Haltloser Weltanschauungs-Brei

Jochen Schmidts Studienbuch zum "Faust"

Von Gerhart Pickerodt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In der Reihe der Beckschen "Arbeitsbücher zur Literaturgeschichte" hat Jochen Schmidt eine neue Faust-Darstellung vorgelegt. Es handelt sich nach der Ankündigung des Vorworts um ein "Studienbuch". Dem entspricht die Gesamtanlage des Werkes, insofern es von den Faust-Büchern vor Goethe ausgeht, sodann in zwei großen Kapiteln die beiden Teile der Goetheschen Tragödie behandelt, um abschließend den Faust nach Goethe in den Blick zu nehmen. In einem Anhang werden tabellarisch Faust-Dichtungen, -Parodien, -Vertonungen etc. aufgelistet. Besondere Beachtung verdienen die kommentierte Bibliographie, die den Ansprüchen eines Studienbuches hilfreich entgegenkommt, sowie die Begriffs- und Namensregister.

Das Buch Schmidts verzichtet auf Anmerkungen und Fußnoten, nimmt Verweise auf Quellen und Forschungsliteratur vielmehr sparsam in den fortlaufenden Text auf. Darunter leidet allerdings nicht selten die Genauigkeit der Quellen- und Literaturangaben. Wenn beispielsweise die Zeitung "Le Globe" zitiert wird, fehlt eine Quellenangabe; es heißt vielmehr nur pauschal "hierzu Schuchardt 1935", und der Leser wird vermuten, daß sich das "Globe"-Zitat bei Schuchardt findet. Goethes Briefe werden grundsätzlich nur mit dem Datum belegt, und es kommt vor, daß der Leser nicht einmal erfährt, daß es sich um einen Brief handelt, etwa bei Formulierungen wie "gab Goethe dem Philologen Iken den Wink".

Gerade ein Studienbuch sollte von höchster Transparenz und methodisch so eingerichtet sein, daß Studierende die Quellen und Verweise problemlos identifizieren und nachschlagen können. Nicht nur muß jeder Schritt des Interpreten logisch nachvollziehbar sein, sondern eben auch nachprüfbar im Hinblick auf die Quellen.

Daß Schmidts Faust-Darstellung auf einem subjektiven Grund errichtet ist, sollte man ihr nicht vorwerfen. Der Mut, eine eigene Deutung vorzulegen, an der der kritisch prüfende Leser sich orientieren und abarbeiten kann, um sie möglicherweise auch zu verwerfen, ist allemal zu begrüßen. Nichts ist ja öder als eine bloße Sammlung von Meinungen, die nicht in den eigenen Darstellungszusammenhang des Interpreten eingehen würden. Zu fordern ist allerdings begriffliche Präzision, die auf genauer Lektüre gründet. Und hier muß festgestellt werden, daß Schmidts Text in entscheidenden Passagen in Ungenauigkeit verschwimmt. "Ungenauigkeit", um Mißverständnissen vorzubeugen, heißt nicht etwa das präzise Festhalten von Mehrdeutigkeit im Text Goethes, heißt vielmehr begriffliche Unklarheit oder gar Widersprüchlichkeit im eigenen Text.

Dafür nur zwei Beispiele: zunächst das Ende von "Faust I". Durch die "Stimme von oben" habe Goethe "das Motiv des Rettens zu einem abschließenden Höhepunkt" geführt. "Er hätte bloß einen deus ex machina bemüht und eine fragwürdige Jenseitsperspektive eröffnet, wenn er damit nicht auch einen symbolischen Ausdruck für die tiefere Gerechtigkeit geschaffen hätte, die Gretchens Schicksal verdient, und für ihre in der Schlußszene selbst schon vollzogene innere Rettung." Worin aber besteht die "tiefere Gerechigkeit" und von wem geht sie aus, was widerfährt Margarete im Hinblick auf diese, und was ist ihre "innere Rettung", die ja nicht die metaphysische sein soll? Was überhaupt soll denn "innere Rettung" sein? Nicht die des Lebens und nicht die religiös-jenseitige - was bleibt also? Möglicherweise die Rettung der Erinnerung an sie oder die der moralischen Person im Sinne Schillers? Schmidt verweigert eine Festlegung, und so bleiben nicht nur die Begriffe "tiefere Gerechtigkeit" und "innere Rettung" im Vagen, sondern die Deutung des Schlusses von "Faust I" sinkt ins Bodenlose, Ungreifbare, dorthin, wo möglicherweise die "tiefere Gerechtigkeit" ihren Platz hat.

