Bewegungen im Unbeweglichen

Maurice Blanchot zum fünfundneunzigsten Geburtstag

Von Axel SchmittRSS-Newsfeed neuer Artikel von Axel Schmitt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der französische Literaturtheoretiker und Schriftsteller Maurice Blanchot (geboren am 22.9.1907) ist hierzulande immer noch ein fast Unbekannter. Sein umfangreiches Werk besteht aus einer im akademischen Diskurs in Deutschland ungewöhnlichen, in Frankreich dagegen häufig zu beobachtenden Verbindung von literarischen und literaturkritischen Arbeiten: Blanchots mehr oder weniger umfangreiche Essays zur französischen, deutschen und englischen Literatur stehen neben seinen 'Romanen' und 'Erzählungen' "Thomas l'obscur" (1. Fassung 1941; 2. Fassung 1950), "Aminadab" (1942), "L'arrêt de mort" (1948) und "Le Très-Haut" (1948), wobei die traditionellen Gattungskriterien diesen handlungslosen Texten nicht gerecht werden.

Auch die mitunter erfolgte Aufteilung in kritisches und literarisches Werk ist nicht hinreichend präzise, da sich die Formen einander annähern und vermischen. Die 'Erzähltexte' haben fast alle gewöhnlichen Erzählelemente (Personen, Raum, Zeit und Handlung) ausgeschaltet. In ihnen sammeln sich statt dessen die literarischen Strömungen des Jahrhunderts. Was immer von Kafka, Proust, Joyce, den Surrealisten, Existentialisten und den Vertretern des Nouveau roman an psychologischen Gehalten und ästhetischen Formprinzipien neu in die Literatur eingebracht wurde, erscheint bei Blanchot in einer eigenwilligen künstlerischen Verarbeitung und surrealen Aufschichtung wieder. Die 'Essays' dagegen präsentieren sich häufig in der Form imaginärer Dialoge. Tertium comparationis aller Texte Blanchots ist jedoch die Literatur selbst: sie verstehen sich als "Gegenschöpfung" zur Welt, als das literarische "Negativ" einer rationalen und sinnerhellten Wirklichkeit. Durchweg spielen die Erfahrung des Verlustes, des Todes und der Alterität eine wesentliche Rolle.

In vielen Texten kreist Blanchot um den Holocaust, das "absolute Ereignis der Geschichte". In der von Victor Farias angezettelten Debatte über Hitler und Heidegger unterstellte er dem deutschen Denker Antisemitismus, warf ihm aber vor allem sein Schweigen vor und "die Weigerung, für das Unverzeihbare um Verzeihen zu bitten." In seinem Essay "Les intellectuels en question" führt er ihre Definition auf dieses Kriterium zurück: "Von der Dreyfus-Affäre bis zu Hitler und Auschwitz hat sich gezeigt, dass es der Antisemitismus (zusammen mit dem Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit) ist, der den Intellektuellen offenbart." Noch 1980 schreibt er in "L'Écriture du desastre": "Der unbekannte Name, außerhalb jedes Benennens: Der Holocaust, das absolute / losgelöste Ereignis der Geschichte, historisch datiert, dieser Total-Brand, an dem sich die gesamte Geschichte entzündet, an dem die Bewegung des Sinns sich abgenützt hat, in dem die Gabe ohne Mitleid, ohne Zustimmung vernichtet wurde, ohne dem Nichts einen Ort zu geben, der sich selbst affirmieren oder negieren könnte, Gabe der Passivität selbst, die Gabe dessen, was man nicht schenken kann. Wie soll man sie bewahren, und sei es auch nur im Denken, wie soll man aus dem Denken das machen, was den Holocaust aufbewahren würde, wo doch alles verloren ging, einschließlich des aufbewahrenden Denkens." Der Tod, pluralisiert, namenlos und nicht erzählbar geworden, kann der Sprache nur zustoßen, indem er sie in die Aporie eines nicht-erzählenden, nicht-sinnstiftenden, dem anderen unendlich nachfragendes Sprechens entlässt. Er ist der Tod der Narration und der Tod der ästhetischen Souveränität und markiert so die Zäsur zwischen dem Erzählen und einer écriture du desastre.

