausgabe von Glausers erzählerischem Werk: "Gesprungenes Glas". Der Ton dieser Aufforderung, die eher an die eigene Adresse gerichtet ist als an diejenige des unbekannten Kollegen, schwankt hörbar zwischen Selbstermutigung, ja Selbstertüchtigung und Selbstbeschwichtigung, denn als "der halbverachtete Kriminalschriftsteller" (Brief an Familie Messmer) war Glauser bis an sein Lebensende gequält von kaum zu besänftigenden Selbstzweifeln: Er beeilte sich, diesen zuvorzukommen, indem er die Wachtmeister-Studer-Romane mit gebrochener Selbstironie als "Schundromane" bezeichnete, um "den Geruch von Sensationsliteratur, der mich nun einmal zu umgeben scheint, ein wenig zu bannen" (an Martha Ringier), und warf sein ganzes erzählerisches Talent gegen diesen Vorbehalt in die Waagschale. Mit der Gesamtausgabe seines erzählerischen Werks liegt jetzt ein weiteres unerschütterliches Zeugnis für dieses Talent vor. Glausers äußerer Antrieb zum Erzählen bestand im Ehrgeiz, das "Genre" der Kriminalliteratur, mit dem er seinen Lebensunterhalt bestreiten wollte und musste, "ein wenig zu erneuern" (an Friedrich Witz).

Gesetz und Übertretung

Der Stoff des Kriminalromans ist das Gesetz - Naturgesetz, Sittengesetz, kodifiziertes Recht - und seine Übertretung. Dass die Untat im Dunkeln liegt, weil sie vor dem ersten Wort, vor dem ersten Kapitel geschehen ist - "sie liegt im Rücken der Geschichte, muß ans Licht gebracht werden, und dies Herausbringende ist selber und allein das Thema", wie der Philosoph Ernst Bloch schreibt -, adelt den Kriminalroman, denn es verleiht ihm die leidenschaftliche erkenntniskritische Form der Entlarvung, Aufdeckung und Aufklärung, die zuletzt, sind die erkenntnisfördernden Möglichkeiten aller anderen Fragen erschöpft, nach ihrem eigenen Grund fragt. Darin ist die Kriminalliteratur nicht nur der Psychoanalyse, ihrer Schwester, verwandt, sondern auch der Philosophie, ihrer Mutter, und der griechischen Tragödie von König Ödipus, ihrem Vater. Darin gründet auch ihre Aktualität, denn "noch kein Ödipus hat das Inkognito des Daß, weshalb überhaupt etwas erscheint, Welt ist, dies einzig werte Sphinx-Geheimnis beantwortet, gar gelöst" (Bloch). Wie in Ludwig Wittgensteins "Tractatus logico-philosophicus" steht der Satz: "Die Welt ist alles, was der Fall ist", am Anfang des Kriminalromans, nicht an seinem Ende. Damit aber wird für den Kriminalroman im Gegensatz zu Wittgenstein - die Welt zum eigentlichen Rätsel. Während Wittgenstein den Skeptizismus zu überwinden versucht, pflegt die epische Gattung des Kriminalromans die Skepsis wie sonst nur die literarische Form des Aphorismus. Deshalb hat ein philosophischer Schriftsteller wie Friedrich Dürrenmatt in den Kriminal-Stoffen seine eigentliche Bestimmung gefunden.

Zugleich aber können sich die Autoren von Kriminalromanen - ob sie sich als Gesetzeshüter (wie Stefan Brockhoff) oder als Rebellen (wie Friedrich Glauser und Friedrich Dürrenmatt) verstehen - ihrem Stoff am wenigsten entziehen: sie sind Gefangene des Gesetzes und seiner Übertretung, denn keine literarische Gattung ist einem strengeren Regelkanon unterworfen als der Detektivroman, der klassische Ursprung der Kriminalliteratur.

Humor und Ironie

Wie das Gesetz stürzen? Der französische Philosoph Gilles Deleuze unterscheidet zwei Möglichkeiten: Humor und Ironie. Während die Ironie zu den Prinzipien hinaufsteigt und "die Ordnung des Gesetzes als sekundär, abgeleitet, entlehnt, 'allgemein'" im Namen einer anderen Ordnung anficht, geht der Humor den umgekehrten Weg: "Dagegen wird andererseits das Gesetz um so sicherer zu Fall gebracht, wenn man zu den Folgen hinabsteigt, wenn man sich ihm mit übergenauer Sorgfalt unterwirft; mit dieser Anschmiegung an das Gesetz gelingt es einer heuchlerisch unterwürfigen Seele, das Gesetz zu umgehen und in den Genuß der Lüste zu kommen, die es doch verbieten sollte."

