Biographismus und Pedanterie

Goethe in seiner Zeit

Von Gerhart Pickerodt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Während der erste Band von Nicholas Boyles monumental dimensionierter Goethe-Darstellung immerhin vier Jahre benötigte, um aus dem englischen Original (1991) in die deutsche Übersetzung (1995) zu gelangen, ist der zweite Band (1999) nahezu gleichzeitig in beiden Sprachen erschienen. Die Verlage - und möglicherweise auch der Autor, der sein Vorwort am Neujahrstage aufatmend beendet - haben sich erfolgreich bemüht, das Goethe-Jahr nicht ohne die Fortsetzung dieses Werks vorübergehen zu lassen. Die Aufmerksamkeit einer breiten medialen Öffentlichkeit war diesem zweiten Band ohnehin gewiß. Daß die Übersetzung den Anforderungen, die das Werk an sie stellt, beileibe nicht immer, ja nicht einmal in der Regel genügt, hat offenbar nicht nur mit der zur Verfügung stehenden Zeit zu tun. Schon der erste Band bietet eine Vielzahl von unaufgelösten Anglizismen, aber auch schlichte sprachliche Fehler und Unzulänglichkeiten der Diktion. Man braucht in diesem Band nur eine Seite (I 457) aufzuschlagen, um auf Wendungen zu stoßen wie "der mittelste" oder "wohlgestaltete Jünglinge". Es erscheint schon als bedauerlich, daß ein renommierter Wissenschafts-Verlag sich heute offenbar keinen sprachkundigen Lektor mehr leisten zu können glaubt, der dem Übersetzer auf die Finger sähe, um wenigstens die schlimmsten Mißlichkeiten zu korrigieren. Die Übersetzungsfragen beginnen schon beim Untertitel des Werks und verweisen auf methodische Fragen in der Sache selbst. "The Poet and the Age" lautet das Original in bescheidener Formulierung, während die Übersetzung daraus weitaus anspruchsvoller "Der Dichter in seiner Zeit" entstehen läßt. Während das Original additiv bestimmt ist, drückt die Übersetzung eine Relation aus, die der Text einzulösen hätte.

Was aber beabsichtigt der Autor dieses voluminösen Unternehmens selbst? Gewiß will er Kontexte beschreiben, Zusammenhänge konstruieren. Im Einleitungskapitel des ersten Bandes sucht er eine Synthese zu gewinnen aus politischen Verhältnissen, philosophischen Systembedingungen und spezifischer Religiosität (Pietismus), um daraus eine Art "offizieller" literarischer Kultur der Aufklärung herzuleiten, die dann die Folie abgeben soll, um Goethe in seiner Entwicklung von der Jugendzeit an auf sie zu beziehen und ihn in seiner Abweichung von ihr zu bestimmen. Dieses ambitiöse Vorhaben wird man insofern als nicht voll gelungen einschätzen müssen, als zu wenig auf einzelne Faktoren und spezielle Bewegungen geachtet wird, vielmehr der Hauptakzent auf die Vereinheitlichung unter systematischen Vorzeichen (Leibniz) gelegt wird. Daran krankt dann auch die Goethe-Darstellung selbst, weil die Bezugsgröße Aufklärung als viel zu geschlossen erscheint, als daß sie die Besonderheit der Goetheschen Individualität in der Abweichung von ihr zu motivieren vermöchte. Gewiß polemisiert Boyle zu Recht gegen den Epochenbegriff "Goethezeit" - Goethe war eben nicht Repräsentant der Epoche - , doch erweisen sich die Bezugsgrößen: "offizielle" Literatur der Aufklärung (Bd. I), Französische Revolution (Bd. II) als zu schematisch, um die Eigenart von Goethes Entwicklung in der jeweiligen Abgrenzung befriedigend bestimmen zu können. Der Dichter und das Zeitalter: Boyle verwendet in seiner Darstellung viel Raum für die Zeitumstände, und zwar nicht nur in den jeweiligen Anfangskapiteln (Bd. II: "Das Zeitalter der Revolution" schließt auch die "Revolution" der Kantischen Philosophie ein), sondern auch in den Zwischenkapiteln beispielsweise zu Napoleon Bonapartes Feldzügen des Jahres 1796. Muß aber der Leser detailliert über jede einzelne der Schlachten Bonapartes in Italien informiert sein, um verstehen zu können, daß Goethe 1796 nicht nach Italien reisen konnte? Und muß die Wilhelm-Meister-Darstellung zugunsten von Bonapartes Schlachten unterbrochen werden? Was trägt die politische Geschichte im Zusammenhang der Werkdarstellung im Detail tatsächlich aus? Dieselben Fragen stellen sich auch für das Verhältnis von Leben und Werk Goethes. Die akribische, teilweise ans Pedantische grenzende Darstellung des Lebens, erscheint sie gerechtfertigt durch Boyles Grundsatz, "daß nichts Wesentliches als bekannt vorausgesetzt werden darf"? In der Differenzierung zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem scheint der Autor nicht über hinreichend präzise Kriterien zu verfügen, die ihm immer eine plausibele Entscheidung ermöglichten. Daher dehnt sich das Wesentliche bisweilen ins Unwesentliche aus. Zweifellos erweckt das Detailwissen Boyles, und zwar nicht nur das unmittelbar auf Goethe bezogene, sondern auch das mittelbar ihn berührende, Bewunderung, und der Rezensent muß sich fragen, ob seiner Distanz zu Boyles Gründlichkeiten nicht auch ein Stück Neid auf dessen Kenntnisreichtum zugrunde liegt. Gleichwohl fällt auf, daß der Reflexionsgrad im Hinblick auf die Konstitution des Zusammenhangs von Leben, Zeitumständen und Werk nicht eben hoch zu veranschlagen ist. Bisweilen wird psychologisiert, bisweilen moralisiert und der Frage nach Goethes Gutsein nachgegangen, bisweilen wird einfach erzählt, ohne daß ersichtlich würde, was Leben und Werk wirklich verknüpft, und zwar insbesondere ästhetisch.

