Nur um der Hoffnungsvollen

Russell Jacoby beweint das Ende des kritischen Intellektuellen

Von Jörg AubergRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jörg Auberg

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In den späten achtziger Jahren sorgte Russell Jacoby, ein "entfremdeter linker amerikanischer Intellektueller" (wie ihn Edward Said einmal charakterisierte), mit seinem Buch "The Last Intellectuals: American Culture in the Age of Academe" (1987) für Furore. In diesem glänzend geschriebenen Essay beklagt er den Niedergang der "öffentlichen Intellektuellen", die für eine interessierte kritische Öffentlichkeit schreiben und im Sinne des Sartreschen engagierten Intellektuellen in die soziale Realität eingreifen. Mit scharfer, erfrischender Polemik kritisiert er den Rückzug ehemaliger "intellektueller Arbeiter für die Revolution" in die Refugien der akademischen Palisaden, wo die des jeweils gängigen Jargons Kundigen nicht länger zu denken und zu schreiben brauchten, was sie dachten: Ihnen genügt es, Depeschen mit den Textbausteinen des Jargons nach außen zu schicken und in den festabgeschirmten Universitäten die eigene Karriere zu planen. Ironischerweise verbarrikadieren sich laut Jacoby ausgerechnet jene im Inneren des akademischen Territoriums, die einmal als die schärfsten Kritiker der Institutionen angetreten sind. Diese rigorose Kritik handelte Jacoby, selbst ein Aktivist der Neuen Linken, heftige Schelte ein, vor allem von der akademischen Linken. Symptomatisch war der Versuch der Rezensentin der "New Left Review", Jacoby zum politischen Chamäleon und verkappten Konvertiten abzustempeln.

Mehr als zehn Jahre später greift Jacoby die alten Themen noch einmal auf. Der Titel seines neuen Buches "The End of Utopia" weckt im ersten Moment den Verdacht, daß er als desillusionierter Intellektueller und konvertier-ter Linker ins Boot von Daniel Bell und Francis Fukuyama gesprungen wäre. Doch tatsächlich steckt in diesem Buch der Geist von C. Wright Mills, der sich nie den utopischen Geist austreiben wollte. Zwar ist auch für Jacoby das Ende der utopischen Visionen erreicht, doch anders als die Apologeten des Bestehenden sieht er dies nicht als Befreiung, sondern als Hemmnis, überhaupt einen Gedanken über das Bestehende hinaus denken zu können. Das Ende der Utopie sei erreicht, argumentiert Jacoby, weil es an Kräften und Energien fehle, die den utopischen Gedanken noch zu denken vermögen, zumal schon Utopien per se von den "Realisten" als Synonym für Blutgier, Massenmord und Sklaverei diskreditiert seien.

Wie in seinem früheren Essay schwimmt Jacoby gegen den Strom und läßt sich nicht vom herrschenden Zeit-geist einschüchtern. "The End of Utopia" ist die kritische Kartographie eines Rückzugs, wobei Jacoby auf seine frühen Einsichten von "Dialectic of Defeat" (1982) zurückgreift, die nichts von ihrer Gültigkeit verloren haben: Eine Niederlage ist in der Kräftekonstellation begründet, sagt jedoch nichts über die Qualität von politi-schen Zielsetzungen, von Theorie oder Praxis aus. Die Niederlage des autoritären, etatistischen Sozialismus habe keine Freisetzung neuer kreativer Phantasie bewirkt, argumentiert Jacoby, sondern eine Auszehrung der utopi-schen Vision, die blinde Akzeptanz des Status quo, eine willfährige Anpassung an den herrschenden Diskurs, eine Depolitisierung des kritischen Denkens. Radikale und Sozialisten von einst präsentierten sich heute als praktische Geschäftsleute, die den Ballast der Vergangenheit abgeworfen haben und nun das Hohelied auf die Marktwirtschaft und den Pluralismus singen, während die Ursachen sozialer und ökonomischer Abhängigkeiten weitgehend verdunkelt werden.

An die Stelle einer kohärenten gesellschaftlichen Vision tritt das Phantom des Multikulturalismus, der in den Augen Jacobys das Opium desillusionierter Intellektueller ist, die Ideologie einer Ära ohne Ideologie, ein Ersatz für erloschene Hoffnungen. Reduzierte der Marxismus früher nahezu alles auf ökonomische Belange, so fokussiert sich sein postmodernes Derivat, der "kulturelle Marxismus", auf die Kultur, ohne einen Blick auf die äußere Welt zu werfen. Die Realität stellt sich als ein Wust von "Texten", "Zeichensystemen", "Diversitäten", "Pluralitäten" dar, so daß kaum noch ein Blick auf die tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnisse möglich scheint. Der Multikulturalismus füllt für Jacoby die Leerstelle nach dem Ende des Radikalismus und der Utopie. Unverbindlich werden Platitüden und Modephrasen ausposaunt; politische Slogans dienen als Beweise der politischen Korrektheit in der Ära der Entpolitisierung und der Showman-Pose. Akademisierte Intellektuelle gerieren sich als marginalisierte, die vorgeblich gegen den reaktionären Zeitgeist kämpfen, aber realiter nichts anderes tun, als ihre eigenen Pfründe verteidigen, ihre Anpassung mit radikalen Phrasen drapieren und für ihre loyale Nachhut sorgen.

Die Idee der Utopie verlangt nach Intellektuellen, die über die eigene Borniertheit hinauszudenken vermögen. Jacobys Ideal ist der kritische Intellektuelle, der außerhalb verschworener gesellschaftlicher Gruppen, die Max Horkheimer unter dem Begriff "Racket" subsumierte, sich universalen Werten verpflichtet fühlt. Wie Adorno argumentiert Jacoby im Angesicht der Verzweiflung und möchte die Dinge so betrachten, "wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten" (Adorno). Freilich ist sich Jacoby bewußt, daß solch ein Standpunkt zur gegenwärtigen Zeit in immer größere Distanz zur Realität gerät.

Wie schon in "The Last Intellectuals" ist auch Jacoby in seinem neuen Essay nicht frei von intellektueller Roman-tik, wenn er auf "öffentliche Intellektuelle" der Vergangenheit rekurriert, die mit einem luziden Stil zum Kern der Probleme vordrangen, ohne sich eines aufgeblähten, verquasten Jargons zu bedienen. Diese Zeiten scheinen endgültig vorbei, und Jacobys Nostalgie ist zu verstehen, auch wenn sie manches vernebelt, was klarer hätte herausgestellt werden können. Trotz allem ist Jacobys neuer Essay wiederum eine gelungene Provokation gerichtet an alle, die sich mittlerweile im Jargon der "neuen Mitte" zu artikulieren versuchen. Obwohl sich "The End of Utopia" wie sein Vorgängerbuch fast ausschließlich mit amerikanischen Verhältnissen auseinandersetzt, lassen sich Rückschlüsse auf die intellektuelle Misere hierzulande ziehen.

Titelbild

Russell Jacoby: The End of Utopia. Politics and Culture in an Age of Apathy.
Berlin Verlag, Berlin 1999.
236 Seiten, 23,00 EUR.
ISBN-10: 0465020003

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