Querschnitt der Goethe-Forschung

Das "Goethe-Handbuch" des Metzler Verlages ist abgeschlossen

Von Lutz HagestedtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lutz Hagestedt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das große "Goethe-Handbuch" des Metzler Verlages, sieben Kilo schwer, von Bernd Witte herausgegeben, hat vor seinem Erscheinen große Erwartungen geweckt. Die internationale Autoren- und Herausgeber-Crew versprach, klare Schneisen kundiger Orientierung ins Dickicht der Goethe-Philologie zu schlagen. Das Ergebnis, das nun vorliegt, ist respektabel, wenn auch teilweise ernüchternd.

Die Herausgabe des "Goethe-Handbuchs" ist seit 1988 in Zusammenarbeit des Germanistischen Institutes der RWTH Aachen mit der Stiftung Weimarer Klassik konzipiert worden. Sie wurde von der Redaktion (mit Sitz an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) und der Stiftung Weimarer Klassik betreut. Das Herausgeber-Team besteht aus Bernd Witte (Düsseldorf), Theo Buck (Aachen), Hans-Dietrich Dahnke (Weimar) und Regine Otto (Weimar). An die Stelle des verstorbenen Peter Schmidt, der die naturwissenschaftlichen Schriften betreuen sollte, ist Gernot Böhme (Darmstadt) getreten. 120 Artikel aus dem Handbuch sind mittlerweile auch auf der Goethe-CD-Rom erhältlich, die Metzler zusammen mit Aufbau und Schroedel herausgebracht hat (vgl. Goethe-Wort im digitalen Speicher: Dirk Fuhrig über eine Goethe-CD-ROM, literaturkritik.de Nr. 5 - Mai 1999).

Das "Goethe-Handbuch" teilt unseren Olympier in verschiedene Diskurstypen ein: Goethe als Dichter (Band 1), als Dramatiker (Band 2), als Prosaschriftsteller (Band 3) und als private und öffentliche Person (Teilbände 4/1 und 4/2). Ein Registerband rundet die Edition ab. Die einzelnen Diskurstypen sind weiter untergliedert: Dem "Goethe als Prosaschriftsteller" (Vorbemerkung von Helmut Koopmann) werden die Romane, Erzählungen, autobiographischen Schriften, Maximen und Reflexionen, das Briefwerk, die Prosaübersetzungen, die Schriften zu Literatur und Theater , zur bildenden Kunst und zur Naturwissenschaft (sic!), die amtlichen Schriften und zuletzt die Reden und Ansprachen zugeordnet. Es ist ersichtlich, daß die systematische Gliederung wenig glücklich ausgefallen ist, daß es hier zu - vielleicht vermeidbaren -Überschneidungen und fraglichen Zuordnungen kommen muß. Die einzelnen Kapitel zerfallen dann weiter in Unterkapitel, denen - jedoch nicht immer - allgemeine Bemerkungen vorausgeschickt werden. So erläutert Benedikt Jeßing Goethes Funktion "als Briefschreiber", stellt Peter Zingraf "Goethe als Übersetzer" vor; doch Goethe als Kunst- und Literaturkritiker wird nicht mit einem eigenen Essay gewürdigt - die Kapitel "Schriften zu Literatur und Theater" und "Schriften zur bildenden Kunst" beginnen sofort mit Einzeldarstellungen.

Die Gesamtgliederung bleibt undurchsichtig, die Gattungstypologie traditionell. So wird zwar Goethes Novellentheorie dargestellt (durch Regine Otto), nicht jedoch das Verhältnis von Theorie und Praxis, das zur grundsätzlichen Infragestellung nicht nur der Goetheschen Novellendefinition, sondern der Definierbarkeit der Gattung (und damit der Novelle überhaupt) geführt hat. Dieser Streit um die Novelle kann auf eine lange Geschichte zurückblicken, nicht jedoch im "Goethe-Handbuch". Manchmal kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als behandelten die Autoren die Gattungen nach wie vor als "Naturformen der Poesie".

Bei den Stücken wird neben der Interpretationstradition auch die Bühnengeschichte gewürdigt. So mußte der "Faust" in Karl Wüstenhagens Inszenierung (Hamburg 1940) auch Zwecken der Kriegspropaganda dienen. Der Verfasser des Artikels (Bernd Mahl) kann diese Propaganda allerdings nur für das Programmheft zeigen, nicht für die Inszenierung selbst (dafür hätte man Aufführungskritiken konsultieren müssen), so daß dieser Beitrag zu einer wichtigen Fragestellung ausgesprochen dünn ausgefallen ist. Namhafte Wissenschaftler wie Gert Mattenklott hingegen, der den "Faust" auf 120 Seiten darstellt (eine Monographie innerhalb des Handbuchs), tun dem Projekt gut, weil sie souverän zwischen verstiegener Gelehrsamkeit und braver Philologie zu vermitteln wissen.

Die geforderte Sachlichkeit des Lexikons wird des öfteren verletzt, wenn die Beiträger die Ansätze und Methoden ihrer Fachkollegen nicht zu teilen vermögen. So wird leider nicht vermittelt, wie aufregend die Goetheforschung der letzten drei Jahrzehnte verlaufen ist. Gelegentlich wird versucht, ganz eigenständige Forschungsergebnisse mit einem Federstrich zu erledigen, ohne daß man dem Leser zuvor einen hinreichenden Eindruck von der diskutierten Forschungsrichtung, der Monographie und ihrer Ergebnisse vermittelt hätte. Neben der Kommentierung durch Zeitgenossen und durch die Wissenschaften (nicht nur die Literaturwissenschaften, sondern auch andere Geisteswissenschaften, sowie die Naturwissenschaften) wird die Selbstkommentierung Goethes (auch in den Briefen und sogar in den Gesprächen mit Eckermann) relativ breit gewürdigt und auf seine interpretatorische Relevanz hin untersucht. Auch hier tendiert der Erkenntnis- und Informationswert gelegentlich gegen Null: "Den wohlwollenden Fremden", schreibt Jeßing, "kann Goethe für die positive Aufnahme einzelner Teile der Autobiographie danken".

Auch wir können danken - denn nebst verschiedenen Belegen großer Deutungskunst ist ein Registerband Teil des "Goethe-Handbuchs". Er enthält neben schön reproduzierten zeitgenössischen Karten Weimars eine klar gegliederte, übersichtliche Chronologie in vier Kolumnen: Goethes Biographie, Goethes Schriften, Ereignisse der Zeitgeschichte und Daten aus Kultur und Wissenschaft werden hier recht übersichtlich nebeneinander hergeführt. Die Fritz Thyssen Stiftung und die Stiftung Weimarer Klassik haben das Werk gefördert.

Titelbild

Bernd Witte / Theo Buck / Hans-Dietrich Dahnke (Hg.): Goethe Handbuch. 4 Bände und Register.
J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 1998.
je Bd. Zwischen 550 und 850 Seiten, 99,99 EUR.
ISBN-10: 3476009238

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