Vielleicht ist der Mangel an werkbezogenen ästhetischen Begriffen das größte Problem dieses Buches. Dabei scheut sich Boyle keineswegs vor ästhetischen Urteilen, so wenn er etwa behauptet, "Alexis und Dora" sei Goethes "erster substantieller poetischer Gedanke seit acht Jahren" gewesen, und daß der Autor selbst "sogleich die Qualität des Gedichts" erkannt habe. (II, 447) Derartige Behauptungen , bezogen auf den Zeitraum zwischen 1788 und 1796, müssen als abenteuerlich gewertet werden, weil sie die gesamte dichterische Produktion Goethes nach der Rückkehr aus Italien marginalisieren. Ästhetische Urteile ohne eigentliche ästhetische Begriffe lassen sich in beiden Bänden allzu häufig finden. Nicht selten sind daher die Werkanalysen (z.B. "Wilhelm Meister") kaum mehr als paraphrasierende Inhaltsdarstellungen. Die mögen für ein Lesepublikum wie etwa das angelsächsische, dem die Darstellung die Originaltexte ersetzen mag, durchaus sinnvoll sein. Aber für das deutschsprachige? Man möchte nicht unbedingt wünschen, daß sich die Werklektüre aufgrund von Boyles detaillierter Inhaltsdarstellung erübrigte.

Zumindest also fällt ins Gewicht, daß Boyles werkbezogene Kapitel sich nicht auf dem Niveau der Spezialforschung bewegen und dies gewiß auch nicht können. Boyles Bibliographie der von ihm verarbeiteten Forschungsliteratur ist, gemessen am Umfang des eigenen Werks, eher bescheiden. Daß er die zeitgenössischen Quellen höher veranschlagt hat als die moderne Forschungsliteratur, kommt der biographischen und zeitgeschichtlichen Dimension der Darstellung zweifellos zugute. Doch für die Werkanalysen fehlen beinahe durchgängig die kategorialen (gattungstheoretischen und -geschichtlichen, werkästhetischen, geschichtstheoretischen) Voraussetzungen. So fallen die werkbezogenen Teile der Darstellung trotz anderslautender Absichtserklärungen bisweilen in einen Biographismus zurück, der das literarische Werk als eine Art Fortsetzung des Lebens auf anderer Ebene begreift. Wenn Spezialuntersuchungen etwa auf die zunehmende Selbstreflexivität der Romanform seit dem "Wilhelm Meister" verweisen, so findet sich davon bei Boyle kaum eine Spur. Aber auch die Urteile über reale Personen aus der Umgebung Goethes entbehren zuweilen nicht einer verzerrenden Sicht, so wenn an Karl Philipp Moritz dessen "häßliches, kleines Gesicht, mit der Stupsnase und den affenartigen Zügen" (I 637) hervorgehoben wird. Derartige Entgleisungen sind mehr als ärgerlich, zumal sie durchgängig mit einer Unterschätzung Moritz' einhergehen. In solchen Passagen zeigt sich eine gewisse Nonchalance bei Boyle, die bis zur Naivität reicht.

