Zwischen Freund Hein und Freund Heine

Robert Gernhardt und Friends im Wettgesang der Künste

Von Lutz HagestedtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lutz Hagestedt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wer über ein reiches Werk verfügt, das sangbar ist und des Gesanges bedarf, das sich zu abwechslungsreichen Programmen zusammenstellen lässt, die lustvoll, kurzweilig, lehrreich zu unterhalten wissen, wer dies mit Anspruch, Niveau und nicht zuletzt Komik tut - der ist über kurz oder lang in Mürzzuschlag und Vorderhindelang zu Haus, in den Hotels von Metzingen und Leckingsen, den Vortragssälen von Puderbach und Peine, den Bord-Restaurants und Honky-Tonk-Trains, "immer straight und ergreifend der Schiene nach" - "unerheblich wie der Takt der Schwellen".

Robert Gernhardt und Peter Rühmkorf gehören zu diesen reisenden Sängern, diesen schnellen und hellen Barden, die heute hier und morgen dort auftreten, voller Säle gewiss. Sie können auf ein beinahe vierzigjähriges respective fast fünfzigjähriges Bühnenjubiläum zurückblicken, sie haben die Lande die Kreuz und die Quer getourt ("5227 Au - 7551 Au - 8701 Au - 7919 Au - 8201 Au - 8301 Au - 8441 Au - 8901 Au" nach alten Postleitzahlen) - doch jeder für sich und am andern vorbei, so lange, bis die Expo 2000 selig sie endlich zusammenführte.

Sprechen wir von Gernhardt, so hat sich seit über zwanzig Jahren sein Leben zu einer Never Ending Tour entwickelt. Ihr verdanken wir große Hotel- und Städte-Dichtung, genresprengende Reiselyrik, darunter das vermutlich erste ICE-Gedicht deutscher Zunge, aber auch hundert Gedichte über die Folgen des Raubbaus am eigenen Ich ("Herz in Not") sowie leidenschaftlich geführte Debatten über die Frage, was das Gedicht dürfe und könne. Sprechen wir von Rühmkorf, so verdanken wir seiner kunstreisenden Unruhe das vielleicht schönste Lang- und Liebesgedicht aus deutschen Städtenamen, den bitter-komischen Abgesang auf die "Goldrute", die das lyrische Ich (nicht zu verwechseln mit seinem Autor) einst scharf und spitz vor sich hertrug ("Was meinen Sie, was durch uns schon alles durchgeflossen ist?"), jetzt jedoch "verdorrt" und "verrostet" abhängen lässt, tröpfelnd und "ungenau wie die Gnade Gottes". Wer sich den Live-Mitschnitt des Wechselgesangs anhört, kommt in den Genuss auch der Überleitungstexte, der Reaktionen des Publikums und der beiden Vortragskünstler.

Zwei begnadete Formkünstler, Gospelsänger, Stimmungsmacher, Imitatoren und Innovatoren, famose Composer, postmoderne Nachmittagstigallen haben als "performing artists" vorgeführt, was es alles gibt und was die Dichtung alles kann, nämlich alles! So hat es Robert Gernhardt in seiner Frankfurter Poetik-Vorlesung im Sommersemester 2001 erst jüngst wieder bekräftigt und auch belegt: Allein die Kontrafakturen, die der Autor für seinen Band "In Zungen reden" zusammengetragen hat, ergeben eine kleine Literaturgeschichte "von Gott bis Jandl". Hier werden Dantes Terzinen ins Heute übersetzt ("Fahrt in den Süden") und Gedichte, Töne, Klänge von Angelus Silesius über Goethe, Eichendorff, Mörike bis Wilhelm Busch, von Trakl über Benn, Brecht bis hin zu Ror Wolf und Hans Magnus Enzensberger erneut erprobt. Übrigens nicht nur Lyrik: Gernhardt baut Noveletten nach Boccaccios Vorbild, Prosa nach Hemingway, Thomas Mann und Thomas Bernhard, er parodiert kleine Gattungen und Genres (Fabel, Märchen, Fernöstliche Weisheit, sowie Presse-Gebrauchstexte der 80er Jahre), er komponiert "Verschenktexte" à la Kristiane Allert-Wybranietz zu einem Zyklus (die "Florian-Freyer-Gedichte") und er präsentiert uns ein Hörspiel in der Tradition der Adenauerzeit.

