Denk-Dilemma

Stürmischer Beifall für David Lodge

Von Klaus KastbergerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Klaus Kastberger

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das neue Buch von David Lodge stellt einige Fragen, lässt seinen Leser aber nicht allzu lange mit deren Beantwortung allein. So findet sich schon im sechsten Satz die Erklärung für den stakkatoartigen Beginn des Romanes: "Eins, zwei, drei, Test, Test... der Recorder funktioniert... Olympus Pearlcorder, hab ich im Duty-free in Heathrow gekauft auf dem Weg nach... wohin? Kann mich nicht erinnern. Macht nichts... Der Sinn der Übung besteht darin, so genau wie nur möglich die Gedanken aufzuzeichnen, die mir in diesem Augenblick durch den Kopf gehen."

Die Gedankenwelt, in die wir auf diese Weise recht ungestüm hineingeworfen wurden (und aus der wir bis zum Ende des Buches auch nicht mehr wirklich herauskommen), gehört einem gewissen Ralph Messenger. Ein Mann in den 'besten' Jahren, erfolgreich hinter weiteren wissenschaftlichen Lorbeeren und dabei weltweit hinter Frauen her. Wenn er sich nicht gerade auf einer internationalen Konferenz herumtreibt oder da und dort den einen oder anderen Vortrag hält, leitet Messenger ein Zentrum für Kognitionsforschung an einer britischen Provinzuniversität. Die Beschäftigung mit dem Denken ist für ihn keine Freizeitvergnügung, sie erfolgt aus beruflichen Gründen. In seinem Gedankenprotokoll zeigt sich Messenger deshalb nicht an der inhaltlichen, sondern an der strukturellen Seite seines Denkens interessiert. An einem willkürlichen Punkt (der natürlich letztlich kein willkürlicher Punkt ist, sondern ihm nur als ein solcher erscheint) fängt er an, Rohdaten zu sammeln und gedankliche Stichproben zu erstellen, um damit Theorien über das Denken formulieren oder vielleicht auch falsifizieren zu können. Ist das Denken etwa - wie William James gesagt hat - ein Strom, der ohne Unterlass dahinfließt, oder ist es - wie der gleiche Dichter gesagt haben soll - ein Vogel, der durch die Luft fliegt, sich einen Augenblick niederlässt und dann wieder emporschwingt, wie ein Flug mit Unterbrechungen?

Um es vorwegzunehmen: Was das Denken ist und wie es genau funktioniert, erfährt man in "Denkt" keineswegs. Wie könnte man von einem Stück Belletristik auch die Beantwortung einer naturwissenschaftlich gestellten Frage erwarten, noch dazu, wo sich über dieses Thema die Naturwissenschaftler seit Jahren die Köpfe zerbrechen und der von Messenger eingeschlagene Weg der Introspektion in Fachkreisen als ungeeignetes Mittel gilt.

Viel einfacher als die Struktur des Denkens ist mit Sicherheit der aus dem englischen Original wörtlich übersetzte deutsche Titel zu erklären, wobei dieser Titel aber, wollte man dem tatsächlichen Inhalt von Messengers Denken Genüge tun, wohl besser "Schläft mit" oder "Denkt daran, mit [...] zu schlafen" hätte heißen müssen, weil der Mann ja fast nur an das eine denkt. "Denkt" assoziiert die Sprache der Comics, in denen die Figuren nicht nur über Sprech-, sondern auch über Denkblasen verfügen. David Lodge nutzt diese Vorstellung, um seine Figuren miteinander auf einer anderen Ebene als der explizit sprachlichen kommunizieren zu lassen: "Helen wurde nicht rot, und auch ich nicht, aber wir schwiegen ein, zwei Minuten. Die 'Denkt-Sprechblasen' über unseren Köpfen füllten sich. Ich fragte mich: 'Ist es möglich, dass ich heute nachmittag Glück habe? Hat sie aus irgendeinem Grund ihre Meinung über mich geädert?' Ich habe jedoch keine Ahnung, was in ihrer Sprechblase stand."

Helen Reed, die ihre Meinung noch ganz gewaltig ändern wird, füllt ihre Sprechblasen mit etwas bei weitem Formschönerem auf, als es die abgehackten Gedankenstenogramme ihres Gesprächspartners sind. Die Frau verfügt über klassische Bildung und führt ein klassisches Tagebuch. In Lodges Roman wechseln sich Passagen aus diesem Tagebuch kapitelweise mit den groben Brocken Messengers ab, dazwischen bleibt Raum für einen dritten, personalen Erzählerstrang, so dass der Geschichte von Helen und Ralph, Ralph und Carrie (Ralphs Frau), Carrie und Nicholas (der Liebhaber von Ralphs Frau) und so weiter und so fort eine dreifache Perspektive auf die oftmals gleichen Begebenheiten erwächst, was in manchen Fällen ganz witzig ist, manchmal aber auch etwas umständlich wirkt.

