Blutendes Deutschland

Über Agnes Michaux´ Roman "Ich werde sie jagen bis ans Ende der Welt"

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Film " Das Testament des Dr. Mabuse" wird von der nationalsozialistischen Zensur verboten. Aus ihm spreche ein offenkundiger Wille zur politischen Opposition und er gefährde die öffentliche Ordnung und Sicherheit, so die Begründung von Goebbels Propagandaministerium, dem auch die Filmzensur unterstellt ist. Der Regisseur dieses Films ist kein Geringerer als der berühmte Fritz Lang, Schöpfer von Werken wie "M" oder "Metropolis".

Langs Film über die Nibelungensage gehört zu den Lieblingsfilmen von Adolf Hitler. Als Goebbels ihm eine Stelle als Chef der Ufa anbietet, entschließt sich der Regisseur noch am selben Tag, Deutschland zu verlassen und ins Exil zu gehen.

In diesen historischen Kontext bettet Agnes Michaux ihren Roman. Sie beschreibt Fritz Langs Eindrücke, Gedanken und Gefühle während jenes 30. März 1933, seines letzten Tages in Berlin. Keine leichte Aufgabe, die Balance zu halten zwischen den Empfindungen ihrer Romanfigur und den historisch verbürgten Ereignissen. Doch es gelingt ihr überzeugend. Sie zeigt das Bild eines Mannes, der vor einer elementaren Entscheidung steht: Auf der einen Seite winkt die Kollaboration mit den Nationalsozialisten, die Chance auf einen überaus wichtigen und einflussreichen Posten in der deutschen Filmindustrie. Auf der anderen Seite dagegen die Möglichkeit, seine Kunst nach eigenen Vorstellungen weiterzuentwickeln, und die Aussicht, in einem fremden Land zu leben und einen Neuanfang zu wagen. Agnes Michaux scheut sich nicht, die Zwiespältigkeit der Person Lang darzustellen. Er trifft die Entscheidung, Deutschland zu verlassen, keineswegs nur aus moralischen Gründen - die Machenschaften der Nazis sind ihm zwar bekannt, sie sind bei seiner Entscheidung jedoch nicht ausschlaggebend.

Anders als im Roman und entgegen seiner Darstellung blieb Lang nach der Unterredung mit Goebbels noch mehrere Tage in Berlin. Auch seine Behauptung, die Handlung von "Das Testament des Dr. Mabuse" sei bewusst so gestaltet worden, um "wie in einem Gleichnis Hitlers Terrormethoden aufzuzeigen", darf angezweifelt werden: schon die Tatsache, dass Thea von Harbou das Drehbuch schrieb, Langs Frau und Mitglied der NSDAP, macht seine Selbstaussage nicht gerade glaubwürdig. Agnes Michaux geht einen Mittelweg: Sie baut ihre Romanfigur nicht als überzeugten Antifaschisten auf, vielmehr richtet sich im Buch die Abneigung Langs eher gegen die Kulturlosigkeit und das Verhalten der Nazis.

Deutlich wird dies, wenn Lang sich im Kapitel "Wilhelmsplatz" erinnert, wie er mit Conrad von Molo eine Veranstaltung der Nazis besucht und eine Rede von Hitler anhört. Auf Lang wirkt Hitler abstoßend, sein Auftritt sei ein "lächerlich dramatisches Gezeter, eine Tragödie für ein Kasperletheater". Lang empfindet auch das sonstige Auftreten der Nazis, ihre Aufmärsche und ihre Rituale als inszeniert und kulturlos. Bei seinem Zusammentreffen mit Goebbels macht Lang noch einen Versuch, das Verbot seines Filmes aufheben zu lassen, doch Goebbels' Parolen rufen in Lang die Erinnerungen an die Machenschaften Mabuses wach.

Lang vergleicht nicht die Verbrechen Mabuses mit denen der Nazis, dafür aber die Mittel, die Mabuse anwendet: die Beherrschung der Welt durch Kommunikationsmedien, Bilderfälschungen und Täuschungen. Diese Methoden wenden Mabuse und die Nazis an, und zu denen will er nicht gehören. Er möchte die Kunst nicht zur Unterhaltung der Massen nutzen und ein Zerrbild der Wirklichkeit aufbauen.

Michaux zeigt Fritz Lang in der Hinsicht auch als Ästheten, als jemanden, der Kunst schafft und die Kunst vor den Nazis retten möchte, auch wenn er dafür ins Exil gehen muss. Er erkennt, dass er, um weiterhin nach seiner Art arbeiten zu können, keine andere Wahl hat, als Deutschland zu verlassen.

Alles in allem ein gelungener Versuch, die Innenwelt von Fritz Lang darzulegen, was nicht einfach ist angesichts unklarer historischer Fakten und der von Lang inszenierten Selbstdarstellungen.

Titelbild

Agnes Michaux: Ich werde sie jagen bis ans Ende der Welt. Fritz Langs Abschied von Berlin.
Aus dem Französischen von Klaus Jöken.
Europa Verlag, Hamburg/Wien 2000.
192 Seiten, 16,60 EUR.
ISBN-10: 3203800608

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