Kuriositätensammlung

"Mein verrücktes Italien" präsentiert einen Querschnitt aus Umberto Ecos feuilletonistischem Werk

Von Christina UjmaRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christina Ujma

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Umberto Eco, eigentlich Professor für Semiotik an der Universität Bologna, ist ein vielseitiger Mann. Einem breiten europäischen Publikum ist er nicht nur als Verfasser von ebenso gelehrten wie unterhaltsamen historischen Romanen bekannt, sondern auch als witzig-ironischer Kommentator der italienischen Politik und des Alltagslebens. Im Magazin "L'Espresso", einer Art italienischem "Spiegel", kann man nahezu wöchentlich seine Kolumnen lesen, die manchmal auch - mit etwas zeitlicher Verzögerung - ihren Weg in die wichtigsten ausländischen Zeitungen finden. Schließlich gibt es europaweit ein großes Interesse an italienischen Themen, denn das Land gilt nicht nur als Hort des guten Geschmacks in Mode, Design und Küche, sondern als auch als der Ort, an dem Politik und Gesellschaft höchst mysteriösen und dramatischen Regeln folgen.

"Mein verrücktes Italien" versammelt einen Querschnitt aus Ecos feuilletonistischem Schaffen der letzten vierzig Jahre. Der ansprechend aufgemachte Band bietet Essays, Polemiken und Parodien zu den verschiedensten Themenfeldern, die nur eines gemeinsam haben: sie sind brillant geschrieben und ausgesprochen pointenreich. Mehrheitlich sind die hier vorgelegten Essays zwar bereits in den Sammelbänden "Platon im Striptease-Lokal" und "Wie man mit einem Lachs verreist" erschienen, aber die Essays zur italienischen Politik der neunziger Jahre werden hier erstmalig in deutscher Sprache vorgelegt.

Gleich im ersten Essay "Welche Schande, wir haben keine Feinde!" von 1997 erfährt der Leser, dass der italienische Sonderweg in Europa auch seine Vorteile hat, denn dem Land mangelt es dadurch an äußeren Gegnern bzw. seine Einwohner sind gar nicht in der Lage, sich darauf zu einigen, wer denn nun der Feind sein könnte. Dafür toben die Kriege im Inneren, wo jede Differenz, sei es in der Politik, der Religion oder der Region, als Anlass für eine handfeste Fehde herhalten muss. Die rabiate Stimmung des politischen Lebens wird in dem Essay "Italien ist wie ein Mississippi-Dampfer: Beim Pokern gewinnt, wer schneller zieht" näher erläutert. Selbst triviale Kontroversen nehmen in Italien schnell das Ausmaß eines veritablen Glaubenskrieges an, was der politischen Kultur des Landes nicht gerade zuträglich sei. In einer anderen Polemik beklagt Eco: "Fred Astaire und Ginger Rogers haben die italienische Politik erfunden" und wohl nicht nur die, denn wie er in diesem Artikel erläutert, geht es in der italienischen Politik immer weniger um Inhalte, als vielmehr um die Inszenierung und den Unterhaltungswert des politischen Dramas.

Von diesem Einfluss bleibt auch die kritischen Intelligenz nicht verschont. In dem bereits 1967 entstandenen Essay "Die Modi der kulturellen Moden" beschreibt er, dass italienische Intellektuelle in ihrem Versuch modern zu erscheinen, Trends und Strömungen hinterherlaufen, die zunächst hochgejubelt werden, um dann nach wenigen Jahren als hoffnungslos überholt und altmodisch demontiert zu werden. In einem der witzigsten Essays der Sammlung "Italien 2000" (1991) nimmt Eco den inzwischen bereits etwas veralteten norditalienischen Separatismus der Lega Nord von Umberto Bossi ins Visier und entwirft das Bild eines freiwillig geteilten und entstaatlichten Italiens, in dem es noch um einiges chaotischer und korrupter zugeht als im ungeliebten Einheitstaat.

