Der Teufel hole den verfluchten Kram

Reflexionen zu Hesses 125. Geburtstag, eine Menge Merchandising und Neuerscheinungen

Von Matthias Katerbow

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Von den vielen Welten, die der Mensch nicht von der Natur geschenkt bekam, sondern sich aus dem eigenen Geist erschaffen hat, ist die Welt der Bücher die größte." Wo jedoch die 'Welt des Buches' nicht mehr ausreicht, um kulturelles und geistiges Interesse zu schaffen, um Aufmerksamkeit zu erzielen, und um letztendlich dem Leser die Börse zu erleichtern, da beginnt 'wahrer' Geschäftssinn. Die Stadt Calw, im Buhlen mit einem großen deutschen Verlag um die beste Vermarktungsstrategie verfangen, begann am 2. Juli diesen Jahres ihren berühmtesten Sohn, der in diesem Schwarzwaldstädtchen seine ersten seelischen Kämpfe und Qualen erlebte, anlässlich seines Geburtstages und seines Schaffens, möglichst umsatzorientiert, zu 'würdigen'. An beinahe jeder Ecke wurden Hesse-Zigarren verkauft, Siddharta-Feuerzeuge gab es für 1,30 Euro, und abgesehen von Hesse- Kalendern, -Lesezeichen, -Postern und -Mousepads wurden auch Kunstdrucke seiner Aquarelle feilgeboten.

Vierzig Jahre nach Hermann Hesses Tod finden in Zürich, Montagnola, Calw, Gaienhofen, Brüssel und Berlin Ausstellungen zu Leben und Werk des Nobelpreisträgers statt. Mit unzähligen Webseiten, eigens gegründeten Vereinen, Stiftungen, Museen und auf Marathon-Lesungen (Hesses Romane in 52 Stunden) formiert sich das erneut gesteigerte Interesse an dem Idol der Hippies, dem Autor der Jugend und dem Schöpfer der Kultbücher "Unterm Rad" (1906), "Demian" (1919), "Siddharta" (1922), "Der Steppenwolf" (1927), "Narziß und Goldmund" (1930) und "Das Glasperlenspiel" (1943). Nach beinahe einem halben Jahrhundert hat Suhrkamp dann auch im vergangenen Jahr endlich begonnen, einen neuen, ausführlicheren Hesse für seine Leser zu editieren. Keinen moderneren Hesse, aber eben einen ausführlicheren in 20 Bänden.

Das teilweise in 60 Sprachen übersetzte Werk wird die 110-Millionengrenze überschreiten und daran ändert sich nichts, selbst wenn ein ohnehin fiktiv ermordeter Kritiker diesen wichtigen und bedeutungsvollen deutschen Autor als "anachronistisch und weltfremd braven Provinzler" bezeichnet. Denn "der einzelne Leser ist meistens wortärmer, aber viel gescheiter als jene öffentliche Meinung, die von einer Schicht substanzloser Intellektualität gebildet wird und zum Glück nicht so mächtig ist, wie sie zu sein glaubt."

"Wenn einer alt geworden ist und das Seine getan hat, steht ihm zu, sich in der Stille mit dem Tod zu befreunden. Nicht bedarf er der Menschen. Er kennt sie, er hat ihrer genug gesehen. Wessen er bedarf, ist Stille." So wusste sich Hesse zu Lebzeiten gegen ein zu hohes Maß an Besuchern zu wehren. Selbst für 'wahre' Ehren verspürte er keine Notwendigkeit und schrieb seinem Maler-Freund Gunter Böhmer: "Heut ist in Stockholm der Klimbim, erst Nobel-Gedenkfeier in großer Gala, dann Bankett, wobei auch ein Spruch von mir verlesen wird." Wie würde Hesse da erste auf die heutige multimediale Kommerzialisierung seiner Person reagieren? Vermutlich würde er weiterhin "Äste und Gesträuch für sein Feuerchen sammeln", der fremden Zeit den Rücken kehren, die ihm wichtige Ruhe des Alleinsein suchen, "wölfisch" fauchen und dem gänzlich verschwundenen Geiste Kastaliens nachtrauern.

