Vom unermüdlichen Ansporn zur Verbesserung der Welt

Zu den Bänden 4 und 5 der Werkausgabe Max Zweigs

Von Axel SchmittRSS-Newsfeed neuer Artikel von Axel Schmitt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Ich bin als Jude in die deutschsprachige Kultur hineingeboren worden. In diesen wenigen Worten sind die unabänderlichen Grundlagen meines Lebens bereits festgelegt". Dieser aussagekräftige Aphorismus Max Zweigs aus dem 1991 erschienenen Band "Religion und Konfession" lässt sich durchaus als hermeneutica in nuce des aus Überzeugung in deutscher Sprache schreibenden Dramatikers lesen. In seinem Werk geht es Zweig, der nach eigenen Angaben einem areligiösen Elternhaus entstammte, immer wieder um die Antagonismen Religion versus Orthodoxie, geistige Freiheit versus bedingungslose Unterwerfung unter Gebot und Tradition. Dies wurde bereits aus den ersten drei Bänden der neuen, von Eva Reichmann besorgten Werkausgabe Max Zweigs deutlich, die in einer der früheren Ausgaben von literaturkritik.de (vgl. Ausgabe Februar 2000 ) ausführlich besprochen wurden. Nun liegen zwei weitere, sorgsam editierte und kenntnisreich kommentierte Bände der Ausgabe vor. Der vierte Band versammelt "Verstreute Dramen" ("Morituri", "Lilith", "Franziskus", "Pia Cameron", "Das Wunder des Hilarius"); Armin A. Wallas, der schon für den dritten Band verantwortlich zeichnete, nahm sich des fünften Bandes, mit "Politisch-historische[n] Dramen" ("Ragen", "St. Helena", "Rasputin", "Tolstois Gefangenschaft und Flucht", "Der Generalsekretär") an.

Band 4 bietet mit "Franziskus" und "Pia Cameron" zweifelsohne die beiden bekanntesten Werke im deutschen Sprachraum, die bereits mehrfach verlegt und aufgeführt wurden. Dem gegenüber stehen mit "Lilith" und "Das Wunder des Hilarius" zwei Dramen, die Zweig als seine größten Misserfolge bezeichnete, weil es ihm hier nicht gelungen sei, glaubhafte, lebendige Menschen zu gestalten. Über den letzten, hier edierten Text "Morituri" äußerte sich Zweig in einem Interview mit Eva Reichmann im September 1991 in der Schweiz - nach Auskunft der Herausgeberin - nicht gerne. Es stehe ihm als Dichter, so führte er aus, nicht zu, über das Verhalten seiner fiktiven Gestalten zu urteilen. Dabei wäre eine Stellungnahme des Autors hier durchaus von einigem Interesse, nicht zuletzt deshalb, weil das 1941 bereits in Israel entstandene Stück, in enger Anlehnung an Thomas Mann Roman "Der Zauberberg" entstand. Ort der ersten beiden Akte des Dramas ist ein Schweizer Lungensanatorium, in dem die aus Verzweiflung, Enttäuschung und einer Reihe amüsanter Missverständnisse hervorgetriebene Liebesbeziehung zwischen Ottilie und Walter ihre Aufführung findet. Die dem Tod 'Geweihten' finden ihre Liebe nur im Schattenreich, im Hades; im Reich der Lebenden (das Wien des dritten Aktes) kann sie nicht bestehen und führt statt dessen zu tragischen Verwicklungen. Eva Reichmann verweist in ihrem Nachwort auf die mitunter problematische Figurenkonstellation und die Überpointierung Ottilies als schuldlos getriebene Frauenfigur "mit der Fähigkeit zur Selbstaufgabe, zur Aufopferung und bedingungslosen Liebe", was wohl in erster Linie auf Zweigs sehr starres Frauenbild zurückzuführen ist. Dennoch ließ sich Zweig durchaus auch zu gegenläufigen Figuren hinreißen, wie die weibliche Hauptfigur des 1942 entstandenen Stückes "Lilith" belegt, die ihre Interessen rücksichtslos zu vertreten und zu verfolgen weiß. Dennoch betrachtete Zweig dieses Stück im Nachhinein als gescheitert, wohl auch deshalb, weil es von Norbert Fuerst in seiner Untersuchung der Dramen Zweigs als banal bezeichnet und seine Handlung und Figuren mit der Seichtigkeit amerikanischer Fernsehfilme verglichen wurde.

