Self-Pollutionen, geborene Dirnen und Geständnissendungen

Über Franz X. Eders "Kultur der Begierde. Eine Geschichte der Sexualität"

Von Oliver PfohlmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Pfohlmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Sittengeschichte", "Sitten fremder Völker" - solche und ähnliche Titel versprachen unter dem Deckmantel medizinischer Aufklärung bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein pikante Abbildungen, schlüpfrige Details und erotische Spannung.

Spannend ist der sozial- und kulturgeschichtliche Überblick über die Entwicklung der sexuellen Begierde und des Sexualverhaltens, den Franz X. Eder unter dem Titel "Kultur der Begierde" nun vorgelegt hat, zwar auch. Doch anstelle der mehr oder weniger wissenschaftlich verbrämten Lust am Voyeurismus fasziniert an ihr etwas anderes. Nämlich die durch die Lektüre vermittelte Erkenntnis, welche Rolle kulturell vorgeprägte Begriffe, Vorstellungen und Wahrnehmungsformen spielen, um den eigenen oder fremden Körper, die eigene Seele oder die des anderen zu erfahren, zu beschreiben und zu deuten. "Man liest", konstatiert der außerordentliche Professor am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien, der einem von Michel Foucault und Ian Hacking angeregten "Sozialen Konstruktivismus" folgt, "seinen 'Leib' in kulturell geprägten Codes."

Wie sich diese Codes, also Vor- und Einstellungen, im deutschsprachigen Raum vom 17. Jahrhundert bis heute gewandelt haben, präsentiert Eder in einer wohltuend reflektierten, kenntnisreichen Zusammenschau der bislang vorliegenden Forschungsergebnisse, die nicht bloß synthetisiert, sondern stets auch kritisch bewertet werden. (So werden etwa die wirkmächtigen Thesen aus Karin Hausers Aufsatz über die "Polarisierung der Geschlechtercharaktere" plausibel relativiert.) Auch die Textquellen, neben Gerichtsakten, medizinischen Fallgeschichten vor allem autobiographisches Material wie Tagebücher oder Briefe, lässt Eder ausführlich zu Wort kommen. Breiter Raum wird der Sexualitätsgeschichte einzelner Klassen und Schichten gegeben, so der Geschichte der Begierde in der bäuerlichen Kultur oder in der Arbeiterschaft. Weitere Schwerpunkte sind der Onaniediskurs der Aufklärung, die Debatten um "Männlichkeit" und "Weiblichkeit" im 18. und 19. Jahrhundert, die Konstruktion des "homosexuellen" Subjekts, die Politisierung und Medizinierung der Sexualität zu Beginn und ihre Liberalisierung und Kommerzialisierung zum Ende des 20. Jahrhunderts.

Wie schwierig es ist, mit unseren modernen Vorstellungen von Sexualität, dem heutigen Spektrum an sexuellen Identitäten und Ausdrucksformen an historische Phänomene heranzutreten, zeigt sich dabei immer wieder. Sadismus, Onanie oder Homosexualität mag es zwar als Verhaltensweisen immer gegeben haben. Sexuell etikettiert waren sie jedoch häufig nicht. Vielmehr wurden sie in einem anderen Kontext gelesen. Sadismus etwa war lange Zeit primär eine strafrechtliche Handlung.

Oder der Kontext änderte sich. Masturbation war zunächst eine Handlung wider das kirchliche Recht. Im aufstrebenden Bürgertum des 18. Jahrhunderts wurde sie aber von den Medizinern und Pädagogen als ein Phänomen von gesellschaftlicher Tragweite entdeckt. Nicht mehr die Bibel oder das Strafgesetz bildete jetzt den Hintergrund, vor dem die solitäre Lust gelesen wurde, sondern die "modernen", empirischen Wissenschaften vom Menschen. Die viel gelesenen Schriften der "Anti-Onanisten" gegen die "Self-Pollution" dienten der Konstruktion eines autonomen, leistungsfähigen bürgerlichen Subjekts. Dieses sollte, anders als der Onanist, Herr sein über seine Triebe. Auf die "Onanisten" selbst hatte die Debatte eine sozialdisziplinierende Wirkung: Sie outeten sich in unzähligen Bekenntnisschriften, und indem sie nun jedes ihrer körperlichen Leiden oder Symptome ihrer "Onanie-Sucht" zuschrieben, lieferten sie den Medizinern die willkommenen "empirischen" Belege.