Boyle will einen anderen Goethe zeigen als die Biographen des frühen 20.Jahrhunderts oder der Nachkriegszeit. Akzentuiert wird - gegenüber der Stilisierung eines epochenbestimmenden, nationalrepräsentativen Genies klassischer Prägung ("Goethezeit", "Klassik") - der in vielfältiger Weise in die Zeitumstände verquickte Opponent, der in Auseinandersetzung mit Religion, Philosophie, Politik, Geschichte, Naturwissenschaft eine spezifische Form der Modernität entwickelt, die ihn der Gegenwart des ausgehenden 20.Jahrhunderts annähert. Diesem Grundansatz ist durchaus zuzustimmen, zielt er doch darauf, Goethe von der geschichtlichen Patina des Gewesenen und Uneinholbaren zu befreien. Die Frage ist nur die, ob Boyle es sich bei aller Detailversessenheit nicht etwas zu leicht macht, sowohl im Begriff der Modernität Goethes, den er zum Postmodernen hin tendieren läßt, als auch in der geschichtsdialektischen Problematik des Verhältnisses von Geschichte und Gegenwart. Wer nicht die Fremdheit als Bedingung von Gegenwärtigkeit begreift, verfällt leicht dem Analogisieren der Zeiten, und davon ist Boyle keineswegs frei. Er will seinen Lesern Goethe als geschichtlichen Menschen zeigen, und er löst dieses Vorhaben ein, indem er ihn auf moralische Qualitäten hin befragt oder auf seine Rolle als Vater, d.h. er opponiert gegen den Geniekult, indem er Goethe einem durchschnittlichen Alltagsbewußtsein unterwirft. Vollends hat es ihm die Kategorie der "Entsagung" angetan, bei Goethe selbst vornehmlich eine Bestimmung literarisch-ästhetischer Ökonomie, bei Boyle hingegen Verzichtbereitschaft im Sinne einer Leistungsethik auf moralischem Felde. Goethe dem gegenwärtigen Bewußtsein zu assimilieren, ist keine geeignete Strategie, um ihn von den Fesseln geschichtlicher Fremdheit zu befreien. Im Spannungsverhältnis der Devisen "Goethe für Bildungsbürger" oder "Goethe für alle" droht das Objekt der Aneignung, Goethes Werk, auf der Strecke zu bleiben.

Die Gefahr des Gleichmachens, des Nivellierens geschichtlicher Differenzen ist heute größer als die des Geniekultes. Goethe ist in seinem Jubiläumsjahr wesentlich ein Medienereignis, ein allenfalls an der Oberfläche demokratisch akzentuiertes Event, kommerziell und gesellschaftlich ausgebeutet bis zum Exzeß und bis zur Karikatur, wofür das Werk nur noch als Alibi dient. Indem Boyle Goethe der Gegenwart nahezurücken sucht, leistet er jener Tendenz ungewollt Vorschub. Dem wäre er möglicherweise entgangen, wenn er den deutschen Untertitel "Der Dichter in seiner Zeit" präziser zu fassen gesucht hätte, indem er Goethe als gesellschaftliches Individuum mit vielfältigen und in sich widersprüchlichen Beziehungen zu seiner Zeit zu erklären unternommen hätte. Damit soll nicht gesagt sein, man könne aus der Lektüre von Boyles "Goethe" nicht Gewinn ziehen. Die vorbildlichen Register und der (sparsame) Anmerkungsapparat helfen zur Erschließung eines Textes, der den Leser viel Neues über Goethe erfahren läßt. Ob dies das aufwendige Werk wirklich rechtfertigt, wird erst zu entscheiden sein, wenn es einmal zum Abschluß gelangt sein wird.

Titelbild

Nicholas Boyle: Goethe. 1749-1790.
Verlag C. H. Beck, München 1995.
885 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-10: 3406398014

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