Warum fließt der Rhein nicht durch Berlin?

Die Berliner Briefe von Alfred Kerr neu gelesen

Von Julia Schmitz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Berlin vor 100 Jahren: Eine Stadt beginnt Metropole zu werden. Sie pulsiert und wächst, doch nie wird sie das Provinzielle ganz ablegen können. Alfred Kerr hat dies schon zu einer Zeit erkannt, wo Wilhelm II. sich noch anschickte, Berlin mit Paris oder London vergleichen zu wollen. Kerr hat nie den "alten berlinischen Pferdefuß des Kleinstädtischen" übersehen und fragte provokativ: "Warum fließt der Rhein nicht durch Berlin?" Dennoch liebte er Berlin. In seinen Berliner Briefen, die in der "Breslauer Zeitung" veröffentlicht wurden, bringt er der dortigen Leserschaft Woche für Woche das Leben in Berlin nahe. In ihnen kritisiert Kerr nicht nur Theateraufführungen und berichtet aus dem Berliner Kulturleben, sondern beschreibt auch einfach einen schönen Frühlingsspaziergang durch Berlins Straßen.

In seinen Kritiken hat er den Anspruch, selbst ein Kunstwerk zu schaffen, ein Kunstwerk der Kritik. In ihnen bezieht er auch immer klar Stellung. So hat er gegen Brechts Theaterstücke polemisiert, was zu einem Streitfall zwischen ihm und seinem damaligen Antipoden Herbert Ihering wurde. Über "Baal" urteilte er, dass es sich hierbei allenfalls um "ein Chaos mit Möglichkeiten" handeln könnte, und "Dickicht" verriss er mit den Worten "Bums ohne Inhalt". Mit mindestens ebenso großer Leidenschaft jedoch setzte er sich für Dichter und Dramatiker ein, die verschmäht wurden und von denen er viel hielt, wie zum Beispiel Arthur Schnitzler.

Bei aller Verwurzeltheit im 19. Jahrhundert suchte Alfred Kerr doch immer auch "das Neue", besonders im Sinn von gesellschaftlich eingreifender Kunst, wobei hiermit keine proletarische Produktionskunst gemeint ist. Nur musste die Kunst einen "Ewigkeitszug" erkennen lassen. Genau das zeichnet auch Kerrs eigenes Schreiben aus, ein von ihm beschriebener Tag ist eben nicht nur ein Tag, er verleiht ihm in gewisser Hinsicht auch einen "Ewigkeitszug" und macht genau deshalb seine Briefe literaturfähig.

Vielleicht ist es gerade die Beschreibung jener scheinbar unwichtigen Ereignisse, die Kerrs Gespür für die Feinheiten und die Fähigkeit, eine Tendenz an einem Detail zu erkennen, am besten zeigt.

Alfred Kerr ist fast am besten, wo er das Beiläufige schildert, einen Frühlingsabend auf Berlins Straßen, eine Landpartie im Grunewald, eine Urlaubsreise nach Florenz und seine vielen Abstecher in die anderen Metropolen, die so viel größer und älter sind, Paris, Rom und London.

Kerr ist kein Feuilletonist, der völlig vergeistigt in seinem verstaubten Zimmer über die Welt philosophiert, nein, er ist ein richtiger Genießer, Weltenbummler und Flaneur. Oft sagt er ganz ungeniert, dass ihm nichts einfällt und er sich deshalb kurz fassen werde oder "Hol der Deibel die Zeitungsschreiberei. Heut ist wundervolles Wetter." Einmal schreibt er auch: "Der schönste Zweck des Lebens wäre doch, spazierengehn."

Die zunächst aussortierten Briefe sind ein wahrer Schatz, sie geben dem Leser einen lebendigen Eindruck von der spannenden Zeit um die Jahrhundertwende. Wenn es zunächst schwierig scheint, sich in die Zeit hineinzudenken, so erleichtern die im Anhang aufgeführten Anmerkungen und Erläuterungen zu bestimmten historischen Personen oder veralteten Ausdrücken den Zugang zu den Texten.

Besonders die Ironie, mit der Kerr die Dinge betrachtet, macht die Briefe auch heute noch zu einer interessanten Lektüre. Manchmal ist es eine wahre Gratwanderung, die Kerr absolviert, nicht selten entging er nur knapp der Majestätsbeleidigung.

Man fragt sich, wo es heute noch einen solchen Feuilletonisten gibt, der mit diesem Eifer und Feingefühl über den Umbruch des heutigen Berlins zu berichten wüsste.

Titelbild

Alfred Kerr: Warum fließt der Rhein nicht durch Berlin? Briefe eines europäischen Flaneurs.
Herausgegeben von Günther Rühle.
Aufbau Verlag, Berlin 1999.
421 Seiten, 30,60 EUR.
ISBN-10: 3351028741

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