Ich stand am Tor, ihr solltet Schlüssel sein

Zwei bedeutende Faust-Kommentare im Vergleich

Von Gerhart Pickerodt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als vor fünf Jahren im Rahmen der Goethe-Ausgabe des Klassiker-Verlags Albrecht Schönes "Faust"-Edition erschien (die jetzt auch separat in einer erschwinglicheren Ausgabe vorliegt), war die kritische Öffentlichkeit des Fachs zumindest beeindruckt. Zwar war man nicht mit allen philologischen Entscheidungen einverstanden, insbesondere nicht mit der Eigenwilligkeit, in der Schöne die Zeichensetzung der frühen Drucke behandelte. Zwar gab es auch Einwände, die die Rekonstruktion des von Schöne so erkannten ursprünglichen Entwurfs der Walpurgisnachtszene betrafen, doch überbietet Schönes Kommentar - immerhin ein Werk von 1133 Seiten - die Arbeiten der Vorgänger in vielerlei Hinsicht beträchtlich. Dies betrifft sowohl die Auswertung primärer und sekundärer Zeugnisse als auch grundlegender Quellen historischer, kulturgeschichtlicher, theologischer, mythologischer, naturwissenschaftlicher, philosophischer, kunstgeschichtlicher und literarhistorischer Provenienz.

Schöne zieht zur Erläuterung auch die Resultate von Werkdeutungen heran - nicht immer ganz ohne Polemik, jedoch in vielen Punkten im Besitz guter Argumente. Der Kommentar bezieht philologische Elemente in die Texterläuterung ein, so daß bisweilen philologische Korrekturen auch Sinnkorrekturen produzieren. Auch konzeptions- und entstehungsgeschichtliche Befunde werden verarbeitet, nicht zu vergessen stilistische und verstechnische Momente. Daraus hat sich insgesamt ein sehr vielschichtiger, doch stets dem unmittelbaren oder mittelbaren Textverständnis dienender Kommentar ergeben, gegliedert in solche Kommentierungen, die die jeweilige Szene als ganze betreffen, und in Zeilenkommentare auf der anderen Seite, die zwar nicht durchgängig, aber immerhin häufig Bezüge zu anderen Textpassagen einschliessen. Insgesamt kann Schönes Kommentar - methodisch wie sachlich - nicht als völlig neuartig eingeschätzt werden, doch fördert er eine Fülle neuer Aspekte und Einsichten zu Goethes "Faust"-Text zutage, so daß man annehmen durfte, man habe nun für viele Jahre oder gar Jahrzehnte einen richtungsweisenden, in vielerlei Hinsicht verbindliche Kommentierung vor sich, die einen gültigen Standard für die "Faust"-Rezeption vermittelt.

Man mußte nicht unbedingt gefaßt darauf sein, daß Schönes Leistung bereits nach wenigen Jahren übertroffen werden würde. Im Goethe-Jahr 1999 hat nun Ulrich Gaier seine Edition sowie zwei Kommentarbände vorgelegt, die nach Umfang, Detailliertheit, Gründlichkeit und methodischer Innovationskraft zu faszinieren vermögen.

In der Textedition hat sich Gaier im wesentlichen an die Ausgabe letzter Hand und darüber hinaus an die Handschrift H gehalten, selbstverständlich unter Einschluß der notwendigen Korrekturen, die in einem erfreulich kurzen Überblick aufgelistet erscheinen. Der erste Kommentar-Band enthält den Akt-, Szenen- und Zeilenkommentar zum gesamten "Faust" einschließlich Urfaust, das Fragment von 1790 - merkwürdig, daß das Fragment im Texte-Band nicht enthalten ist - sowie den Paralipomena.

Zwei Prinzipien sind es hier vor allem, die den Kommentar von dem Schönes unterscheiden und die seine Besonderheit und methodische Aktualität ausmachen. Zum einen besteht Gaier auf der "multiple[n] Lesbarkeit der Stellen und Szenen, Figuren und Räume". "Multiple Lesbarkeit" bedeutet, daß ein mehrdimensionaler Sinn vorausgesetzt wird, der durchaus divergente Deutungen finden kann. Daher hält Gaier es für notwendig, dem Leser Alternativen zu offerieren, solche, die sich nicht auszuschließen brauchen, sich vielmehr überlagern und ein komplexes Sinngefüge ergeben. Hierin unterscheidet sich Gaier beträchtlich von Schöne, dem es im Zweifelsfall um die Entscheidung, um Eindeutigkeit zu tun ist. Zum anderen verfolgt Gaier das Prinzip der Intertextualität. Gefragt wird nicht primär nach Kausalverhältnissen, Einflüssen, die von fremden Texten auf Goethe und seine Textkonstitution ausgehen, sondern nach Beziehungen, intertextuellen Relationen, in denen die Spezifik des Besonderen von Goethes "Faust" gegenüber den anderen Texten im Mittelpunkt des Interesses steht. Gaier gelingt es in überzeugender Weise, die neopositivistische "Einfluß"-Philologie in ein System von Wechselverhältnissen zu überführen, in dem der frühere den späteren Text nicht determiniert, in dem vielmehr dem "Faust"-Text in seiner Beziehung zu anderen Texten seine Eigenheit zuerkannt wird.

