Das Gedicht und was von ihm übrig bleibt

Fragen zu Christoph Meckels Gedichtband "Zähne”

Von Thomas BetzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Betz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Christoph Meckels lyrisches Œuvre lässt sich mittlerweile überblicken als ein gleichsam abgerundetes Werk, seit in den 80er Jahren retrospektive Sammlungen erschienen, Gedichtzyklen erweitert und vollendet wurden und der Band "Anzahlung auf ein Glas Wasser" (1987) die Trilogie mit Gedichten der 70er und 80er Jahre abschloss. Zuletzt erschien "Gesang vom unterbrochenen Satz" (1995) - drei große Poeme, in denen es um die Sprache geht in einer Welt aus Containern, in einer technologischen Gesellschaft und zerstörerischen Zivilisation. Das Titelpoem fungiert dabei als programmierte, von Störungen durchzogene Textmaschine.

Das neue Gedichtbuch "Zähne" nun - so die Anzeige des Verlages - vereint "unterschiedliche Formen und Themen" von Meckels poetischem Schaffen. Von Foltern und vom Schinder ist die Rede, von Babylon-City, von Höllen und Engeln, auch - man erinnert sich - von Wein, Nüssen, September, vom Herbst und vom Blau des Himmels, davon, dass die Erde ein Garten ist. In vier Abteilungen ist der Band gegliedert: je 14 Gedichte am Anfang und am Ende, eine dritte Abteilung enthält 9 Gedichte - einige waren schon anderswo gedruckt. Ebenfalls je 9 Stücke umfassen die beiden Zyklen "Sonderangebot" und "Zähne".

Der von Peter-Andreas Hassiepen schön gestaltete Einband zeigt ein Foto der Bocca della Verità, des römischen Marmorreliefs, das möglicherweise den Kopf des Gottes Faunus darstellt, des Gottes der freien Natur und der Fruchtbarkeit, des Beschützers der Hirten und Bauern, der Schrecken erregen und auch die Zukunft weissagen kann. Im Mittelalter diente der Wahrheitsmund der Rechtsfindung: dem Meineidigen soll die ins zahnlose Maul gelegte Hand abgebissen worden sein (wenn hinter der Marmorplatte ein Schwert nachhalf). In den 50er Jahren bekräftigten Brautpaare an ihm ihre Liebesschwüre. Ein panisches, zerschundenes Gesicht. Auf einem solchen Grundton gewinnt auch Meckel seinem lapidaren Titelwort "Zähne" durch variierende Kontexte ein Bedeutungsspektrum ab: Der neunteilige Zyklus handelt vom Fleischfressen, von Jagd, Mord und Ausbeutung. Vom töten und getötet werden. Vom Tod. Andere Gedichte sprechen vom "Wildschweingeist mit seinen Zähnen", von Ohren der Fledermaus und "nummerierten Zähnen", von den Zähnen des Viehs und des Raubtiers, von einem "diamantenen Gebiß" oder vom "Zähneklappen" (sic), vom Schmerz, den man hinter den Zähnen verschwinden lassen soll. Die Bilder vom Menschen in Meckels Poesie, seine Bilder für Geschichte und Zukunft standen schon immer, und zuletzt immer mehr, im Zeichen von Bedrohung und Vernichtung. Zugleich gilt der Schöpfungsanspruch, mit dem Meckel seine Frankfurter Vorlesungen "Von den Luftgeschäften der Poesie" (1989/90) begann: "Ein Satz wird gesprochen, ein Name genannt, und die Zeit beginnt."