Ein wesentlich größerer Erfolg - auch und gerade in der Selbsteinschätzung Zweigs - war dem am 21.7.1963 uraufgeführten Drama um Franz von Assisi beschieden. Zentrales Thema dieses Stücks ist jedoch nicht die Lebensgeschichte des heiligen Franziskus, sondern ein Konflikt, den dieser an seinen Schüler Elia, Generalvikar des Ordens, delegiert. Dieser hat an Stelle des handlungsunfähigen Franziskus die schwerwiegende Entscheidung zu treffen, ob der Orden durch Preisgabe der strengen Regeln gerettet werden soll oder ob es wichtiger sei, diese auch um den Preis eines drohenden Verbots durch den Papst zu bewahren. Ebenfalls von beachtlichem Erfolg war das 1958 entstandene, im spanischen Bürgerkrieg spielende Drama "Pia Cameron", von dem der ORF 1963 gar eine Hörspielfassung produzierte. Der Kernsatz des Stücks, Pias "Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da", verweist auf die "Antigone" des Sophokles. Trotz dieser intertextuellen Allusion wäre es sicherlich falsch, wie auch Eva Reichmann in ihrem Nachwort treffend hervorhebt, Pia Cameron als Antigone rediviva anzusehen. Schön zu beobachten ist allerdings das von Zweig inszenierte Vexierspiel um die wechselseitigen Zuschreibungen der Rollenhaftigkeit Pias durch sie selbst und den "Feind" Pablo, von dem es beiläufig heißt, er sei klassischer Philologe und habe sogar an einer Universität gelehrt. An diesen Stellen wird Zweigs poetische und humanistische Verwurzelung im 19. Jahrhundert überdeutlich, die kunstvoll gedrechselte Sprache seiner Figuren und der pathetisch wirkende Stil gehen aber nicht selten über das Maß des Erträglichen hinaus. Wahrnehmbar wird auch - wie in vielen anderen Figuren Zweigs, so auch in Pia Cameron - eine Figur, die um moralisch vertretbare Entscheidungen ringt, auch wenn sie dabei ihr Leben aufs Spiel setzt.

Die Entstehungsdaten der im fünften Band zusammengefassten Dramen erstrecken sich über insgesamt mehr als dreißig Jahre, beginnend mit Zweigs Erstlingswerk "Ragen" (1924) bis zum Hauptwerk seiner späten Schaffensphase "Der Generalsekretär" (1955). Als den Dramen gemeinsame Fragestellungen bestimmt Armin A. Wallas in seinem Nachwort folgendes: zunächst stelle der Dramatiker "die Frage nach den Handlungs- und Wirkungsmöglichkeiten der 'großen Persönlichkeit' dar, eng verknüpft mit einer Analyse des Wechselverhältnisses zwischen Individuum und Gesellschaft bzw. Geschichte". Die hier sichtbar werdende Perspektive des tragischen Scheiterns des Individuums führt im weiteren zum Problem der Schuld (als Divergenz zwischen Ideal und Wirklichkeit, Geist und Tat) und zu den Konsequenzen des voreiligen Handelns bzw. Nicht-Handelns einzelner Protagonisten. Schließlich geht es Zweig um ethische Fragestellungen, die er auch hier exemplarisch an Figurenkonstellationen deutlich macht. Interessanterweise endet jedes dieser "politisch-historischen Dramen" (ob diese Bezeichnung jedoch von einer glücklichen Wahl zeugt, sei dahingestellt) mit dem Tod der 'großen' Zentralfigur, der jedoch gerade im Scheitern ein Wandlungserlebnis zuteil wird. Zurecht verweist Wallas auf die Ambition Zweigs, "die Niederlage in der Realität [...] mit einer Höherentwicklung ethischen Bewußtseins" zu verbinden. Ähnlich wie in "Pia Cameron" geht es auch in den hier versammelten Dramen um die Ambivalenz humanistisch-idealistischer Werte, die in ihrer ganzen Gebrochenheit und in ihrer Leere vorgeführt werden. Wallas verweist in diesem Zusammenhang auf Zweigs Vorbild Paul Ernst, der dem "Zusammenbruch des deutschen Idealismus" durch eine Rückkehr zur klassischen Tragödie und zur christlichen Religion zu begegnen suchte. Während Ernst jedoch die Lösung dieses geistigen Dilemmas in der Ersetzung der Tragödie durch das "Erlösungsdrama" sah, hielt Zweig beharrlich an der Aufgabe der Tragödie fest, für eine individuell-ethische Erneuerung der Gesellschaft zu sorgen. Dennoch finden sich gerade in dem schlussendlichen Tod des 'guten' Individuums Züge einer Ausweitung der tragischen Struktur in Richtung auf ein "Sühnedrama".

In den Dramen "St. Helena", "Rasputin" und "Tolstois Gefangenschaft und Flucht" wendet sich Zweig vermehrt der Deutung politischer Mythen zu. Alle diese Stücke beruhen auf ausführlichen historiographischen Recherchen, und es überrascht schon ein wenig, in welch hohem Maße Zweig kulturhistorische Studien, Autobiographien und historische Darstellungen zu den jeweiligen Themengebieten konsultierte. Ruth Rischin hat darüber hinaus bereits 1995 detailliert nachgewiesen, dass das Tolstoi-Drama auf exakter Kenntnis des gesamten Œuvres Tolstois beruht, da sich bei Zweig zahlreiche Anspielungen und intertextuelle Querverweise auf fiktionale und essayistische Werke des russischen Dichters finden lassen. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass den Autor vor allem die Widersprüche an zwei der 'großen' Persönlichkeiten der russischen Kulturgeschichte, Rasputin und Tolstoi, faszinierten. Zur Darstellung gelangen die "Gleichzeitigkeit von visionären Prophezeiungen und wüsten Ausschweifungen, das Ineinanderverwobensein von mystischer Religiosität und sexueller Begierde sowie die Überlagerung von Bauernschläue und weitblickenden politischen Reformkonzepten". Bei Rasputin, mehr wohl noch bei Tolstoi, den Zweig als intellektuelles Vorbild betrachtete, geht es um die Zeichnung eines dichten, in sich stark differenzierten Charakterporträts.

Kennzeichnend für den Napoleon-, Rasputin- wie auch den Tolstoi-Stoff ist das Hervortreten einer universalen, messianischen Liebesutopie im Tod der Protagonisten. Zweig skizziert hier die Umwandlung und 'Läuterung' des Menschen nicht nur als Ausdruck der Katharsis, sondern auch - nach jüdischer Tradition - der teschuwa, der Umkehr des Menschen, der Befreiung aus schuldhaften Verstrickungen. Bereits in dem 1929 entstandenen Drama "Elimelech und die Jünger" (vorliegend in Band 3 der Werkausgabe) bemühte sich Zweig um die Aktualisierung der jüdischen Messiasidee, indem er Propheten und Priestertum einander gegenüberstellte. Die Jünger Elimelechs vertreten dabei ein dynamisches, verinnerlichtes Glaubensverständnis, das teilweise von christlichen Axiomen wie Barmherzigkeit und Armutslehre beeinflusst ist und in Tolstois Lesart des Messianismus als unermüdlicher Ansporn zu einer Verbesserung der Welt wiederkehrt. In einem Amalgam aus Figuren der jüdischen Mystik und der unio mystica empfindet Zweigs Tolstoi den Tod als unabdingbare Voraussetzung der angestrebten Vereinigung mit Gott. In diesem Weg zur Erlösung wird auch der eingangs zitierte Antagonismus Max Zweigs zumindest im Drama einer Lösung zugeführt: Geistige Freiheit lässt sich sehr wohl auch mit Versatzstücken der Tradition vereinbaren. Doch dieses Ideal blieb für Max Zweig selbst zeitlebens nur eine Utopie.

Titelbild

Max Zweig: Werke in Einzelbänden. Band 4: Verstreute Dramen.
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Eva Reichmann.
Igel Verlag, Oldenburg 2000.
296 Seiten, 24,50 EUR.
ISBN-10: 3896211196

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Max Zweig: Werke in Einzelbänden. Band 5: Politisch-historische Dramen. Mit einem Nachwort von Armin A. Wallas.
Igel Verlag, Oldenburg 2000.
364 Seiten, 24,50 EUR.
ISBN-10: 389621120X

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