Die Rede war bislang lediglich vom ersten Kommentarband. Dabei verdient der zweite, in dem es großräumiger um Zusammenhänge geht, möglicherweise noch mehr Bewunderung als der erste. Nach einem Kapitel zur Stoffgeschichte sowie einem weiteren zur Entstehung und zu den Konzeptionen der "Faust"-Dichtung läßt Gaier acht Kapitel folgen, in denen er unterschiedliche "Lesarten" des Werks vorführt, und zwar die religiöse, die naturphilosophische, die magische, die geschichtliche, die soziologische, die ökonomische, die anthropologische und zum Schluß die poetische.

Vielleicht ist der editionsphilologisch belastete Begriff "Lesart" nicht unbedingt der glücklichste im Hinblick auf das, was Gaier unternimmt. Er akzentuiert nämlich jeweils unterschiedliche Sinndimensionen des Werks, vermittelt nicht die eine, standpunktabhängige Interpretation, sondern erschließt das komplexe und in sich differente Geflecht jener Beziehungen, um sie am Ende in ihrer Vieldimensionalität als poetisches Konstrukt erfahrbar zu machen. Das abschließende Kapitel zur poetischen Lektüre ist daher nicht nur eines unter anderen, sondern zieht die Summe aus den vorangegangenen, indem es den spezifischen Kunstcharakter von Goethes "Faust" erkennbar macht.

Die Verfahrensweise Gaiers hat dabei nichts zu tun mit dem häufig gescholtenen Begriff eines Methodenpluralismus. Nicht unterschiedliche Methoden sind es, die die Vielheit der Bedeutungsdimensionen erschließen; vielmehr ist es die eine Methode, die sich als geeignet erweist, den "Faust" als ein kulturelles Weltgebäude erscheinen zu lassen. Dessen Architektur besteht nicht aus hierarchisch angeordneten Stockwerken, vielmehr in einem vielfach gegliederten, sich durchdringenden Komplex aus Formen und Gattungen, die stets "dialogisch" aufeinander bezogen sind. Nicht zufällig spricht Gaier von "Metatheorie", "Transzendentalpoesie" und "Poesie der Poesie". Das romantische Begriffssystem verweist auf die Modernität, ohne daß Gaier sich veranlaßt sehen müßte, jene Modernität lediglich auf das 19. Jahrhundert zu beziehen. Gaier sieht im "Faust" das "Projekt Neuzeit" zugleich poetisch versinnlicht wie reflektiert. Er scheint daher der erste Interpret zu sein, der dem Rang und der Bedeutung dieses Werkes wirklich gerecht zu werden vermag.

Gaier hat ein Werk vorgelegt, das sich als Summe eines wissenschaftlichen Lebens lesen läßt, das aber selbst so ambitioniert lebendig und "modern" erscheint wie sein Gegenstand. Gaiers "Faust"-Bücher bilden darüber hinaus eine Methodenlehre avancierter Literaturwissenschaft, ohne daß von Methode überhaupt je die Rede wäre.

In einem Punkt ist Gaier hinter Schöne allerdings zurückgeblieben, dem der theologischen Akribie. Zu Vers 2441 schreibt er, Gott habe in sechs Tagen die Welt geschaffen, um am siebten Tag zu sehen, daß es gut war. Schöne weiß es besser, Gott hat bereits am sechsten Tag zurückgeblickt, um am siebten ganz zu ruhen. Dafür weiß Gaier, daß Goethe Gott und Teufel in die Faust-Figur hineingenommen hat, die am Ende, blind geworden, nicht auf ihre Taten zurückschauen kann.

Titelbild

Ulrich Gaier: Faust-Dichtungen. 3 Bände.
Reclam Verlag, Stuttgart 1999.
650, 1200, 850, 60,30 EUR.
ISBN-10: 3150300193

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Hg. von Albrecht Schöne. 2 Bände. Sonderausgabe.
Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt a. M. 1999.
50,10 EUR.
ISBN-10: 3618642709

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch