Der Fluch immerwährender Abhängigkeit

Kubas Geschichte in einer kurzen Darstellung von Michael Zeuske

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Irrungen und Wirrungen der kubanischen Geschichte sind hier zu Lande nahezu unbekannt, lediglich rudimentäre Kenntnisse über die Revolution und die Kubakrise werden im normalen Geschichtsunterricht vermittelt. Auch sind Bücher zum Thema zur Zeit rar. Diesem Missstand möchte Michael Zeuske mit seinem in der Beck'schen Reihe erschienenen Werk "Kleine Geschichte Kubas" abhelfen.

Am 27. Oktober 1492 landete Christoph Columbus auf der größten Insel der Antillen, er nahm an, er würde Cipangu (so der Name für das heutige Japan) betreten. Der Landungsort liegt in der Nähe der ostkubanischen Stadt Baracoa. Dadurch rückte das Land zum ersten Mal ins Bewusstsein Europas. Viele Jahre lang kaum beachtet, wurde erst im Jahre 1510 mit der Pacification (Befriedung) begonnen, unter der Führung von Diego Velasquez wurde die einheimische indianische Bevölkerung in kürzester Zeit dezimiert. Die ersten Städte wurden gegründet: Baracoa 1511, Bayamo 1513, Trinidad, Sancti Spiritus und La Habana 1514 sowie Camagüey und Santiago de Cuba 1515. Zunächst nur in geringem Umfang bewirtschaftet, wurde Kuba aufgrund seiner geostrategischen Lage, die im Verlauf seiner Geschichte noch des öfteren eine gewichtige Rolle spielen sollte, nach und nach zum "Schlüssel zur Neuen Welt" und zur "Schutzmauer" des spanischen Kolonialreiches. Als Folge dieser Entwicklung wurde der Sklavenhandel und der Einsatz von Sklaven in der aufkommenden Plantagenwirtschaft zu einem beherrschenden Faktor der nächsten Jahrhunderte. Kuba war eines der letzten Länder, in dem die Sklaverei abgeschafft wurde. Die Landwirtschaft - bis heute einer der wichtigsten Bereiche - prägte das Land, der Reichtum und auch die Armut sind untrennbar mit der Produktion von Zuckerrohr und Tabak verbunden. Nach wachsenden Unruhen und heftigen Kämpfen wurde die spanische Kolonie erst im Jahre 1898 unter der Führung von Jose Marti unabhängig, dies gelang allerdings nur durch eine Intervention US-amerikanischer Truppen. Die Insel wurde daraufhin eigentlich bis zum Jahre 1959 eine Quasi-Kolonie der USA, regiert von Marionetten von Washingtons Gnaden. Erst die Revolution unter der Führung von Castro schuf ein unabhängiges Kuba. Mit dem triumphalen Einzug von Fidel Castro, Ernesto "Che" Guevara und Camilo Cienfuegos in Havanna am 1. bzw. 8. Januar 1959 hatte die Geschichte des Landes eine Wende genommen. Man versuchte, ein neues, idealistisches und sozialistisches Modell zu verwirklichen, zahlte aber später den bittereren Preis der Abhängigkeit von der UdSSR. Nach dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion stand und steht Kuba nun vor nur schwer lösbaren Problemen.

Den größten Teil seiner Darstellung, nahezu zwei Drittel des Buches, widmet Zeuske der Kolonialzeit, hier liegt, wie er richtig sagt, auch der Schlüssel zur Geschichte. Die Entwicklung der Plantagenwirtschaft, des massenhaften Anbaus und der daraus resultierenden Anhängigkeit vom Zucker, die Massensklaverei und die Diskrepanz zwischen Arm und Reich bilden die Grundlage für die kubanische Gesellschaft. Informativ und faktenreich liefert Zeuske das notwendige Hintergrundwissen, ohne das die Entwicklungen im 20. Jahrhundert nicht wirklich verstanden werden können. Die Jahre der Republik von Amerikas Gnaden beschreibt er zwar recht knapp, aber für den angestreben Kurzüberblick ohne Zweifel ausreichend. Auf rund 40 Seiten wird der Guerillakampf und die "permanente Revolution" in einer politisch beinahe neutralen Weise dargelegt, zwar nicht ganz ohne den westlichen Zeigefinger, doch ist dies nicht die vorherrschende Absicht. Zeuske wagt auch einen Ausblick auf die "Zeit nach Castro", er sieht die derzeitige Regierung nicht wie viele kurz vor dem Kollaps, sondern macht eine "starke Akzeptanz" unter der Bevölkerung aus und meint, dass das Volk mit seinem starken Empfinden für "Unabhängigkeit, Würde und Eigenständigkeit" auch ohne Fidel für die Zukunft gerüstet sein wird.

Abgerundet wird das Buch durch ein ausführliches Namens-, Orts- und Stichwortverzeichnis sowie eine recht ausführliche Bibliographie.

Titelbild

Michael Zeuske: Kleine Geschichte Kubas.
Verlag C. H. Beck, München 2000.
234 Seiten, 12,50 EUR.
ISBN-10: 3406459110

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