Peter Rühmkorf ist einer seiner Impulsgeber, schon seit den 50er Jahren vermutlich, ein Troubadour, der sich - mit Ende dreißig bereits! - das poetische "Volksvermögen" ersteigerte, es seither formbewusst einsetzt und vermehrt, der in seinen eigenen Frankfurter Poetikvorlesungen eine lustvolle Theorie des poetischen Sprechens bzw. eine poetische Sprache lustvoller Theorie entwickelte - "agar agar - zaurzaurim. Zur Naturgeschichte des Reims" -, um dann zwanzig Jahre später gegen seinen vielleicht gelehrigsten Schüler anzutreten. Im Rahmen der Expo haben sie sich das erste Mal dem direkten Vergleich gestellt, mit einem zuvor genau aufeinander abgestimmten Programm, dem auf vier Themen eingegrenzten Wechselgesang von Natur und Kunst, Liebe und Tod. Bei Rühmkorf, als dem acht Jahre Älteren, tendiert der Bereich Alter, Altern und Tod zur idée fixe - zum melancholisch-resignativen, zugleich unerhört komischen und lakonischen Gestus.

Aus der Dichtung lernen und sie mit dem Gelernten wiederum bereichern, das ist die Devise beider Poeten. Kunst kommt ihnen von Können, und dies stellen sie unter Beweis. Gernhardt zeigt in einem Kleinzyklus von vier Gedichten, was heutige Dichter den Klassikern früherer Zeiten, von Pindar bis Rilke, voraushaben: er besingt Recycling-Toilettenpapier, die "Brühlerin" Steffi Graf, den Kirchenfunk und das Buch im Wettstreit der Medien. Noch aus Anlass von Heinrich Heines 200. Geburtstag bekannte er, er sei "nicht gut in Heine"; doch binnen weniger Wochen erarbeitete er sich dessen Formenrepertoire (1998 in "Klappaltar" erschienen), und gerade hat er im Europa Verlag eine Heine-Auswahl nachgelegt. Zu den neuen Herausforderungen, denen sich Dichter stellen müssen, kommen also immer auch erlesene Stimmen und schwierigste, unbewältigte Register hinzu: von Freund Hein bis Freund Heine.

Längst hat sich Gernhardt die anderen Künste erschlossen: die Malerei hat er studiert und von jeher betrieben. Die komische Zeichnung hat er seit seinen Tagen als Redakteur von "pardon" kultiviert. Wie die Frankfurter Begleitausstellung zur Poetikvorlesung zeigte, gehört er zu den wenigen Autoren, die ihre Bücher selber ausstatten. Allein für "Lichte Gedichte / Herz in Not" hat Gernhardt drei verschiedene Buchumschläge gezeichnet (und für das Hörbuch eine Booklet-Version entworfen), die alle auch realisiert vorliegen. "Berliner Zehner", der jüngste Gedichtband, ist erneut ein Beispiel für die Sorgfalt, mit der Gernhardt seine Bücher gestalterisch begleitet.

Darüber hinaus haben Gesang und Musik von Gernhardt Besitz ergriffen, sogar im Wortsinne. Auf einer Produktion für Zweitausendeins singt er die mit F. W. Bernstein entwickelte "Rotbart-Weise", und für ein Frankfurter Heimspiel in der Alten Oper bringt er sich mit befreundeten Musikern selbst zur Aufführung. Nirgendwo wird deutlicher als bei Gernhardts Auftritten mit Anne Bärenz und Frank Wolff, wo diese Vortrags- und Sangeskunst mit ihrer ketzerischen Virtuosität ihren Ausgang genommen hat: bei der Gegenkultur der sechziger Jahre. Der Live-Mitschnitt von Gernhardt und Friends dokumentiert einen Kunstbegriff, der sich ursprünglich gegen den sekretierten Konservatismus des Establishments wandte, bald aber auch gegen kulturfeindliche Haltungen aus den eigenen Reihen. Da wird in einer Ballade vom "Busen-Attentat" auf Theodor W. Adorno sowie in einem - inzwischen auch vertonten - "Couplet von der Erblast" der Geist der Aufklärung beschworen, da betreiben Anne Bärenz, Ali Neander und Frank Wolff, ehemals Mitglieder des Frankfurter Kurorchesters, eine Form musikalisch-künstlerischer Vergangenheitsbewältigung, indem sie Evergreens und Lyrikhämmer von Jimi Hendrix, Janis Joplin und Frank Zappa für ihre Frankfurt-Kritik adaptieren. Auch hier lustvolles Aneignen von Tradition (Schubert, Webern), formbewusstes, innovatives Überzeichnen von Klassikern des Pop (von Dylan bis Nirvana), Grenzgänge zwischen den Künsten, die gern und oft zur Groteske ("Big Mama Thornton", "Ball and Chain") tendieren.