Blanchots theoretische Texte, die in behutsamer Fühlung- wie Distanznahme zu Nietzsche und Heidegger, Mallarmé und Char, nicht zuletzt im Austausch mit dem Denken seiner langjährigen Freunde Bataille und Lévinas entstanden, hatten einen maßgeblichen Einfluss auf die Literaturtheorie der Dekonstruktion und auch der Diskursanalyse. Gerade paradox mutet es jedoch an, dass das vermehrte Interesse an französischer Philosophie und Literaturkritik in den letzten zwanzig Jahren nichts zu einer breiteren Rezeption von Blanchots Schriften in Deutschland beigetragen hat. Für Blanchot und seine eigenwillige Synthese aus Heideggers Philosophie und einer von Mallarmé stark beeinflussten Position der Poésie pure bleibt bis heute kein Platz, was dadurch unterstrichen wird, dass bisher nur wenige von Blanchots Schriften ins Deutsche übersetzt wurden, zum Teil sind die Texte an entlegenen Orten erschienen, zum überwiegenden Teil sind sie bereits wieder vergriffen. Die Unbekanntheit Blanchots in Deutschland verhindert zugleich die Kenntnisnahme einer außergewöhnlichen Annäherung an die deutsche Literatur. Denn wie kein anderer französischer Literaturkritiker der Nachkriegszeit ist Blanchot der deutschen Literatur verpflichtet. Sie steht in seinen Texten gleichrangig neben der französischen. Blanchot ist intimer Kenner der deutschen Frühromantik (Schlegel, Novalis), er hat hauptsächlich über Hölderlin, Nietzsche und Rilke, nicht zuletzt auch über Kafka und Celan gearbeitet. Blanchots insistierender Frage nach dem Sinn und dem Anspruch des Schreibens begegnet man in allen drei Schaffensperioden: Die frühen Essays der vierziger Jahre stehen in der Auseinandersetzung mit Hegel und mit Sartres Konzept der Littérature engageé, die Studien der fünfziger Jahre versuchen die geistige Existenz des jeweiligen Schriftstellers auszuleuchten und schließlich sind die Texte der sechziger Jahre eine streng erkenntnistheoretische Auseinandersetzung mit der Möglichkeit oder vielmehr der Unmöglichkeit von Schreiben und Schrift. Blanchots Texte werden in dieser chronologischen Reihenfolge zunehmend schwieriger und unzugänglicher; sie verweigern spröde jedes einfache Verstehen und versuchen, der "Unterbrechung" Sprache zu verleihen. Trotzdem bleibt Blanchots Deutungsverfahren vom ersten bis zum letzten Text dasselbe, die wesentlichen Chiffren und Schlüsselwörter seiner Analysen wiederholen sich mit hartnäckiger Konstanz.

Für Blanchot impliziert jede Bezeichnung zugleich eine Vernichtung des Gegenstandes. Die Sprache ist Zeichen der Abwesenheit und stellt einen Raum des 'Zwischen' dar, in dem Subjekt wie Objekt gleichermaßen verschwunden sind. Das Konzept einer Parole plurielle etwa meint kein vielstimmiges Konzert, das auf die Einheit der Vernunft bezogen wäre, sondern das "Bejahen der Unterbrechung und des Bruches", das heißt ein fragmentarisches, diskontinuierliches "Schrift-Sprechen" (Parole d'écriture), das nichts realisiert und re-präsentiert, aber dafür die Intransitivität der Sprache aufblitzen lässt. Als "Sprache des Fragens" ist Literatur für Blanchot der ausgezeichnete Ort der Absenz, wo das Ganze in Bezug zur "Nicht-Welt" tritt, die das "Außen" des Denkens und Sprechens bildet, das die Präsenz des Gegebenen unmerklich spaltet und in einer seriellen "Verstreuung" (dispersion) pulverisiert. Im Schock einer nicht-dialektischen "Grenzerfahrung" - exemplarisch in Nietzsches "Ewiger Wiederkunft" und Batailles "Überschreitung" (transgression) formuliert - zerstreue sich die eine Vernunft in das selbstherrliche Spiel eines Poly-Logos, in dem die Welt kein lesbares Buch mehr ist, sondern ein "Text ohne Prätext", ohne Ursprung und interne Kohärenz. Ganz in die Anonymität eines on dit eingetaucht und in der "Neutralität" eines paradox-subjektlosen Sprechens im Modus des "Ich bin tot" verschwindend, zeichne sich im Schreiben eine weder Gott noch Menschheit verpflichtete Écriture blanche ab, eine heillose "Schrift des Anderen, des Sterbens selbst", was Blanchot zu der Frage führte, ob "der Mensch einer radikalen Befragung fähig" sei, "daß heißt letztlich, ist er fähig zur Literatur, wenn diese sich der Absenz des Buches zuwendet?" Im Akt des Schreibens (écriture) wird das 'Ich' (je) ausgelöscht und verwandelt sich zum 'Er' (il), zu einer neutralen Instanz. In der absoluten Selbstbezüglichkeit des Textes werden narrative Strukturen aufgelöst und die Instanz des Erzählers und der Erzählung selbst hinterfragt. Jede Form der Ganzheit, Einheit oder Totalität verliert durch die der Literatur wesentliche Negativität ihre Grundlage. An ihre Stelle tritt eine Reflexion über das Fragment, die Grenze, die Alterität und die Absenz.

