Vom Sockel gerissen, auf den Thron geführt

Robert Gernhardt liest "In Zungen reden"

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Vom alten Testament bis hin zu Ernst Jandls Klassiker "Ottos Mops" reicht die Bandbreite, die Robert Gernhardt in den Zungen verschiedenster Dichter anbietet. Nachdichtungen, Weiterdichtungen und Parodien sind versammelt, der Autor arbeitet die typischen Merkmale des Vorbilds heraus und schöpft daraus eigene Texte, die virtuos mit der sprachlichen Vielfalt spielt - frischer Wind weht durch manche verstaubte Form.

Boccaccios "Decamerone" und Dantes "Göttliche Komödie" werden zeitgemäß aufbereitet, an "Zwielicht" von Joseph von Eichendorff probiert Gernhardt den sogenannten "Classic Sandwich" aus: Die erste und die letzte Zeile ist original, der Mittelteil in der Zunge des Autors neu gedichtet.

Der Dekalog wird weitergeführt, Gott gibt seinem Knecht Gernhardt das elfte Gebot mit auf den Weg, hatte er doch vergessen, es den Menschen mitzugeben: "Du sollst nicht lärmen". In alttestamentarischer Manier werden auch diverse Absicherungen und Sonderregelungen nicht unbeachtet gelassen, einen Rettungshubschrauber etwa wird Gott der Herr trotz der immensen Lärmbelästigung nicht abstürzen lassen, außer er transportiert jemanden, der wegen Lärmens in eben jenen Hubschrauber kam. Grandios auch die Parodie auf Wilhelm Buschs "Max und Moritz". Aus den beiden Lausbuben werden flugs die emanzipierten Studentinnen Pat und Doris, zwei böse Mädchen, die ein "Busen-Attentat" auf Theodor W. Adorno verüben, indem sie "in gesellschaftskritischer Absicht" ihre Brüste entblößen.

Eine Weiterdichtung erfährt Ernst Jandls "Ottos Mops", ihm werden "Annas Gans" und "Gudruns Luchs" zur Seite gestellt. Selbstverständlich dürfen auch die "Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs" nicht fehlen - mittlerweile selbst schon ein Klassiker -, in dem der Dichter beklagt, er finde Sonette "so etwas von beschissen", dies selbstverständlich in vollendeter Sonettform. Gebete werden als "überpersonliche Zungen" ebenso vorgestellt wie Scherzfragen auf ein gehobeneres Niveau gebracht, indem man etwa einen Satz mit "lesbisch" bildet: "Und als die ersten Hörer grollten / und schon den Saal verlassen wollten / da sprach der Dichter ungerührt: / »Ich les bisch euch der Arsch abfriert«"

Der Live-Mitschnitt einer Gernhardt-Lesung regt aber nun gar nicht zum Verlassen des Raumes an, im Gegenteil, man muss ihn mehrfach hören, auch wenn es zu Erfrierungen kommen sollte. Überaus groß ist die Fülle der gezogenen Register. Gernhardt wiederholt und demontiert seine Vorgänger nicht, er macht aus seinen Vorlagen kluge und witzige Neudichtungen. Er spielt mit Rhythmen und Formen und baut daraus sprachliche Kunstwerke, die als eine Hommage an die Weltliteratur, als Ausdruck von Respekt vor den Vorbildern zu sehen sind. Eine rundum gelungene Lesung des Zeichners, Karikaturisten und Schriftstellers, die ihresgleichen sucht.

Titelbild

Robert Gernhardt: In Zungen reden. Stimmenimitationen von Gott bis Jandl. 2 CDs.
Der Hörverlag, München 2001.
85 Minuten, 19,95 EUR.
ISBN-10: 3899402677

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