Die Eidesformel des Londoner "Detection Club" (G. K. Chesterton, Agatha Christie, Dorothy L. Sayers u.a.) verbot zur Lösung eines Falles "Divine Revelation, Feminine Intuition, Mumbo-Jumbo, Jiggery-Pokery, Coincidence or the Act of God" ("göttliche Offenbarung, weibliche Intuition, faulen Zauber, Hokuspokus, Zufall oder das Eingreifen Gottes"); sie zu geloben war ein Akt des Humors, mit dem sich seine Mitglieder als Richter und Polizisten den eigenen Gesetzen unterwarfen und damit gleichzeitig die Gewaltentrennung aufhoben, eine lustvolle Gesetzesumgehung.

Auch Friedrich Glausers Kriminalerzählungen besitzen diese Geschmeidigkeit, sich der Gattungsgesetze zu einem ganz anderen Zweck zu bedienen, allen voran die Titelerzählung des dritten Bandes: "König Zucker". Der Kriminalroman kleidet sich selbst gerne in die Metapher des Schachspiels. Glauser, der von sich als Kriminalromanautor behauptet hat: "Ich war immer ein schlechter Schachspieler, und Schachprobleme kann ich schon gar nicht lösen" (an Martha Ringier), straft sich hier durch die eigene Raffinesse buchstäblich Lügen, denn Polizeikommissar Kreibig löst einen Mordfall mit Hilfe einer begonnenen Schachpartie: die Widerlegung des Kieseritzky-Gambits führt Kreibig schließlich zum Mörder. Glauser selbst wurde zwischen 1934 und 1936 in der Berner Irrenheilanstalt Waldau vom international bekannten, ebenfalls internierten Schachmeister Hans Fahrni unterrichtet, der auch Robert Walser das Schachspiel beigebracht hat; Fahrni findet sich denn auch im "Klinischen Jahresblatt 1936", einer satirischen Faschingszeitung, in der Glauser zusammen mit einem Pfleger oder Mitpatienten den Anstaltsalltag und die Psychiatrie karikiert hat.

Unter der Hand aber entsteht auf wenigen Seiten ganz beiläufig eine Sozialstudie des Wiener Schiebermilieus zu Beginn der zwanziger Jahre mit einer bitterbösen Pointe. Im Namen der höheren Gerechtigkeit durch Selbstjustiz - ein Problem, das Friedrich Dürrenmatt wieder aufgegriffen hat - erzählt Glauser eine jener "unmoralischen Geschichten", wie er sie liebt, weil sie der Verurteilung zuvorkommen: "Niemand auf dieser traurigen und bizarren Welt ist vollständig schuldig oder unschuldig", hebt ein unvollendet gebliebener Studer-Roman an, der in Ascona spielen sollte. "Kriminologie" oder "Ein Prozeß" sind weitere Texte, die sich in diesem Zusammenhang unmittelbar aufdrängen, wenn zweiterer auch frivoler Natur ist, weshalb die "National-Zeitung" aus Rücksicht auf ihre katholischen Leser die Publikation ablehnte.

Selbst wenn im Kriminalroman "die Spannung nicht dumm" ist (Bloch), benutzt Glauser sie doch nur, um der Atmosphäre Raum zu geben, in der die Menschen sich bewegen, und um "die guten Traumbilder zu wecken", wie er im offenen Brief an Brockhoff schreibt. Die zum Teil umfangreichen Kriminalroman-Fragmente, die in Ascona, Angles, Basel und Charleroi spielen und in denen Glauser u. a. mit der Ich-Erzählperspektive in Form eines Tagebuchs des Täters experimentiert, weisen in dieselbe Richtung. Sie sind, neben ein paar bislang unveröffentlichten Erzählungen und dem "Klinischen Jahresblatt 1936", die eigentliche Entdeckung für Glauser-aficionados. Glauser sucht darin "einen anderen Ton": der Humor soll ihn davor bewahren, "in eine Manier zu verfallen" (an Martha Ringier).