Ein Sprechen in wechselnden Formen, das im Monolog geführt wird, in Ich-Rede, das sich an ein Du adressiert, das ein Wir aufruft, das vom Gegensatz handelt, das Gespräche entwirft, über Rollen verfügt, mit Widmungen, Zitaten und Motti arbeitet, das in Variationen, mit Nachdruck oder wie nebenbei Gestalten und Wörter in Szene setzt. Auffällig, wie demonstrativ in vielen Texten der Sprecher sich - im und mit dem Gegensatz, im Zweifel, im Nichts - des Gedichts versichert, das Gedicht sich behauptet. "Das Gedicht und was von ihm übrig bleibt in der gesammelten Zukunft / handelt vom Gegensatz und von dem, der drin lebt / heillos, in Ermangelung eines Besseren", so im ersten Gedicht des Bandes. Behauptet sich aber "das Gedicht" - oder: wie sehr wird es wirklich aufs Spiel gesetzt? -, wenn eines mit dem Begriff "Code" arbeitet oder wenn ein anderes mit dem Vers endet: "Der Code des Gedichts zerstört sich selbst."? Und bleibt ansonsten hier das Gedicht nicht doch der - traditionelle - Ort der Liebenden und des Gedächtnisses?

Meckels Gedichte stellen oft implizit Fragen nach ihrer Machart, nach ihrem Funktionieren oder werfen sie selbst explizit auf. Sie bewegen sich zwischen den Zeiten, stehen inmitten des Verschwindens, vor dem Ende der Zeit, stellen Verbindungen her zwischen der "Schöpfung" und den "Apokalypsen". Der Schriftsteller muss Zeitgenosse sein, hat Meckel gefordert. Was nicht heißt, dass Poesie zeitgemäß sein muss. Doch mutet es seltsam an, wenn das Ich sich - "keine Eile" - untertauchend vom Telefonklingeln absentiert oder wenn die "eigene Handschrift" gegen die Pragmatik des Anrufbeantworters gesetzt wird, um die Verwandlungsmagie der Poesie - gegenüber mehr oder weniger modernen Medien und Kommunikationsformen - zu bekräftigen. Einer Poesie, die sich Bilder macht von einer "Mega-Maschine", welche das Bild des Menschen "in Computern und Televisionen vervielfacht, von Projektoren / ins Unermeßliche vergrößert".

Und ist diese Poesie "von Nutzen, unentbehrlich" - so wie die von ihr gepriesene alte Lupe? Ist mit der zu holen, "was wahr ist"? Verfälscht sie etwa nicht? Behält also mit ihr das Wahrgenommene und Festgehaltene "den eigenen Wert"? Kann sie die "Schriften" und deren "Stille" retten? Der "Spieler", Handwerker und Zauberer, gibt sie jedenfalls weiter als Geschenk zur Entzifferung "vielleicht unergründlicher Chiffren". Auf welchem Stand ist diese Poesie - verglichen etwa mit der Entwicklung im Werk Günter Eichs? Zumal wenn die Rettung einer Motte derart als poetologisches Kommunikationsmodell zelebriert wird, dass ihre Flügelzeichnung sich nicht nur als hebräische Buchstaben - welches Wortes - lesen lassen, sondern deshalb das Tier sogar lyrisch-magisch angesprochen werden muss: "willkommen, Nachtgeist, in diesem Raum / Gespenst meiner Luftgeschäfte, kleine Jüdin." (Übrigens zeugen mehrere Gedichte von Meckels besonderem Engagement für israelische Literatur und für seine Zuwendung zur hebraischen Sprache.)

Widerständig noch in der Absage wird "Menschlichkeit" beschworen. Beschworen wird auch - im Ruin - das "Geheimnis der Abwesenheit", "das Wort, das fehlt". Meckels Gedichte unternehmen immer wieder Anrufung, setzen die poetische Namengebung fort. "Ich will in den Namen leben", so der Anfang eines Gedichts. Aber was ist das für eine Namengebung, wenn dazu ein entsprechendes Du angerufen werden muss ("gib mir die Namen von Tier und Unkraut / und die Namen der Zukunft, lebendige, herrlich")?

Texte, wie es heißt, aus dem Jahr zweitausend: "Behalte den Text, wer will. Wem bliebe verborgen: / Schatten, ein Schatten liegt auf den Zeilen / und Unschlüssigkeit im Kommentar."

Titelbild

Christoph Meckel: Zähne. Gedichte.
Carl Hanser Verlag, München 2000.
80 Seiten, 13,90 EUR.
ISBN-10: 3446199306

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