Ein einziges großes Weltgedicht

Kuno Raeber wird mit einer Werkausgabe gewürdigt

Von Jürgen EgyptienRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jürgen Egyptien

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Werk Kuno Raebers ist ein noch weitgehend unerschlossenes Massiv in der deutschen Literatur der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts. Raeber (1922-1992) war gebürtiger Schweizer, hat aber seit 1958 in München gelebt und sich immer wieder in Rom und New York aufgehalten. Er war ein Bewohner der Metropolen und alles andere als provinziell. Sein Werk erhebt auf doppelte Weise den Anspruch auf Globalität. Zum einen konfrontiert es den Leser mit einer unerhörten Verwirbelung geschichtlichen und mythologischen Materials aus europäischen und außereuropäischen Kulturen, das Raeber in einer kunstvollen Weise zu palimpsestartigen Texten verwebt. Zum anderen sind seine Romane, Erzählungen, Gedichte und Dramen auf vielfältige Weise motivisch miteinander verknüpft und von ihm als ein einziges großes Weltgedicht konzipiert. Die Dichte dieser Vernetzung aufs genaueste sichtbar zu machen, ist ein wesentliches Verdienst der Textkommentare, die die mit diesem Band beginnende Werkausgabe enthält. Dieser Band präsentiert zwei Romane und ein Drama aus der Schaffensphase zwischen 1968 und 1981.

Der 1973 erschienene "Alexius"-Roman trägt seinen Titel auf den ersten Blick nach einer römischen Heiligengestalt. Alexius floh am Tag vor seiner Hochzeit, verbrachte 18 Jahre als Bettler fern der Heimat, kehrte dann nach Rom zurück und lebte weitere 18 Jahre unerkannt unter der Treppe seines Elternhauses. Raeber verwandelt ihn in einen Hippie aus Greenwich Village, der in gleicher Weise in einem Leichenbestattungsinstitut haust und vor einer imaginären Katze seine Biographie ausbreitet. Es ist kein linearer Lebenslauf, sondern eine Verkettung von Episoden, die Alexius als Johannes den Täufer, als Tiefseetaucher, als Spion der päpstlichen Inquisition, als König Herodes und schließlich als Wachsreliquie zeigen. Alexius ist in beständigen Metamorphosen begriffen, sein Dasein ist ein einziger Maskenzug, der ihn zu einem Partikel eines kosmischen Ganzen macht. Hier öffnet sich der Blick auf die zweite Bedeutung der Alexius-Figur. Raeber nimmt mit seinem Protagonisten Bezug auf Hofmannsthals Essay "Der Dichter und diese Zeit", in dem Alexius wegen seines völligen Aufgehens im Akt der Beobachtung zur Modellgestalt des idealen Dichters stilisiert wird. Hofmannsthal bezeichnet ihn dort als 'lautlosen Bruder der Dinge', der sich über Räume und Zeiten hinweg allem anzuverwandeln vermag. Damit formuliert er das zentrale Anliegen von Raebers Poetik. Sein Alexius will am New York der späten sechziger Jahre deutlich machen, wie sich hier Grund- und Leitbilder aus Geschichte und Mythos in ein neues Gewand hüllen. Der Roman, in 69 Kapitel unterteilt, ist nicht leicht zu lesen, belohnt die Anstrengung aber mit überraschenden und originellen Bildern.

Der Roman "Das Ei" von 1981 legt der Lektüre Hindernisse anderer Art in den Weg. Auf der Handlungsebene provoziert er mit der befreienden Vision der Zerschlagung von Michelangelos 'Pietà' und der Sprengung des Petersdoms. Sprachlich führt er einen teilweise blasphemischen und pornographischen Diskurs, der an Pierre Klossowskis Roman "Der Baphomet" erinnert. Wenn Raeber hier Gewaltphantasien entfesselt und sich Hasstiraden hingibt, muss man darin wohl vor allem die Auflehnung gegen jede Form von Herrschaft erblicken, die der homosexuelle Autor ins Bild des Mütterlichen bannt. In seinem lästerlichen Gegenentwurf geht Raeber so weit, Christus in einen Stricher zu verwandeln, dessen Samen als 'fließendes Feuer' in der Unterwelt der Tiberbrücken seine erlösende Kraft entfaltet. "Das Ei" ist in gewisser Weise Raebers persönlichstes und mutigstes Buch, dessen Rücksichtslosigkeit sich und dem Leser gegenüber es freilich auch an die Grenze des Scheiterns bringt.

Das Drama "Vor Anker" variiert die psychoanalytisch lesbaren Grundkonstellationen des Romans "Das Ei". Es steht ihm auch sprachlich nahe. Das von Raeber ironisch als 'Bürgerliches Trauerspiel' klassifizierte Stück spielt auf einem Schiff namens Persephone, auf dessen Deck eine stets betrunkene Mama krampfhaft den Schein eines geordneten Alltags aufrecht zu erhalten versucht, während unter Deck ihr Bruder Boss ein subkulturelles Gegenreich mit homosexuellen Zügen errichtet hat, dessen Ordnung die Folter ist.

Raeber, das dürfte diesen wenigen Sätzen zu entnehmen sein, ist nichts für zart Besaitete. Sein Werk ist in der zeitgenössischen Literatur ein erratischer Block. Es ist alles, nur nicht political correct und modisch-zeitgeistig. Es wirkt mit seiner Verwirbelungstechnik wie ein Beitrag zur Postmoderne avant la lettre. Aber es hat nichts von Beliebigkeit, es ist ernst, bei allem bizarren Humor geradezu todernst. Und es hält, darin sehe ich seine ultima ratio, unerschütterlich an der Idee und der Möglichkeit des Heiligen in unserer wie in jeder Zeit fest.

Titelbild

Kuno Raeber: Alexius unter der Treppe oder Geständnisse vor einer Katze / Das Ei / Vor Anker. Romane und Dramen.
Herausgegeben von Christiane Wyrwa und Matthias Klein.
Nagel & Kimche Verlag, Zürich 2002.
526 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-10: 3312002958

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