Verse aus 365 und einem Tag

Felix Philipp Ingold verdichtet den Alltag

Von Brigitte Ruban

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Schlicht und traurig wirkt die Aufmachung von Felix Philipp Ingolds neuestem Lyrikband "Auf den Tag genaue Gedichte". Ein in schwarz gehaltener Einband, nach Monaten geordnete Blätter statt der üblichen Seitennummerierung, sowie die gänzliche Absenz von Begleittexten verleihen dem Buch geradezu Tagebuchcharakter.

Doch dieser erste Eindruck täuscht - zwar sind Ingolds Gedichte, wie der Titel bereits vermuten lässt, jeweils einem festen Datum zugeordnet, doch handelt es sich hierbei nicht bloß um die schriftliche Fixierung eigenen Erlebens in poetischer Form, sondern um eine weitaus komplexere Angelegenheit mit spürbarer Eigengesetzlichkeit.

Der Band beginnt und endet mit dem 25. Juli, die Einträge umfassen also nicht nur ein ganzes Jahr, sondern noch einen zusätzlichen Tag und verweisen damit auf "ein Leben danach", auf eine Entwicklung jenseits starrer Annalistik.

Diese Unabhängigkeit von der Norm drückt sich in vielfältiger Weise aus. Nicht nur, dass die Gedichte keiner festgelegten Form folgen und sich unter einigen Daten nur Leerzeichen finden. Nein, die 'Gedichte' sind nicht ausschließlich als solche deklarierte Verse, sondern auch Notate, Erinnerungsfragmente, Zitate und Fundstücke, Traumsequenzen.

Thematisch bewegen sich diese Einträge zwischen greifbarer Realität ("Wühltisch", "Osterweiterung") und Gedankenkunst ("Melencolia", "Fiat lux"). Bisweilen beinahe arrogant oder ironisch, manchmal jedoch auch in sich gekehrt oder trauernd verwendet, fällt dabei der starke körperliche, oft sexuelle Bezug ("Mund", "Hand", "Lust", "Geschlecht") in Ingolds Lyrik auf. Des Weiteren setzen sich seine Verse wiederholt mit Namen auseinander, sowie dem Verhältnis zum eigenen Ich. Eine Atmosphäre von Vitalität und Gelassenheit zugleich stellt sich ein, die Verse wirken wie warme, pulsierende Organe, können aber auch durchaus seltsam bedrücken. Ingolds dichterische Spezialitäten sind hier vordergründig doppelte Verneinungen, Paradoxien und lautlich-semantische Wortkaskaden: "Ostern", "Osten", "Nahost", "O Stern!".

Vielleicht ab und an düster, doch keineswegs schlicht oder einstimmig - gerade deshalb empfiehlt es sich, diese Tagesdichtung nicht an einem Tag herunterzulesen, denn jedes Poem für sich braucht entsprechend Zuwendung und mitunter Anstrengung.

Was über ein Jahr zusammenfasst und sich zum Zyklus rundet, bedarf des Studiums: "Lest / um zu lernen. Nur so / lässt sich Gelesenes vergessen. Dann / endlich Lust" (Eintrag vom 5. Oktober).

Titelbild

Felix Philipp Ingold: Auf den Tag. genaue Gedichte.
Literaturverlag Droschl, Graz/Wien 2000.
100 Seiten, 15,30 EUR.
ISBN-10: 3854205481

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