...wie einer, der aus dem Monde gefallen ist

Über Johannes Bobrowksi: "Gesammelte Werke in sechs Bänden"

Von Otto W. Plocher

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es ist nicht unbezeichnend für die Schnelllebigkeit des modernen Verlagsgeschäfts, dass der Buchhandel die erst vor zwei Jahren abgeschlossene sechsbändige Gesamtausgabe der Werke Bobrowskis zumindest teilweise nicht mehr liefern kann. Indes versichern uns Eingeweihte, wer sich durch überlange Lagerzeiten belaste, müsse dies auf den Buchpreis exponentiell aufschlagen und sei am Profit des großen Umschlags nicht beteiligt. In Schnelligkeit und Flexibilität liege der Gewinn. Dass diese im gesamten gesellschaftlichen Leben sich ausdrückende Entwicklung dem 1917 in Tilsit geborenen Johannes Bobrowski in tiefster Seele grundfremd gewesen sein müsste, darf wohl angenommen werden. Durch seinen frühen Tod im Alter von nur 48 Jahren blieb ihm die Aufgabe erspart, die "Ganz neue[n] Xenien", an denen er in den letzten beiden Lebensjahren verstärkt gearbeitet hatte, ins Absurde fortzuschreiben. Diese freilich nicht allzu spitzen Messerbündel seiner Distichen hatte der für seinen Sanftmut bekannte Melancholiker gegen all jene geschleudert, die bei ihrer Teilnahme an einem Literatur "-betrieb" oder einer Literatur "-gruppe" (ad libitum) vielleicht vergessen hatten, dass die Kunst, wenn sie als Kompositum auftritt, nur verlieren kann. Es hat etwas von der Subtilität neuerer französischer Soziologen, wenn sich die wohltemperierten Angriffe Bobrowskis auch gegen vermeintliche Außenseiter des literarischen Milieus richten und zeigen, wie sehr deren Verweigerungsattitüde sich wiederum in negativer Abhängigkeit vom ach so perhorreszierten Marktplatz der Eitelkeiten befindet. Dass Bobrowksi mit seiner wenig plakativen, im Duktus oft geradezu antimodernen Schreibweise umso deutlicher zum echten Außenseiter avancierte, ist wohl das augenfälligste Paradoxon, an dessen Irisieren wir uns bei der Lektüre der Studienausgabe schadlos halten können. Dass die Literaturgeschichte nur exponierte Außenseiter dauerhaft wahrnimmt und deren Werk besonders hoch schätzt, zeigt sich immer wieder; die besondere wirkungsgeschichtliche Pikanterie, die im zunehmenden Vergessen von Bobrowskis Schriften liegt, müsste erst noch gewürdigt werden. Ist das langsame Schwinden dieses sperrigen Individuums, dieses verkörperten Anti-Dekonstruktivisten aus den Bücherregalen nicht wider Willen eine intrikate Bestätigung des Diktums von der Auflösung des Subjekts? Von der Differenz zwischen uns Postmodernen und dem ostpreußischen Atavisten legen auch die Kommentarbände Zeugnis ab, die über zehn Jahre nach der ersten Ausgabe der Werke bei Union bzw. der DVA im Jahre 1987 die Studienausgabe komplettieren. Was ist in der Zwischenzeit nicht alles geschehen? Und was ist alles nicht geschehen? "Um uns den Glauben an den Fortschritt zu bewahren, dürfen wir in unseren Einsichten ein gewisses Maß nicht überschreiten" ("Bemerkungen, Prosaarbeiten aus dem Nachlaß"). Bobrowski, dies zeigt eine Durchsicht des Werkes, hat sich diese Mäßigung nicht angetan.

