Ein Plädoyer für die Poesie aus der Schweiz

Aufzeichnungen der Schweizer Dichterin Erika Burkar

Von Helmut Kretzl

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eine Dichterin plaudert aus dem Nähkästchen: Erika Burkarts "Grundwasserstrom" ist wie eine Schatulle, die sich auftut. Zum Vorschein kommen Beobachtungen, Arbeitsnotizen, zufällig Aufgelesenes, Zitate aus anderen Büchern - Kostbares und Beiläufiges bunt gemischt. Fünf Jahre lang, bis zum Mai 1999, hat die Schweizerin Notizen, Gedanken und Fundstücke zusammengetragen. Herausgekommen ist eine Mischung aus Journal und Tagebuch, eine Kladde, ein Arbeitsalbum, in mancher Hinsicht vergleichbar mit Georg Christoph Lichtenbergs Sudelbüchern.

Eine Sammlung unterschiedlichster Textstücke - Aphorismen, stichwortartige Notizen, Aper?us wechseln sich ab mit Gedichten und Prosatexten im Umfang von mehreren Seiten. Es entsteht ein Fächer von Wahrnehmungen und Gedanken. Ausgangspunkt der Texte ist meist die Natur, eine Stimmung in der Landschaft, das Verhalten von Kindern, Träume - diese Eindrücke treffen bei Burkart auf die kreative Bereitschaft und den gestalterischen Willen der Dichterin, die trotz einiger Preise hierzulande wenig Beachtung gefunden hat.

In ihren "Aufzeichnungen" nimmt uns Burkart mit auf Spaziergänge durch ihre äußere und innere Welt. Häufig fungieren die Schweizer Landschaft oder jahreszeitlich geprägte Natureindrücke als Auslöser: "Die weißen Lichter auf den Efeublättern." "Spiegelblätter." "Die im Blatt sich spiegelnde, die unsichtbare Elfe." Burkart ist aber zugleich eine nüchterne Denkerin, die mit intellektueller Schärfe gesellschaftliche und politische Zusammenhänge analysiert und auf den Punkt bringt. Vielfach wird das Schreiben, der dichterische Prozess selbst zum Gegenstand ihrer Betrachtungen: "In der Schrift wird das aus der Gedankenpuppe befreite Wort selbständig, der Falter setzt sich ab, hebt sich weg. Beim Freischälen von Erinnerungen stoße ich in Dunkelkammern auf Negative, die zu entwickeln ich das schriftliche Wort benötige. Im Prozedere der Niederschrift präzisieren sich die Bilder."

Im Spannungsfeld dieser auseinander strebenden Pole wird die Funktion und Mechanik des dichterischen Prozesses sichtbar oder zumindest erahnbar. So gesehen könnten die Aufzeichnungen als work in progress verstanden werden. Die gesammelten Fundstücke können weiter behauen und bearbeitet werden, bis sie sich zu Texten zuspitzen oder auswachsen. "Keimzellen. Weltsprache. Lyrik". Dieser an Prägnanz nicht zu überbietende Kurzeintrag war offenbar Programm.

Formal wie auch inhaltlich ist das Buch ein Sammelsurium: Naturschilderungen wechseln sich ab mit philosophischen Gedanken und Erinnerungen aus der Kindheit. Burkart reiht ihre Fundstücke wie willkürlich aneinander, sie führt uns durch volle Regale ihrer Schreibwerkstatt. Trotz der Gliederung in die drei Teile ist ein formales Ordnungsprinzip nicht erkennbar, die Einträge folgen eher einem zeitlichen Nacheinander. Die lockere Form erlaubt auch die nur häppchenweise Beschäftigung mit den Texten. Ein Buch, das man für wenige Minuten am Abend oder am Morgen konsultieren kann - wie einen Kalender der Poesie.

Es ermöglicht nicht nur ein besseres Verständnis für das Denken und die Arbeit einer sensiblen Zeitgenossin, die mit offenen Augen durch die Welt geht, sondern bietet dem Leser hunderte Anregungen und Anstöße, die auffordern, die Fäden aufnehmen, sie weiterzuspinnen, neu zu ordnen, sie zu ergänzen, zum Selbersammeln und Weiterdenken. Damit wird dieses Buch zu einer Schule des Sehens und des Denkens, einer Schule der Poesie. Eines jener Bücher, die man in jeder Stimmung zur Hand nehmen kann und einen passenden Satz, einen weiterführenden Gedanken finden wird. Eine literarische Schmetterlingssammlung.

Titelbild

Erika Burkart: Grundwasserstrom.
Ammann Verlag, Zürich 2000.
280 Seiten, 19,40 EUR.
ISBN-10: 3250104167

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