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 literaturkritik.de » Nr. 5, Mai 2002 » Schwerpunkt Lyrik
 
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Zwischen Wichteln und Weltuntergang

Helmut Pfandlers Gedichtband "Lyrik" vereint seine Werke aus "fünf Jahrzehnten"

Von Katrin Wiesner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Seine Gedichte erzeugen eine düstere Grundstimmung. Sie erzählen vom Weltuntergang durch menschliche Hybris. Immer wieder wird der Leser vom Lyrischen Ich in eine finstere und von Gott verlassene Welt entführt. Dort, in einer Heide- und Waldlandschaft - vielleicht seiner niederösterreichischen Heimat - trifft er auf Wichtel, Geister und Zauberer. Diese annähernde Formlosigkeit zusammen mit dem Eintauchen in eine Welt jenseits der unseren, zwingt den Leser immer wieder zur Reflexion.

Helmut Pfandler, 1929 in Gmünd/Niederösterreich geboren, veröffentlicht in seinem Gedichtband "Lyrik aus fünf Jahrzehnten" seine gesamten lyrischen Arbeiten. Bereits während seiner Wiener Studienzeit wurden einige seiner Gedichte in Zeitungen und Zeitschriften gedruckt, doch erst mit 45 hielt der bekannte österreichische Filmemacher seine lyrischen Arbeiten für ausgereift und veröffentlichte seinen ersten Gedichtband "Am Rande des Planeten". 1983 folgte "Rauch über dem Land", 1985 "Baum im Zwielicht" und 1990 "Aschenregen". Zuletzt erschienen die "Altea Elegien", sein lyrisches Spätwerk. In "Lyrik aus fünf Jahrzehnten" sind nicht nur seine bisher erschienenen Gedichte zu finden sondern auch Gedichte aus seiner Frühzeit ("Frühe Gedichte", "Zwischenspiel").

Sie sind nicht einfach zu lesen, denn Pfandler verwendet keine klassischen Formen, seine Gedichte sind fast immer reimlos (bis auf die frühen) und besitzen kein regelmäßiges Metrum. Der Autor bedient sich der Gestalten aus der griechischen Mythologie und setzt ein fundiertes geschichtliches Grundwissen für die Rezeption seiner Lyrik voraus.

Im Abschnitt "Frühe Gedichte" finden sich Werke, die unterschiedlichen Themen zuzuordnen sind. Eines trägt zum Beispiel den Titel "An meinen Hund". Wenn das Lyrische Ich in die wissenden und zugleich bangen Augen blickt, scheint es ihm, als habe der Hund das "Rätsel der Welt" schon lange gelöst, über das das Lyrische Ich noch sinniert. Es beklagt, dass es den Blick nicht zu deuten vermag: "O, deine Augen voll Trauer / mühen an mir sich zu spät, / kehren enttäuscht sich zur Mauer, / weil sie dein Herr nicht versteht." Hierbei, wie in manch anderen Gedichten fällt es schwer, den Autor vom Lyrischen Ich zu trennen. Alle seiner frühen Gedichte haben schon diesen weltverneinenden Beigeschmack. Pfandler zeigt demütig, wie klein und unwissend der Mensch ist.

Im Gegensatz zur thematischen Unordnung der frühen Gedichte weisen die späteren Werke klare Themengebiete auf. Durch die Gedichte im Abschnitt "Rauch über dem Land" zieht sich die Thematik des Zweiten Weltkrieges. "Mutter / war himmlisch vergnügt, / als sie mich trug. / Aß beim Konditor. / Schäumte vor Leben. / Hat nichts gewußt / von Auschwitz, / Dresden, / Hiroschima / und Vietnam. / Hat mich geboren." Pfandlers Jugendjahre wurden durch das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg nachhaltig geprägt. Hier findet er Platz, um sich zurück zu besinnen und mit diesen Erlebnissen abzurechnen. Er prangert die vergangenen Geschehnisse nicht an, vielmehr beschäftigt er sich mit ihnen in einem elegischen Grundton, als Ausdruck von Wehmut und Verlust oder der Sehnsucht nach Unerreichbarem.

Im Abschnitt "Baum im Zwielicht" bewältigt Pfandler einen weiteren Teil seiner Vergangenheit. Er war Gegner der Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Zwentendorf. Hier finden sich Verse wie: "Der Tod von Buchenwald / kam schneller als die Nacht. / Der Tod von Zwentendorf / hat keine Eile."

Pfandler beruft sich in seinen Gedichten immer wieder auf die Unvollkommenheit des Menschen und klagt dessen Übermut an. Dabei entwickelt er seinen eigenen scharfen Sinn für die Realität und begegnet dieser mit seiner eigenen Welt.

Die "Altea Elegien" entstanden, als Pfandler Wien verlassen und in Spanien seine neue Heimat gefunden hatte. Die Gedichte sind stark geprägt vom spirituellen Wirken seiner Lebensgefährtin. In den "Altea Elegien", so Gerlinde Hausleitner im Vorwort zu diesem Band, "verschwistern sich Diesseits- und Jenseitswelt zu einer Bewusstseinseinheit, die alle Voraussetzungen dafür besitzt [...] in eine glückliche Zukunft zu führen, wo Worte wie "Gott, Himmel" und "Hölle" nicht mehr Tabus sind."

Leichte Kost ist dies mit Sicherheit nicht. Wer sich aber auf diese Reise in eine mystische Welt einlassen will, ist hier gut beraten.

Kein Bild

Helmut Pfandler: Lyrik aus fünf Jahrzehnten.
Lavori Verlag, Freiburg 2002.
278 Seiten,
ISBN-10: 3935737351

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:12:01
Erschienen am:01.05.2002
Lesungen: 3122
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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