Psychologen und Richter

Lösungen interessieren Glauser nicht. Die Welt und die Menschen, die in ihr leben, sind ihm ein Rätsel. Immer wieder muss er sich allerdings der Verführungskraft psychologischer Erklärungen entziehen. Die Gesetze der Freudschen Psychoanalyse - mit der er sich am ausführlichsten in der umfangreichen autobiographischen Kindheitserzählung "Damals in Wien" auseinander setzt - hat er schon in seinem zweiten Kriminalroman "Matto regiert" als Verkörperung und Festigung der Ambivalenz entlarvt, die von der väterlichen Autorität ausgeht. Dieselbe Ambivalenz bindet ihn gleichzeitig an die Gesetze der Psychologie, die er durch Ironie bekämpft. "Solche zwiespältigen Gefühle sind ja nichts Neues, die Leute vom Fach sprechen von Ambivalenz - als ob dadurch etwas erklärt wäre", heißt es in Glausers Erzählung "Sanierung". Tatsächlich ist der ironische Versuch, "die Ordnung des Gesetzes als sekundär, abgeleitet, entlehnt, 'allgemein'" anzufechten, der innere Beweggrund für Glausers Erzählen.

So bedient sich Glauser etwa des psychologischen Mechanismus der Projektion - Freud hat eindringlich analysiert, wie sich das "Ich liebe sie" dabei in ein "Sie hasst mich" verkehren kann -, um 1934 mit seiner ehemaligen Geliebten Beatrix Gutekunst abzurechnen, von der er sich 1932 getrennt hatte: nachdem die Ich-Erzählerin ihren Geliebten erschossen hat - hier sind Glausers Selbstmordabsichten projektiv gewendet -, zieht sie in Form eines Rollen-Monologs Glausers Bilanz aus dieser Beziehung. Aus diesem Antrieb entspringen eine Reihe von "schweizerischen Strindberg-Geschichten" von befreiender Aggressivität (etwa "Beichte in der Nacht") - Remedium gegen Liebesschmerz. Gleichzeitig meistert Glauser auf diese Weise die Gesetze der Psychologie, indem er sie als technische Verfahren bloßstellt.

Bis hin zu den späten Kriminalroman-Fragmenten ist die Mehrzahl von Glausers Texten aus autobiographischen Stoffen gewirkt (Bernhard Echtes ausführlicher Kommentar gibt darüber jeweils Aufschluss). Bei allem Reiz der vielfältigen Probleme, die daraus entstehen, kann der Leser die Prüfung ihres Wahrheitsgehaltes getrost den Literaturpolizisten überlassen. Die Lektion von Glausers Erzählungen ist alles andere als schulmeisterlich: "Schauen, Schauen, Schauen. Und nie das 'Erstaunen' vergessen. Wir sind nicht da, um zu richten. Wir sind da, um zu erzählen." Oder mit den wahrhaft detektivischen Worten von Schachmeister Hans Fahrni, die Friedrich Glauser am 2. März 1936 Martha Ringier aus der Waldau überliefert hat: "Den, wenn ich erwisch, der die Welt geschaffen hat..."

(Der Autor der Rezension ist Verfasser der Studie: "Matto regiert" - Psychiatrie und Psychoanalyse in Leben und Werk von Friedrich Glauser (1896-1938). In: Rudolf Heinz, Dietmar Kamper und Ulrich Sonnemann (Hrsg.): Wahnwelten im Zusammenstoß. Die Psychose als Spiegel der Zeit. Akademie Verlag, Berlin 1993. S. 81-101.)

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Friedrich Glauser: Das erzählerische Werk: König Zucker / Gesprungenes Glas: Band III u. Bd IV.
Herausgegeben von Bernhard Echte unter Mitarbeit von Manfred Papst.
Limmat Verlag, Zürich 1993.
408 und 488, 49,10 EUR.
ISBN-10: 3857912162

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Friedrich Glauser: Gesprungenes Glas. Das erzählerische Werk Band IV: 1937-1938.
Herausgegeben von Bernhard Echte unter Mitarbeit von Manfred Papst.
Unionsverlag, Zürich 2001.
496 Seiten, 12,70 EUR.
ISBN-10: 3293202012

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Friedrich Glauser: König Zucker. Das erzählerische Werk Band III 1934-1936.
Herausgegeben von Bernhard Echte unter Mitarbeit von Manfred Papst.
Unionsverlag, Zürich 2001.
416 Seiten, 12,70 EUR.
ISBN-10: 3293201946

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