Diesem Geiste Hesses ist Klaus Walther, Schriftsteller und Kritiker, nachgegangen. Er hat in der Reihe dtv Portrait, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Biographien bedeutender Persönlichkeiten einem Laienpublikum zu präsentieren, den Autor Hermann Hesse vorgestellt. Wie üblich für diese Reihe, wird die knappe und übersichtliche Darstellung des Lebens und Werkes von zahlreichen farbigen Abbildungen, Fotos, Zeittafeln, Erläuterungen und Tabellen unterstützt. Diese handliche, leicht lesbare und durchaus informative Biographie erscheint inmitten zahlreicher Veröffentlichungen zu Hermann Hesse. Sie bildet in dieser Flut einen Anhaltspunkt, um den Beginn einer Fährte zum Verstehen und Interpretieren des Dichters aufnehmen zu können. Wer jedoch bereits ein alter Hesse-Liebhaber ist, wer glaubt, dessen Schaffen, Denken und Wirken bereits zu kennen, dem wird dieses 180-seitige Büchlein nicht viel Neues zu berichten haben. Diesem Leser sei die im Jahr 2000 erschienene Biographie "Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne" von Alois Prinz ebenso empfohlen, wie die erste (1929 erschienene), aber nach wie vor gültige und gute Darstellung von Hugo Ball. Letztere ist übrigens kostenfrei unter http://www.projekt.gutenberg.de/ball/hhesse/hhesse.htm zu erhalten.

Walther folgt in seiner Darstellung den Phasen des Lebens und Publizierens, denen des Leidens und Analysierens, ebenso auch denen des Wirkens und Liebens. Von zusätzlichen drei Exkursen beschreibt der erste Hesses Tätigkeit als Maler, der zweite seine Lyrik und der letzte dient der Darstellung der Last und Qualen des Verfassers von schätzungsweise 35.000 Briefen.

Hie und da wird zwar das krisenreiche Leben nachgezeichnet, doch Walthers Bewunderung und Verehrung für diesen Dichter ist anscheinend größer als die objektive Beschreibung dieses von notorischen Selbstzweifeln Getriebenen. Dieses tiefgründig erlebte, intensiv gelebte Leben des Menschen und nicht das eines Idols, Gottes oder Weisen, wird in aller Einfachheit hier aufgeschrieben.

Der Erzählung "Peter Camenzind" (1904), Hesses literarischem Durchbruch, seinem heute berühmtesten Buch "Der Steppenwolf" (1927) und dem Alterswerk "Das Glasperlenspiel" (1943), widmet Walther jeweils eigene Kapitel. Die beiden letzteren Romane liegen nun auch als Hörspiel vor. In dieser akustischen Aufbereitung wird der Bilderreichtum und die psychedelische Wirkung der Erzählung über das Leben Harry Hallers durch die Regie von Christiane Ohaus nicht nur beschwört, sondern mit den Stimmen von Manfred Zapatka, Anna Thalbach, Rolf Hoppe u. v. a. in einen Rausch der Sinne umgesetzt. Das Hören des Buches, das Sich-Hingeben in eine musikalisch unterlegte Welt der menschlichen und ebenso wölfischen Natur des Protagonisten Haller fällt hier nicht schwer. Es gibt keine Langatmigkeit, das Hören macht Spaß, es gefällt. Die drei Erzählebenen des Romans, die da wären die Mitteilungen des Herausgebers, die Aufzeichnungen Hallers und zuletzt das "Tractat vom Steppenwolf", eine Abhandlung "Nur für Verrückte", werden durch verschiedene Stimmen gut hörbar von einander abgegrenzt. Die Umsetzung ist plastisch inszeniert und einfach zu verfolgen. Es amüsiert zu hören, wie Harry Haller im "Magischen Theater" mit 'seinem', hier ganz unklassischen, Goethe debattiert. Zu schmunzeln und freudigem Lächeln wird man von einem "fast leverkühnisch in die Eiseskälte des Weltäthers entrückten Mozart" verführt. Die entzückend gesprochene Kurtisane Hermine verleiht diesem Hörspiel weitere Pluspunkte. Der Steppenwolf ist gelungen umgesetzt, und doch wird gerade durch dieses Interpretieren und veränderte Darstellen die individuelle Wirkung des Romans auf den zumeist jungen Leser ein wenig aufgehoben.

Walther beschreibt gut die Entstehungsgeschichte des Steppenwolfes, und die nachfolgenden Werke "Narziß und Goldmund" sowie "Die Morgenlandfahrt" werden in dieses übersichtlichen Hesse-Handbuch aufgenommen. Die Beziehung von Hermann Hesse und Ninon Dolbin, die im Alter für den Dichter zu einer unentbehrlichen Stütze werden sollte, wird ebenso anschaulich beschrieben wie das Leben im neuen Haus, der Casa Rossa in Montagnola. Die Liebe Hesses zur Natur und seinem Garten ist für Walther ein Faktum.

Die elfjährige Schaffensphase , in der "Das Glasperlenspiel" entsteht, welche Hesses größte und neben kleineren Werken auch letzte Dichtung sein wird, ist unerlässlicher Bestandteil in Walthers Kurzbiographie. Diese "große und wunderliche, sehr komplizierte Dichtung" beginnt Hesse 1930 zu schreiben, und zunächst erscheint diese in zwei Bänden am 18. November 1943 in Zürich. Obwohl Peter Suhrkamp gegen die Zensur des Naziregimes alles versuchte, konnte der Roman in Deutschland erst 1946 veröffentlicht werden.

