Unter dem Pflaster liegt ein steiniger Strand

Sabine Stamer schreibt eine Biographie über Daniel Cohn-Bendit

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Er ist eine der schillerndsten, wenn nicht gar die schillerndste Figur der deutschen und der französischen Politik: Daniel Cohn-Bendit ist nicht nur "Dany le rouge, Dany le vert", sondern ein kaum einzuordnendes Multitalent.

Cohn-Bendit, am 4. April 1945 im südfranzösischen Montauban geboren, war nie angepasst, nie ein bequemer Zeitgenosse. Von seinem Vater, einem aus Deutschland geflohenen Anwalt der "Roten Hilfe", erbte er die Redegewandtheit, die bei ihm mit einer entwaffnenden Offenheit einhergeht. Im Jahr 1968 wird er zum Wortführer und Vorreiter der französischen Studentenbewegung, er steht auf den Barrikaden, führt die Verhandlungen und wird zu dem Symbol der Revolte. Die Regierung des greisen General de Gaulle weist ihn, den "juif allemand", aus Frankreich aus. Cohn-Bendit geht nach Frankfurt am Main, kommt dort mit Joschka Fischer zusammen und lebt in derselben Wohngemeinschaft. Auch engagiert er sich im "Revolutionären Kampf" und macht aus seiner Sympathie zur so genannten "Baader-Meinhof-Bande" keinen Hehl, versucht auch heute noch nicht - wie so mancher - seine Nähe zu Mitgliedern der Roten Armee Fraktion zu verleugnen. Über den legendären "Pflasterstrand" findet er schließlich zur professionellen Politik und seine Heimat bei den hessischen Grünen. Daniel Cohn-Bendit, inzwischen zum "Realo" gereift, wird Dezernent für multikulturelle Angelegenheiten, undes ist nicht zuletzt sein Verdienst, dass sich die Grünen zu einer regierungsfähigen Partei entwickelten. Zuerst wurde er für die deutschen, dann für die französischen Grünen ins Europäische Parlament gewählt. Unbequem ist er aber immer noch, er liebt es, den Menschen Denkanstöße zu geben, nicht nur in seiner eigenen Partei, und er beginnt Diskussionen schon mal mit den gewagten Worten "Die CDU hat recht". Ihn aber als Opportunist zu bezeichnen, wäre eindeutig falsch. Dies zeigt sich auch darin, dass der zuvor bekennende Pazifist als einer der ersten in der grünen Partei den Einsatz von SFOR-Truppen im Jugoslawien-Konflikt unterstützte. Übermäßiges Aufhebens um Schuld und politisch korrekte Begriffe sind ohnehin nicht seine Welt, er lasse sich "das deutsche Problem nicht aufdrücken", so Cohn-Bendit auf einem Parteitag zu Vorhaltungen seiner Parteifreunde.

Die ebenso schwierige wie streitbare Persönlichkeit ist auf alle Fälle ein geradezu dankbarer Stoff für eine Biographie. So ist auch die vorliegende kurzweilig, hat aber eine nicht von der Hand zu weisende Schwachstelle: Zu oft erliegt die Biographin dem Charme des Biographierten. Sie ist von ihm deutlich angetan, bewundert seine Intelligenz, findet ihn faszinierend. Das ist auf Dauer doch etwas ermüdend. So gut Sabine Stamer Cohn-Bendits Persönlichkeit herausarbeitet, so sehr entschuldigt und rechtfertigt sie seine Schattenseiten, so dass am Ende wenig Biographie, aber recht viel Apologie dabei herauskommt.

Titelbild

Sabine Stamer: Cohn-Bendit. Die Biografie.
Europa Verlag, Hamburg 2001.
287 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3203820757

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