Ein Davonmüssen von sich selbst

Ein Nachruf auf den österreichischen Schriftsteller Franz Innerhofer

Von Johannes Birgfeld

"Er überlegte, ob es nicht sinnvoller wäre, einfach zu gehen, einfach durch die Nacht zu gehen, irgendwo würde er umfallen, sagte sich aber wieder, das sind ja nur Menschen, warum soll ich mich wegen ihnen umbringen?" Franz Holl, der diese Zeilen denkt, ist ein Junge von dreizehn oder vierzehn Jahren, irgendwann gegen Ende der fünfziger Jahre. Er lebt in einer Touristenidylle, im österreichischen Oberpinzgau, am Fuße der Hohen Tauern, schön aber ist sein Leben ganz und gar nicht. Er ist das uneheliche Kind eines Almbauern und einer Landarbeiterin, und das nimmt der Vater, bei dem er lebt, zum Anlass, ihn nach allen Regeln der Kunst zu erniedrigen, zu misshandeln und schließlich als kostenfreie Arbeitskraft auszubeuten.

Seit seinem sechsten Lebensjahr verbringt Holl jede freie Minute und oft auch jene Stunden, in denen er in der Schule etwas lernen sollte, mit unfreiwilliger Landarbeit: Pferde müssen geführt, Kühe gemolken, Herden über die saftigen Almwiesen getrieben, Holz aus Wäldern gezogen oder Heu gemäht, gewendet und eingeholt werden. Der Bauer ist in seinen Forderungen rücksichtslos. Wie die anderen Knechte und Mägde wird das Kind systematisch geprügelt, beschimpft und seelisch gebrochen. Es ist die Hölle, in der Holl bis zu seinem sechzehnten Lebensjahr lebt, von niemandem geliebt, ohne Freunde, ein Bettnässer, ein Prügelknabe, der alles falsch macht, ein Hoffnungsloser in einem Bauern-KZ.

Als mit dem Beginn der sechziger Jahre auch in den hintersten Almwinkeln Österreichs das Industriezeitalter beginnt, hat Holl Glück. Er ist alt genug, die neuen Traktoren zu fahren, und weil ihre Steuerung ihm leicht fällt, wird der Bauer von ihm abhängig. Holl gelingt es, sich zu emanzipieren, und es beginnt ein abenteuerlicher Aufstieg: Schnell verlässt er den Hof und lässt sich zum Schmied ausbilden. Bald wird ihm das jedoch zu eintönig und er erwirbt das Abitur an einer Abendschule, während er tagsüber in Werkstätten arbeitet. Es folgt ein Studium und schließlich gar ergreift Holl die Feder und wird Schriftsteller. Doch da heißt er schon nicht mehr Holl, sondern Lambrecht, und eigentlich Franz Innerhofer.

Es war vor allem die Geschichte seines eigenen Lebens, die Franz Innerhofer mehr oder weniger offen, aber immer erkennbar und wenig verstellt in seinen Romanen und längeren Erzählungen niedergeschrieben hat. Als 1974 mit "Schöne Tage" sein literarisches Debüt erschien, in dem er von den Elendsjahren auf dem Bauernhof erzählte, da war ihm eine politische und eine literarische Sensation gelungen. Natürlich war seine Schilderung der Abgründe bäurischen Lebens im Herzen des gerade wachsenden Alpentourismus im Lande nicht gerne gesehen. Die harte, direkte, schnörkellose, ebenso wütende wie verzweifelte Sprache jedoch, in der Innerhofer ganz unmittelbar vor allem die seelischen Grausamkeiten und Qualen des Bauern seinem Sohn wie all den anderen ohnmächtigen, erniedrigten Dienstboten gegenüber schildert, machten Innerhofer zu einem gefeierten Star der österreichischen Nachkriegsliteratur. Gefeiert wurde er als "episches Naturtalent". Als Mitbegründer der "Neuen Subjektivität" wie der so genannten "Anti-Heimatliteratur" gilt er neben Handke und Jelinek bis heute als "Elendsrealist".

