Amerika - London - Paris - Berlin

"Die Vielen und der Eine" - Eine Kartographie der Moderne?

Von Michael GriskoRSS-Newsfeed neuer Artikel von Michael Grisko

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als Schlagwort geisterte der "Amerikanismus" durch die Feuilletons, die Romane und Reportagen der Weimarer Republik. Während die einen jubelten und die neuen kulturellen Errungenschaften begrüßten, als Demokratisierung der Kultur feierten und rauschhaft auslebten, beschworen andere den Untergang abendländischer Kulturtraditionen und -techniken. Denn Hollywood, Harlem, Jazz, Charleston, Ford und die Freiheitsstatue standen nicht nur für eine neue Qualität des Entertainments, die Teilhabe an den Segnungen der Massenkultur und die Idee des individuellen Wohlstands, sondern auch für wirtschaftliche Rationalisierung, den schwarzen Freitag, Arbeitslosigkeit und den vermeintlichen Verlust und die Nivellierung einer nationalen Buchkultur durch die neuen Medien Kino und Radio. Konzentriert sind diese dämonisierten und frenetisch gefeierten Symbole der amerikanischen Moderne in dem mythisch aufgeladenen Bild der damaligen Metropolen, in dem sich sowohl dessen performativer Charakter als auch dessen diskursive Strukturen wiederfinden.

Auch Ruth Landshoff-Yorck (geboren 1904), die Nichte des Großverlegers Samuel Fischer, ist, ebenso wie ihr unlängst neu aufgelegter Roman "Die Vielen und der Eine" (1930), in vielfältigster Art und Weise an der Konstruktion dieses Bildes beteiligt. Dies wird spätestens im Nachwort des Herausgebers Walter Fähnders deutlich, der die fast vergessenen Stationen ihres Lebens rekapituliert. Fähnders entwirft eine nahezu idealtypisch-intellektuelle, personale und örtliche Kartographie einer Bohème-Biographie in den 20er Jahren. Ruth Landshoff ist, um es schlagwortartig zu fassen, wahrgenommener und eigenständiger Teil des "Who is Who" dieser ästhetischen Avantgarde.

Ihr 1930 erstmals publizierter Roman ist keine Reisereportage im Stil der Neuen Sachlichkeit, aber auch gegen den Gestus des Berichts verschließt sich der Roman einer Reise durch die Metropolen der Moderne New York, Paris, London und Berlin. Zwar ist der Roman auch eine Liebesgeschichte, aber letztlich sperrt er sich gegen jede gattungsorientierte Charakterisierung. Er spiegelt viel eher auf faszinierende Weise die Biographie seiner Autorin und präsentiert sich als Amalgam aus ästhetischer Avantgarde und leidenschaftlich-leichter Unterhaltung, das in der durchgängig präsenten Existenzialität der Dinge und Ereignisse seinen eigenständigen Stil findet.

Wir folgen der jungen, gut aussehenden und intelligenten Reporterin Louis Lou durch die amerikanische und europäische High Society der 20er Jahre. Landsitze, Hotels, Nachtclubs und Überseedampfer, aber auch heruntergekommene Hinterzimmer werden zu ebenso realen wie imaginären Handlungstopographien. Die Protagonisten sind durchzogen von einer melancholischen Sehnsucht, und ihr Handeln ist bestimmt von der nervösen Suche nach Liebe und Geborgenheit. Ihre Höhen und Tiefen des Rausches gehen über in die Ekstase und Leere wechselnder und hektisch vollzogener Liebesabenteuer. Überhaupt kommt der Roman fast gänzlich ohne die Ende der 20er Jahre abgearbeiteten und entleerten Orte und Chiffren Amerikas und der Metropolen Europas (London und Paris) aus. Gleichwohl spielt Landshoff-Yorck durchaus mit den Versatzstücken und den Topoi der Avantgarde. So ist der androgyne Klang des Namens ihrer Protagonistin (Louis Lou), mit dem das thematisierte Vexierspiel der Geschlechter seine Materialität findet, wohl ebenso wenig Zufall wie der von ihr ausgeübte Beruf der Reporterin, der in der Neuen Sachlichkeit für den avantgardistischen Literaten par excellence stand. Auf der Ebene der Erzähltechnik finden sich jedoch eher vereinzelte Hinweise denn eine stringente Applikation ästhetisch-avantgardistischer Verfahrensweisen. So deutet z. B. der erste Satz des Romans "Man könnte so beginnen" auf mögliche reflexive Elemente hin, die jedoch im Fortgang nicht durchgängig praktiziert werden. Hier weisen am ehesten noch die gelegentlich vorkommenden starken Sprünge in Raum, Zeit und Handlung, die die somit 'vermeintlich' eingängige und leichte Erzählung durchbrechen, auf Reminiszenzen an eine auch erzählerisch-vielschichtige Perspektivierung hin.

Den Weg säumen gepflegte Spleens, aus denen Typen und Persönlichkeiten werden, und das bisweilen unterhaltsame Künstlerpersonal der Halbwelt. Diese zeichnen sich vor allem durch eine schillernde und nicht begrenzbare Vielfalt unterschiedlicher Stile und Lebensmöglichkeiten aus. Eine Gemeinsamkeit aller findet sich in der Notwendigkeit, eine Entscheidung zu treffen und aus den frei flottierenden und ständig neu generierten Angeboten eine der Zeit und der eigenen Person angemessene biographische Wahl zu treffen. Louis Lou findet ihre Liebe schließlich bei Percy, dem untätigen Millionärssohn. Das sentimental anmutende Schlussbild mit Hund und die Erfüllung der sich latent durch das Buch ziehenden Sehnsucht stehen im scharfen Kontrast zu dem reflexiven Beginn, weisen aber einmal mehr auf die stilistische Mischtechnik des Romans hin. Gleichzeitig verdeutlicht sich in der unruhig und ungebärdig vorgetragenen Sehnsucht nach der Erfüllung romantischer Ideale, in denen auch immer ein metaphysisch anmutender Wunsch nach 'Erlösung' im Diesseits mitschwingt, ein sentimentaler Subdiskurs, der vielfach in der neusachlichen Avantgardeliteratur zu bemerken ist. Ruth Landshoff-Yorcks Roman ist eine vielschichtige und provokante Entdeckung, die sich jedem kategorisierenden Zugriff verwehrt und gerade deshalb verdient, gelesen zu werden.

Titelbild

Ruth Landshoff-Yorck: Die Vielen und der Eine. Roman.
Herausgegeben von Walter Fähnders.
AvivA Verlag, Berlin 2001.
192 Seiten, 16,40 EUR.
ISBN-10: 3932338146

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