Das Amphigurientheater

Eine eutrapelische Aganaktese über J. Dominik Harjungs "Lexikon der Sprachkunst"

Von Klaus Cäsar ZehrerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Klaus Cäsar Zehrer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es ist ein verregneter Abend, ich sitze alleine zu Hause, habe nichts zu tun und sehne mich nach etwas Erheiterung. Aber was ist das überhaupt: Erheiterung? In J. Dominik Harjungs "Lexikon der Sprachkunst" findet sich folgender Eintrag:

Erheiterung, die:

Sammelbegriff für -->Asteismus, -->Bomolochie (Possenreißerei), -->Charientismus, -->Dikazität (Paraskeuasmus), -->Eutrapelie, -->Ironie, --> Kavillation, -->Lepus (Kompsie), -->Ludibrium (Chleuasie, Mykterismus), -->Skurrilismus.

Eutrapelie klingt gut, Eutrapelie gefällt mir, aber was beim Jupiter ist eine Eutrapelie?

Eutrapelie, die:

1. Gewandtheit der (,schönen') Rede des Städters: Urbanität; feiner Spott; feinsinniger Witz (der den Menschen von Bildung und guter Kinderstube ausweist); Mitte zwischen -->Bomolochie und Bauernwitz (Agroikie).

2. Leichtfertige Witzelei, loses Schwätzen mit unanständigem Inhalt; zweideutiges, seichtes Anbiedern oder Unterhaltung durch derbes Blödeln in ordinärer Weise, ungehobeltes Witzeln, billige Spaßmacherei; Anaißchynthie (Unverschämtheit, Mangel an Pietät. Vgl. --> Aißchrologie).

Aha, Eutrapelie ist also ein feinsinniger Witz, wohingegen man derbes Blödeln eher als Eutrapelie bezeichnet. Alles klar - beziehungsweise fast, denn was versteht man nochmal eben unter Aißchrologie?

Aißchrologie, die:

Synonym: Kontumelie, Turpiloquium

Im Unterschied zur -->Aganaktese wendet sich die Aißchrologie direkt an eine Person und beschimpft sie, oberflächlich bis gezielt brutal; stellt jedenfalls dadurch eine Beziehung her.

Ach so, und die Aganaktese macht das nicht? Sondern? -

Aganaktese und Aganaktesis, die:

Entrüstung, die sich durch empörten Ausruf Luft macht. Die Überschneidung mit -->Aißchrologie und -->Epitimese ist oft Sache der Auffassung.

Gut, die Aganaktese überschneidet sich mit der Aißchrologie bzw. unterscheidet sich von ihr, das ist Auffassungssache. Dagegen scheint mir gesichert, dass sich J. Dominik Harjung in seinem "Lexikon der Sprachkunst" ausgiebig der -->Amphigurie bedient hat.

Amphigurie, die:

Synonym: Dampfplauderei

Schwafelndes Reden, bei dem die eindeutige, unmissverständliche Ausdrucksweise fehlt. Ein Kennzeichen der Amphigurie ist Salbaderei: auf den ersten Blick mit Bedeutung versehen, erweist es sich insgesamt als Geschwätz. Sachliche Information kommt dabei nur schwer durch. Der Sprecher plaudert geltungsbedürftigen Dampf.

Der Abend ist vorüber, der Regen hat aufgehört, und ich fühle mich unbeschreiblich erheitert. O Wunder der Sprachkunst!

Titelbild

J. Dominik Harjung: Lexikon der Sprachkunst.
Verlag C. H. Beck, München 2000.
478 Seiten, 19,40 EUR.
ISBN-10: 3406421598

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