Der Ort, an dem sich dies alles abspielt, ist jener, dem David Lodge auch schon in seinen bisherigen Büchern zu literarischen Ehren verholfen hat. Der 1935 in London geborene Autor gilt neben Malcolm Bradbury als Vater des sogenannten "Campusromans" - einer Gattung, an der sich, obwohl es im deutschsprachigen Raum den Campus als einen Ort des gemeinsamen wissenschaftlichen und sozialen Lebens nicht gibt, mit Dietrich Schwanitz' Roman "Der Campus" (1995) bereits auch die deutschsprachige Literatur - und man darf sagen: durchaus weniger erfolgreich - versucht hat.

Bei David Lodge ist alles viel unterhaltsamer, lustiger und deshalb auch: oberflächlicher. Zwar herrschen auch hier Neid, Missgunst und Intrigen, es finden am Campus aber keine wirklich ernstzunehmenden Auseinandersetzungen mit universitären oder wissenschaftlichen Problemen, geschweige denn eine Abrechnung statt, wie dies beispielsweise in Gilbert Adairs Buch "Der Tod des Autors" (dt. 1997) der Fall war, in dem es um eine andere Lebensgeschichte des Campus, nämlich die Lebenslüge Paul de Mans zu tun war. Dass David Lodge, obwohl es bei ihm nicht in Adairs Tiefen, sondern in eine kulinarische Breite geht, dennoch weiß, wovon er spricht, hat er in seinen bisherigen Büchern bewiesen. Von 1960 bis 1987 war Lodge als Professor für Moderne Englische Literatur an der Universität von Birmingham tätig und hat in dieser Funktion eine Reihe literaturwissenschaftlicher Bücher geschrieben, die teilweise sehr pragmatisch klingende Titel tragen wie "Modes of Modern Writing" und "Working with Strukturalism". Als literarisches Thema hat Lodge den Campus schon in seinen frühen Erzählungen entdeckt, der eigentliche Durchbruch erfolgte dann mit dem Buch "Small World" (1984), in dem der Tagungstourismus einer international agierenden Scientific Community beschrieben und deren Daueraktivitäten als das Überspielen einer tiefsitzenden wissenschaftlichen Sinnkrise gesehen wird.

Für "Denkt" hat sich David Lodge einen neuen Campus ausgedacht. Das Gelände der "University of Gloucester" ist riesengroß, weil es ursprünglich für viel mehr als die dann tatsächlich eingetroffenen 8.000 Studenten geplant wurde. Man hatte begonnen, an der einen Seite des Areals die geisteswissenschaftlichen und an der anderen die naturwissenschaftlichen Institute zu bauen; aufgrund des verzögerten und schließlich ganz gestoppten Weiterbaus sind die beiden Fakultäten aber niemals zusammengewachsen, so wie sie es nach dem Willen der Planer in der Mitte des Areals hätten tun sollen. In Helen Reed, der Schriftstellerin aus London, die nach Gloucester kommt, um als Gastdozentin einen Semesterkurs in "Creative Writing" zu leiten, und Ralph Messenger stehen sich somit nicht nur Mann und Frau, sondern auch die durch den überproportionalen Bau getrennten Universitätsteile gegenüber. Die Frage ist, wer von beiden Fachbereichen nun eigentlich die Kompetenz über das Bewusstsein hat: die Literatur oder die Kognitionswissenschaft.