Die Aufsätze zum Fernsehen, die in "Mein verrücktes Italien" vertreten sind, wirken dagegen etwas altbacken, die "Phänomenologie des Quizmasters" (1961) genau wie "Das Schöne daran, es ist live" (1987). Eher parodistisch, aber immer noch unterhaltsam lesen sich die Artikel "Multiples Drehbuch für Luchino Visconti" und "Multiples Drehbuch für Antonioni" (1972). Auf Parodien versteht sich Eco hervorragend, in "Nonita" (1959) nimmt er Nabokov aufs Korn, in "Alighieri, Dante: ,Die göttliche Komödie', Ein Lektoratsgutachten" (1972) die professionellen Literaturrichter. An Brillanz und subtilem Witz kaum zu übertreffen sind die 1972 entstandenen Parodien "Das ,wilde Denken', Feldforschungsbericht über die Mailänder Eingeborenen" sowie "Kirche und Industrie, Versuch einer historisch-sozio-ökonomischen Interpretation Italiens", in denen Eco die Mailänder Stadtkultur, damals Inbegriff der italienischen Moderne, im Duktus der anthropologischen Stammesforschung als eine primitive Eingeborenenkultur analysiert und dabei gleichzeitig die Mailänder Moderne und die Kulturanthropologie ironisiert.

Weniger subtil, aber durchaus komisch sind Ecos Artikel über die Absurditäten des italienischen Alltagslebens. "Wie man einen verlorenen Führerschein ersetzt" (1982) und "Wie man ein Inventar erstellt" (1986) mokieren sich über die italienische Bürokratie und sprechen jedem, der deren kafkaeske Schwerfälligkeit und Undurchsichtigkeit selbst erlebt hat, aus dem Herzen. "Hiermit erkläre ich, in welchem Sinne ich meine, daß Fußball eine sexuelle Perversion ist" schrieb Eco 1994 und provozierte damit all die vielen Italiener, die sich die ganze Woche lang über Spiele streiten, die sie selber nicht gesehen haben und damit so viel Zeit vertrödeln, dass sie gar nicht dazu kommen, sonntags mit den Kindern mal kicken zu gehen. Die große Liebe seiner italienischen Mitbürger zum Auto und damit zum Stau persifliert Eco in "Mailand-Bolgna, ein Irrer fährt auf der Autobahn" (1990). Hier wie in dem Aufsatz "Wie man das Mobiltelefon nicht benutzt" stellt Eco fest, dass bestimmte vormals den Privilegierten vorbehaltene Aktivitäten durch Demokratisierung weitgehend ihren Sinn verloren haben. Das Mobiltelefon sei heute jedenfalls eher das Instrument des Parvenues, der mit seiner vermeintlichen Wichtigkeit die Umwelt terrorisiert, als ein Zeichen sozialer Exklusivität.

Abgesehen vom Unterhaltungswert dieser Artikel, der bestehen bleibt, obwohl ihre Aktualität teilweise geschwunden ist, machen sie deutlich, dass die italienische Alltagskultur in vielen Bereichen Vorreiter in Europa war. Denn ein exzessives Interesse am Fußball, massenweise akustische Umweltverschmutzung durch Mobiltelefone und übertriebene Autobenutzung, die zum Dauerstau auf diversen Verkehrswegen führt, sind mittlerweile in Deutschland wie auch im Rest von Westeuropa keine Seltenheit. Insofern mutet der Titel der Sammlung "Mein verrücktes Italien" ein bisschen seltsam an, spielt er doch auf das populäre Klischee des kindlichen und nicht sonderlich vernünftigen Italieners an.

Titelbild

Umberto Eco: Mein verrücktes Italien.
Übersetzt aus dem Italienischen von Burkhardt Kroeber.
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2000.
128 Seiten, 8,10 EUR.
ISBN-10: 3803123704

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