Am Anfang zu dieser Dichtung stand die Idee eines individuellen, aber überzeitlichen Lebenslaufes. In einer von den Verbrechen des Naziregimes und den Gräueln des Zweiten Weltkrieges geprägten Zeit verschob sich der Schwerpunkt der Dichtung zur Konzeption einer geordneten Welt der Vernunft und des Humanismus. Rückblickend schrieb Hermann Hesse in einem Brief an Rudolf Pannwitz: "Ich musste, der grinsenden Gegenwart zum Trotz, das Reich des Geistes und der Seele als existent und unüberwindlich sichtbar machen, so wurde meine Dichtung zur Utopie, das Bild wurde in die Zukunft projiziert, die üble Gegenwart in eine überstandene Vergangenheit gebannt."

Um intensiveres Verständnis und zum Austausch über die Tiefe und Komplexität des Romans "Das Glasperlenspiel" hat sich im Sommer 2000 im schweizerischen Solothurn eine Ausstellung mit dem Titel "Hermann Hesse: Außenseiter oder Global Player?" bemüht. Die in diesem Zusammenhang entstandenen Vorträge und Referate liegen nun in einem von Eva Zimmern herausgegebenen Buch vor. Unter dem Titel "Der Dichter sucht Verständnis und Erkanntwerden." sammeln sich neben anderen Texten auch solche von Hesses Biograph Uli Rothfuss, der die Bedeutung Hesses für den heutigen Schriftsteller beschreibt. Volker Michels hat einen Beitrag zu Hesses Leben im Tessin verfasst. Neben diesen beinhaltet die Textauswahl auch Erfahrungsberichte von Lesern. Unter den zwölf Beiträgen finden sich zudem solche der wissenschaftlichen Analyse, die sich zum Beispiel mit dem Reinkarnationsgedanken in den Lebensläufen Josef Knechts auseinandersetzen. Die Sammlung dieser Beiträge setzt gute Kenntnisse über Hesse und sein Werk voraus. Für den interessierten Hesse-Freund liegt hier ein weiteres Werk vor, das sich um Antworten auf - aus dem Glasperlenspiel resultierende - Fragen bemüht. Die 200 Seiten dieses Buches tragen zu den vielfältigen Möglichkeiten der Interpretation des Glasperlenspiels bei - und vielleicht auch zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem reichhaltigen Werk Hermann Hesses in der germanistischen Literaturwissenschaft. Doch um dieses umfangreichste und elementarste Werk Hesses auszuleuchten bedarf es noch vieler Bücher und Jahre. So hat Klaus Walther recht, wenn er schreibt: "Nach der Lektüre der 600 Seiten dieses Buches wissen wir, dass hier tatsächlich die Summe von Hesses Leben, Denken und Schreiben eingegangen ist."

Den Anfang des von Hesse vorhergesehen feuilletonistischem Zeitalters konnte er selbst noch erleben. Doch ob er sich ausmalen konnte, wie die Flut vermeintlicher Literatur und von Büchern über Bücher sich heute darstellt, ist zweifelhaft. Da werden Rufe nach einem literarischen Kanon laut, doch selbst in solch einem der "ZEIT" finden sich Bücher wie "Der Steppenwolf" oder "Das Glasperlenspiel" nicht. Da vermehrt sich die Lust auf mehr bissige Kommentare, wie solche Hesses selbst, in denen er anmerkt, dass Menschen über Bücher reden, die sie nie gelesen haben, geschweige denn lesen wollen. In der bereits 1927 für ein Reclam-Heftchen verfassten Einleitung zu seiner "Bibliothek der Weltliteratur" schrieb Hesse dann auch: "Wichtig für ein lebendiges Verhältnis des Lesers zur Weltliteratur ist vor allem, daß er sich selbst und damit die Werke, die auf ihn besonders wirken, kennenlerne und nicht irgendeinem Schema oder Bildungsprogramm folge".

Titelbild

Eva Zimmermann (Hg.): Der Dichter sucht Verständnis und Erkanntwerden. Neue Arbeiten zu Hermann Hesse und seinem Roman Das Glasperlenspiel.
Peter Lang Verlag, Frankfurt a. M. 2002.
216 Seiten, 40,00 EUR.
ISBN-10: 3906769100

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Titelbild

Hermann Hesse: Der Steppenwolf. 3 CD.
Der Hörverlag, München 2002.
ca. 200 Minuten, 17,90 EUR.
ISBN-10: 3895849812

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Titelbild

Klaus Walther: Hermann Hesse.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2002.
190 Seiten, 10,00 EUR.
ISBN-10: 3423310626

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