Heldin in einer untergehenden Welt

Galsan Tschinags "Dojnaa" kämpft sich durchs Leben

Von Daniela Specks

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Sie ist "die Tochter des Elefanten" und "Himmelskind" zugleich. Von ihrem Vater, der Elefant genannt wurde, hat Dojnaa das Jagen und Kämpfen gelernt und seine Gestalt, seine Größe und Kraft geerbt. Doch steht es ihr nicht zu, sie einzusetzen. Denn Dojnaa, die Heldin in Galsan Tschinags gleichnamiger Erzählung, lebt als Nomadin in der Mongolei, eingebunden in Traditionen, die der Frau nur eine einzige Aufgabe zuordnen: die, dem Mann zu dienen.

Der deutsche Schriftsteller Galsan Tschinag wurde in den 40er Jahren als Sohn des turksprachigen Nomadenstamms der Tuwa in der Mongolei geboren. Er ging erst nach Ulan Bator, später nach Leipzig, um dort Germanistik zu studieren. Mittlerweile ist er in die Mongolei zurückgekehrt, lebt dort als Stammesoberhaupt der Tuwa und schreibt Erzählungen und Gedichte - auf Deutsch. Gleichwohl hinterlässt das fremde Idiom seiner Heimat deutliche Spuren, ebenso wie die eigene Kultur des Tuwa und seine völlig andere Sicht der Welt immer präsent und greifbar ist.

Mit 17 wird Dojnaa verheiratet, doch von Anfang an steht fest, dass ihre Ehe anders ist als die der anderen: Sie überragt ihren Mann an Größe und Stärke und sie ist ihm auch geistig überlegen. Trotzdem ist sie bereit, ihn als Ehemann anzuerkennen und ihm zu dienen. Er, der sich als Mann beweisen will, tut sein Bestes um sie zu erniedrigen, beginnt zu saufen und fremdzugehen. 13 Jahre vergehen, bis Dojnaa zum ersten Mal das Wort gegen ihn erhebt. Es wird auch das einzige Mal bleiben, denn er schlägt sie und greift ihre Kinder an - was sie nicht ertragen kann. Mit ihrer ungeheuren Kraft geht sie auf ihn los und schlägt ihn mit einem Baumstamm nieder. Ihr Ehemann flüchtet und kommt, für sie unbegreiflich, nicht mehr zurück.

Neben den Mühen mit Kindern und Vieh muss sie sich nun gegen einen Ansturm von Männern wehren, für die sie ,Freiwild' geworden ist. Doch aus allen Angriffen geht sie siegreich hervor und kann nun endlich, als ,freie' Frau auch wieder überaus erfolgreich der Jagd nachgehen. Zu guter Letzt findet sie Liebe, ein Gefühl, dass sie nie kannte und nie kennen wollte, in der Begegnung mit ihrem alten "Onkel" Ergek, dem Ziehvater ihres Ehemanns. Dieser ist bereits glücklich verheiratet, stellt aber Dojnaa als ,Zweitfrau' unter seinen männlichen Schutz.

Galsan Tschinag ergreift mit seiner ungewöhnlichen Heldengeschichte deutlich Partei für die "nomadische Frau, auf deren Schultern das Geschick einer untergehenden Welt ruht" und der er nicht ohne Grund sein Buch gewidmet hat. Die nomadischen Männer sind in seiner Darstellung überwiegend aufdringlich und frech, dumm oder bemitleidenswert. Die nomadischen Frauen hingegen sind Musterbeispiele an Güte. Besonders Dojnaa, von ihrer Tante "Himmelskind" genannt, wird als derart klug, verständnisvoll, wohlwollend, dabei aber auch stark und mutig beschrieben, dass man sich manchmal des Eindrucks nicht erwehren kann, der Autor habe hier etwas überzeichnet. So erlegt dann Dojnaa mit einem einzigen Schuss, noch dazu aus einem fremden Gewehr, den Wolf, auf den zwei Jäger schon minutenlang anlegt haben.

Dass viele Momente in Tschinags Geschichte fremd und ,unglaublich' anmuten, ist dadurch bedingt, dass "Dojnaa" wie eine nomadische Legende, eine Heldengeschichte erscheint - und aus einerWelt stammt, über die ein deutscher Leser in der Regel kaum fundierte Kenntnisse besitzt.

Tschinags fremdartiger Sprachgebrauch, in dem der Einfluss seiner Muttersprache immer zu spüren ist, sowohl seine ungewöhnliche Wortwahl als auch die Art, wie er Sätze aufbaut, geben seiner Erzählung einerseits den besonderen ,exotischen' Reiz. Andererseits wirken sie an manchen Stellen so ungebräuchlich oder unpassend, dass es schon rührend-komisch erscheint: "Merke dir, mein Bürschlein, ich will es nicht", belehrt Dojnaa einen hartnäckigen Verehrer, um dann wenig später dessen Frau zu erklären, er hätte noch "mindestens einen Fußtritt in den Arsch" verdient. Diese gelegentlich vorkommenden Brüche in der Sprache wie in der Erzählweise mögen sich teilweise auch durch die gegensätzlichen Charakterzüge der Dojnaa, die mal sanft und mal stark ist, erklären lassen.

Trotz einiger exotisch anmutender Momente ist die leicht und eindringlich erzählte Geschichte fesselnd, denn sie führt den Leser in eine Welt, wie sie fremder und unbekannter kaum sein könnte. Er nimmt teil an den Gedanken und am Leben dieser außergewöhnlichen Frau, die in einer Welt lebt, die von Fortschritt jeglicher Art scheinbar unberührt ist. Hinter ihr und den wenigen Menschen, die zu ihr gehören, tritt alles andere zurück: die Stammesgemeinschaft oder die landschaftliche Umgebung gewinnen kaum Gestalt, denn der Autor konzentriert sich ganz auf das Dasein seiner Helden.

Die Naturverbundenheit des Stammes betont Tschinag bevorzugt durch außergewöhnliche Himmelsbeobachtungen. Auch seine Metaphern und Anspielungen entnimmt er allesamt der Flora und Fauna: nicht nur die trächtige Stute wird als Erste Opfer des Wolfes, sondern auch die trächtige Wölfin geht als Erste in Dojnaas Falle: Sie war aus dem Schutz des Leitwolfes ausgebrochen und wollte sich mit einem anderen Rüden einlassen. Dojnaa erkennt sich in ihr wieder und der Anblick des noch in der Falle steckenden Wolfsfußes mahnt sie: "An mir siehst Du, dass Du dich der Falle um jeden Preis entreißen musst!"

Auch der dominanten Dojnaa kann es am Ende natürlich nicht gelingen, sich zu stark von den Traditionen und Regeln ihrer Umgebung zu lösen. Ihr Kampf, sich "im Gestrüpp des eigenen Lebens zurechtzufinden", wird wohl weitergehen.

Titelbild

Galsan Tschinag: Dojnaa. Erzählung.
S. Fischer Verlag, München 2001.
138 Seiten, 16,40 EUR.
ISBN-10: 3927743550

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