Von der materialistischen und über weite Strecken pur darwinistischen Art, in der Ralph die Dinge des Denkens und hier vor allem die sogenannten "Qualia" erklärt (also Gefühlswerte, die in seinen Computersimulationen nur schwer zu modellieren sind), ist Helen sehr angetan. In einem Rundgang durch Messengers Forschungsinstitut führt er ihr einige der gängigsten Gedankenexperimente bzw. Paradoxa vor: Neben dem sogenannten "Gefangenendilemma" (bei dem als Grundsatz der zielführendsten sozialen Durchsetzungsstrategie herauskommt, dass man mit den anderen am besten genau so lange solidarisch bleibt, wie sie es mit einem selbst sind) trifft Helen neben "Mary, der Farbwissenschaftlerin" (die zwar rein theoretisch alles über Farben weiß, aber in ihrem Leben noch nie mehr als eine einzige Farbe gesehen hat) zum Schluss auch noch auf Schrödingers Katze: Jenes berühmte Rätselwesen der Quantenphysik, das in ihrer Kiste nur überlebt, solange es von niemandem beobachtet wird. Einige der gewonnenen Ideen lassen sich für Helen direkt in Literatur umsetzen. So gibt sie in ihrem Schreibkursus den Studenten ein Thema vor, mit dem sich Ralph Messenger, ohne zu einem Ergebnis zu kommen, lange beschäftigt hat. Die Antworten auf die Frage, "Wie ist es, eine Fledermaus zu sein", sind so verschieden wie die Stile der parodierten Autoren. Samuel Beckett beispielsweise lässt aus dem Fledermausgebiet verlauten: "Wo? Wann? Warum? Kreisch. Ich bin im Dunkeln. Das war nicht immer so. Einst gab es Perioden des Lichts oder Schattierungen der Dunkelheit."

Wahrscheinlich sollte man die Hoffnung auf eine Versöhnung der disparaten Wissensgebiete nicht zu früh aufgeben. Dass die Naturwissenschaft und die Geisteswissenschaft an manchen Punkten ganz friedlich miteinander zu vereinen sind, zeigt sich vielleicht eher an den kleinen Dingen des Alltags. Mit anderen Worten: Ralph Messenger richtet Helen Reed auf ihrem PC nicht nur erfolgreich einen E-Mail-Zugang ein, sondern erklärt ihr sogleich auch den neuen Schreibknigge. Sie solle ruhig ein paar Tippfehler stehen lassen und sich nicht länger die Mühe mit der aufwendigem Groß- und Kleinschreibung machen. Außerdem warnt der Mann sie davor, dass auf der Festplatte alles erhalten bleibt, was man jemals aus dem Internet heruntergeladen hat. Helen hat dafür ein klassisches Bildnis parat: "Wie der Engel, der unsere Sünden in ein großes Buch schreibt?" "Genau", sagt Messenger, "der Engel mit dem großen Buch ist eine Festplatte."

Je weiter das Buch "Denkt" voranschreitet, desto positiver macht sich an ihm bemerkbar, dass es darin nicht nur um das Denken geht. Im letzten Drittel des Romanes schichten sich über Ralph Messenger, dem bis dahin in der Wissenschaft und im Leben wie durch ein Wunder wirklich alles gelang, gewaltige Türme des Schicksals auf. Es droht die Diagnose Krebs für ein Geschwür an der Leber; es droht die Anreise einer Studentin namens Ludmila Lisk aus Prag, die ihn aufgrund einer gemeinsam verbrachten Liebesnacht bei Frau und Freundin kompromittieren könnte; es droht das finanzielle Aus für das Forschungszentrum und eine geheimpolizeiliche Durchsuchung sämtlicher Computer: Ein kleines Teufelchen hat dem Engel mit großen Buch ganz offenkundig ein paar Kinderpornos untergejubelt. Wirklich spannend, wie David Lodge diese Dinge entwickelt und auflöst.

Am Ende des Semesters, das gleichzeitig das Ende von "Denkt" ist, steht dem Zentrum für Kognitionsforschung eine große Konferenz ins Haus. Helen hält dort auf Einladung von Ralph einen Vortrag, in dem sie anhand eines Gedichtbeispieles aus dem 17. Jahrhundert den Leib-Seele-Dualismus darzustellen sucht. Nachdem die Schriftstellerin geendet hat, kommt anerkennender, wenngleich nicht gerade stürmischer Beifall auf. Ralph Messenger besteigt das Podium, gibt zu verstehen, dass jetzt keine Diskussionen mehr vorgesehen seien und nur noch der Spruch von Tom und Jerry zählt: "Das war's, Leute!"

Titelbild

David Lodge: Denkt. Roman.
Übersetzt aus dem Englischen von Martin Ruf.
Gerd Haffmans bei Zweitausendeins, Zürich 2001.
512 Seiten, 22,50 EUR.
ISBN-10: 3251004956

Weitere Informationen zum Buch

Leserbriefe

Stephan Landshuter: Mir ist daran gelegen, in aller Kürze auf einen weit verbreiteten Irrtum in Bezug auf das Gleichnis von Schrödingers Katze hinzuweisen, das ja eine ontologisch sehr schwer vorstellbare Realität der Quantenwelt ...





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