Unter mir die Rippen Rosinantes

Zwei Che Guevara-Biographien

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ernesto Guevara de la Serna, am 14. Juni 1928 in Rosario, Argentinien geboren, Sohn einer großbürgerlichen Familie, lernte 1956 im Gefängnis in Mexiko den Anwalt Fidel Castro Ruz kennen, schloss sich seiner Bewegung an und landete am 3. Dezember in Kuba.

Nach Jahren des Guerillakampfes siegte im Januar 1959 die Revolution. Guevara wurde Minister und stürzte sich in Guerillaabenteuer im Kongo und in Bolivien, wo er am 8. Oktober 1967 von bolivianischen Soldaten erschossen wurde.

Soweit die einschlägigen Fakten. Genaueres darzulegen über die Person "Che", so der Spitzname Guevaras, das haben sich die Biographien von Elmar May und Jorge Castañeda, 2002 in einer Neuauflage bei Rowohlt erschienen bzw. 1999 bei Suhrkamp als Taschenbuch veröffentlicht. Das Buch von May aus der rororo-Bildmonographien-Reihe gibt dem Leser eine zwar knappe, aber dennoch umfassende Darstellung des Lebens und Wirkens Guevaras. In bewährter Weise unterstützen Selbstaussagen und zahlreiche Abbildungen den Text. Lobenswert verzichtet May nicht auf eine Darstellung der politischen und ökonomischen Ideen, da diese dazu beitragen, die Komplexität der Person, seine Motive und Überzeugungen nachzuvollziehen. Das überaus lesenswerte Kapitel zum Charakterbild Che Guevaras zeigt einen Mann, hin- und hergerissen zwischen seinem Idealismus und der Realität. Che selbst vergleicht sich im Abschiedsbrief an seinen Vater mit Quijote: "Wieder einmal spüre ich zwischen meinen Fersen die Rippen Rosinantes; ich kehre auf den Weg zurück, meinen Schild am Arm." Mit dieser Aussage bestätigt er sein Scheitern in verschiedener Hinsicht. Für viele Beobachter suchte Guevara in Bolivien geradezu den Tod.

Abgerundet wird das Bändchen durch einen recht umfangreichen Anhang mit Zeittafel, einigen Zeugnissen von Dritten und einer detaillierten und aktuellen Biographie, die für eine weitere Vertiefung ins Thema äußerst hilfreich ist. Für einen schnellen Überblick in die wichtigsten Aspekte ist das Buch von Elmar May sicherlich eine gute Wahl, ausführlichere Informationen bietet jedoch die Biographie des mexikanischen Politkwissenschaftlers Jorge Castañeda, Professor an der Universität New York. Er hatte während der Recherche Gelegenheit, bislang geheime Dokumente auszuwerten und führte mehrere Interviews mit Zeitgenossen Guevaras. Herausgekommen ist hierbei ein überaus faktenreiches Buch, durch das der Leser genauestens mit den Facetten des "Che" bekannt gemacht wird. Der Faktenreichtum, mündet in eine Biographie, die erstaunlich flüssig und angenehm zu lesen ist, auch wenn bisweilen das Material beängstigende Dimensionen annimmt. Ausführlich werden die politischen Ansichten und die Theorien des Guerillakampfes dargelegt und fachkundig erläutert. Castañeda - wie auch May verschweigen nicht die Schattenseiten Guevaras, seine Beteiligung und sein Eintreten für den "paredón", die Exekutionen an Führungskräften der Batista-Armee und Oppositionellen. Auch das Scheitern in wirtschaftlicher Hinsicht wird herausgearbeitet: Einige seiner wirtschaftspolitischen Entscheidungen in seiner Zeit als Industrieminister wirkten sich verhängnisvoll auf die kubanische Wirtschaft aus, selbst die völlige Verkennung der Anwendbarkeit seiner Guerilla-Theorie im Kongo und in Bolivien werden entsprechend gewürdigt. Der ebenfalls sehr umfangreiche Anhang beinhaltet Presseberichte anlässlich der Entdeckung von Ernesto Guevaras sterblichen Überresten in Vallegrande, aus denen deutlich wird, dass der Mythos Che auch nach über 30 Jahren nur wenig von seinem Glanz verloren hat.

Hoch anzurechnen ist beiden Autoren, dass sie nicht an der Mythisierung des Revolutionärs mitmachen, bei der der "comandante" zunehmend zu einer hohlen Maske wird, einem "Christus von Vallegrande", einer romantischen Ikone ohne Hintergrund. Die positiven Eigenschaften und Errungenschaften werden hervorgehoben, negative Züge nicht aus lauter Revolutionsromantik unter den Teppich gekehrt. So kann es weiterhin heißen: "Hasta siempre, comandante Che Guevara."

Titelbild

Jorge Castaneda: Che Guevara.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1999.
639 Seiten, 13,50 EUR.
ISBN-10: 3518394118

Weitere Informationen zum Buch

Kein Bild

Elmar May: Che Guevara.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2001.
155 Seiten, 7,50 EUR.
ISBN-10: 3499502070

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