Ein Mann der Schrift

Umberto Ecos Roman "Baudolino" spielt gekonnt mit Geschichte

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Schon einmal beschäftigte sich Umberto Eco mit dem Mittelalter, in seinem Erstlingswerk "Der Name der Rose". Nun kehrt er mit "Baudolino" in diese Zeit zurück.

Der Titelheld, der Bauernsohn Baudolino, trifft im Alter von zwölf Jahren eines Nachts zufällig im Nebel einen ominösen alemannischen Reiter, den er zum Haus seiner Eltern mitnimmt. Der Ritter ist niemand Geringeres als der deutsche Kaiser Friedrich Barbarossa, der sich, auf einem Feldzug gegen die norditalienischen Städte, verirrt hat. Er findet Gefallen an dem sprachbegabten Jungen und nimmt ihn mit an seinen Hof, an dem Baudolino bei Otto von Freising in die Lehre geht und später sogar die Pariser Universität besucht. "Willst du ein Mann der Schrift werden, so mußt du auch lügen und Geschichten erfinden können, sonst wird deine Historia langweilig", so Ottos Rat an den Jungen. Und dieser Satz wird zu einer Art Lebensmotto von Baudolino, der begnadete Lügner hat als Berater und Adoptivsohn des Kaisers in der Folge überall seine Finger im Spiel.

Der Schachzug Friedrichs, seinen Vorfahren Karl den Großen heilig sprechen zu lassen, das Geschäft um die Reliquien der drei Weisen aus dem Morgenland, der geheimnisvolle Brief des sagenhaften Priesterkönig Johannes an den deutschen Kaiser, Barbarossas Tod durch Ertrinken, allesamt Ideen oder Fälschungen von Baudolino und seinen Gefährten.

Eco verknüpft - wie schon in "Der Name der Rose" - virtuos reale historische Personen und Ereignisse mit phantastischen und unglaublichen Geschichten. Grundlegende Konflikte der Zeit, etwa die Auseinandersetzungen zwischen Barbarossa und dem Papst oder die Haltung der norditalienischen Städte zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, werden leichthändig in die Erzählungen Baudolinos eingeflochten. Auch Ecos Heimatstadt Alessandria findet seinen Platz in der Geschichte. Als Provokation gegen den Kaiser gegründet und nach dem Papst benannt, wird sie durch den Bauern Gagliaudo gerettet, indem er seine mit dem letzten Korn gemästete Kuh vor die Mauern der Stadt führt und somit den Abbruch der Belagerung erreicht. Die historische Figur des Gagliaudo ist hier natürlich der Vater von Baudolino, auf dessen Idee diese List zurückgeht. Auf die ungeklärten Rätsel des Mittelalters gibt es eine einfache Antwort: es war Baudolino.

Zuweilen hat man den Eindruck, Eco ergehe sich darin, sein immenses Wissen in einer Fülle von Details präsentieren zu wollen, beinahe enzyklopädisch muten viele Passagen des Buches an. Doch wird dies nie langweilig, gerade in den Kapiteln, die in der Terra incognita, in der Nähe des Reiches von Johannes spielen, kommt die ganze Kunst Ecos zum Vorschein. Mythen aus der jüdischen und christlichen Überlieferung, sagenhafte Gestalten, Einfüßler, Menschen mit elefantengroßen Ohren, Satyren und Eunuchen bevölkern diese Welt und transportieren ein Gemenge von Wissen und Erzählkunst. So gibt Hypatia, ein Wesen, halb Frau, halb Ziege, Baudolino und dem Leser eine Einführung in die Philosophie Platons und die verschiedensten Sagengestalten philosophieren über die Erkenntnis. Das Phantastische als Quelle des Wissens und der Gelehrsamkeit, auch wenn es sich nur um eine Erfindung Baudolinos handeln sollte, so wird man aber unweigerlich in dessen Bann gezogen.

Ein sehr gutes Buch ist Umberto Eco, der im Januar seinen siebzigsten Geburtstag feierte, gelungen, voller Witz, grandioser Lügen und einem immer vorhandenen leichten Zug von Ironie. Einmal mehr dringt man gerne in das Universum der Verbindung von Geschichte und Geschichten ein.

Titelbild

Umberto Eco: Baudolino. Roman.
Übersetzt aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber.
Carl Hanser Verlag, München 2001.
560 Seiten, 25,50 EUR.
ISBN-10: 3446200487

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