Dem Kommentarband, der den beiden Gedichtbänden ("Gedichte und Gedichte aus dem Nachlaß") der Studienausgabe beigegeben ist, entnehmen wir manches Süffisante und Anspielungsreiche zu den "Doppelxenien" Bobrowskis, die unter dem fast naturlyrischen Titel "Literarisches Klima" eine abenteuerliche Editionsgeschichte hinter sich haben. Es ist nicht überflüssig, wie zahlreiche abendliche Rate-Shows im Deutschen Fernsehen belegen, den Benutzern der Ausgabe Arno Schmidt im Kommentar als "Erzähler, Funkessayist und Kritiker (1914-1979)" vorzustellen, der "aber auch eindrucksvolle Schilderungen der norddeutschen See- und Heidelandschaft" schrieb, oder Alfred Nobel als den "Erfinder des Dynamits" und Stifter des gleichnamigen Preises. Uns machen diese beherzten Versuche, den liebenswerten Autor einem allgemeinen Publikum zu erhalten, welches Sarmatien vor allem als jugoslawische Küstenregion schätzt, etwas mutlos, aber wahrscheinlich sind sie unvermeidlich und irgendwie wohl auch moralisch gut. Gelegentliche Wertungen und Interpretationsansätze reizen durch ihre charmante Suggestivkraft zu Einkehr und Widerspruch, und gerade diesen unorthodoxen Habit sähe man vielleicht an mancher Stelle noch gerne weiter ausgedehnt, ebenso wie die Einbeziehung des allerdings erst seit 1990 in Marbach archivierten Nachlasses und Briefwechsels. In einigen Teilen des Kommentars, nein eigentlich an der Anlage des Gesamten, ist wohl eben jener historischen Differenz Rechnung getragen, die zwischen dem Ende der Literatur der Nachkriegszeit zu jenem vielstimmigen Rumoren, in dem wir uns heute zurechtfinden müssen, liegt. Schon wieder eine "Chiffre des Vergangenen schlechthin", mit der Hans Christian Kosler ja das Werk Bobrowskis im KLG charakterisierte. Das macht die Apparatbände mit ihren lange herbeigesehnten Informationen zu Editionsgeschichte und Textvarianz freilich nicht weniger wertvoll; wirkungsgeschichtliche Fragen, die den Horizont der Neuausgabe doch wohl in hohem Grade bezeichnen könnten, spart das sehr persönliche Vorwort Eberhard Haufes zum ersten Band zwar aus, zwischen den Zeilen kann der aufmerksame Leser aber einiges erfahren, unter anderem über die starke Kohärenz zwischen Leben und Werk Bobrowskis, der immer mit "Authentizitätsanspruch" schrieb. Bei der Lektüre der unvergleichlich schönen Naturgedichte (in denen wohl die eigentliche Stärke Bobrowskis zu sehen ist), wenn das lyrische Ich durch die sarmatische Zeit streift oder den Wetterzeichen lauscht, verbieten sich moderne poetologische Fragen nach einem anarchischen Eigenleben der Texte oder diskursiver Vermittlungsformen jenseits der direkten Autor-Leser-Beziehung fast von selbst; eine Provokation, zu der von Seiten der Literaturwissenschaft wohl auch noch einiges zu sagen wäre.

Buchtechnisch im Vergleich zu anderen Neuerscheinungen der letzten Jahre eine nur mittelgroße Katastrophe: Schlichte Pappbände, zur schamhaften Kaschierung eingeschlagen in serifenlos bedruckte Schutzumschläge. Über die Bicolor-Porträtfotografien des Autors freuen wir uns. Eine halbsolide Klebebindung à la Lumbeck, auf dass des Schieflesens kein Ende sei. Auch an den buchtechnischen Details spürt man das wohl kaum lösbare Dilemma, in dem die an sich ambitionierte und schätzenswerte Edition eines unzeitgemäßen Autors wie Bobrowski heute steckt. Einzelbände der Ausgabe, soweit noch lieferbar, kosten zwischen 58 und 64 DM, es existiert aber eine sogenannte Studienausgabe in Broschur für etwas über 40 DM pro Band. Auch in Antiquariaten soll man der Hardcover-Ausgabe bereits habhaft werden können; ein Umstand, der Johannes Bobrowski wohl wiederum heiter gestimmt hätte: "... ich würd / umhergehn, ich würd / warten ein wenig."

Titelbild

Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke. Band I: Die Gedichte.
Herausgegeben von Eberhard Haufe und Volker Gehle.
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1998.
396 Seiten, 29,70 EUR.
ISBN-10: 3421063540

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Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke. Band II: Gedichte aus dem Nachlaß.
Herausgegeben von Eberhard Haufe und Volker Gehle.
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1998.
424 Seiten, 29,70 EUR.
ISBN-10: 3421063559

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Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke. Band III: Die Romane.
Herausgegeben von Eberhard Haufe und Volker Gehle.
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1998.
334 Seiten, 29,70 EUR.
ISBN-10: 3421063567

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Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke. Band IV: Die Erzählungen, vermischte Prosa und Selbstzeugnisse.
Herausgegeben von Eberhard Haufe und Volker Gehle.
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1998.
526 Seiten, 29,70 EUR.
ISBN-10: 3421063575

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Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke. Band V: Erläuterungen der Gedichte von Johannes Bobrowski.
Herausgegeben von Eberhard Haufe und Volker Gehle.
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1998.
412 Seiten, 32,70 EUR.
ISBN-10: 3421051666

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Titelbild

Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke. Band VI: Erläuterungen der Romane, der Erzählungen, vermischte Prosa und Selbstzeugnisse von Holger Gehle.
Herausgegeben von Eberhard Haufe und Volker Gehle.
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1998.
598 Seiten, 32,70 EUR.
ISBN-10: 3421051739

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