1975 und 1977 folgen mit "Schattseite" und "Die großen Wörter" die Fortsetzungen der Autobiografie. Innerhofers Alter Ego Holl macht nun eine Schmiedelehre und besucht Abendschule und Universität. Die Verhältnisse, in denen er sich bewegt, werden humaner, der Impetus der Bücher aber bleibt anklagend, widerständig. Es sind jetzt Missstände in Lehrwerkstätten, Fabriken und Schulen, der Kommandoton in einer Berufsschule, Menschen im verzweifelten und meist scheiternden Bemühen um Bildung, Identität und Zukunft, die im Mittelpunkt des Interesses stehen.

In der Kritik wurden beide Werke noch breit besprochen, zu einem klaren Lob aber konnte man sich gerade mit Blick auf "Die großen Wörter" nicht mehr durchringen. Zu sehr fehlte besonders dem letzten Text, was auch seinem Held trotz Studium und Emanzipation nicht zugefallen war: eine ihn zusammenhaltende Identität. Immer stärker zerfaserten die Texte zu Patchworks unzähliger Kleinhandlungen und kurzer Personenporträts ohne verbindendes Thema.

Die Suche nach Identität blieb auch in den folgenden Jahren Innerhofers literarisches Lebensthema. So erzählt "Der Emporkömmling" (1983) vom Studenten und Schriftsteller Lambrecht, der, ein biografischer Zwilling Holls, vor seinem Leben als Intellektueller in eine Werkstatt flieht, in der er durch körperliche Arbeit zu sich selber gelangen will. In "Orvieto" (1990), neben "Scheibtruhe" (1996) sein einziges Drama, inszeniert Innerhofer, inzwischen bereits selber häufig in Italien lebend, Alltagsszenen aus dem Leben in einem italienischen Dorf und will seinem Leser offenbar die italienische Lebensart als neue Heimat, als alternatives Lebensmodell empfehlen. Italien ist schließlich auch das emotionale Fluchtzentrum des Helden in Innerhofers letztem Roman "Um die Wette leben" von 1993. Literarisch und sprachlich wenig überzeugend ist der Text vor allem eine Abrechnung Innerhofers mit dem deutsch-österreichischen Literaturbetrieb, von dem er sich als Autor, der über Arbeiter schreiben will, ausgegrenzt fühlt. Der Roman ist ebenso ein flammendes Plädoyer für eine idyllisiert wahrgenommene italienische Lebensweise.

Darf man Franz Innerhofers literarischem Werk glauben, so war diesem Autor der Selbstmord immer ein guter Vertrauter: "Viele standen es durch, bis sie ihre Situation erkannten, dann brachten sie sich um", heißt es in "Schöne Tage" von jenen Knechten und Mägden, die gemeinsam mit Innerhofer / Holl unter den Verhältnisse litten. Und auch Innerhofer selbst hat wiederholt den Freitod als Rettung erwogen. Der Entschluss zu einem Selbstmord war es gar, der ihn einst zur Literatur brachte: Vor seinem Tode wollte er noch einmal über das eigene Leben Rechenschaft ablegen.

Es gehört vielleicht zu Innerhofers größten Leistungen, als Kind dem in "Schöne Tage" so eindringlich beschriebenen Verlangen nach der Selbsttötung nicht nachgegeben zu haben. Seine individuelle Emanzipation hat der deutschen Literatur mit "Schöne Tage" einen großen, kraftvollen, noch immer erschütternden und in seiner Art einmaligen Roman beschert. Dass diese Emanzipation und Befreiung andererseits nicht dazu geführt hat, den Menschen Innerhofer nachhaltig mit sich und der Welt auszusöhnen, war den meisten seiner Werke nach "Schöne Tage" anzumerken. Alkoholprobleme und eine wachsende Armut sollen in den letzten Jahren seine Krise noch verstärkt haben. Nun, im Alter von 57 Jahren hat er seinen Widerstand, sein Ringen beendet. Am Dienstag den 22. Januar 2002 wurde er in seiner Grazer Wohnung tot aufgefunden, in der er sich offensichtlich bereits einige Tage zuvor das Leben genommen hatte.






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