HipHop und Lyrik - Pelham und Goethe

Interview mit Robert Gernhardt

Von Nils Folckers und Klaus SchneiderRSS-Newsfeed neuer Artikel von Klaus Schneider

Spätestens seitdem die Fantastischen Vier mit "Die da" 1992 auf MTV in heavy rotation liefen, war deutschsprachiger HipHop als Populärkultur etabliert. Seither hat sich deutscher HipHop in viele Richtungen entwickelt, was wiederum zahlreiche Diskurse mit sich brachte, szene-immanente zumeist. Wie lyrisch deutscher Sprechgesang ist und ob er dabei gar komisch sein kann, fragten wir daher jemanden, der es wie kein anderer wissen müßte: Robert Gernhardt. Der 61jährige Schriftsteller, Maler und Zeichner ist einer der Initiatoren des humoristisch-satirischen Künstlerzirkels um die "Neue Frankfurter Schule" und Mitbegründer des Satire-Magazins "Titanic". Hören bzw. lesen wir also, was der Dichter über HipHop-Reime denkt.

NFKS: Herr Gernhardt, können Sie sich für deutschsprachigen HipHop begeistern?

G: Ich höre diese Musik nicht allzu häufig, schon die amerikanischen Sachen sind weitgehend an mir vorbeigegangen. Ich wußte von den Fantastischen Vier, dem Hit "Die da" konnte man nicht entgehen. Die anderen Sachen sind mir nicht so geläufig, und ich bin erstaunt, daß es so viel davon gibt. Ich hatte im Fernsehen mal "Der Wolf" gesehen, vom "Rödelheim Hartheim Projekt" hatte ich natürlich auch gehört, da sie quasi aus der Nachbarschaft kommen und mir der Name gut gefällt. Für mich war das schon sehr viel, bis ich eine Magisterarbeit über Rap-Musik zugeschickt bekam - mit Musikbeispielen. Daß es so viele Gruppen gibt, hat mich beeindruckt. Es gibt offensichtlich ein wirkliches Bedürfnis, sich rappend auszudrücken.

NFKS: Ein finanziell sehr erfolgreiches Bedürfnis.

G: Es muß aber auch ein Bedürfnis der Zuhörer nach dieser Art von Musik da sein, sonst gäbe es sie nicht in dieser Breite. So sieht es auch bei einer anderen, mir nicht allzu symphatischen Parallel-Erscheinung in der bildenden Kunst aus, beim Graffiti, das mir deshalb unlieb ist, da es leider Gottes mehr verhäßlicht als verschönt. Hinzu kommt: Die Graffiti sind alle sehr einheitlich, sehr unpersönlich. So ergeht es mir auch beim Hören von HipHop. Mein erster Eindruck war der eines durchgehenden Rhythmus, der von Stimme zu Stimme weitergetragen wurde. Es ließe sich vermutlich alles untereinander remixen und ein großer Brei daraus machen - kein Zeichen für allzu große Originalität. Für mich ist es ein Beleg dafür, dass diese Leute keinen eigenen Sound haben. Bei Dichtern mit einer eigenen starken Stimme wäre diese Vermengung nicht möglich. Mit Gedichten von Rilke, Benn oder Rühmkorf hätte man das nicht tun können.

NFKS: Ist für Sie die fehlende Originalität bzw. der fehlende eigene Sound ein Problem des deutschsprachigen HipHop?

G: Ich fürchte, des HipHop insgesamt. Aber nach allem, was ich gehört habe, ist die Musik der Schwarzen raffinierter.

NFKS: Was ist im deutschen HipHop weniger raffiniert?

G: Zum Beispiel der durchgehende Rhythmus. Ich erinnere mich nicht, daß plötzlich ein Dreivierteltakt auftaucht oder irgendwelche Raffinessen, die mich kurz hätten aufschrecken lassen. Der Gleichtakt hat etwas Hypnotisches, aber auch Lähmendes. Bei den Texten kann man aber schon qualitative Unterschiede feststellen.

NFKS: Können Sie Beispiele nennen?

G: Zum Beispiel "Die coolen Säue" mit "Es tut mir leid" oder "Allein" von "Die Pilze": Das sind Befindlichkeitstexte, die schon immer von jungen Leuten geschrieben worden sind, früher als Gedichte, heute als Rap. "Future Rock" und "Curse" rappen schlicht quer durch das Reimlexikon. Dann gibt es noch die Sozialkritischen, die eine merkwürdig naive Haltung an den Tag legen, mit relativ wenig Witz und viel Zeigefinger. "Absolute Beginner" mit "1:0 für Babylon" zum Beispiel, das Lied von der Atombombe, die fällt und wegen der die Menschen alle am Arsch sind, weil sie irgendwie nicht richtig gelebt haben. "Fremd im eigenen Land" von "Advanced Chemistry" habe ich mit Interesse gehört. Ich hatte das Gefühl, daß ihn ein wirklicher Druck veranlaßt, das alles zu sagen. Obgleich es immer nur die eigene Geschichte ist, die manchmal nicht sehr weit zurückreicht. Andere blicken weiter zurück, z.B. "Freundeskreis". Eine intensive Zeile, die bei mir hängen geblieben ist, ist "Leg Dein Ohr auf die Schiene der Geschichte". Gleiches gilt für "Cross The Tracks", in dem an Ulrike Meinhof erinnert wird. Mir hat zu denken gegeben, daß solche Themen überhaupt noch aufgegriffen werden. Wobei aus dem Thema Ulrike Meinhof musikalisch nicht viel gemacht wurde. Und von Lyrik kann man ebensowenig sprechen, wenn mit zeigefingerhaftem Gestus Meinhof-Texte zitiert werden. Aber immerhin sind das Dinge, die bei mir hängen geblieben sind. Auch die satirische Haltung von "Fischmob", die allerdings bei "Fick mein Gehirn" auf eine sehr populäre Botschaft hinausläuft.