Unermüdlich, in immer neuen Anläufen, aus verschiedenen Richtungen und auf immer neuen Bahnen umkreist Blanchots Denken ein unzugängliches Zentrum, das eben nicht als Mittelpunkt verstanden werden darf, sondern als ein leerer geometrischer Ort der Denkbewegung. Die unablässige Wiederholung des Denkens (La ressassement éternel) ist wie eine unendliche Bewegung ohne Progress, eine "Bewegung im Unbeweglichen", die um die Leere, das Nichts kreist. Sein Text zu Celan ("Le dernier à parler", 1984) etwa versucht ein Gespräch mit der entrhythmisierten, verkarsteten Sprache der Gedichte Celans und ihrem Schweigen. Die magische Wirkung, die von Celans Texten ausgeht, erklärt Blanchot mit ihrer von "Leere gesättigten Leere" (Un vide saturé de vide); diese Lyrik gleiche einem Vakuum voller Bodenlosigkeiten, in der Schwebe gehalten durch die "äußerste sprachliche Spannung" (L'extrême tension de langage). Es ist evident, dass die ständige Gegenläufigkeit dieses Denkens, wenn es der Beliebigkeit entrinnen will, das Paradoxon zu seiner zentralen Denkfigur erheben muss. Das Paradoxon als Einheit des Unvereinbaren erlaubt den Zusammenschluss der Extreme, ohne sie nach der einen oder anderen Seite aufzuheben, es bietet eine Lösung, die zugleich die Lösung verweigert und die Unlösbarkeit des Problems bewahrt. Das Paradoxon ist bei Blanchot nicht eine Stufe auf der Leiter zu einer unerreichbaren und unendlichen Wahrheit, sondern die einzige Denkform, die die Leere des Zentrums der Wahrheit nicht verrät, indem sie jede voreilige und einseitige Aussage über die Wahrheit aufhebt. Hierin nimmt die Literaturtheorie Blanchots die Idee der Mystik auf, der zufolge das Ich ganz leer werden müsse, um zum reinen Gefäß der göttlichen Inspiration zu werden. Bei Blanchot wird dies sichtbar, wenn er dem Schriftsteller den "Ort des Unverfügbaren" zuweist, an dem die Sprache das "reine Unbestimmbare" sei. Diese Sprache kann nicht mehr gesprochen werden, sie ist vernehmbar allein in der Unterbrechung des Textes, streng genommen ist Schweigen die höchste Kunst. Blanchots Texte, seine Écriture blanche in zahlreichen Bänden, ist der anachronistische Versuch des endlosen Redens auf dem Weg zum Schweigen. Alle literarischen Texte, für die sich Blanchot interessiert, stehen am Rande des Verstummens und tragen die Spuren der Absenz und Exteriorität an sich. Obwohl Blanchots entindividualisierte Ästhetik mit ihren zentralen Chiffren der Leere, der Abwesenheit und des Nichts Gemeinsamkeiten mit den poststrukturalistischen Theorien aufweist (insbesondere Derrida, Barthes und Foucault bezeugen den Einfluss Blanchots), so trennt doch der - allerdings restlos negative - metaphysische Horizont sein Werk von der jüngeren Generation.

Diese Leere ist nicht die Negation von etwas Bestimmtem, wie in Foucaults berühmter Formulierung aus "Les mots et les choses" vom Denken in der "Leere des verschwundenen Menschen"; es ist vielmehr die Leere überhaupt, die weder als Negation von etwas erscheint noch durch etwas anderes ersetzt werden kann und die als solche schon metaphysische Dignität hat. Ohne diesen negativ gefassten metaphysischen Horizont ist Blanchots Denken nicht zu verstehen. Seine ungeheure Anstrengung besteht in dem Versuch, die metaphysische Dimension festzuhalten, aber ihr weder Bestimmung noch Namen zu geben, sondern explizit negativ ihren Raum als Leer-Stelle offen zu halten. Foucault äußert in seinem Versuch, die Grundkategorien von Blanchots Denken zu definieren, die Vermutung, "daß es jenem mystischen Denken entstammt, das seit den Tagen des Pseudo-Dionysius an den Grenzen des Christentums herumgeisterte; vielleicht hat es sich fast ein Jahrtausend lang unter den Formen einer negativen Theologie verborgen gehalten." Doch hat Blanchot die letzten theologischen Aufbauten dieser negativen Theologie zerstört und das Fundament freizulegen versucht. Er gibt, nach dem Tod Gottes, die Dimension des Absoluten nicht auf: Im Modus der Leere, des Verschwindens der Negation bleibt sie anwesend. Dieses Denken verbietet jede positive Affirmation. Am 22. September hat Maurice Blanchot, der als Person noch weniger präsent ist als sein Werk, seinen fünfundneunzigsten Geburtstag begangen. Zeit also, seinen literarischen wie theoretischen Texten endlich die ihnen gebührende Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen.

Zuletzt erschien:

Titelbild

Deborah M. Hess: Complexitiy in Maurice Blancot´s Fiction. Relations between science and literature.
Peter Lang Verlag, Frankfurt a. M. 1998.
351 Seiten, 53,20 EUR.
ISBN-10: 0820440140

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Titelbild

Maurice Blanchot: Das Tier von Lascaux. Mit dem Text "Lascaux" von René und Fallfiguren und Stempeldrucken von Rolf Winnewisser.
Übersetzt aus dem Französischen von Eleonore und Hans Joachim Frey sowie Felix Philipp Ingold.
Kunstverlag Kleinheinrich, Münster 1999.
54 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-10: 3930754088

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Kein Bild

Maurice Blanchot: Der Wahnsinn des Tages.
Übersetzt aus dem Französischen von Brigitta Restorff.
Verlag Klaus Bittner, Köln 2000.
32 Seiten, 9,50 EUR.
ISBN-10: 3926397004

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