Nicht alle Hörbücher können mit dieser Dynamik der Auftrittskunst Schritt halten. Weniger geglückt ist Gernhardts Lesung in Sachen "Catical Correctness" (Cello-Begleitung Frank Wolff), denn sie macht das Papierene dieser Prosa ("Was deine Katze wirklich denkt") schmerzhaft hörbar; Bestand hingegen haben seine Humoresken "Es gibt kein richtiges Leben im valschen". Mit diesen Einspielungen führt sich Gernhardt ins Solo zurück. Jüngstes Ergebnis ist der Gedichtband "Berliner Zehner". Ein Aufenthalt als Gast des Wissenschaftskollegs zu Berlin und eine Einladung der Berliner Seiten der F.A.Z. haben diese zehn Gelegenheits-Gedichte erbracht. In Distichen wird der Streit um Hans Haackes Bundestagskunstwerk dokumentiert, ein Lied beschert Altkanzler Helmut Kohl Albträume vom "Bimbesland", ein Sonett erzählt von der "Fussball-Pleite Deutschland - Portugal 0: 3", ein lyrischer Dialog mit Versen aus Erich Kästners spätem Gedicht "Besuch vom Lande" vergleicht den Potsdamer Platz einst und heute, ein anderes Dialoggedicht zeigt, wie sich die Hauptstadt verjüngt, während sich der Dichter unter der Last seiner Jahre beugt. Ein Couplet schließlich besingt ein Desiderat, den dringend erwarteten "Hauptstadtroman", den auch Gernhardt wohl nicht liefern wird. Aber die Hauptstadtgedichte, die sind von ihm, und das ist doch schon mal nicht schlecht.

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Robert Gernhardt: Es gibt kein richtiges Leben im valschen. CD.
Heyne Verlag, München 2000.
66:18 Minuten, 15,30 EUR.
ISBN-10: 3453174038

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Robert Gernhardt / Peter Rühmkorf: In gemeinsamer Sache. Gedichte über Liebe und Tod, Natur und Kunst.
Gerd Haffmans bei Zweitausendeins, Zürich 2000.
90 Seiten, 10,20 EUR.
ISBN-10: 3251005006

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Robert Gernhardt: In Zungen reden. Stimmenimitationen von Gott bis Jandl.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2000.
240 Seiten, 9,20 EUR.
ISBN-10: 359614759X

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Robert Gernhardt: Neuer Frankfurter Abend. CD. Mit Anne Bärenz und Frank Wolff, Pit Knorr, Ali Neander und Cornelia Niemann.
Edition Büchergilde, Frankfurt a. M. 2000.
71:35 Minuten, 17,40 EUR.
ISBN-10: 376322722X

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Carl Paschek (Hg.): "Gnadenlos und ansteckend zurücklachen". Robert Gernhardt. Dichter, Maler und Zeichner. Begleitheft zur Ausstellung.
Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main, Frankfurt a. M. 2001.
96 Seiten, 7,70 EUR.
ISBN-10: 3881310940

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Robert Gernhardt: Berliner Zehner. Hauptstadtgedichte.
Gerd Haffmans bei Zweitausendeins, Zürich 2001.
63 Seiten, 14,80 EUR.
ISBN-10: 3251005014

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Robert Gernhardt: Herz in Not. CD.
Heyne Verlag, München 2001.
55:08 Minuten, 15,30 EUR.
ISBN-10: 3453167880

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Robert Gernhardt / Peter Rühmkorf: In gemeinsamer Sache. Gedichte über Liebe und Tod, Natur und Kunst. CD.
Heyne Verlag, München 2001.
70:39 Minuten, 15,30 EUR.
ISBN-10: 3453187032

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Robert Gernhardt: Robert Gernhardt entdeckt Heinrich Heine.
Europa Verlag, Hamburg und Wien 2001.
96 Seiten, 12,50 EUR.
ISBN-10: 3203843005

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Robert Gernhardt: Schöne Töne. CD. Vertonungen von Elisabeth Bengtson-Opitz und Ferdinand von Seebach. Gesang Robert Gernhardt, Elisabeth Bengtson-Opitz und Ferdinand von Seebach. Klavier und Posaune Ferdinand von Seebach, Violine Julia Möller.
Zweitausendeins, Frankfurt a. M. 2001.
58:14 Minuten, 8,70 EUR.
ISBN-10: 3861503905

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Robert Gernhardt: Was deine Katze wirklich denkt. 13 Lektionen in Catical Correctness. CD.
Heyne Verlag, München 2001.
49:06 Minuten, 16,00 EUR.
ISBN-10: 3453189035

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