Wunderbilder und Träume

Neuausgabe der Märchen von Sophie Tieck-Bernhardi

Von Jessica Köppler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Sophie Tieck-Bernhardi (1755-1833), die Schwester von Ludwig Tieck, dem "König der Romantik", und Friedrich Tieck, dem angesehenen Bildhauer, wuchs in Berlin auf. Sie war Autodidaktin, musste sich ihre Bildung selbst aneignen und fand nur schwer zur Schriftstellerei. Aber in Berlin, wo die Tiecks lebten, förderte das hoch entwickelte Gesellschaftsleben den freien Gedankenaustausch und bildungsfähige und begabte Leute aller Stände - sogar Frauen. In diesem Milieu fand schließlich auch Sophie Tieck zur Schriftstellerei. Mit Bruder Ludwig arbeitete sie für die berühmt-berüchtigten "Straußfedern" und verfasste circa acht Erzählungen.

Ein Hemmschuh in ihrer Entwicklung als Autorin bedeutete 1899 die Eheschließung mit August Ferdinand Bernhardi. Sophies Kreativität fand bei Bernhardi keine Anerkennung und Unterstützung, auch wenn sie durch ihre Arbeit zum dürftigen Unterhalt der Familie entscheidend beitrug. Sie bekam drei Kinder, und so blieb ihr wenig Zeit, ihrer schriftstellerischen Neigung zu folgen. Da die Familie aber auf zusätzliche Mittel angewiesen war, entstanden - auch während der Schwangerschaften und unter ungünstigen gesundheitlichen Bedingungen - Beiträge für diverse literarische Zeitschriften und Almanache: Texte für Ludwig Tiecks und August Wilhelm Schlegels "Musenalmanach für das Jahr 1802" und für Bernhardis Zeitschrift "Kynosages" etwa. 1797-1800 gab Sophie Tieck-Bernhardi mit ihrem Ehemann eine Sammlung satirischer Erzählungen und Dramen heraus, die so genannten "Bambiocciaden" (in drei Bänden erschienen), in der auch zwei Lustspiele aus ihrer eigenen Feder enthalten sind. Auch ihr Briefroman "Julie Saint Albain" und ihre "Dramatischen Phantasien" wurden veröffentlicht.

Nach der Scheidung von Bernhardi lebte die Autorin mit ihrem zweiten Ehemann Gregor von Knorring im Baltikum. In dieser Zeit entwarf sie den gesellschaftskritischen Roman "Evremont" und bearbeitete das mittelhochdeutsche Versepos von Konrad Fleck Flore und Blancheflor (1805-1822).

Im Berliner trafo Verlag Wolfgang Weist ist nun eines ihrer Hauptwerke erschienen, die Sammlung "Wunderbilder und Träume in elf Märchen". Das Buch aus dem Jahre 1802 fand so großen Anklang, dass es bereits 1823 neu aufgelegt werden musste. Nach diesem Zeitpunkt kam allerdings keine Neuausgabe mehr zustande - und das Werk galt seit langem als verschollen.

Die hier dargestellte Flucht ins Märchenhafte, Unbewusste, Imaginäre, Unheimliche und Geheimnisvolle kann als Ausdruck der Sehnsucht nach Freiheit und Befreiung gelesen werden. Wenn die Märchenfiguren ihr Weltgefühl beschreiben, so dominieren Begriffe wie Heimweh, Sehnsucht und die Idee der Heimatlosigkeit. In Sophie Tieck-Bernhardis Werk leitet ein unendliches Begehren nach Liebe die Figuren, aber eine Erfüllung ihrer Sehnsüchte gibt es nicht. Denn Liebe und Glück sind flüchtige Phänomene und können nicht als Gemeinschafts- oder Freundschaft stiftende Qualität erfahren werden. In dieser Liebeskonzeption liegt wohl das Originäre Sophie Tieck-Bernhardis.

In der Märchennovelle "Die Quelle der Liebe" beispielsweise ist der schöne und zarte Prinz Alwino von Sehnsucht und Fernweh geplagt. Bei einer Jagd wird die Melancholie des Prinzen der Fröhlichkeit der Jäger gegenübergestellt. Er entscheidet sich, sein Glück zu suchen und in die Welt zu ziehen. Das Reich von König Delamo befreit er von einem fürchterlichen Riesen und bekommt dafür die Hand der wunderschönen und tugendhaften Prinzessin Angela versprochen. Prinz Alwino erkennt jedoch beim Siegesmahl, dass er selbst hier, an der Seite Angelas, nicht glücklich werden kann. Aber auch die Königstochter ist einsam und hegt schon länger den Plan fortzugehen. Sie entflieht in der gleichen Nacht wie Alwino, der Schafhirte wird. Schließlich fassen beide unabhängig voneinander den Entschluss, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Als sie ins Wasser gehen wollen, erkennen sie einander im Spiegelbild - und haben sich endlich gefunden. Der Fluss ist die Quelle ihrer Liebe.

Ein weiteres Märchen, "Der Einsiedler und die Nonne", erzählt von der schönen Prinzessin Lucinde, die in den armen Rinaldo verliebt ist. Der Vater möchte sie aber mit dem reichen Prinzen Ludovico verheiraten. Auf der Flucht werden Lucinde und Rinaldo von Ludovico eingeholt, es kommt zum Kampf um die Braut. Ludovico wird tödlich verwundet - und noch im Augenblick seines Todes spricht er einen Fluch aus, demzufolge Rinaldo und Lucinde niemals glücklich werden dürfen.

Das Motiv der unerfüllten Liebe wiederholt sich in den Märchen Sophie Tieck-Bernhardis auffällig oft. Die düster-resignative Grundhaltung der romantischen Autorin ist in ihrer Konsequenz etwas zugleich Zeittypisches und Besonderes, auch wenn man ihre anderen Werke mit berücksichtigt - Erzählungen und Balladen, Gedichte und Essays, Dramen, Romane und Briefe. Auch deshalb ist Sophie Tieck-Bernhardi als repräsentative Schriftstellerin der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert zu werten.

Die Neuausgabe der Märchensammlung ist von der Malerin und Grafikerin Ruth Tesmar illustriert und von Hannelore Scholz mit einem instruktiven Nachwort begleitet worden. Es gibt Einblick in die Lebensgeschichte und die spezifische Problemlage Sophie Tieck-Bernhardis als Autorin. Ferner bietet der Anhang auch Interpretationshilfen und Hintergrundwissen für die literaturgeschichtliche Situierung des Œuvres.

Sophie Tieck-Bernhardi starb am 1. Oktober 1933 in Reval. Sie hinterließ ein umfangreiches Werk und gehört zu den vielseitigsten Schriftstellerinnen des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Mit dem nun vorliegenden Märchenband gewährt sie einen erstaunlichen Einblick in ihre poetische Gestaltungskraft.

Titelbild

Sophie Tieck-Bernhardi: Wunderbilder und Träume in elf Märchen.
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Hannelore Scholz.
trafo verlag, Berlin 2000.
338 Seiten, 21,90 EUR.
ISBN-10: 3896261150

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