Sequenz und Dichtung

Hans Keilson mit einem Symposium gewürdigt

Von Lutz HagestedtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lutz Hagestedt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Lexika lassen uns meist im Stich, wenn es um Hans Keilson geht. Nur auf den Killy ist Verlass, wo Hans Keilson, geboren 1909, von Heinrich Detering gewürdigt wird: als bedeutender Nervenarzt und Psychoanalytiker, der 1979 mit seinem Hauptwerk "Sequentielle Traumatisierung bei Kindern" eine einfluss- und folgenreiche Studie über Holocaust-Opfer vorlegte, der als Emigrant in den Niederlanden und als Arzt einer Hilfsorganisation jüdische Waisenkinder betreute; der als Autor einen Hitler-Roman ("Der Tod des Widersachers", 1959) und eine tragi-komische Erzählung aus dem Widerstand ("Komödie in Moll", 1947) vorlegte.

In den sechziger Jahren versuchte Paul Celan, für Keilsons literarische Arbeiten einen Verleger von Format zu finden. Es ist ihm nicht gelungen, aber gelegentlich fanden sich Gedichtveröffentlichungen in renommierten Zeitungen und Zeitschriften. In der deutschen Nachkriegsliteratur blieb Keilson ein Fremder, und das literarische Leben, wie es sich nach dem "Kahlschlag" und durch die Gruppe 47 entwickelte, blieb ihm fremd. Erst spät, im Alter von fast 80 Jahren, reüssierte Keilson als Lyriker ("Sprachwurzellos", 1986) - mit Texten aus sechs Jahrzehnten!

Anlässlich seines 90. Geburtstages widmete die Universität Gesamthochschule Kassel dem Autor und Wissenschaftler ein Symposium, dem sie nun eine Dokumentation folgen ließ. Die psychoanalytischen Arbeiten beschäftigen sich mit Keilsons Beitrag zur Traumaforschung, der eine genaue Sequenzierung von Lebensläufen schwerstbetroffener Kinder erlaubt. Keilsons Fallgeschichten kombinieren nicht nur individuelle Lebensgeschichten mit statistisch-quantitativen Analysen, sie schreiben auch makellose Prosa. Eveline Goodman-Thau, selbst Überlebende des Holocaust, beschreibt Keilsons Werk - Poesie und Prosa ebenso wie Krankengeschichte und Falldarstellung - als eine Ausdrucksform des Selbsterhaltungstriebes. Und Keilson erzählt, wie er 1926 Freuds "Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" erwarb, das einzig wirksame Antidot, das er über die Zeiten rettete. Der Hayman-Preisträger der International Psychoanalytic Association wäre d-e-r Sigmund-Freud-Preisträger für wissenschaftliche Prosa.

Die Beiträge, die Keilson würdigen, zeichnen den Weg und die literarische Entwicklung des Dichters, Erzählers und Essayisten nach, der - von Oskar Loerke entdeckt - als letzter jüdischer Autor 1933 im S. Fischer Verlag debütierte (noch vor seinem Staatsexamen 1934), aber bald schon emigrieren musste und auch als Autor heimatlos war; was dann doch erscheinen konnte, zeigt die Wandlung von einer "zunächst neuromantisch getönten Subjektivität" zu einer "undogmatisch-humanen politischen Verantwortung". Eva Schulz-Jander zeigt in ihrem Beitrag Gedächtnisspuren auf, die umwegig von Hans Keilson über Robert Bober und Sarah Kofmann zu Marcel Proust zurücklaufen. Proust und Keilson bilden hier den Anfangs- bzw. Ausgangspunkt eines Registers von Stimmen, die eine "Stellvertretersprache" sprechen: die "Sprache des Schreckens und deren Stummheit".

In diesem Spannungsfeld von Körper, Sprache und Gedächtnis lässt sich auch Paul Celan situieren, der Freund und Förderer. "Der liest ja wie Goebbels", hieß es 1952 in der Gruppe 47, als Celan seine "Todesfuge" las. Mit diesem Gedicht beschäftigt sich Annegret Mahler-Bungers, ausgehend bei einer Gedichtzeile von Karl Kraus ("Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte"). Dem "traumatischen Verstummen" stellt sie die geschwätzige Philologie gegenüber, der ihr Gegenstand im "Furor des Enträtselns" geradezu entgleitet.

Celans Lyrik wurde lange Zeit als "reine Poesie" gelesen und in der Tradition Mallarmés vermutet. Ein Zugang, gegen den sich der Autor verwahrte: "Meine Gedichte sind weder hermetischer geworden noch geometrischer; sie sind nicht Chiffren, sie sind Sprache; sie entfernen sich nicht noch weiter vom Alltag, sie stehen, auch in ihrer Wörtlichkeit [...] im Heute." Ähnlich würde wohl auch Keilson sein Werk darstellen: es thematisiert die "Drohung des Nichtseins" unmittelbar, als Teil eines kollektiven und kulturellen Traumaprozesses. "Der Gedanke an die Praxis als Allgemeinarzt in Hamburg war nicht sehr verlockend", schreibt Keilson in einem Lebensbericht. Er hätte sich sein Schicksal, das ihn stattdessen ereilte, nicht träumen lassen. Seine Lebensleistung berührt noch dort, "wohin die Sprache nicht reicht".

Titelbild

Marianne Leuzinger-Bohleber / Wolfdietrich Schmied-Kowarzik (Hg.): "Gedenk und vergiß - im Abschaum der Geschichte..." Keilson. Trauma und Erinnern. Hans Keilson zu Ehren.
Edition Diskord, Tübingen 2001.
238 Seiten, 16,40 EUR.
ISBN-10: 3892957061

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