NFKS:Konnten Sie so etwas wie Wortwitz in den Texten deutschsprachiger Rapper entdecken?

G: Ja, sicherlich, bei "Curse" "Alles Real II" oder bei "Willst du mit mir geh´n" von "Fünf Sterne Deluxe" und eben bei "Bonanzarad" von "Fischmob". Ich hatte einigen Spaß bei diesen Texten. Die Frage ist nur, wie weit dies alles mit den Qualitätsmaßstäben von Lyrik zu messen ist und ob es überhaupt sinnvoll ist, solche Vergleiche anzustellen.

NFKS: Und, ist es sinnvoll?

G: Ich glaube mittlerweile, daß es dann nicht sinnvoll ist, wenn der Text von vornherein mit und für Musik gedacht wurde. Ich habe diese Erfahrung auch bei Schlagertexten gemacht. Die Schlagertexter vertrauen letztlich darauf, daß der Text dank der Musik auch in schwachen Passagen funktioniert. Das gleiche Gefühl habe ich beim Lesen von Kabarett-Texten. Die funktionieren auf der Bühne großartig, wenn man sie aber liest, fragt man sich, worüber man gelacht hat.

NFKS: Ist es vielleicht der immer wiederkehrende Endreim, welcher Rap-Texte ermüdend wirken läßt?

G: Der Endreim ist etwas, worauf man ruhig hin und wieder verzichten sollte, damit diese gemütliche Monotonie nicht überhand nimmt. Das Gehirn hüpft wie ein Steinchen von Reimwort zu Reimwort, ohne viel nachzudenken, rein mechanisch. Man sollte ein Reimwort nur einmal bringen, danach wird es nur ulkig - gleichwohl das Ulkige zum Teil gewollt ist. Andere Reimtechniken sind daher interessanter, zum Beispiel die Binnenreime. Das Verlagern des Reims, daß er nicht allein auf dem Endreim stehen bleibt, sondern als Binnenreim noch einmal auftaucht oder er ganz einfach zum Stabreim oder Anklangsreim wird, wie die Wortfolge: "ganz nah", "tanzbar" und "Kanzler" bei "Fettes Brot".

NFKS: Einem Stilmittel, das Moses Pelham durch seine dialektgefärbte Aussprache jederzeit einen Reim ermöglicht..

G: Das war bei Goethe auch so! Man denke an "Ach neige, du Schmerzensreiche" - sprich: "Ach neische, du Schmerzensreische" - aus "Faust II". Der Hesse reimt eben anders als der normale Mensch. Bei Pelham und Goethe gibt es einige Parallelen, auch in der Wortwahl. Goethe war ebenfalls ziemlich kraß, wenn man an "Hanswursts Hochzeit" denkt oder an den Hexensabbath im Faust. Nicht so kraß wie Pelhams "Zu kraß", eine ziemlich blöde Nummer. Bei "Schnaps für alle" wird er recht weinerlich. Ich weiß aber nicht, inwieweit diese Weinerlichkeit durch sein Schicksal bedingt ist.

NFKS: Sie haben einmal die These vertreten, daß "alle Gedichte komisch sind, da das Gedicht die Komik vom ersten Tag an mit der Muttersprache eingesogen hat und bis auf den heutigen Tag von ihr durchtränkt ist". Finden Sie eine Bestätigung ihrer These im HipHop?

G: Jedes Insistieren auf Reimwörtern macht deutlich, daß sich der Sinn des Gebildes durch große Zufälligkeiten, nämlich Gleichlautungen, herstellt. Beim HipHop gibt es sicher Leute, zum Beispiel durch die wirklich Betroffenen aus dem Ghetto, die gar nicht komisch sein wollen. Die insistieren auf den rhythmischen, auf den suggestiven Möglichkeiten des Reims. Andere nutzen die komischen Möglichkeiten. Beide reimen sehr unbefangen. In der geschriebenen Dichtung muß man sehr sparsam und kalkuliert mit dem Reim umgehen. Texte, die für das schlichte und ausschließliche Hören oder Lesen geschrieben worden sind, und jene, die von vornherein mit Musik arbeiten, sind daher nicht miteinander vergleichbar. Man muß HipHop-Musik in eine andere Reihe stellen - in die Reihe Schlager, Lied, Popsong. Das Gedicht muß zwar Rhythmus, Metrum, ja Musikalität beinhalten und versuchen, damit Suggestivität zu erzeugen, alles aber unter Verzicht auf Musik. Eigentlich auch unter Verzicht auf den verbalen Vortrag - obwohl da einige Leute widersprechen könnten.

NFKS: Ist das ein Plädoyer für Instrumentalmusik?

G: Nein, es ist eher ein Pläydoyer für das gedruckte Gedicht, das - wenn es gut ist - schon in dieser reizarmen Form funktionieren muß. Ich habe es nicht so gerne, wenn Gedichte leichtfertig mit Musik gekoppelt werden. Die Italiener haben die Unsitte, daß sie Gedichte im Radio sofort Musik unterlegen. Als ob das Wort nicht genügen würde. Tut es aber - zumindest beim guten Dichter.





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