Die Vorstellungen über Sexualität und ihre Bedeutung (für den Einzelnen, für die Gesellschaft) ändern sich. Mit Beginn der 20. Jahrhunderts kam es, im Zuge der Modernisierungsprozesse der Gesellschaft, darunter etwa die Entstehung der modernen Großstädte, zu einer Diskussion der Sexualfrage in der breiten Öffentlichkeit. Zu den Problemen, für die Lösungen gesucht wurden, gehörten die Regulierung der Prostitution, die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, die 'Behandlung' der Homosexualität und die Geburtenkontrolle. Im Falle der Prostitution kursierten nicht zuletzt unter Sozialwissenschaftlern krude Theoreme von der "gefallenen Frau" oder der "geborenen Dirne" (als weibliches Äquivalent zum "geborenen Verbrecher"). Die in den Großstädten neu entstehenden Rotlichtviertel galten den Kulturkritikern der Zeit als Inbegriff des zivilisatorischen Niedergangs. Große Bedeutung erlangte nach 1900 auch die Frage der Geburtenkontrolle: Je mehr in der Bevölkerung das Konzept der Kleinfamilie als Ausdruck moderner, selbstbestimmter Lebenseinstellung galt, desto größer wurde auf Seiten der Staatsvertreter die Angst vor einem "Aussterben" der Bevölkerung, vor einem überalterten, "wehrunfähigen", im "Kampf ums Dasein" unterlegenen Volk. Im Zuge dieser Auseinandersetzung avancierten vor allem Mediziner und Psychologen zu "Sexual-Spezialisten", die nicht bloß bei individuellen Problemen, sondern auch bei politischen Fragen konsultiert wurden und wissenschaftliche oder auch nur pseudowissenschaftliche Argumente für oder gegen Geburtenkontrolle lieferten. "Sexualreformer" von Otto Gross (den Eders Überblick nicht erwähnt) über Wilhelm Reich bis Oswald Kolle propagierten liberalere Einstellungen zu Sexualität.

Ihren Höhepunkt erreichte die für das 20. Jahrhundert kennzeichnende "Politisierung und Medizinierung des Sexuellen" (Eder) im Dritten Reich. Jetzt sollte das gesamte Intimleben "im Dienste des Volkes" reguliert werden. Eder folgt in seiner Darstellung der Sexualität in der Hitlerzeit einer anderen vorzüglichen Zusammenschau, nämlich Stefan Maiwalds und Gerd Mischlers "Sexualität unter dem Hakenkreuz" (siehe die Rezension in literaturkritik.de 2/2000).

Unsere heutige Vorstellung, dass sexuelle, orgiastische Befriedigung und individuelle Glückssuche eng miteinander verbunden sind, haben Menschen früherer Epochen nicht geteilt. Niemals hatte Sexualität einen so zentralen Stellenwert wie heute, im Zeitalter ihrer beinahe völligen Liberalisierung. Tatsächlich aber gibt es neue Gebote: "Zu den mächtigsten gehören die Glücksversprechen, mit denen Medien und Werbung das Sexuelle überladen, sowie die Pflicht zum technischen und emotional gelingenden Sex. Leistung und Erfolg sind bei der Befriedigung des Partners, aber auch im persönlichen sexuellen Erleben zu zentralen Kriterien geworden."

Die "sexuelle Revolution" der Sechziger machte die Sexualität zu einem "Problem", zu einer anerkannten Ursache körperlicher und seelischer Leiden, für die "Therapien" entwickelt wurden. Für die Gegenwart glaubt Eder eine "Abkehr vom konsumorientierten Sexangebot" und den Konfrontationen "mit all jenen schillernden und zugleich normalisierenden Sexualvarianten, die täglich durch die Geständnissendungen des Fernsehens geistern", beobachten zu können. Empirische Wirklichkeit oder frommer Forscherwunsch?

Noch ein Hinweis: Zusammen mit der "Geschichte der Sexualität" besorgte Eder eine jetzt im Internet erschienene "Bibliography of the History of Western Sexuality, 1700-1945". Sie umfasst rund 15 000 Titel der nichtbelletristischen Literatur über die Geschichte der Sexualität in Europa und Nordamerika.

Titelbild

Franz X. Eder: Kultur der Begierde. Eine Geschichte der Sexualität.
Verlag C. H. Beck, München 2002.
359 Seiten, 15,90 EUR.
ISBN-10: 3406475930

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