Gewichtiger ist noch ein anderes Beispiel, das Ende von "Faust II". Zunächst wird von einem "auf Sinnerfüllung hin geordnete(n) Jenseits-Kosmos des "Faust"-Schlusses" gesprochen, der sich ergebe aus dem "Zerbrechen des irdischen Kosmos und der damit verbundenen Welterfahrung." Im Schlußsatz des Kapitels ist dann allerdings keine Rede mehr von "Sinnerfüllung" des "Jenseits-Kosmos", vielmehr schlage dieses Jenseits "als Sphäre des irreal Gewordenen schon" um "ins Nichts". So eng also liegen "Sinnerfüllung" und Nihilismus "schon" beieinander. Dies allerdings sind unabgeleitete und nicht begründete Interpretenschlüsse, die es allen zugleich recht machen wollen, den religiösen Sinnsuchern wie den aufgeklärten Skeptizisten als auch den Nihilisten im Gefolge Nietzsches. Möglich werden solche Volten aufgrund begrifflicher Unschärfe und (pseudo-)dialektischer "Umschläge".

Besonders verräterisch ist in diesem Zusammenhang die Leerstelle des Füllwortes "schon". Ob mit ihm eine zeitliche, eine logische oder gar keine Beziehung unterstrichen werden soll, läßt Schmidt im Dunkeln. Damit ist aber keinem Studierenden gedient, der sich eine eigene Auffassung des Textes erarbeiten will. Er findet, so sehr er suchen mag, nichts Greifbares.

Schmidts begrifflichen Unschärfen entspricht der inflationäre Gebrauch des Wortes "tragisch", gesteigert zur "tragischen Dialektik". Faust, so heißt es in überaus pathetischer Weise und im Sinne eines klassischen Konservatismus, habe "mehr den Wunsch nach dem Natürlich-Echten und Aufbauenden", im Gegensatz zu Mephistos Destruktivität. Daraus muß die "Zerstörung der naturgewachsenen Ordnung durch den zivilisatorischen Fortschritt" entstehen: Faust wehre sich zwar "gegen die mephistophelisch-magischen Praktiken einer instrumentellen Vernunft", unterliege aber einer eigenen "Naturentfremdung". Wieder zeigt sich, daß Schmidt allen gefallen möchte: den grünen Fundamentalisten, den erzkonservativen Anhängern einer 'echten' Naturordnung - was immer das sein mag - und schließlich den Adepten der Kritischen Theorie, die mit der zum Jargon heruntergekommenen Kritik an der "instrumentellen Vernunft" befriedigt werden sollen.

Hier geht es also nicht lediglich um begriffliche Unschärfe, sondern um einen Synkretismus heterogener Maßstäbe und Wertungen, der Schmidts Darstellung in den entscheidenden Momenten zu einem Weltanschauungs-Brei verkommen läßt. Auf solche Weise wird Schmidts Buch für Studierende, die Orientierung suchen, gefährlich: gefährlich nicht deswegen, weil sie darin nichts finden würden, sondern umgekehrt, weil sie unterschiedslos alles finden und dennoch am Ende sagen müssen: "O Gott! Beschwichtige die Gedanken / Erleuchte mein bedürftig Herz."

Titelbild

Jochen Schmidt: Goethes Faust 1. und 2. Teil. Grundlagen - Werk - Wirkung.
Verlag C. H. Beck, München 1999.
400 Seiten, 20,30 EUR.
ISBN-10: 3406448941

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