Ein sanftes Lächeln bleibt auf der Welt

Jannis Ritsos' Gedichtzyklus "Die Umkehrbilder des Schweigens"

Von Julia Schuster

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Jetzt keine Ahnung mehr sondern Gewißheit: Er geht / auf das tiefe Nirgendwo zu, in die gänzliche Nacht, / und hinterläßt der Welt die Bilder lichter Landschaften, seine, / mit Silberpappeln, Vögeln und winzigen Engeln."

Jannis Ritsos schrieb "Die Umkehrbilder des Schweigens" in dem Wissen, unheilbar an Krebs erkrankt zu sein. Der 78-jährige Grieche reflektiert mit diesem poetischen Gedankentagebuch sein Leben und Werk als Dichter, aber auch als unbequemer Autor in einer Zeit, in der er als "politisch gefährlich" galt und er die Zensur des rechts-autoritären Polizeiregimes umgehen musste. Dennoch dominieren in diesem Band Gedichte, die vor allem ein Thema kennen: Abschied. Die Traurigkeit, mit der Ritsos der Welt gedenkt, die er verlassen muss, zieht sich durch den gesamten Zyklus. Die Schönheit, der er sich immer verpflichtet fühlte, bleibt ihm jetzt jedoch verschlossen: "Die einen kommen an, die andern fahren ab. Zurück bleibt nur / dieser Gram und zugleich die Wut. Ach, die Schönheit, / die all dem einen Sinn gab - warum ist sie jetzt verborgen? / Gestern vor Sonnenuntergang / sahen wir drei getötete Schwäne am Ufer treiben." Die Stimmung der Gedichte schwankt zwischen Resignation und Zuversicht: In "Am Abend" heißt es: "Alles habe ich wieder verlernt, sagt er, ich weiß nichts. Ich begreife / weder das Wasser noch den Baum." "Der Dichter" dagegen suggeriert Hoffnung: "Wie lange er seine Hand auch in die Finsternis taucht, / seine Hand schwärzt sich nie. Seine Hand / ist imprägniert gegen die Nacht. Wenn er fortgehen wird / (denn alle gehen wir eines Tages fort), wird bestimmt / ein ganz sanftes Lächeln hier auf der Welt bleiben, / das unablässig 'ja' sagen wird und wiederum 'ja' / zu allen uralten enttäuschten Hoffnungen." Das Motiv der Nacht und der Finsternis kehrt immer wieder - Ritsos befasst sich mit dem bevorstehenden Tod.

Auffällig ist auch, dass vor allem das Visuelle im Vordergrund steht. Mit einem Blick für Details kreiert Ritsos surreale Bilder, die sich als vielschichtig erweisen: Hinter dem Fototapetenpanorama der griechischen Insel im Sonnenuntergang verbirgt sich häufig ein zweiter Sinn. Störende Elemente schleichen sich in das Bild der Idylle: verbrannte Schmetterlinge, ein tieftrauriges Pferd, ein "schüchternes Wölkchen", das "genau das, was unerklärlich in dir immer noch lächelt", verdecken will. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich so mancher Vers als politische Anspielung: "Dein erstes und dein letztes Wort - / die Liebe und die Revolution sprachen es aus. / Dein ganzes Schweigen sprach die Dichtung aus. Wie schnell / sich die Rosen entblättern. Deshalb wirst auch du losziehen / mit dem Tanzbären, der eine / große Plastik-Rose zwischen den Vorderpfoten hält." Ohne biographisches Hintergrundwissen und für deutsche Rezipienten, die mit den politischen Verhältnissen in Griechenland zu Ritsos' Haupt-Schaffenszeit nicht vertraut sind, sind diese Gedankenbilder allerdings teilweise schwer zu entschlüsseln. Selbst der griechische Leser kann viele Textstellen nur entziffern, wenn er über ausgedehnte und intime Kenntnisse von Ritsos' umfangreichen Lebenswerk verfügt und die bisher veröffentlichten biographischen Quellen kennt. Man sollte also darauf vorbereitet sein, dass das eine oder andere Gedicht auf den ersten Blick undurchsichtig scheint (und es eventuell auch bleibt).

Auch wenn das Lyrische Ich der allesamt reimlosen Gedichte meist in zweiter oder dritter Person Singular auftritt, lässt sich der Dichter als Sprecher der stark autobiographisch gefärbten Gedichte vermuten. Ritsos bekannte selbst, dass er unabhängig von der grammatikalischen Person durch die Gedichte spricht. Besonders deutlich wird dies im letzten Gedicht des Zyklus, "Als Epilog": "Denkt an mich zurück. / Und seht mir diese letzte Traurigkeit nach. Ich würde gern / noch einmal mit dem dünnen Mondsichelchen / eine reife Ähre schneiden. Auf der Türschwelle stehen, schauen, / und ein Getreidekorn ums andere mit den vorderen Zähnen zerkauen / in Bewunderung und Lobpreis für diese Welt, die ich verlasse".

Jannis Ritsos starb 1990. Für ihn war Dichtung Lebenszweck, er hinterlies der Welt ein Mammutwerk von über 100 (griechischen) Buchveröffentlichungen. Und es besteht kein Grund zu seiner Annahme, er könne in Vergessenheit geraten. Im Gegenteil: Er zählt zu den größten griechischen Lyrikern des 20. Jahrhunderts. Er wäre zufrieden gewesen, wenn er gewusst hätte: Man denkt an ihn zurück.

Der zweisprachige Gedichtband ist ferner mit einem aufschlussreichen Nachwort des Übersetzers Klaus-Peter Wedekind versehen. Es informiert den Leser über historische, biographische und ästhetische Voraussetzungen zu Ritsos' Werk und enthält eine kurze Interpretation des Zyklus.

Titelbild

Jannis Ritsos: Die Umkehrbilder des Schweigens. Gedichte. Griechisch und Deutsch.
Übersetzt aus dem Griechischen von Klaus Peter Wedekind.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2001.
165 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-10: 3518412957

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